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„Wofür haben wir eigentlich gekämpft?“

dirndl

(CC BY-NC-ND 2.0) flickr/absche

Der #aufschrei der letzten Wochen hat viele Menschen zum Nachdenken gebracht. Die One Billion Rising-Kampagne hat das Thema wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Ein Nachtrag zur Sexismus-Debatte. Von unserer Gastautorin Ilse Wehner.

Die Opferrolle und das „wehr dich!“

Auch ich betrachte mich selbst gern als weitgehend emanzipiert, was auch immer das heißen mag. Ich fühle mich nicht als Opfer und will auch nicht so angesehen werden. Ich sage laut meine Meinung und trete manchmal gewollt oder ungewollt einschüchternd auf. Allerdings muss man sich eingestehen, dass die strukturelle Benachteiligung der Frau in unserer Gesellschaft Fakt ist und jede Frau direkt oder indirekt betrifft. Davon abgesehen ist es erstmal völlig egal, ob frau sich wehrt oder nicht, aus welchen Gründen auch immer. Ein Übergriff bleibt ein Übergriff und wer bin ich zu richten, ob es angebracht ist sich in jeweiliger Situation zu wehren? Es gibt Momente in denen selbstbewusstes Auftreten und klare Äußerungen nicht helfen, vielleicht sogar die Situation verschlimmern und solche Momente können unter anderem entstehen, wenn Männer Frauen bedrängen oder beleidigen.

Ich habe körperliche Auseinandersetzungen schon immer gescheut und bezweifle überdies, dass ich besonders gut darin wäre. Kann ich also von mir weisen, dass auch ich Opfer eines Menschen oder einer Situation werden könnte, in der Muskelkraft über ihren Ausgang  entscheidet? Oder Opfer meiner eigenen Angst? Auch ich kann Opfer sein, so wie jeder Mensch. Und das ist keine Schande. So kommt man dann schnell zu einem weiteren Punkt: Darf ich Gleichberechtigung und Respekt für mich einfordern, wenn ich Kleidung trage, die meine äußeren Geschlechtsmerkmale betont, oder ein Verhalten an den Tag lege, dass der landläufigen Auslegung von Emanzipation gegenläufig ist? Oder auch:

 „Dann mach doch endlich deine Bluse zu!“

Ganz ehrlich:

Nö.

Ich kann meine Bluse so weit offen tragen wie ich will und auch jeder andere Mensch darf das. Hier ist es auch völlig egal wer mit welcher Motivation welches Kleidungsstück ausgewählt hat, ob um sich selbst oder anderen zu gefallen. Darum geht es nicht. Selbst wenn eine Frau im Club nen Minirock trägt und ihre Hüften kreisen lässt, sie hat genau das gleiche Recht auf Selbstbestimmung und darauf mit Respekt behandelt zu werden, wie das pöbelnde Mädchen im Hoodie und der Typ im Hemd. Eine Frau sollte sich das Recht auf Gleichstellung und Anerkennung nicht „verdienen“ müssen, indem sie dieunddie Kleidung trägt oder nicht trägt. Selbst wenn sie dieses Recht bewusst ablehnen würde, müsste man es ihr trotzdem zugestehen. Ob Heels und falsche Fingernägel der Gleichberechtigung die Knüppel nicht nur zwischen die Beine, sondern direkt an den Hinterkopf werfen, ist nochmal ein ganz anderes Thema. In den letzten Jahren scheinen die Schuhe immer höher und die Täschchen immer kleiner geworden zu sein, aber trotzdem haben derart gekleidete Menschen die gleichen Rechte. Natürlich kann man im Einzelfall eine persönliche Diskussion mit ihnen darüber führen, ob ihre Aufmachung der Sache zuträglich ist.

Aber hier sollte es doch nicht um Frau XYZ gehen, die von Herrn XYZ mit den Worten XYZ angesprochen wurde und wer da nun welche Schuld trägt. Die Mädchen mit dem Lockenstab sind nicht Schuld an der gesellschaftlichen Situation. Entweder sind wir alle daran Schuld, oder gar keiner. Ich bevorzuge letzteres, denn ohne Schuld kann man sehr viel weniger paralysiert eine Sache anerkennen und ggf ändern. Es geht nicht um Schuld. Es geht um die Haltung einer Gesellschaft. Es geht um die Frage, wie wir miteinander umgehen wollen.

