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Sarrazin in Duisburg: am Rande ein Streit über die Gaskammern

Am Rande einer Sarrazin-Lesung soll ein Duisburger Alt-Bürgermeister darauf hingewiesen haben, dass Millionen im Dritten Reich vergaster Juden keine Deutschen waren. Der Beschuldigte bestreitet.

Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Deutschlands Sachbuch-Bestsellerautor Nr. 1 gab sich gestern Abend die Ehre, im Duisburger Lehmbruck Museum die Thesen aus seinem Werk einem geneigten Publikum vorzutragen. Etwa 200 begeisterte Anhänger sind gekommen; sie scheuten weder den hohen Eintrittspreis noch die strenge Personenkontrolle, um ihr Idol persönlich bewundern und ihm zujubeln zu können. Eine „Löwenbräukeller-Stimmung 1933” habe in der Sarrazin-Veranstaltung geherrscht, zitiert xtranews einen örtlichen CDU-Politiker, ohne seinen Namen zu nennen. 

Dabei wollen die Blogger auch gehört haben, dass der Duisburger Alt-Bürgermeister Heinz Pletziger (CDU) am Rande der Veranstaltung geäußert haben soll, dass Millionen vergaster Juden im Dritten Reich doch keine Deutschen waren. Dies werde von Pletziger jedoch bestritten, der deshalb auch gegen diese “Verleumdung” juristisch vorgehen wolle. Die Kollegen von xtranews wiederum nennen zwei eidesstattliche Versicherungen ihr eigen, die der Version des Alt-Bürgermeisters widersprechen. 

Nun steht Aussage gegen Aussage. Wie auch immer: beide Seiten, also auch Herr Pletziger, sind „sich der geschichtlichen Tragweite durchaus bewusst“. Ehe nun die Gedanken zur Frage abschweifen, welche geschichtliche Tragweite überhaupt und grundsätzlich den Aussagen ausgemusterter Duisburger CDU-Bürgermeister zukommt, ist es nützlich, sich die historischen Tatsachen vor Augen zu halten, um auf dieser Basis die wirklich relevanten Fragen zum Tage stellen zu können. 

Ob Pletziger nun darauf hingewiesen haben sollte oder nicht, Fakt ist: Millionen vergaster Juden im Dritten Reich waren keine Deutschen. Nun lässt sich die Anzahl der im Holocaust ermordeten deutschen Juden zwar nicht exakt beziffern. Der bekannte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz nennt die Zahl 165.000 eine realistische Schätzung. Davon geht auch Burkhard Asmuss vom Deutschen Historisches Museum in Berlin aus. Wikipedia zufolge reicht die Spannweite der Schätzungen von 135.000 bis 195.000 deutscher Juden, die in der Shoa umgekommen sind. 

Bei den sechs Millionen, möglicherweise etwas weniger, wahrscheinlich ein halbe Million mehr, handelte es sich um Juden aus allen von den Deutschen besetzten Ländern Europas. Mehr als vier Millionen Menschen stammten aus Polen und der Sowjetunion. Ebenfalls mehr als vier Millionen Juden wurden in den Vernichtungslagern vergast. So weit der grobe Überblick über die außer Frage stehenden historischen Tatsachen. Eine etwaig gestern Abend gefallene Feststellung, die Millionen vergaster Juden seien doch gar keine Deutschen gewesen, wäre folglich im Grunde genommen ganz und gar zutreffend. 

Es sei denn, mit dieser Bemerkung sollte unterstellt werden, dass nun gar keine deutschen Juden in Auschwitz umgekommen seien. Dies wäre, wie bereits dargelegt, zweifellos unzutreffend. Viele Namen sind bekannt; Vorfahren auch aus meinem Bekanntenkreis haben dort ihr Leben gelassen. Auschwitz zu leugnen – ohnehin eine Straftat – ist auch, wenn sich diese Lüge „nur“ auf deutsche Juden bezöge, haltlos. Aber, schon richtig: „Millionen vergaster Juden“ waren keine Deutsche. 

