2

Um ihretwillen: Sophie Scholl vom Sockel holen

Maren Gottschalk, Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Foto: Cover C.H.Beck

Maren Gottschalk, Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Foto: Cover C.H.Beck

Sechs Flugblätter. Dazu ein halbes hundert Graffiti an Münchener Straßen. Das tatsächliche Werk der Weißen Rose ist überschaubar. Ihren Wert erhält die Studentengruppe aus ihrer Symbolkraft. Das geht vor allem auf ihr heute prominentestes Mitglied zurück: Sophie Scholl. Die 21 Jahre alt gewordene Frau ist längst zu einer Ikone des Widerstands geworden. Ihre Biografin Maren Gottschalk versucht nun, den Menschen unter dem Bildnis freizulegen.

Auf dem Cover von „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ ist eine junge Frau mit für die Zeit gewagten Kurzhaarschnitt zu sehen. Im Badeanzug. Sie räkelt sich Richtung Kamera. Fröhlich und burschikos. Einerseits. Aber durchaus auch lasziv, sich der Attraktivität ihres Körpers bewusst. Es ist eines der weniger bekannten Bilder Sophie Scholls. Eines, das nicht in das Bild passt, das sich die Deutschen von ihrer Heldin gemacht haben.

Bekannter sind die Bilder, die am 23. Juli 1942 am Münchener Ostbahnhof entstanden sind, wo Scholl die anderen Mitglieder der Weißen Rose verabschiedete, die zum Fronteinsatz nach Russland mussten. Sie zeigen Scholl in einer Strickjacke mit einer Margherite – mal in der Hand, mal im Knopfloch.

Zu dem Symbolbild Sophie Scholls schlechthin ist ihr Ausweisfoto geworden: Der Blick geht an der Kamera vorbei, scheint schüchtern. Die Gesichtszüge sind sanft. Die Frisur und der weiße Kragen verleihen dem Ganzen aber auch pietistische Strenge. „Aber gelt, Jesus?“, hat der Überlieferung nach Scholls Mutter beim Abschied in der Besucherzelle des Gefängnisses nach den Motiven für die Aktion ihrer Tochter gefragt. Und wie bei eben jenem Jesus am Kreuz, oder beim stilisierten Guevara, steht dieses Abbild Scholls längst für mehr als das, was die abgebildeten Person zu Lebzeiten vermocht hat.

“Jetzt haben sie Euch zur Legende gemacht/

und in Unwirklichkeiten versponnen/

denn dann ist einem, um den Vergleich gebracht/

auch das schlechte Gewissen genommen”,

Konstantin Wecker, “Die Weiße Rose”

Zu Zeiten der Nazi-Diktatur war die Weiße Rose und ihre Mitglieder eher unbekannt. Ihr Tod war eine Geschichte in den lokalen Zeitungen. Zusätzliche Prominenz erhielten sie durch eine Erwähnung in den Radioansprachen Thomas Manns. Zudem warf die Royal Air Force das sechste Flugblatt über Deutschland ab und die Rote Armee verbreitete es an der Front.

Doch das Zeug zu einem tatsächlichen Umsturz hatte die Weiße Rose nie. Sie verfügte nur über wenige strategisch wichtige Kontakte, ihr Umfeld war eher geistiger Natur. Die ersten vier Flugblätter erreichten eine Auflage von kaum mehr als 100 Exemplaren. Und mit akademischen Leadsätzen wie „Alle idealen Staatsformen sind Utopien“ oder „Man kann sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen, weil er ungeistig ist“ lassen sich keine Massen für einen Marsch nach Berlin mobilisieren.

Die Wirkungsgeschichte „Der Weiße Rose“ begann mit dem gleichnamigen Band, den die Scholl-Schwester Inge 1952 veröffentlichte. Doch mit der Zeit rückten die Mitglieder wie Willi Graf oder Alexander Schmorell in den Hintergrund. Auch der Chef der Gruppe, Hans, wurde fast nur noch als Teil der „Geschwister Scholl“ wahrgenommen, denn als eigenständige Person. Anders als seine Schwester Sophie Scholl.

Sophie Scholl eignet sich besser als Ikone

Der Grund dafür ist einfach: Sophie Scholl eignet sich besser zur Ikone als ihre männlichen Mitstreiter, die – wenn auch als Mediziner – an der „Ostfront“ mitgekämpft haben. Der Wert der Weißen Rose für das deutsche Gedächtnis liegt im Tod ihrer Mitglieder – vor allem aber in ihrer Unschuld.

Eine realistische Chance zum Umsturz hatte die Gruppe um Graf Stauffenberg. Doch ihre Mitglieder waren schuldig. Wegen ihrer Verwicklung in Aufstieg des Dritten Reichs, Beginn seines industriellen Völkermordes und des Weltkrieges. Aber auch weil sie erst zur Tat entschlossen waren, als nach der Landung in der Normandie klar war, dass die Niederlage im Krieg nur noch eine Frage der Zeit ist.

