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Städteranking: Lieber lernen als jammern!

Die Wirtschaftswoche hat das jährliche Städteranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft veröffentlich und wieder einmal sehen die Ruhrgebietsstädte nicht gut dabei aus.

Das Ruhrgebiet ist zu sehr in seine Vergangenheit verliebt. Foto: RVR

Die WAZ Überschrift  zum Artikel über das StädterankingRuhrgebiet im Städteranking nur Mittelmaß“ ist schönfärberisch: Die Ruhrgebietsstädte sind nicht mittelmäßig, sie schneiden im Vergleich der 50 größten Städte miserabel ab. Nur Mülheim liegt unter den ersten 25, mit Oberhausen, Hamm, Gelsenkirchen und Herne sind jedoch gleich vier Städte unter den letzten zehn. Man kann, wie Jens vom Pottblog, der Studie eine gewissen Polemik unterstellen, denn in Auftrag gegeben wurde sie von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hinter der die Metallarbeitgeber stecken. Da die Studie jedoch fast ausschließlich öffentlich zugängliches Zahlenmaterial wie Schuldenstände, Arbeitslosenquoten oder Kriminalitätsstatistiken auswertet, ist an ihrer Qualität kaum etwas auszusetzen. Für mich ist diese Studie von allen Städterankings das Beste – aber auch andere Rankings wie das von Ernst & Young oder des HWWI für das Manager-Magazin kommen, wenn auch mit wesentlich dünnerer Datenlage, zu ähnlichen Ergebnissen.
Anstatt zu jammern sollten wir lieber schauen, was man aus der Studie lernen kann, wobei ich die Empfehlung des stellvertretenden WiWo-Chefredakteurs Michael Inacker, das Ruhrgebiet solle vom Osten lernen, für ziemlichen Unfug halte:

Die Wirtschaftswoche hat das jährliche Städteranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft veröffentlich und wieder einmal sehen die Ruhrgebietsstädte nicht gut dabei aus.

Das Ruhrgebiet ist zu sehr in seine Vergangenheit verliebt. Foto: RVR

Die WAZ Überschrift  zum Artikel über das StädterankingRuhrgebiet im Städteranking nur Mittelmaß“ ist schönfärberisch: Die Ruhrgebietsstädte sind nicht mittelmäßig, sie schneiden im Vergleich der 50 größten Städte miserabel ab. Nur Mülheim liegt unter den ersten 25, mit Oberhausen, Hamm, Gelsenkirchen und Herne sind jedoch gleich vier Städte unter den letzten zehn. Man kann, wie Jens vom Pottblog, der Studie eine gewissen Polemik unterstellen, denn in Auftrag gegeben wurde sie von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hinter der die Metallarbeitgeber stecken. Da die Studie jedoch fast ausschließlich öffentlich zugängliches Zahlenmaterial wie Schuldenstände, Arbeitslosenquoten oder Kriminalitätsstatistiken auswertet, ist an ihrer Qualität kaum etwas auszusetzen. Für mich ist diese Studie von allen Städterankings das Beste – aber auch andere Rankings wie das von Ernst & Young oder des HWWI für das Manager-Magazin kommen, wenn auch mit wesentlich dünnerer Datenlage, zu ähnlichen Ergebnissen.
Anstatt zu jammern sollten wir lieber schauen, was man aus der Studie lernen kann, wobei ich die Empfehlung des stellvertretenden WiWo-Chefredakteurs Michael Inacker, das Ruhrgebiet solle vom Osten lernen, für ziemlichen Unfug halte: Gerade einmal zwei ostdeutsche Städte haben es in die obere Hälfte des Rankings geschafft. Eine, Dresden, ist Landeshauptstadt und lebt damit in besonders starkem Maße von öffentlichen Investitionen und einem von der öffentlichen Hand massiv beeinflussten Arbeitsmarkt. Das Ruhrgebiet sollte sich nicht am hochsubventionierten Osten orientieren, denn die meisten Ostzonenstädte haben aus ihren Fördermitteln nicht viel mehr gemacht als das Ruhrgebiet – sie sind unsere Nachbarn auf den Versagerplätzen. Wie Dresden sind übrigens die Hälfte der Top-Ten Städte Landeshauptstädte – wenn Kommunen zentrale Funktionen besitzen, scheint das also doch ganz praktisch zu sein. Das Ruhgebiet besitzt solche zentralen Funktionen nicht, noch nicht einmal einen popeligen Regierungsbezirkssitz, eine Landesarbeitsamt oder ähnliches gibt es hier.

