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Restaurantführer: Das Ruhrgebiet geht aus

In diesem Herbst sind neue  Restaurantführer für das Ruhrgebiet herausgekommen. Neben den Städteführen aus dem Überblick Verlag bietet Klartext erstmals seit Jahren wieder einen Überblich auf die Gastro-Szene der Region. Von unserem Gastautor Peter Krauskopf.

Drei neue, lokale Restaurantführer und einer für die gesamte Region wurden  in den vergangenen Wochen vorgestellt: Der Überblick Verlag ist mit Essen-, Bochum und Dortmund seiner Ausgeh-Reihe ins Rennen um die Lesergunst gestartet und der Klartext Verlag präsentierte sein Magazin Revier für Genießer.

So neu die Hefte sind –hinter ihnen steckt eine verschlungene Geschichte, die bis in die 1970er Jahre zurück reicht. Damals war eine ganz neue Art Gattung regionaler Zeitschriften in Deutschland erschienen, die das Lebensgefühl der Revolte von 1968 und das Interesse an Politik, Kultur und Jugendkultur widerspiegelte und miteinander verband: die Stadtmagazine. Herzstück dieser Gattung war ein regionaler Kulturkalender. In seiner politischen Radikalität war der Pflasterstrand in Frankfurt wegweisend, als Kultur- und Filmzeitschrift der Berliner Tip. In NRW entstanden 1978 das Marabo im Ruhrgebiet und der Überblick in Düsseldorf.

Um nicht allein auf die lokalen Anzeigen angewiesen zu sein, schlossen sich die Stadtmagazine zu einem Verbund zusammen, der es möglich machte, überregionale Markenartikler für die Schar der individuellen Hefte zentral zu akquirieren und den Mitgliedern Gebietsschutz bot.

 Konzept

In den frühen 1990er Jahren waren die einst in der alternativen Schublade gegründeten Stadtmagazine schließlich ein etablierter Bestandteil der deutschen Medienlandschaft, und die Verlage suchten Wege zur Konsolidierung und Diversifikation. Besonders erfolgreich war der Verlag des Magazins Auftritt mit seinem jährlich erscheinenden Restaurantführer Frankfurt geht aus. Die Restaurants der Stadt wurden von unabhängigen Testern anonym besucht, und aus den Testergebnissen wurden Rankings der verschiedenen Küchenarten zusammengestellt, die schließlich die besten Läden auswiesen. Dieses Konzept diente der Frankfurter Verlag auch anderen Stadtmagazin-Verlagen an. Neben den Lizenzgebühren ging es auch darum, die verschiedenen lokalen Hefte mit Hilfe der Anzeigen-Kombi dann gemeinsam überregional zu vermarkten.

Auf besonders fruchtbaren Boden fiel diese Idee in der kaufkraftstarken und kulinarisch bestens bestückten nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Das vom Überblick Verlag, der mittlerweile dem Toten-Hosen-Manager Jochen Hülder gehörte, herausgegebene Magazin Düsseldorf geht aus schlug ein wie eine Bombe. Nach seinem Vorbild wurden bald auch Shoppingführer herausgebracht. Das Ruhrgebiet tat sich hingegen schwerer. Die Marabo-Verleger brachten zwar ab 1994 Ausgehen im Ruhrgebiet heraus, bei den Heften war ich Chefredakteur, doch das Projekt stieß schon bald an die Grenzen der Region. Als Ganzes war das Ruhrgebiet – wie in vielen anderen Aspekten – auch in Sachen Gastronomie viel zu groß und inhomogen, um es in einem Heft darzustellen.

Umbruch

Aber in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hatte sich die Marktsituation für die Stadtmagazin-Verlage grundlegend geändert. Gesellschaftlich und technologisch war nichts mehr wie in den 70er Jahren. Das Publikum begnügte sich mit den Veranstaltungskalendern der Gratistitel, die als scharfe Konkurrenz zu den Verkaufstiteln entstanden waren und bezog seine Informationen zunehmend aus dem Internet. Und auch die Werbebranche hatte sich geändert. Die Tabak-Industrie, eine der drei wichtigsten Einnahmesäulen der Verlage, zog sich im Rahmen der immer kritischer werdenden Diskussion über die gesundheitlich schädigende Wirkung des Rauchens zusehends aus der Werbung zurück. Die Musikindustrie begann, die Macht des Internets zu spüren, und auch die Filmindustrie orientierte sich mit dem Erfolg der Multiplexkinos um: vom feinen Arthouse- zum Massenpublikum. Auf der Strecke blieben dabei die Stadtmagazine.

Um die Jahrtausendwende stellte der Überblick Verlag das Erscheinen des Düsseldorfer Stadtmagazins ein und ersetzte es kurzzeitig durch ein Gratisblatt, konnte sich aber weiterhin auf den erfolgreichen Restaurantführer Düsseldorf geht aus stützen. Expansion war angesagt, nicht zuletzt um den neuen Teilhaber, den Essener Druckerei-Konzern VVA, ins Boot zu bekommen, der kurz darauf alle Anteile des Überblick Verlags übernehmen sollte. So erschien 2002 erstmalig Essen geht aus. Das war möglich geworden, weil der Christian Hennig, der das Marabo herausgab, nach mehreren Verlagspleiten die Zeitschrift an den Essener Druckvorlagen-Hersteller Frank Dittmann abgeben musste. Dittmann entschied anders als in Düsseldorf. Er signalisierte, dass er kein Interesse daran habe, Ausgehen im Ruhrgebiet, das bislang nur zweimal erschienen war, weiterzuführen. Das Marabo führte er noch bis 2005 weiter.