Zu dieser Anmerkung drängt sich jedoch Frage auf, warum es für nötig gehalten werden könnte, dies festzustellen. Falls es jemand für nötig gehalten haben könnte, dies festzustellen. Denn, wie jedes Zitat, wäre auch dieses selbstverständlich aus dem Zusammenhang gerissen. Sollte es dem mutmaßlichen Autor um die Aufklärung der grundlegenden historischen Sachverhalte gegangen sein, wäre dagegen m.E. naheliegenderweise nichts vorzutragen. Denn sonst würde ich mich ja mit diesem Beitrag strafbar machen oder, was ich schlimmer fände: den Holocaust verharmlosen. 

Oder sollte mit der zitierten Feststellung angedeutet werden, dass weil es sich nicht um Deutsche, sondern „nur“ um Ausländer gehandelt hatte, der fabrikmäßige Massenmord nicht ganz so schlimm war? Oder, dass wenn „nicht einmal“ zweihunderttausend Opfer in Rede stehen, keinerlei Anlass zur Hysterisierung bestehe? Ich weiß es nicht. Ich wüsste es aber gern. Vor allem wüsste ich gern, ob diese Äußerung überhaupt – und wenn, dann mehr oder weniger öffentlich – gefallen ist. Sicher ist, dass wenn Herr Pletziger juristisch gegen diese, wie er sagt, „Verleumdung“ vorgehen sollte, eine Straftat vorliegt. Die Frage ist, ob, wenn keine Verleumdung vorliegen sollte, Pletziger also diese Worte über die Lippen gekommen sein sollten, dann auch eine Straftat vorliegt. Es dürfte dann wohl auf den Zusammenhang und die Absicht ankommen, in dem und in der diese historische Aufklärung vorgenommen wurde.

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5 Kommentare zu “Sarrazin in Duisburg: am Rande ein Streit über die Gaskammern

  • #1
    Martin Kaysh

    Beim Thema Holocaust sind viele im Hirn reichlich desorganisiert. Vor Jahren erlebte ich einmal einen CDU-Kommunalpolitiker beim Volkstrauertagsreden. Er bedauerte die Toten, „die sterben mussten, weil sie einer anderen Rasse angehörten.“ Diese unglaubliche Verknüpfung von Mitgefühl und Diffamierung in einem Nebensatz habe ich ihm ölffentlich vorgehalten. Verstanden hat er es nicht.

  • #2
    Jan Luiten

    „Eine „Löwenbräukeller-Stimmung 1933” habe in der Sarrazin-Veranstaltung geherrscht, zitiert xtranews einen örtlichen CDU-Politiker, ohne seinen Namen zu nennen“.

    Wenn Sarrazin eine Partei gründen würde, wieviel Prozent der Stimmen würde er bekommen? 25% oder mehr !?
    Ist er formell immer noch SPD-Mitglied?

  • #3
    Klaro

    „Ist er formell immer noch SPD-Mitglied?“

    Vermutlich wird er nicht ausgeschlossen, da er relativ großen Rückhalt in der SPD-Basis hat.

    Mich würde aber der Zusammenhang o.g. Aussage interessieren, sonst macht so ein Vorwurf ja keinen Sinn.

  • #4
    Jan Luiten

    @Klaro
    „Mich würde aber der Zusammenhang o.g. Aussage interessieren, sonst macht so ein Vorwurf ja keinen Sinn“.

    Es ist mehr die Signalisierung eines Symptoms als ein Vorwurf.
    Thilo Sarrazin ist symptomatisch für die Tatsache daß es ein zu große Abstand gibt zwischen Bürger und Politik. Er ist auch symptomatisch für den unklaren Kurs der SPD. Will man eintreten für die unteren Schichten in der Gesellschaft soll man nicht nur kräftiger Abstand nehmen müssen von Sarrazin und eintreten für die Rechten der Migranten aber auch für die nicht-Migranten mit niederen Einkommen die in den selben Stadtviertel leben. Das ist momentan natürlich nicht so populär. Für den Zusammenhang sehe auch:

    http://www.ruhrbarone.de/jmstv-rot-grunes-schaulaufen-in-nrw-beendet/comment-page-1/#comment-66220

    http://www.ruhrbarone.de/wie-wird-die-spd-wieder-sexy/comment-page-1/#comment-65481

  • Pingback: zoom » Umleitung: eine teilweise schräge Sammlung … oder? «

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