Was können wir aus der Studie lernen? Viele der Städte, die in dem Ranking gut abgeschnitten haben wie Dresden oder Düsseldorf, haben öffentliches Eigentum wie Wohnungsbaugesellschaften oder Energie-Aktien verkauft. Damit wurden sie finanziell unabhängiger, weil Schulden abgebaut werden konnten und hatten die Möglichkeiten zu investieren. Ob CDU oder SPD regieren macht kaum einen Unterschied – im Ruhrgebiet ist man zu solchen Schritten nicht bereit und schreit lieber nach Solidarität und Unterstützung. Das Ruhrgebiet hat in den vergangenen Jahrzehnten die Milliardensubventionen vor allem für den Erhalt alter Strukturen genutzt. Die Montanindustrie konnte mit Deckung der Politik in den 60er und 70er Jahren zahlreiche Industrieansiedlungen verhindern. Wir zahlen nun  den Preis für diese Politik. Wir waren keine Opfer, wir waren blöd! Zwischen Politik und Hochschulen herrschte in vielen Städten lange tiefstes Schweigen – eine Ausnahme war Dortmund. Den Erfolg kann man im Technologiepark besichtigen. In Essen gibt es beispielsweise nicht vergleichbares.

Insgesamt ist das Ruhrgebiet zu sehr in seiner eigenen Vergangenheit verliebt. Was hätte man mit dem Geld, was über Jahrzehnte in den Bergbau gesteckt wurde, machen können? Warum geben wir Geld aus, damit kein „Bergmann ins Bergfreie“ fällt? Bei Opel, Nokia oder BenQ kommt aus guten Gründen niemand auf die Idee, die Arbeitsplätze künstlich zu erhalten. Anstatt in Bildung und eine verbesserte Infrastruktur zu investieren, packen wir das Geld noch immer in eine unproduktive Folkloreindustrie ohne jede Perspektive.
Andere sind das schlauer – nicht nur als das Ruhrgebiet, sondern als ganz NRW: Warum haben wir hier eigentlich keinen vernünftigen Flughafen wie Frankfurt oder München? Auch bei der viel gepriesenen Logistik fehlt dieser Bereich vollkommen. Der Flughafen Düsseldorf  ist, im internationalen Vergleich, eine Lachnummer, für Düsseldorf selbst natürlich ein Jobmotor – weniger durch die direkten Arbeitsplätze als durch die Ansiedlung von Unternehmen, die einen Zugang zum Luftverkehr benötigen. Einer der Grüne, warum es im Ruhrgebiet beispielsweise nicht eines der großen Beratungsunternehmen gibt, obwohl diese Branche hier viele Kunden hat.

Das Qualifikationsniveau im Ruhrgebiet ist zu schlecht. Wir müssten Geld ausgeben für Bildung und Integration. Wir brauchen internationale Schulen um für international agierende Unternehmen attraktiv zu sein – wir haben nur eine kleine in Duisburg. Wir brauchen mehr und bessere Kindergärten und besser ausgestattete Schulen. Die meisten Schulen der Region sind im erbärmlichen Zustand. Wir stecken unser weniges Geld lieber in den Erhalt der Industriekultur als in die Zukunft.

Was müssen wir tun, um nach oben zu kommen: 

Massiv um Investoren werben. Selbstbewusst und auch aggressiv auftreten. Beispiel: Warum geben wir nicht ein paar hundert Euro für Plakate aus,  die internationalen Besucher in Leipzig und Dresden darauf aufmerksam machen, dass sich internationale Unternehmen im Ruhrgebiet keine Sorgen um die Sicherheit ihrer farbigen Mitarbeiter machen müssen – im Gegensatz zu den beiden Ostzonenmusterzöglingen? Allein das bundesweite Medienecho wäre ungeheuer.

RWE Aktien, Wohnungsbaugesellschaften etc. verkaufen – und das Geld nutzen, um Schulden abzubauen und in Infrastruktur und Bildung investieren.