„Darf man denn dann noch flirten?!“

Das ist doch nicht euer Ernst. Als ob Männer so blöd wären. Man merkt doch wohl, wann ein Mensch sich unwohl fühlt. Männern diese Fähigkeit abzusprechen ist eher Sexismus in die andere Richtung, als ein reales Problem. Bei einem nett gemeinten Kompliment oder meinetwegen auch einem offensiven Flirtversuch schrei ich wohl kaum „Sexismus!“, aber ich nehme mir das Recht raus es unangebracht zu finden wenn eine Gruppe von Männern mir „red-head get’s fucked!“ hinterherruft. Wenn ich mich für einen Job in einer Kneipe bewerbe und während des Gesprächs mit dem Chef ein Kunde reinkommt und sagt „Wird das unsere neue Bauchtänzerin?“, höre ich deren schäbiges Gelächter und sehe  keinen Grund mich darüber zu freuen. Da kann mir dann auch keiner erzählen, dass hinter solchen Äußerungen gute Absicht steckt, oder der Typ nur mit mir flirten wollte.

Abgesehen davon ist das Schwarzmalerei. Wir sind mit Sicherheit weit davon entfernt die Gleichstellung an einen Punkt getrieben zu haben, der das Flirten unmöglich macht. Ganz im Gegenteil, vielleicht kann flirten durch die Ablehnung von Sexismus sogar vereinfacht werden. Denn frau könnte sich sicher sein, dass es ok ist klar und laut zu sagen, worauf sie Bock hat und worauf sie keinen Bock hat. Vielleicht könnten mehr Frauen sich trauen selbst mit Worten zu flirten und nicht nur mit Haut und Augenaufschlag, wenn sie wüssten, dass ihnen dieses Recht zugestanden wird. Wenn sie wüssten, dass sie auch immernoch werden „nein“ sagen können, falls sie sich umentscheiden. Ohne, dass danach jemand meint „ja hättste dich mal nicht so angezogen, dann wär das auch alles nicht passiert.“. Sich schön anziehen, flirten, mit jemandem Sex haben. Ohne, dass das Wort „Schlampe“ fällt. Ist das für Frauen so abwegig? Ist das mit Emanzipation wirklich unvereinbar? Und wenn ja, warum?

 „Es ist nunmal so, dass…“

So beginnen bei obiger Diskussion oft Sätze, die angefüllt sind mit Mainstreamtauglichen Halbwahrheiten und Pseudo-Wissen über Evolution und Biologie. Es ist nunmal so, dass Männer ihren Samen verteilen sollen und Frauen ihre Partner gut auswählen müssen. Deswegen können Frauen Schlampen sein, Männer aber nicht.

1. bezweifle ich, dass die Menschheit „so weit“ wäre, wie sie heute ist, ohne das Prinzip der Familienverbände, Gemeinschaften und der Verantwortung. Daher halte ich es für völlig schwachsinnig zu behaupten, Männer wären „dafür gemacht“ rumzuvögeln.

2. Wir sind keine Braunbären oder Katzen, sondern Menschen. Und selbst diese Weibchen vögeln rum (Katzen sogar nicht zu knapp).

3. Ist das ungefähr eine Argumentationsführung wie folgende: Es ist nunmal so, dass die Menschen dafür gemacht sind in der Natur zu leben. Daher ist es völlig unangebracht in beheizten Wohnungen zu hausen. Wenn du aber doch in einer beheizten Wohung lebst, nur weil viele in dieser Gesellschaft das tun, bist du schlecht. Eine „Wohne“, sozusagen. Schäm dich!

Kein Frauenproblem

Manchmal macht es den Eindruck, das ganze sei ein Frauenproblem. Überraschung: dem ist nicht so. Natürlich ist es das auch. Frauen können extrem sexistisch und unfeministisch sein. Aber ich wage die These aufzustellen, dass Frauen sehr viel seltener von Frauen sexuell belästigt, bedrängt oder vergewaltigt werden. Das alles betrifft Männer also nicht minder, auch die, die vermeiden in die Kiste mit dem sexistischen Verhaltensrepertoire zu greifen. Ein interessanter und ebenso makabrer Punkt an der Sache ist, dass eben diese Männer fast nie Zeuge einer solchen Situation werden. Es gibt einen anscheinend straight aus dem Pliozän stammenden Mechanismus: Bin ich alleine unterwegs, oder sogar in einer Gruppe von Frauen, werde ich ziemlich wahrscheinlich früher oder später mit gegen mich/uns gerichtetem abwertendem, sexistischem Verhalten konfrontiert. Sobald aber auch nur ein einziger Mann Teil der Gruppe ist, nehmen solche Vorkomnisse drastisch ab, oder gehen sogar gen null. Die Herde gehört ja schon einem. Das ist nicht weniger als ein Grund mehr diese Debatte öffentlich zu führen und über Erfahrungen zu berichten. Womit wir beim nächsten Thema wären:

