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Schwarzgrün hat die gesellschaftliche Mehrheit in Deutschland

Symbolfoto: Mario Thurnes

Symbolfoto: Mario Thurnes

Der Corona-Effekt ist verflogen. Es zeichnet sich wieder ab, dass Deutschland auf eine schwarzgrüne Koalition zusteuert. Denn hinter dieser Konstellation steht eine gesellschaftliche Mehrheit. Ob diese allerdings zukunftstauglich ist, steht als Frage auf einem anderen Blatt.

71 Jahre ist die Bundesrepublik jetzt alt. Und es sind weder Hunde- noch Schildkrötenjahre. Denn wäre diese Republik ein Mensch, würde sie das Leben eines 71-Jährigen führen: Lange und hart gearbeitet, ausreichend Wohlstand erwirtschaftet und jetzt den Ruhestand genießen. So wie es ein Fünftel seiner Bevölkerung tatsächlich kann.

Wobei das Verb so eine achtlos vor sich hin geplapperte Floskel ist. Denn Deutschland genießt nicht: Einerseits ist es mürrisch, zählt sein Geld und stattet sein Eigenheim mit Videokameras aus. Andererseits ist es einsam und daher anfällig, wenn ihm jemand auf einer Kaffeefahrt eine überteuerte Rheumadecke anbietet oder vorbeischaut, um den Enkeltrick anzuwenden.

Aufstieg. Aufbruch. In keinem Land ist das so schwer wie in Deutschland. Zwei Drittel der reichsten Deutsche sind Erben. Wer durch Arbeit reich werden will, muss die höchste Abgabenlast der Industrienationen zahlen, um dann auf einem der niedrigsten Rentenniveaus versorgt zu werden. Wer ein eigenes Unternehmen gründen will, steht mit einem Bein im Knast – und mit dem anderen in der Irrenanstalt.

Schwarzgrüne Besitzstandswahrung

Schon ein Garagenunternehmen muss eine Vielzahl an Auflagen und Dokumentationspflichten einhalten. Auf jeden Gründer kommen drei Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst. Und die behandeln ihn mit dem Misstrauen und der Arroganz eines totalitären Herrschers. Demnach wundert es auch wenig, dass mittlerweile 40 Prozent aller Studenten sich eine Karriere im öffentlichen Dienst wünschen.

Während der Amerikaner davon träumt, in der Garage etwas Bahnbrechendes zu erfinden und reich zu werden. Träumt der Deutsche davon, dem Subjekt in der Garage Steuerhinterziehung nachzuweisen und mit einer B3-Laufbahn entlohnt zu werden. Damit ist der öffentliche Dienst der dritte Machtfaktor in Deutschland: nach den Alten und den Erben.

Es gibt ein gemeinsames Ziel, das diese drei Gruppen vereint: Besitzstandswahrung. Dinge sollen so bleiben, wie sie sind. Mit diesem Versprechen hat Angela Merkel bis 2015 unangefochten regiert. 2013 lag sogar eine absolute Mehrheit greifbar nah.

Die Besitzstandswahrung zieht sich als Motiv durch alle Politikfelder. Vor allem aber ist die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik betroffen: Der öffentliche Dienst wächst, die Auflagen für Gründer wachsen mit. Hohe Steuern und Abgaben, dafür niedrige auf Vermögen und Besitz.

Der Hartz-IV-Empfänger genießt mehr verfügbares Einkommen als der Niedrigverdiener, nachdem der Wohnung und unfreiwillige Lebenshaltungskosten bezahlt hat – etwa die Zahnspangen für seine Kinder. Versuchen linke Parteien sozial zu sein, steht am Ende immer ein höherer Hartz-IV-Satz und nie eine Entlastung für Geringverdiener.

Schwarzgrüne Sinnstiftung

Der andere Grundkonsens zwischen Alten, Erben und öffentlichem Dienst ist die Suche nach der Sinnstiftung: Während sich Microsoft-Gründer gut in einem Nachruf macht, ist die Literatur noch nicht sehr weit in den Versuchen gekommen, sauber geführte Ablagen zu preisen oder Menschen dafür zu feiern, dass sie es jeden Werktag pünktlich um 11.58 Uhr in die Kantine schaffen.

Wer also mit dem silbernen Löffel im Mund groß geworden ist oder wer diesen täglich putzt oder Vorschriften für seine handelsüblichen Größen erlässt, der braucht etwas, das ihn als nützlichen und wichtigen Teil der Gesellschaft scheinen lässt. Zum Glück ist das Angebot da mehr als reichlich. Wer tagsüber Fernsehen schaut, wird reichlich verwöhnt mit Werbung für Bezahlfernsehen, Online-Glücksspiel und karitativen Spendenaktionen.

Sinnstiftung und Besitzstandwahrung vereinen auch Union und Grüne. Progressiv waren die Grünen nur, solange ihre Gründer noch jung waren und als rebellierende Twens von ihren Eltern im Streit weggerannt sind. Das hat die Grünen über drei Jahrzehnte in die Hände der SPD getrieben. Doch das ist vorbei. Die rebellierenden Twens sind erwachsen, haben längst genug zur eigenen Altersvorsorge beiseite gelegt und haben sich folgerichtig mit der Opa-Generation versöhnt.

Schwarzgrünes Projekt

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat das gemeinsame Projekt für Schwarzgrün bereits vorgestellt: Die Transformation der Wirtschaft in eine klimaneutrale Wirtschaft. Davon profitiert vor allem der öffentliche Dienst. Er wird damit auch in den letzten Teil der Zivilgesellschaft hineinregieren.

Die Erben und Alten können sich am Wohlklang des Wortes klimaneutrale Wirtschaft erfreuen. Das ist wie „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, nur dass man das während eines Indien-Trips genießen kann und nicht dafür im Matsch von Ypern liegen muss. Solange man nur den Ablassbrief für seinen ökologischen Fußabtritt zahlt, darf man sich zur Lösung zählen.

Die beiden Parteien, die den Wohlstand im Land mehren wollen, erleben indes beide Krisen. Über die SPD ist an dieser Stelle schon viel gesagt worden. Der designierte FDP-Generalsekretär Volker Wissing bemüht in seinen Interviews umständliche Worte, um seine Partei als die eigentlichen Grünen darzustellen. Das ist gleichermaßen lustig und befremdlich.

Das Bündnis aus Alten, Erben und öffentlichem Dienst steht nicht unter dem Druck, hässliche Fragen beantworten zu müssen: Wie wird Wohlstand künftig erwirtschaftet? Wie verteilt? Was passiert mit den Abgehängten? Der Erbe kann international leben, der öffentliche Dienst zahlt weiter B3, solange er irgendwoher Kredite bekommt und der Alte… genießt den Moment. So gut er das eben kann.

Die deutsche Gesellschaft will Schwarzgrün
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Ein Kommentar zu “Schwarzgrün hat die gesellschaftliche Mehrheit in Deutschland

  • #1
    ccarlton

    Der NRW CDU steht wahrscheinlich das bevor, was die SPD bereits hinter sich hat. Zunehmende Vergrünung, gefolgt von Bedeutungslosigkeit.

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