4

Sprache lässt sich nicht beliebig neu belegen

Symbolfoto: Peter Hesse

Symbolfoto: Peter Hesse

Jüngst ging es um die Zigeunersauce. Auch sonst entflammen immer wieder Diskussionen darüber, ob ein Begriff diskriminierend sei. Am Beispiel Behinderte lässt sich zeigen, wie diese Debatten funktionieren – und was ihre Schwächen sind.

Zu den unsinnigsten Aktivitäten gehört das, was der Verein Deutsche Sprache versucht: nämlich Deutsch vor englischen Einflüssen zu schützen. Zum einen können die Mitglieder nicht erklären, warum Anglizismen der Feind, griechische oder lateinische Einflüsse indes kein Problem sind. Weil wir den Amerikanern den Sieg im Krieg nicht verzeihen, wäre eine Möglichkeit. Aber das räumt niemand als Grund ein.

Zum anderen widerspricht es dem Wesen der Sprache, sie schützen zu wollen. Sprache ist etwas Lebendiges. Sie unterliegt den Einflüssen ihrer Zeit, nimmt diese auf, kombiniert Altes mit Neuem. Wer Sprache in eine Statik packen will, tötet sie und raubt ihr ihre wichtigste Funktion, die Welt mit Begriffen zu versehen – sie zu begreifen.

Adieu, Fräulein

Deswegen ändern sich Worte. Nicht nur in ihrer Bedeutung. Sondern auch in ihrer Anwendbarkeit. In den 80er Jahren war etwa der Begriff “Fräulein” für unverheiratete Frauen noch durchaus gängig. Das Modell der Ehe als Lebensentwurf galt als die gesellschaftliche Normalität.

2020 wird niemand verhaftet, der “Fräulein” sagt oder schreibt. Es kostet nicht mal jemanden seinen Job. Wer den Begriff nutzt, gibt lediglich zu verstehen, dass seine Vorstellung über gesellschaftliche Normalität überholt sind.

Ähnlich verhält es sich mit der Zigeunersauce. Wenn die Gruppe der Sinti und Roma sagt, dass sie den Begriff Zigeuner für ehrverletzend hält, überlegen sich die anderen Menschen, ob sie ihn weiter verwenden wollen. Das ist auch gut so. Die Menschen selbst Zigeuner zu nennen, gilt daher schon als überholt. Nun dehnt sich diese Ablehnung auf Bereiche aus, in denen das Wort noch vorkommt. Das ist ein normaler Vorgang.

Suche nach dem neuen Wort

Spannend ist die Frage, welche Worte an die Stelle überholter Begriffe treten. Sinti und Roma statt Zigeuner – das funktioniert, ebenso wie Paprikasauce statt Zigeunersauce. Sprachliche Mutation ist nur dann möglich, wenn die Worte sprechbar sind und sich in die Sprache einfügen. Umso besser der Begriff das kann, desto eher setzt er sich durch.

Auch wenn Sprachschützer Purzelbäume schlagen: Solange es die Mail gibt, spricht niemand von der elektronischen Post. Andersrum verdrängt der Service Point die Auskunft oder Information nur bedingt.

Ein Begriff, der schon mehrere Veränderungen erlebt hat, war der Begriff, der Rollstuhlfahrer, Blinde, Taube, Stumme und geistig Beeinträchtigte zusammenfassen soll: Statt von Menschen mit Behinderung ist heute eher von Menschen mit Beeinträchtigungen die Rede. Diejenigen, die Menschen mit Behinderung problematisieren, halten Menschen mit Beeinträchtigung für sensibler.