Aufhören von einer Zukunft der Kohle zu träumen. Aber unseren Teil des Kuchens fordern: Auch ins Ruhrgebiet müssen große, öffentliche Institutionen.

Den Nahverkehr optimieren. Eine Nahverkehrsgesellschaft für das Ruhrgebiet wäre besser und billiger. Außerdem darauf dringen, dass auch Autobahnen wie die A52 schnell gebaut werden.

Die positiven, aber noch viel zu vorsichtigen Kooperationsvorhaben der vergangenen Jahre massiv ausbauen.

Sich klar machen, dass man wenig Zeit hat und sich nicht in alles fügen. Warum wollen wir eigentlich eine Musterregion für den demographischen Wandel sein und keine, die alles dafür tut, junge Familien für sich zu begeistern? Sollen die anderen doch schrumpfen – wir müssen wachsen wollen!

Mit einer Stimme sprechen. Ich will jemanden haben, der die Region nach außen vertritt und keine Klinkereien mehr. Personen sind Symbole: Wir brauchen jemanden der nach außen vermittelt: Wir wollen gewinnen, wir haben unsere Stärken und wir brauchen kein Mitleid.

Nie wieder Fairness fordern oder Solidarität im Umgang mit dem Ruhrgebiet. Ich kann beide Begriffe nicht mehr hören. Ich will keine Fortzüge ins Münsterland und ich will keinen Interessensausgleich mit dem Umland, von dem wir nicht profitieren. Menschen, Investitionen, Institutionen: Je mehr wir haben umso besser. Wenn es auf Kosten anderer geht, ist das nicht unser Problem.

Die Top Ten des Städterankings: München, Münster, Frankfurt, Karlsruhe, Düsseldorf, Stuttgart, Mannheim, Wiesbaden, Dresden.

Die Ruhrgebietsstädte im Mittelmaß:
Mülheim 18 (Vorjahr 18), Dortmund 26 (Vorjahr:  31), Bochum: 30 (Vorjahr 29), Essen: 34 (Vorjahr 28),  Duisburg 37 (Vorjahr 32),  Hagen 38 (Vorjahr 39), Hamm 41 (Vorjahr 30) Herne 44 (Vorjahr 37) , Oberhausen 45 (Vorjahr 33) Gelsenkirchen 48 (Vorjahr 48).

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15 Kommentare zu “Städteranking: Lieber lernen als jammern!

  • #1
    Jens

    Also erstens haben einige Beratungsfirmen sehr wohl im Ruhrgebiet ihre Dependancen (z.B. KPMG) und zweitens bestreite ich ja nicht, dass die Zahlen falsch sind – nur finde ich sie halt nicht vernünftig vergleichbar, vor allem nicht nach Inackers Aussage, dass man vom Osten lernen soll.

    Oder plädiert er für eine Wiedervereinigung zwischen Deutschland und der Schweiz und hofft auf „Aufbau Nord“-Mittel der Eidgenossen, die dann die Städte im Ruhrgebiet subventionieren?

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    KPMG, Ernst & Young und PWC sind tatsächlich im Ruhrgebiet präsent – aber sie sind keine Berater wie Kienbaum, Roland Berger etc. sondern Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Steuerberater.

  • #3
  • #4
    David Schraven

    Ich will es nochmal konkreter machen, was es mit „In-die-Zukunft-Investieren“ auf sich hat:

    In Ostdeutschland entsteht eine Solarfabrik neben der anderen. Klar mit Subventionen. Aber dort sind die Arbeitsplätze der Zukunft. In 30 oder 40 wird die Welt von der Solarenergie abhängig sein. Natürlich wird dann nicht alles in Ostdeutschland produziert. Aber dort ist dann das Silicon-Valley der Solarindustrie. Mit den bedeutensten Technikerschmieden weltweit. Nicht umsonst investieren dort Araber und Amis gleichzeitig.

    Und wir? Wir schieben im Revier unsere Fördergelder in alte Zechen ala Zollverein. Und der örtliche Scheich will dort höchstens ein Hotel bauen – wenn er das Gelände nahezu geschenkt kriegt.

