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Rauchen: Zwischen Kunst und Widerstand

130430-rauchposter-SBEigentlich wollte ich einen Film zum Thema machen und habe bis zuletzt gezögert, es aufzuschreiben. Ich suchte die Bühne, und suche sie noch, um das ungläubige Kopfschütteln in Szene zu setzen, die Doppelmoral auszudrücken, den beißenden Zynismus, ein Rest Selbstbewusstsein und ein Augenzwinkern. Von unserem Gastautor Tino Buchholz.

Ich finde Text nicht das richtige Medium, um das zu transportieren, worum es hier geht: die radikale Entmündigung von Rauchern  und Raucherinnen im Namen der Vernunft. Ohne Mimik geht das nicht.

Es sind, wie so oft, die kleinen Freiheiten – die Freizügigkeit und die Kultur –, die sich am ehesten einschränken und am schwersten verteidigen lassen. Bei der derzeitigen Wirtschaftslage wähnt sich die NRW Landesregierung selbstbewusst – die Massen über die Arbeitslosigkeit im Würgegriff – nun soll der Volkskörper gestählt werden. Also gesünder werden. Ein Treppenwitz. Während uns die Produktionsweise weiterhin krank macht, soll die Maschine leistungsfähiger werden. Was kommt als nächstes? Die Prohibition von Alkohol?

Meine zentrale Behauptung geht davon aus, dass die wirtschaftliche Depression sehr viele Menschen sehr viel mehr krank macht und Rauchen nicht das Problem unserer Zeit ist. Zugegeben, Rauchen kann tödlich sein. Das sind Autofahren und andere Sachen auch. Ich will das weder empirisch belegen, noch historisch aufblasen, ich will es eher bei der moralischen Frage, Nichtraucher und Nichtraucherinnen führten ein besseres Leben belassen.

Ich appeliere also eher an die Vernunft, die Unvernunft mitzudenken und sich fortlaufend, die ‚Warum-frage’ zu stellen. Das Gesundheitsargument taugt nur bedingt, da es eher als Selbstzweck dient und das gute Leben auf Dauer im Dunkeln bleibt.

Konkret treiben mich zwei Fragen um: Wird rauchen jetzt Kunst? Oder Widerstand?

Ohne es überbewerten zu wollen, ließ sich in den Spartenkanälen der deutschen Fernsehlandschaft von Roche-Böhmermann, Kurt Krömer, Bambule etc. zuletzt wieder Rauch beobachten. Nicht immer noch, sondern schon wieder. Jeder Theaterbesucher zeigt Verständnis für Rauch, wenn die Rolle es vorschreibt. Ähnlich funktioniert das für die Musik. Es geht also in Richtung eines künstlerischen Bildes des verwegenen Rauchers, der oder die der Schizophrenie dieses Lebens frönt. Es geht um das Spiel mit dem Feuer, die Moral des Guten und das Wissen der anderen.

Während das Kunstargument vielen schnell einleuchtet, weil es mit dem Leben im Alltag scheinbar nichts zu tun hat, wird es mit dem Widerstand schon schwieriger. Das Beispiel mit Lenin’s Bahnsteigkarte führe ich an dieser Stelle lieber nicht aus. Ich lehne das Gesundheitsargument aus mindestens drei Gründen ab. Erstens ist nicht klar, welchen qualitativen Unterschied die Philosophie des Nichtrauchens in diesem Leben macht (außer dass Mensch länger lebt). Zweitens, machen uns andere Sachen ebenso krank und drittens, können sich Menschen aus anderen Gründen Gesundheit und Pflege im Alter nicht leisten. Ich will das klassenkämpferische Argument an dieser Stelle nicht überstrapazieren und verweise auf das Buch ‚Leben im Rausch’ von Daniel Kulla (2011) bzw. seinen Vortrag auf youtube.

der die Geschichte der Prohibition durch die marxistische Lesebrille auf den Punkt bringt. Ich hatte ja schon eingangs gesagt, dass Text, mich in meiner Ausdrucksform beschneiden würde. Von daher will ich es nicht zu lang machen. Da wir jedoch unlängst die Kreativität im Ruhrpott ausgerufen haben, bin ich zuversichtlich, dass Raucher/innen einen kreativen Umgang mit dem radikalen Rauchverbot finden werden. Dem Bollwerk der Vernunft, der Rationalität und des Expertentums habe ich letztlich nur die Irrationalität und Unvernunft, Differenz und selbstständiges Denken entgegen zu setzen. Mit einem Minimum an Respekt für abweichende Lebensstile ist das Kunststück vollbracht.

Oder noch mehr Nebel.