Von der Lösung zum Problem

Das ist spannend. Denn Menschen mit Behinderung galt als die Lösung im Kampf gegen sprachliche Diskriminierung, als es darum ging, den lange Zeit üblichen Begriff Behinderte abzulösen. Nun ist der Lösungsbegriff das Problem und es ist eine Frage der Zeit, bis jemand aufsteht und Menschen mit Beeinträchtigung problematisiert. An dieser Stelle zeigen sich die systematischen Defizite der Methode auf:

Reale Probleme geraten auf eine abstrakte Ebene. Wer Rampen baut, hilft. Auch wer Ampeln mit akustischen Signalen versieht, Gebärden-Dolmetscher fürs Fernsehen einstellt oder barrierefreie Toiletten als Bedingung in Bauvorschriften übernimmt. Mit der Begriffsdebatte allein ist noch keinem geholfen.

Zumal es der Versuch ist, Menschen mit einem Merkmal zusammenzufassen, ohne das Merkmal zu betonen. Das ist ein Kampf gegen die Logik. Und wie jeder Kampf gegen die Logik zum Scheitern verurteilt.

Obendrein ist letztlich das, was Diskriminierung abbauen soll, diskriminierend. Denn das Merkmal nicht thematisieren zu wollen, bedeutet immer auch, das Merkmal für etwas Schlechtes zu halten. In dem Fall Behinderungen. Und genau das will ein sensibler Umgang mit der Sprache ja verhindern. Für die Inklusion wäre es letztlich besser, den Begriff Behinderte positiv zu belegen, als auf die dauernde Suche nach Ersatzbegriffen zu gehen.

Sensible Sprache ist dann nötig, wenn Sprache verletzen soll. Wer von Krüppeln spricht, wertet die Gemeinten ab – und will auch genau das. Wer von Behinderten spricht, mag vielleicht nicht in Sprachdebatten firm sein. Das heißt aber noch lange nicht, dass er Rampenbau oder inklusiven Unterricht ablehnt – geschweige denn die Menschen, die er so nennt.

Sprache ist demokratisch

Nichts ist so demokratisch wie die Sprache. Eine Diktatur scheitert über 28 Jahre mit dem Begriff Antifaschistischer Schutzwall, wenn man das damit gemeinte Objekt auch Mauer nennen kann. Selbst wenn sie ihren Sportreportern auferlegt, beim Freistoß nicht davon zu reden, dass sich die Spieler zu dem verbotenen Begriff aufstellen.

Von Negerkuss sprechen heute nur noch welche, die sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht abfinden wollen, die dahinter steht, das N-Wort nicht mehr zu verwenden. In Sachen Zigeunersauce wird es vermutlich ähnlich laufen. Um beide Begriffe ist es ebenso wenig schade, wie um das Fräulein, das immerhin noch bei Eltern überlebt, die damit ihre ungehorsame Tochter maßregeln.

Es wäre auch weiter kein Problem, wenn sich Menschen mit Beeinträchtigung durchsetzt. Vermutlich wird es das auch tun. Schade ist nur: Kurz nachdem das passiert sein wird, steht jemand auf und brüllt, dass dies Diskriminierung sei. Wie in solchen Fällen üblich im Brustton der Verachtung gegenüber den anderen und in der Überzeugung von der eigenen moralischen Überlegenheit.

Das ist tatsächlich schade. Denn so wird eine Mehrheit diskreditiert, die sich dafür einsetzt, Barrieren ab- und Inklusion auszubauen. Sie zu dissen, nutzt niemandem – außer dem Ego des selbst ernannten Sprachwächters.

Die Karriere des Begriffs Behinderte.
RuhrBarone-Logo

4 Kommentare zu “Sprache lässt sich nicht beliebig neu belegen

  • #1
    Thomas Baader

    "Selbsternannte Sprachwächter" ist Ausdruck, mit dem ich mich nicht anfreunden kann… da es keine offizielle Stelle gibt, die jemanden zum Sprachwächter ernennt, ist er natürlich selbsternannt, aber das ist der Menschenrechtler, der Naturschützer, der Tierschützer und der Umweltaktivist ganz genauso.