    Ist das eine Zukunftsindustrie? Tourismus in einer alten, verstaubenden Gegend?

    Der Ansatz mit der Solarfabrik in Gelsenkirchen wurde jedenfalls leider nicht ausgebaut. Wär ja ne Chancen gewesen.

    Aber so geht es dem Revier im Verhältnis zum Osten also wieder wie damals im Verhältnis zu Bayern. Bei uns bleibt der abzuwickelnde Schrott, die anderen kriegen die High-tech.

    Kann sich noch jemand dran erinnern, wie Bayern aussah, bevor es da Laptop und Lederhosen gab?

    Mir wird schwummrig, wenn ich dran denke, dass etliche der Laptop-Firmen lieber ins Revier wollten, aber nicht genommen wurden, weil es hieß: „Nee, wir machen hier Schwerindustrie. Zechen und Kohle und so….“

  • #5
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @ David: Ob sich die Solarfabriken im Osten langfristig lohnen glaube ich nicht – zumindest ist es nie gelungen in Gelsenkirchen ein intaktes Cluster aufzubauen. Die Investitionen gingen in den Osten und nach Freiburg. Und ich glaube nicht an Industrien, die langfristig subventioniert werden müssen. Aber auch wenn Dein Solarszenario eintritt werden die Fabriken nicht in Deutschland stehen oder nur wenige Beschäftigte haben, denn dann wären Solarzellen absolute Massenprodukte und die werden dann entweder in Asien (oder dann vielleicht Afrika?) gefertigt oder in weitgehend automatischen Fabriken. Die Wertschöpfung hängt bei Massenprodukten an der Entwicklung und nicht in der Produktion. (Beispiel: Apple verdient am iPhone deutlich mehr als der chinesische Auftragsproduzent) Niemand weiß, was die Erfolgsbranchen der Zukunft sind und deswegen sollte der Staat sich auf die Finanzierung der von Bildung und Infrastruktur konzentrieren und vor allem für junge Unternehmen gute Rahmenbedingungen schaffen – dann werden neue Firmen und neue Jobs entstehen. In welchen Branchen wird man dann sehen – klar ist allerdings: In einem Hochlohnland wie Deutschland werden es nur hochwertige und mit Wissen „aufgeladenen“ Produkte und Dienstleistungen sein.

  • #6
    Arnold Voß

    Das erstaunliche an diesen Rankingsergebnissen sind ja nicht die schlechten Zahlen zum Ruhrgebiet, sondern dass zwei Städte, die in unmittelbarer Nähe liegen und obendrein wichtige Verwaltungs- und Dienstleistungsfunktionen (auch produktionsbezogene) für eben dieses Ruhrgebiet innehaben und hatten, unter die ersten 5 gekommen sind. Statt mit in den Abwärtssog dieser Industrieregion gezogen zu werden, was wirtschaftsgeographisch nicht verwunderlich gewesen wäre, haben sie ihre Position währenddessen sogar erheblich verbessern können. New York City z.B. ist am Zusammenbruch seines industriellen Sektors in den 70ger Jahren fast zu Grunde gegangen. Düsseldorf und Münster haben als Städte davon nicht den Hauch gespürt, weil sie den Niedergang nur betreut, beraten und verwaltet, sprich daran verdient haben. Die „Zeche“ bezahlt haben dagegen das Land, der Bund, die EU und natürlich das Ruhrgebiet selbst. Wobei die dortigen Politiker in engster parteilicher Verbindung mit der Landesregierung lange Zeit auch ne ganze Menge „Kohle“ schlicht durch den „Schornstein“ gejagt haben, anstatt sie in die Zukunft zu investieren.

    Es ist schon verwunderlich mit welcher Dreistigkeit und Arroganz damit leitend befasst gewesene Leute immer noch durch die ganze Welt reisen um zu verbreiten, wie „modellhaft“ dieser Art des Strukturwandels gewesen ist oder besser gewesen sein soll.