 Tino Buchholz ist am 21.05.2013 zu Gast bei ‚Kunst schafft Kunst‘
‚Creativity and the Capitalist City‘ @ Zeche Carl, Essen
http://www.zechecarl.de/programm.html

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8 Kommentare zu “Rauchen: Zwischen Kunst und Widerstand

  • #1
  • #2
    Nansy

    Der Autor fragt: „Was kommt als nächstes? Die Prohibition von Alkohol?“

    Die Anfänge sind schon gemacht – ea wird zwar noch einige Zeit dauern, aber die Bemühungen der Puritaner und Prohibitionisten in diese Richtung sind nicht zu übersehen.

    – In der Schweiz sollen Alkoholkonsumenten, die über die Stränge schlagen, selber fürs Ausnüchtern bezahlen,
    – der Brauereikonzern Anheuser-Busch ist offensichtlich vor den Abstinenzler-Verbänden eingeknickt und druckt Warnhinweise auf die Bier-Dosen seiner Marken,
    – die Meldungen in der „Qualitätspresse“ über Alkoholmißbrauch (belegt mit Horrorzahlen) häufen sich: angeblich trinkt jeder Deutscher im Durchschnitt pro Jahr eine Badewanne bis zum Rand gefüllt mit Alkohol – 137 Liter! Was natürlich barer Unfug ist, denn richtig muss es heißen “Alkoholhaltige Getränke“, von bierartigen Produkten wie Kölsch bis zu hochprozentigen Alkoholika wie Wodka o.ä.
    Diese überall zu lesenden Meldungen über den bösen Alkohol sind dem gerade erschienenen Jahrbuch Sucht 2013 entnommen, herausgegeben von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) . Diese DHS ist ein Zusammenschluß verschiedener Organisationen, zu denen vor allem kirchliche Kreise gehören, so die katholische Caritas und das evangelische Diakonische Werk. Mit dabei sind auch die Abstinenzlerorganisation Guttempler, der Deutsche Frauenbund für alkoholfreie Kultur e. V. oder das Blaue Kreuz und der katholische Kreuzbund. Temperenzler also, die immer noch die totale Abstinenz von ihren Mitgliedern fordern (wie die Guttempler), sich aber in der Öffentlichkeit zu diesem Ziel aus taktischen Gründen nicht mehr bekennen wollen,
    – gemeinsam sind ihnen auch die Forderungen nach Preiserhöhungen auf alle Alkoholika, obwohl schon längst klar ist, dass höhere Preise nur die kleinen Leute treffen – während die Alkoholkranken dann auf minderwertigere Produkte ausweichen.

    Die Liste ließe sich noch fortsetzen, die Methoden bei der Alkohol- und Fast-Food-Bekämpfung gleichen auffallend denen am Anfang der Tabakbekämpfung. Noch sehen viele Leute diese Zusammenhänge nicht, was sich aber mit zunehmender Hysterie ändern wird!