    "Wenn die Gruppe der Sinti und Roma sagt, dass sie den Begriff Zigeuner für ehrverletzend hält"

    Das sagt ja gar nicht wirklich DIE Gruppe der Sinti und Roma, sondern ihre Verbandsfunktionäre. Bei der Gruppe scheint keine Einigkeit in der Frage zu bestehen. Ich bin natürlich nicht in der Lage, Meinungsumfragen durchzuführen und damit zu überprüfen, was die Mehrheit denkt. Aber als Lektürehilfe empfehle ich, Folgendes zu googlen: "Anna Reinhardt" und "Wir sind stolz, Zigeuner zu sein"; "Markus Reinhardt" und "Zigeuner – Eine Art zu leben"; "Wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut"; "Ich bin Zigeuner" und "Damian Draghici".

    Sprache ist übrigens gerade dann NICHT demokratisch, wenn es massive Versuche der Sprachsteuerung gibt mit allen unschönen Begleiterscheinungen wie Bedrohungen, Diffamierungen, Boykott, Notenabzug, Einschüchterung.

    Abgesehen davon ist es tatsächlich sinnvoll, mit anderen Menschen sprachlich respektvoll umzugehen. Diese gebotene Zivilisiertheit sollte man aber nicht mit politischer Korrektheit verwechseln, die eher Elemente eines Glaubenssystems hat.

  • #2
    Karla

    Jede Bezeichnung einer Ethnie kann in einem anderen Kulturkreis zu einem herabwürdigenden Schimpfwort verwendet werden, sogar die Selbstbezeichnung einer Ethnie.
    siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Polacke
    oder https://de.wikipedia.org/wiki/Kanak_(Volk), wobei das Beispiel Kanack(e) zeigt, daß es auch darauf ankommt, welche Gefühl die so angesprochenen Personen empfinden. Sie können auch stolz empfinden. Dann klappt das mit der Diffamierung nicht.

  • #3
    Berthold Grabe

    Es wäre ja alles kein Problem, wenn Menschen darauf verzichten würden, andere, die ihrer Ansicht nicht folgen, zu verurteilen oder auszugrenzen.
    Wer meint eine andere Ausdrucksweise verwenden zu wollen, der kann das tun. einen Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit hat er aber nicht.
    Uns so benutze ich weiter die Worte "Negerkuss" und "Zigeunersoße" weil sie nun mal die Begriff dafür sind ohne jegliche negative Konnotation.
    Ich denke die Unterstellung, das man was Negatives meinen könnte damit ist eine viel problematischere Einstellung, denn sie entspricht einem Vorurteil.
    Begriffe verschwinden, wenn Menschen sie aus sich heraus nicht mehr verwenden und nicht weil Manche sie künstlich mit mehr Bedeutung aufladen, als sie haben.

  • #4
    Berthold Grabe

    Ich denke auch, dases verkappte diskrimineirung ist, anderen den sprachgebrauch zu verbieten.
    denn hinter diesem Versuch steckt die diskriminierende Verurteilung Dritter, Begriffe angeblich diskriminierend zu verwenden.
    Das mag bei einer direkten Ansprache wie Zigeuner statt Sinti oder Roma noch berechtigt sein, nicht aber bei Begriffen wie "Zigeunerssoße" oder "Negerkuss", ganz abgesehen davon das der Begriff Neger im Gegensatz zu Nigger keinerlei diskriminierende Bedeutung besitzt. Es ist lediglich das lateinische Wort für schwarz.
    Wenn wir anfangen Wörter die von irgendwelchen Menschen plötzlich abwertend gebraucht werden zu verbieten ohne das sie Ihnen innewohnen im allgemeinen Sprachgebrauch, fördert man am Ende nur diese Diskriminierung.

    Es wäre wohl außer diesen Sprachpolizisten Niemandem auch nur im Traum eingefallen Zigeunersoße oder Negerkuss diskriminierend zu verwenden oder eine solche Bedeutung damit zu verbinden, nicht mal die die Sinti und Roma und auch nicht Menschen mit schwarzer Hautfarbe.
    Auf diese Weise wird diskriminierung künstlich erzeugt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.