  • #7
    Dirk E. Haas

    Stefan, eigentlich ist es, man muss es so deutlich sagen, vergeudete Zeit, sich mit Rezepten zu beschäftigen, die mit ?Massiv um Investoren werben? beginnen, und bei ?Je mehr wir haben umso besser. Wenn es auf Kosten anderer geht, ist das nicht unser Problem? enden. Und mittendrin ?unseren Teil des Kuchens? fordern: ?große, öffentliche Institutionen?. Für solche Rezepte erntet man genau das, was man nicht haben will: Mitleid; ihre vordergründige Aggressivität, die eigentlich Stärke demonstrieren soll, tut genau das Gegenteil.

    Einen Satz will ich, der Fairness halber, dennoch sagen: Ich bin ganz froh, dass auch ein paar zeitgemäße Allerweltsvorschläge eingestreut sind (mehr Kooperation, bessere Bildung zum Beispiel), mit anderen Worten: die Software für ?teamworkcapital? und ähnliche Strategien. Das klingt zwar auch langweilig, ist aber wenigstens richtig.

  • #8
    Jens König

    „Bei Opel, Nokia oder BenQ kommt aus guten Gründen niemand auf die Idee, die Arbeitsplätze künstlich zu erhalten. Anstatt in Bildung und eine verbesserte Infrastruktur zu investieren, packen wir das Geld noch immer in eine unproduktive Folkloreindustrie ohne jede Perspektive.“
    Tja, zumindest was Nokia angeht, war die Infrastruktur hervorragend. Hat die Firma -hausintern jedenfalls- immer behauptet. Die Mitarbeiter waren den Jobs entsprechend ausgebildet, der Schliessungsbeschluss hatte auch nichts mit Bildung zu tun. Meingott, die haben 200 Ingenieure rausgeschmissen, die sie für ihr Entwicklungscenter in Ulm dringend gesucht haben.

    Bildung und Infrastruktur sind keine Patentrezepte. Sie sind notwendig, aber nicht hinreichend.
    Beispiel: Nokia in Bochum zu schliessen war eine unternehmerische Entscheidung. Was im Ruhrgebiet fehlt, sind Unternehmer, die hier etwas tun wollen.
    Was fehlt, ist Kapital, welches hier in Unternehmen investiert wird. Kapital für Ideen (nicht für die 1000ste Beratung, das 300ste Technologiecenter oder eine Werbecampagne für Team minus Arbeit minus Kapital).

    Man sollte ja meinen, bei dem ganzen Beraterhype und den inzwischen obligatorischen Startup-Wettbewerben sollte was herauskommen. Geht aber nicht, das sind nämlich nur Alibiveranstaltungen. Stefan schlägt vor: „vor allem für junge Unternehmen gute Rahmenbedingungen (zu) schaffen“. Daran hapert es, und ich glaube, der Wille ist einfach nicht da. Denn dann müssten auch einmal Risiken eingegangen statt vermieden werden.

  • #9
    Nobby

    Das Ruhrgebiet ist zu sehr in seine Vergangenheit verliebt !!!

    Fast überall !!! Die Ruhrgebiets-Industriekultur wird gefördert, damit das Land nicht mehr Rheinland oder Westfalen ist.

    Es gibt aber auch eine Ausnahme !!!
    Auffällig ist doch, das Mülheim noch vor Köln liegt, und alles andere als eine typische Ruhrpottstadt ist. Die Gründe sind darin zu suchen, das es seit 1960 in Mülheim weder Bergwerke und Hochöfen in berieb sind und die Stadt nach wie vor eine gute Anbindung zum Rheinland (Flughafen Düsseldorf, Rhein-Ruhr-Hafen) hat.

    Auffällig ist aber auch das schlechte abschneiten von den anderen alten Industriestandorten Aachen und Wuppertal.

    Was wir Benötigten ???
    Ausreichend gute Schulen.
    Einen gut ausgebauten Flughafen Düsseldorf fürs Rhein-Ruhr-Gebiet.
    Ein Land, wo endlich die Inneren Grenzen abgeschafft werden.

    Was nicht wir Benötigten ???
    Eine Folkloreindustrie für Ruhrgebiet.
    Einen Ruhrpottflughafen Dortmund ohne S-Bahn-Anschluss.
    Ein separates Ruhrgebiet.

    NB

  • #10
    Stefan Laurin Beitragsautor

    Nobby: „Ein Land, wo endlich die Inneren Grenzen abgeschafft werden.“ Also gar keine Regierungsbezirke und Landschaftsverbände mehr, weil Grenzen ja sie generell schlecht sind oder Grenzen nur, wie heute, im Ruhrgebiet?