Wir alle tragen Verantwortung

Es ist nicht damit getan selbst kein Opfer oder Täter zu werden. Abwertendes, übergriffiges oder sexistisches Verhalten ist etwas, dass unsere ganze Gesellschaft betrifft und ein Einschreiten gebietet, völlig egal ob dabei Mann, Frau, Trans oder Kind angegangen wird. Zivilcourage lässt grüßen. Es reicht nicht unsere Mädchen zu starken, wehrhaften Frauen zu erziehen, die Geschlechterrollen ablehnen. Für sowas muss es immer einen gesellschaftlichen Rahmen geben. Vielleicht sollte man auch unsere Jungs in der Sache sensibilisieren und ihnen klar machen, dass ein solches Verhalten ein abzulehnendes Armutszeugnis ist. Vielleicht sollten wir uns aber zuallererst einig werden, dass solche Dinge 1. de facto passieren und 2. inakzeptabel sind. Ich schließe ab mit den Worten der Mutter einer Freundin von mir:

„Wenn ich sehe und höre, wie die Frauen eurer Generation manchmal reden und was die alles akzeptieren und ignorieren, frage ich mich, wofür wir damals eigentlich gekämpft haben.“

 

Weitere Links zu dem Thema:

http://www.opfer-abo.de/sexualisiertegewalt/

http://www.wcu.edu/5564.asp

http://tecknow.tumblr.com/post/41524372672/true-gender-equality-is-actually-perceived-as

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2 Kommentare zu “„Wofür haben wir eigentlich gekämpft?“

  • #1
    Kai

    Das Problem sind, wie so oft, die extremen Lager. Die Männer, die Unverschämtheiten für Flirt halten sowie einige übereifrige Frauen, die schon beim Tür aufhalten „Sexismus“ schreien.

    „Man merkt doch wohl, wann ein Mensch sich unwohl fühlt.“

    Äh, nein – wenn’s nicht direkt kommuniziert wird. Empathie gehört nicht gerade zu den Stärken vieler Männer – das ist auch kein Sexismus, sondern Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen, siehe z. B. die Studien des renommierten Psychologen Baron-Cohen.

    „Denn frau könnte sich sicher sein, dass es ok ist klar und laut zu sagen, worauf sie Bock hat und worauf sie keinen Bock hat. Vielleicht könnten mehr Frauen sich trauen selbst mit Worten zu flirten und nicht nur mit Haut und Augenaufschlag“

    Wünschenswert wäre das, aber auch dagegen sprechen diverse Studien. So erwarten 90% der Frauen, dass der Mann den ersten Schritt macht. Ähnliche Ergebnisse gibt es bei anderen Fragestellungen, wo es darum geht, politische Konzepte der Emanzipation auf privates Balz- und Partnersuchsverhalten zu übertragen. Der Erfolg von „Bachelor“ und ähnlichen Sendungen – gerade bei Frauen – spricht da Bände.

  • #2
    Helmut Junge

    Das Gesetz sagt, dass niemand eine Frau körperlich angreifen darf. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Frau angezogen ist, oder nackt durch die Straße läuft.
    Insofern ist jede Frau vom Gesetz geschützt. Zumindest in zivilisierten Ländern ist das so.
    Aber vom „Ansprechen“ ist m.W. im Gesetzestext keine Rede.
    Solange dieses „Ansprechen“ auch noch ohne Zeugen stattfindet, ließe es sich auch gar nicht juristisch verfolgen.
    Und die Fälle, über die in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sind alle aus einem Zweiergespräch der Öffentlichkeit zugetragen worden.
    Die Frauen, die vorgeben, in dieser oder jener Weise angesprochen worden zu sein werden, sobald das Thema in der öffentlichen Diskussion ausgereizt worden ist, ihre Erfahrungen allein aufarbeiten müssen.
    Mindestens einen Gedanken finde ich aber in diesem Artikel von Anna Schnetker, den ich bisher nicht kannte.
    „Sobald aber auch nur ein einziger Mann Teil der Gruppe ist, nehmen solche Vorkomnisse drastisch ab, oder gehen sogar gen null. Die Herde gehört ja schon einem.“
    „die Herde gehört ja schon einem“ ist dabei die absolute feministische Einschätzung.
    Da setze ich mal entgegen, dass es vielleicht doch anders sein könnte.
    Nämlich, dass dem anwesenden Mann, einfach die Sensibilität fehlt, diese vieldiskutierten Anmachen als solche zu erkennen.
    Könnte doch sein, oder?

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