Restaurantführer

In die Lücke, die Ausgehen im Ruhrgebiet hinterließ, stieß 2002 der Überblick Verlag mit Essen geht aus und zwei Jahre später Dortmund geht aus. Was die beiden Hefte erfolgreicher machte als ihren Vorgänger, war sicherlich, dass sie sich auf eine Stadt konzentrierten und nicht das gesamte Ruhrgebiet schultern wollten. Besonders Essen hatte sich mittlerweile zu einem kulinarischen Zentrum im Ruhrgebiet entwickelt, das sich auch deutschlandweit behaupten kann.

Die Chefredaktion der beiden Hefte übernahm Peter Erik Hillenbach, wie ich langjährig in der Chefredaktion von Marabo tätig. Seine ersten Erfahrungen als Restaurantkritiker hatte er bei Ausgehen im Ruhrgebiet gesammelt. Neben Essen geht aus hatte der Überblick Verlag noch weitere ähnliche Restaurantführer herausgebracht, so in Hamburg, Baden-Baden, Basel und auf Mallorca. Um den angewachsenen Verlag zu reorganisieren, wurde 2010 Sven Merten, der bislang bei Harenberg in Dortmund gearbeitet hatte, als Geschäftsführer engagiert.

Zerschlagung

Doch Merten erlebte eine böse Überraschung. Kurz nach seinem Amtsantritt musste die Muttergesellschaft VVA in die Insolvenz gehen. Chefredakteur Hillenbach, der unter diesen Umständen keine Zukunft mehr für sich sah, verließ den Überblick Verlag und gründete zusammen mit der futec AG den an Dortmund geht aus angelehnten Restaurantführer Dortmund genießt. Merten brachte im Schatten der VVA-Insolvenz mit einer neuen Mannschaft noch einmal Essen geht aus heraus, bevor der Überblick Verlag verkauft wurde.

Das geschah schließlich durch Zerschlagung des einstigen Düsseldorfer Szene-Verlages. Die Rechte an den lukrativen Heften Düsseldorf geht aus und Mallorca geht aus sowie Düsseldorf kauft ein und Kinder in Düsseldorf gingen an den NDV Verlag, eine Tochter der Rheinischen Post mit Sitz in Neuss, die Rechte des gesondert erschienen RUHR2010 geht aus an die Essener Agentur PubliKom Z. Die Rechte an dem Namen Überblick sowie an Essen geht aus und Dortmund geht aus gingen an die neu gegründete Überblick Medien GmbH, eine Tochter der Mediengruppe Lensing (Ruhr Nachrichten). So kommt es, dass die einstige Düsseldorfer Blüte Überblick ihren Boden jetzt in Dortmund gefunden hat. Um die Verwirrung komplett zu machen: Seit Dezember bringt der NDV Verlag wieder ein Stadtmagazin mit dem Titel Düsseldorf im Überblick als Kiosk-Titel heraus. Und aus der Mannschaft, die die Interims-Ausgabe von Essen geht aus erstellt hatte, ging auch das neue, voraussichtlich vierteljährlich im Klartext Verlag erscheinende ruhrgebietsweite Kulinarik-Magazin Revier für Genießer um Chefredakteur Michael Köster hervor.

Zukunft

Im neuen Überblick Verlag haben Sven Merten und Peter Erik Hillenbach wieder zusammengefunden. Merten ist Verlagsleiter, und Hillenbach wie eh und je Chefredakteur von Essen geht aus und Dortmund geht aus. Mit der futec AG, für die Hillenbach zwischenzeitlich Dortmund genießt gemacht hat, wurde man sich einig. Das Heft ist ins neue Dortmund geht aus integriert worden.

Für die Zukunft hat der neue Überblick Verlag noch einige Projekte auf Lager, Stadtmagazine, Einkaufs- und weitere Restaurantführer. Mit dem im Dezember erschienen Bochum geht aus gibt es seit Ausgehen im Ruhrgebiet auch wieder ein Blatt, das sich der Stadt im mittleren Ruhrgebiet widmet.

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3 Kommentare zu “Restaurantführer: Das Ruhrgebiet geht aus

  • #1
  • #2
  • #3
    Klara89

    Gute Hintergundinfos zu den Heften 😉 Hätte nicht gedacht das die Geschichte so verschlungen ist. Bin ja mehr die Verfechterin der einfachen Kost um mich Thematiken zu nähern 😉 Wenn sie mir dann interessant erscheinen bin ich neugierig auf weiter Information um mein geringes Wissen auszubauen 😀 Information hole ich mir oftmals erst von solchen Infoseiten

    http://mein-ruhrgebiets-blog.de/

    Im Anschluss Suche ich dann gezielt 😉 So jetzt hat sie aber mal genug auf Schlau gemacht. Ich kann nur sagen die Führer sind klasse und der Beitrag hat mich weitergbildet 😉

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