  • #11
    Nobby

    Stefan, Grenzen sind generell schlecht, da sie oftmals ausgrenzen, abgrenzen, oder auch teilen. Verwaltungsgrenzen schaffen Schnittstellen, die bei gemeinsamen Planungen wiederum Probleme schaffen.

    Das Problem des Ruhrgebiets ist, das es quer zu allen Historischen Grenzen entstanden ist. Das man im Ruhrgebiet nach einer eigenen Identität schon verzweifelt sucht, und alles Rheinische und Westfälische dabei über Bord wirft, bringt auch nicht weiter. In Wirklichkeit kann man aber die Geschichte vor 1850 nicht loswerden, und wird dabei schon selbst Geschichte. In Wirklichkeit wird alles ältere nur überlagert.

    Eine Loslösung des Ruhrgebiets vom Rest des Landes ist aber keine Lösung. Die Schnittstellen werden nur nach außen verlagert und Rhein-Ruhr Verflechtungsraum wird geteilt.

    Der Größenvorteil von Rhein-Ruhr wird nicht genutzt. Die Grenzen zwischen Düsseldorf, Duisburg und dem Niederrhein sind willkürlich.
    Unklar ist die regionale Kooperationsstruktur im Raum Düsseldorf, Wuppertal, Niederrhein, Duisburg und Hagen. Hier überlappen sich einige Räume.

    Zu dem wird das Problem von ?Nordrhein-Restfalen? wird zu einem echten Problem.

    Auch ist eine Verkehrsplanung in den Grenzen des RVR ist gar nicht sinnvoll. Ob das VRR-Gebiet, ob Eiserner Rhein, die Betuwelinie, oder auch die Pendlerströme in Richtung Düsseldorf. Planungen ohne die Nachbarregionen sind nicht möglich.
    Aber auch im Kern ist es Problematisch, die Stadtregion Ruhr 2030 ist wesentlich kleiner als das RVR-Gebiet und Landkreise hätten gegenüber den Städten keine Stimme.

    Sicher hat eine solche relativ kleinteilige Lösung die größten Realisierungschancen.
    Sie schafft aber auch viele problematische Schnittstellen. Anderseits, die Wirtschaft denkt ohnehin nur noch im Rhein-Ruhr-Raum.

    Ich halte dagegen eine große Lösung ohne innere Verwaltungsgrenzen für das beste.
    Planungen finden ohne Schnittstellen im Land statt.
    Die Zusammenführung der Rheinischen und Westfälischen Ämter (LVR und LWL ) dürften weniger Probleme bereiten, als etwa eine Dreiteilig. Die Rheinischen und Westfälischen Museen bekämen legendlich ein Gemeinsames Dach.

    Beispielhaft ist hier auch die Zusammenführung drei Diakonischen Werke Rheinland, Westfalen und Lippe. Vor allem finanzielle Gründe waren der Grund für diesen Schritt.

    Problematisch im Ruhrgebiet sind dagegen die Gedanken einiger User. Hier nur ein kleines typisches Beispiel, die natürlich zu Gegenreaktionen führen.

    Verfasst am: Freitag, 22. August 2008, 15:30 Titel: Ruhrgebiet oder Westfalen?
    Auf dem diesjährigen Seefest gab es ein Theaterstück über die Geschichte Westfalens. Das Stück an sich hat mir sehr gefallen – nur die Behauptung, Wetter gehöre zu Westfalen, stört mich nicht erst seit heute. Ich finde, gerade historisch gehört Wetter eindeutig zum Ruhrgebiet. Nun kann man ja sagen, dass schließt einander nicht aus- tut es aber demnächst, wenn NRW dreigeteilt wird. Wenn wir nicht aufpassen, landen wir dann bei Restfalen. Und mal ehrlich, watt wollt ihr bei den Bauernköppen? Westfalen ist Tradition, Borniertheit, Intoleranz – Ruhrgebiet ist Moderne, Offenheit, Multikulti. Entscheiden wir uns für das Ruhrgebiet – wenn man uns die Entscheidung lässt!