  • #3
    der Doctor

    Bezeichnend, ist der Dogmatismus ,der von der Antiraucher-Lobby an den Tag gelegt wird ,und keiner liefert einen plausiblen Grund, warum es keine Raucherkneipen oder Rauchklubs geben darf ,die eindeutig als solche gekennzeichnet sind ,und die kein Nichtraucher betreten muss, wenn er nicht zugequalmt werden will(Minderjährige klammere ich hier mal aus, weil die ohnehin keinen Zutritt haben sollten).Nun sagt die Antiraucherlobby „Niemand ist gezwungen Raucherkneipen zu betreten“ sei kein Argument, aber plausible Gründe, warum das so ist, nennen sie nicht. statt dessen gebetsmühlenartiges Wiederholen ,das Rauchen Gesundheitsschädlich ist(eine Tatsache, die von keinem Raucher geleugnet wird) und das sie gerne ein Bier trinken wollen, ohne voll gequarzt zu werden, allerdings ohne zu erklären ,warum sie dies als Nichtraucher unbedingt in einer als solche ausgezeichneten Raucherkneipe tun wollen(nebenbei gesagt :genauso krude, wie ein Volksmusikfan, der in ein Rockkonzert geht, und sich über den Lärm beschwert).Ähnlich halbgar sind dann auch ihre übrigen Argumente.
    Argument 1:Die nichtrauchende Thekenkraft
    a)Bedient in solchen Kneipen meist der ,selbst rauchende Wirt.
    b)Wenn es zusätzlich Thekenkräfte gibt, rauchen diese meist auch selber
    c)gibt es eine Arbeitsstättenverordnung ,die auch für Kneipen gilt
    d)Sind nichtrauchende Thekenkräfte mündige Menschen, die in der Lage sind ,selbstständig zu entscheiden ,ob sie in einer Raucherkneipe arbeiten wollen(komme mir jetzt keiner mit Hartz IV, kleine Raucherkneipen gehören sicher nicht zum Kundenstamm der Argen).
    e)was sollen, z. B. Straßenbauarbeiter ,die hinter dem Straßenfertiger arbeiten ,etc.sagen?
    Argument 2:Die schwangere ,nichtrauchende Thekenkraft:
    Da kann man ähnlich antworten ,wie in 1. . Zusätzlich gibt es hier aber noch ein Mutterschutz – Gesetz, das auch Beschäftigungsverbote enthält .So dürfte die Thekenkraft nicht mal Gläser tragen .Außerdem haben werdende Mütter auch Kündigungsschutz. Und letztlich gilt auch hier: werdende Mütter sind mündige Personen und jede Schwangere wird allein aus Rücksicht auf das ungeborene sich keinen Gesundheitsgefahren aussetzeen und jeder anständige Wirt hat Verständnis dafür.
    Argument 3:Ein nichtrauchender Passant könnte dringend aufs Klo müssen und müsste den verqualmten Gastraum durchqueren .
    a)weisen Studien nach ,das man, selbst ,wenn das so ist, nicht genügend Rauch einatmet ,um geschädigt zu werden.
    b)führt der Weg zur Toilette in den meisten Kneipen am Gastraum vorbei.
    c)Könnte man nach dieser Logik auch laute Rockkonzerte verbieten ,da könnte ja auch ein Passant aufs Klo müssen und sich einen Gehörschaden zuziehen.
    Argument 4:Schutz vor Passivrauchen
    Ah ,ja. .aber da wären klar gekennzeichnete Raucherkneipen doch sehr viel sinnvoller als ein Verbot. Wie will aber die Anti-Rauch-Lobby die Passivraucher schützen? In dem sie die Raucher, die sich aus Rücksicht in eigene Refugien zurückziehen aus diesen auf die Strasse jagen wollen, damit sie dort die Passanten voll qualmen .Und warum? damit sie selbst dort rauchfrei ihr Bier trinken können. Tolle Logik! Aber gerade hier zeigt sich die wahre Geisteshaltung der Antiraucher: Es geht nicht um Nichtraucherschutz, es geht um Bevormundung und Umerziehung. Sie sehen nicht die Unlogik ,als Nichtraucher in einer Raucherkneipe rauchfrei ein Bier trinken zu wollen, nein, dann müssen die Raucher eben raus.
    „Raucher raus ,alle Kneipen den Nichtrauchern“, das ist die Devise. Das kann man mit Fug und Recht puren Egoismus nennen.
    Argument 5:3300 Tote pro jahr durch passivrauchen sind durch nichts zu rechtfertigen
    Auch so ein Scheinargument. Natürlich sind 3300 Tote 3300 zu viel, nur dieses Argument krankt daran, das solche Zahlen unseriös sind ,da im Einzelfall die Ursächlichkeit des Passivrauchens für den Tod nicht Nachweisbar ist. Darüber hinaus könnte man dem noch die weit höheren Zahlen derer daneben stellen, die jährlich bei Verkehrsunfällen, durch Ärztepfusch , Alkoholmissbrauch oder durch Sinnlose Kriege sterben. Letzteren stimmen die Grünen „Lebensschützer „ ja immer gern zu.
    Argument 6:Jemand hat im Zug/Im Bahnhof/im Restaurant etc. verbotswidrig geraucht,es wird sich nicht ans Verbot gehalten.
    Den Unmut über die Rücksichtslosigkeit einiger Raucher kann ich ja nachvollziehen, aber
    1.)Warum diejenigen dafür bestrafen, die Rücksicht nehmen und sich in eigene Refugien zurückziehen?
    2.)Glaubt irgendjemand von euch, das diese Stiesel durch eine Verschärfung des Rauchverbotes dazu gebracht werden, damit aufzuhören, nach dem Motto:“ Oh die verschärfen das Rauchverbot und schließen die Raucherkneipen,na, da mach mal die Kippe aus“?
    Sorry , das Rauchen ist doch dort schon verboten und verbotener als verboten geht nun mal nicht. Wenn sie also vorher das Verbot nicht abgehalten hat wird es die Verschärfung auch nicht tun. Geschwindigkeitsbegrenzungen halten ja auch nicht wirklich vom Rasen ab. Dies ist nicht ein Problem eines fehlenden Verbotes ,sondern seiner mangelhaften Durchsetzung. Eher wird man das Problem noch verschärfen, weil einige derer ,die jetzt auch aus ihren letzten Refugien gejagt werden, aus Trotz dann auch an öffentlichen Plätzen rauchen werden. Mit einem totalen Rauchverbot ist also hier niemanden geholfen.
    Argument 7:Ich kann als Nichtraucher nirgendwo hingehen
    Ein ziemlich abwegiges Argument, angesichts der Tatsache ,das die Nichtraucher 95% allen öffentlichen Raumes für sich haben und da soll man kein Nichtraucherlokal finden? Bei der offensichtlichen Nachfrage müssten Nichtraucherkneipen und Lokale doch wie Pilze aus dem Boden schießen.