    Die AW lautete dann folgender maßen:
    Westfalen ist Tradition, Borniertheit, Intoleranz – Ruhrgebiet ist Moderne, Offenheit, Multikulti. Entscheiden wir uns für das Ruhrgebiet – wenn man uns die Entscheidung lässt!
    Wenn das, was ich während einer Fahrt durch Marxloh und Bruckhausen sehe, das „moderne, offene, multikulturelle Ruhrgebiet“ sein soll, möchte ich für meinen Teil dann ein traditioneller, bornierter und intoleranter Westfale sein.

    Aber als Rheinländer ich mich nur noch an den Kopp, was für Theorien mit unter aufgestellt werden. Wollen wir denn wir ein Ruhrgebiet, das nach vorne schaut und die Traditionen pflegt.
    Oder wollen wir ein Ruhrgebiet, das alles rheinische und westfälische verteufelt und leugnet.

    Hier zu zwei Links, die Deutlich machen, dass manches im Ruhrgebiet älter ist als das Ruhrgebiet selbst, und das es aber auch noch was anderes ist:

    1125 Jahre Duisburg
    http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2008/09/05/lokdu_02.xml

    Restfalen
    https://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2007/12/05/lokdo_01.xml;jsessionid=5B2FBEE234000B079DEEBC0607BE5E91.mediathek2?rankingid=1&rankingtype=video&rankingcount=3&regionid=413&rankingvisible=mostviewed

    NB

  • #12
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Nobby: Geschichte ist so wenig statisch wie es Grenzen und Regionen sind. Wo früher Westfalen war kann heute durchaus das Ruhrgebiet sein. Geschichtsbewußtsein heißt, sich dessen bewußt zu sein, aber auch mit den heutigen Begebenheiten zu leben und zu arbeiten.

    Was die Landschaftsverbänden betrifft bin ich bei Dir: Deren Aufgaben kann man an das Land übertragen oder, wo es machbar ist, an die Kommunen. Im Kern braucht man diese Ebene nicht mehr.

    Ich glaube auch, dass es für das Ruhrgebiet wichtig ist mit dem Bergischen Land und dem Rheinland zu kooperieren. Aber genau deshalb möchte ich, dass wir uns hier zusammen tun: Damit wir über alles weitere mit Düsseldorf und Kökn reden können und bei diesen Verhandlungen als starke Einheit auftreten. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass alles auf ein Rhein-Ruhr-Gebiet zuläuft – aber diesen Prozess will ich mit einem Ruhrgebiet gehen, das auf Augenhöhe mit seinen Partnern verhandeln.

    Nun zur Arroganz: Es gibt einen Mentalitätsunterschied zwischen dem Ruhrgebiet und Westfalen. Zwischen Köln und dem revier ist er deutlich geringer. Dass wir auf diesen Unterschied stolz sind, ist OK. Und ein wenig schwingt da auch der Stadt-Land Gegensatz mit. Auf dem Land kann man Rad fahren – da zu leben ist für mich und viele andere unvorstellbar. Darüber zu witzeln ist OK. Die Bauern soll sich mal nicht so anstellen.

  • #13
    Arnold Voß

    Nobby, sie werfen dem Ruhrgebiet Rückwärtsgewandtheit vor und empfehlen dann 2 Websites in denen es um nichts anderes geht.Nur eben für Dortmund/Westfalen und für Duisburg/Rheinland. Nein, das führt alles nicht weiter. Und industrielle Arbeitsplätze zusammen mit diesbezügliche produktionsbezogenen Dienstleistungen (Forschung, Marketing, usw.) sind auch keine Folklore sondern haben auch in Ruhr, ja in ganz NRW Zukunft.

    Schauen sie nochmal auf das aktuelle Städteranking und ich kann es denn Dortmunder und Duisburger Traditionlisten auch nur empfehlen. Die Problemlagen beider Städte und derer die dazwischen an der Ruhr und der Emscher liegen sind weitaus näher beieinander als deren unzweifelbare Beziehung z.B. zu Düsseldorf oder Münster oder Arnsberg.

    Düsseldorf hatte aus gutem Grunde bislang nicht die geringste Neigung z.B. Duisburg mit ins Boot bzw. in sein Stadtgebiet zu übernehmen. Die Lebensverhältnisse in Münster und dem größten Teil des Münsterlandes sind geradezu konträr zu denen in der Dortmunder Nordstadt. Wer das nicht sehen will, der will es halt nicht sehen.

    Handlungs- und kooperationsorientiert allerdings ist der erste Schritt zu einem weltweit konkurrenzfähigen NRW ein wie auch immer geartetes Städtebündnis der Gemeinden an Esmcher und Ruhr , das endlich mit der internen Konkurrenz um Dinge, Einrichtungen, Arbeitsplätze usw. Schluß macht, die es eben nicht in jeder Stadt geben kann oder sollte.

  • #14
    Nobby

    @Stefan, Genau das ist es. Geschichte ist so wenig statisch wie es Grenzen und Regionen sind. Wo früher Westfalen war kann heute durchaus das Ruhrgebiet sein. Ruhrgebiet hat vieles überdeckt, Es hat aber in manchen Bereichen z.b. in Dortmund Westfalen nicht komplett abgelöst. Man denke nur mal daran, das beim BvB immer noch das Westfalenlied gesungen wird.

    Mentalitätsunterschiede?
    Kann ein Stahlarbeiter aus Krefeld so viel anders sein, als einer aus Duisburg.
    Ich glaube nicht. Ich kenne aber auch Menschen, die aus Emmerich, Moers oder aus Solingen zum Tanzen nach Oberhausen fahren. Sie sind auch nicht anders.

    @Arnold Voß, Tradition ist nichts rückständiges, sondern ein bewusstes Handeln. Tradition im Sinne eines kulturellen Erbes im Ruhrgebiet kann aber nicht erst mit dem Beginn des Ruhrgebiet anfangen. Da ist aber die Stadt Duisburg ein gutes Beispiel. Die Stadt hat noch eine Stadtmauer, die Stadt war schon immer Hafenstadt, und in dieser Stadt begann der Hellweg. Und die Stadt ist 1125 Jahre alt.
    Sollen wir dieses Bewusstsein nicht mehr pflegen?

    Ein Ruhrgebiet, das sich nur auf Kohle und Stahl bezieht ist Rückwärtsgewandtheit. Das Ruhrgebiet muss sich aber weiterentwickeln. Es muss such aber auch wieder seine rheinischen und westfälischen Wurzeln bewusst werden.

    Was wird im dagegen nicht nur Ruhrgebiet benötigen, das ist eine bessere Bildung für alle, ausbildungswillige Menschen und gute Schulen.
    Ob das die Dortmunder Nordstadt, oder auch Köln-Kalk ist. Wir benötigen in NRW eine bessere Bildung
    Wir benötigen auch Politiker, die mit allen Nachbarstädten zusammen arbeiten, egal ob das jetzt Rheinland oder Ruhrpott ist.
    Politiker aus Essen sollten auch nicht fordern das Duisburg nicht mit seinen rheinischen Nachbarn Düsseldorf und Krefeld zusammen arbeiten darf.

    Ich finde, wir sollten keine neuen Grenze um das Pott hochziehen, und die hälfte der Niederrheiner zu Ruhrpottlern erklären.

    Ps. Tradition hat nichts mit Städteranking zu tun. München und Münster stehen ganz oben, und Aachen ganz unten. Die Mölmschen haben auch sehr viel Tradition stehen noch vor Köln.

    NB

  • #15
    Dirk E. Haas

    Jetzt muss ich doch nochmal den Misik posten (www.misik.at/sonstige/postdemokratie-ein-verhangniszusammenhang.php#more), schon alleine deshalb, weil er Ruhrgebietsstädte wie Castrop-Rauxel und Hamm in (fast) einem Atemzug mit der brasilianischen Vorzeigemetropole Porto Alegre nennt: Es geht um Formen direkter Demokratie.

    Leider haben Hamm und Castrop-Rauxel aufgehört, von Porto Alegre lernen zu wollen, und zwar ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als die Fördermittel ausliefen. Nach wie vor gilt also: Gut organisierte (und postdemokratisch legitimierte) Trägheit ? DAS ist das Problem (vulgo: der Verhängniszusammenhang) des Ruhrgebiets.

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