    Sieht man sich das Argumentationsmuster der Antiraucherfraktion an ,wird klar, es geht nicht um Nichtraucherschutz, sondern um Bevormundung. Es soll ein Lebensstil aufgezwungen ,die Raucher umerzogen werden, und wer sich nicht umerziehen lässt, muß eben draußen bleiben. Die Ausgrenzung der Raucher aus dem öffentlichen Leben, das ist das Ziel. .Jens nannte dies damals zurecht Moraltotalitarismus. Und wenn die Raucher weg sind, wer sind dann die nächsten Opfer der Verbieteritis ?,die Alkoholtrinker ,die Fettleibigen, die Fleischesser? Hier zeigt sich ,das das geänderte Niemöller -Zitat des damaligen SF-Artikels absolut nicht abwegig ist, sondern durchaus seine Berechtigung hat.
    Die herrschenden Eliten jedenfalls, wird es freuen, das das dumme Wahlvolk sich so schön gegeneinander aufhetzen lässt und sich schon selbst unnötige Verbote auferlegt, die die Demokratie aushöhlen.
    95% des öffentlichen Raumes haben die Nichtraucher für sich und die Raucher haben sich damit abgefunden und sich größtenteils in eigene Refugien zurückgezogen. Und da ist es nicht möglich ihnen diese 5% in Form eindeutig als solche gekennzeichneter Raucherkneipen und Rauchklubs zu lassen? Das soll nicht gehen ? Doch ,aber nur wenn man Ideologie durch Pragmatismus und guten Willen ersetzt, anstatt auf Fanatiker zu hören, die meinen Leute, die nicht ihren Vorstellungen von Lebensführung entsprechen, ausgrenzen zu müssen. Toleranz ist das , worum es geht .Es eine Sache, die Gesundheit von Nichtrauchern schützen zu wollen, aber eine andere, sich über dir Raucher zu erheben und sie rigorieren zu wollen, wie es die Antiraucher-Lobby tut.
    Übrigens: dies schreibt ein Nichtraucher.

  • #4
  • #5
    KClemens

    Sofern nicht schon bekannt, möchte ich gerne auf folgende Links verweisen:

    http://www.netzwerk-rauchen.de/

    mit Forum:

    http://forum.netzwerk-rauchen.de/cgi-bin/YaBB.pl

    Sowie den Blog von Prof. Grieshaber:

    http://grieshaber.wordpress.com/

  • #6
    Puck

    Um Nichtraucherschutz gehts nicht. Das steht spätestens fest, seitdem auch die E-Zigarette verboten wurde.
    Gehts um Bevormundung? Ja, schon, auch.

    Aber vor allem gehts um was ganz anderes.
    Man erinnere sich an den Fall des Nichtrauchers, der dreimal „versehenlich“ in einen Raucherclub ging (und zwar immer in denselben!), und dann anschließend Anzeige erstattete, weil man ihn nicht nach dem Mitgliedsausweis gefragt hatte, was vorgeschrieben war.
    Man erinnere sich an den „Fall Schmidt“ – da zeigt jemand aus Baden den Altkanzler an, weil er sich in einer öffentlichen Veranstaltung in Hamburg eine Fluppe ansteckt.
    Und in einem Artikel in DER WESTEN online von vorgestern kündigte Frau Steffens vollmundig an, die neunen Vorschriften „rigoros durchzusetzen“ und rief durch die Blume zur „Mitarbeit“ auf. Und tatsächlich: Die ersten selbsternannten Ordnungshüter stehen schon in den Startlöchern.

    Es geht vor allem um eines, des Deutschen Lieblingsbeschäftigung: Das Rechthaben!

  • #7
    Arnold Voss

    … und das Observieren und Verpetzen. Vom Blockwart zum Rauchwart ist es offensichtlich nur ein kleiner Schritt.

  • #8
    Nansy

    Was bei den Rauchverboten an Blockwart-Mentalität zum Vorschein kommt, läßt sich als deutsche „Eigenart“ auch auf anderen Gebieten erkennen: Müll-Kontrolleure, Kameraüberwachung und eine Vorliebe für Fernsehsendungen a la „Achtung Kontrolle – Einsatz für Ordnungshüter“ – da lacht das Herz des Ordnungsfanatikers und er macht sich wohlig im Fersehsessel breit….

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