Die Mitglieder der Weißen Rose waren gerade so schuldig, wie es die Deutschen nach 1945 sein wollten: Ja, sie waren Mitglieder in Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel. Aber da ging es doch eher um Zusammensein und Erlebnisse im regionalen Wald. Holocaust und Krieg? Das war doch in Berlin, oder besser noch in Polen oder Russland. Davon hat doch keiner was gewusst.

Wer war nochmal Oskar Schindler?

Das war die eine Legende, mit der die Deutschen nach 1945 andere, vor allem aber sich selbst belogen. Die andere war die, dass den Nazis nicht zu folgen, zwangsläufig den Tod nach sich zog. Nun war Widerstand gegen das Regime tatsächlich gefährlich und hat oft genug das Leben gekostet. Doch die Logik des Folgens oder Sterbens stimmt auch nicht.

Bis zu Spielbergs „Schindlers Liste“ spielte Oskar Schindler in der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“ nur eine geringe Rolle. Der Industrielle hatte vorgemacht, wie man Menschen retten und dabei selbst überleben kann. Und wer weder die Möglichkeiten noch den Schneid hatte, zum Retter zu werden, der musste auch nicht zum Verräter werden. Auch wäre keiner verhaftet worden, weil er nicht von „Arisierungen“ profitiert hätte oder bei der Auflösung der Wohnungen von Deportierten deren Wertgegenstände erramscht hätte.

Doch diesem Teil der Geschichte des „Dritten Reiches“ wichen und weichen die Deutschen immer noch aus. Dann lieber Filme über die Weiße Rose drehen. Da sind die Deutschen Dichter und Denker und gegen Hitler. Nur dürfen sie es nicht zeigen, sonst sterben sie. Basta. Mit diesem Trick konnten sich die Deutschen selbst belügen und für Widerstandskämpfer halten, die lediglich nicht zum Tod bereit waren.

Biografin erweckt den Menschen Sophie Scholl

Dieser Umgang ist der postume Missbrauch einer nur 21 Jahre alt gewordenen Frau, die auf das Ende des Krieges, die Mondlandung, den Fall der Mauer und das Vereinte Europa verzichtete, um das – wenn auch nur kurz – zu leben, was ihr wichtig war: der Gedanke, der Zweifel, die Erkenntnis, die Übereinstimmung von Gedanke und Tat vor allem aber die Freiheit, dies auszudrücken.

Diesen Mensch erweckt Maren Gottschalk in „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ wieder zum Leben. Die Weiße Rose taucht erst im letzten Viertel des Bandes auf. Größere Teile sind indes dem Heranwachsen Scholls gewidmet sowie ihrer Liebe zu Fritz Hartnagel.

Der Leser erfährt vom Mutterwunsch Sophie Scholls und auch sonst manches, was das starre Dasein einer Ikone gefährdet: Dass sie an der Schule manchmal und an der Universität immer öfters faul war, Unterricht und Vorlesungen schwänzte. Dass sie klüger war als viele Mitmenschen, aber nicht immer klug genug, sie das nicht auch wissen zu lassen. Oder dass sie als BDM-Führerin umstritten war – aber nicht weil sie kritisch gegenüber Hitler war, sondern burschikos und mitunter übertrieben ehrgeizig auftrat.

Legendenbildung Scholls hinterfragt

Biografien zur Weißen Rose gibt es mittlerweile viele. „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ hat trotzdem eine Berechtigung, obwohl es schon das zweite größere Werk Gottschalks über Sophie Scholl ist. Die Autorin ist knietief in der Quellenlage, hat nicht nur das Material zu Sophie Scholl, sondern auch das zu den anderen engeren und weiteren Mitgliedern der Weißen Rose ausgewertet.

Zum Stil Inge Scholls gehörte es, Anekdoten aus der Jugend ihrer Schwester zu erzählen, die den Weg Sophies zur Widerstandskämpferin als vorgezeichnet erscheinen lassen. Legenden zur Ikonenbildung. Gottschalk hat diese nicht nur aufgegriffen, sondern auch ihren Wahrheitsgehalt überprüft – und oft genug deren realen Gehalt als zweifelhaft dargestellt.

Eine Episode in Scholls Leben war lange Zeit nicht bekannt: die Art ihres Verhältnis zu Fritz Hartnagel. Er, aber auch Scholls Familie, verhinderten lange, dass der vollständige Briefwechsel und das vollständige Tagebuch veröffentlicht wird. Das diente dem Schutz der eigenen Intimsphäre, trug aber auch zur Ikonisierung bei.

“Ihr wärt’ heute genau so unbequem/

wie alle, die zwischen den Fahnen stehen/

denn die aufrecht gehen, sind in jedem System/

nur historisch hoch angesehen”,

Konstantin Wecker, “Die Weiße Rose”

In „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ erfährt der Leser etwas über eine 19 Jahre junge Frau, die mehrere Wochenenden mit ihrem Freund verbringt – danach aber bereut, was im Hotelzimmer passiert ist. Die auch Wochenenden mit dem Freund ihrer älteren Schwester verbringt, was das Verhältnis zu ihr mitunter schwer belastet.

Das ist letztlich die Lektüre, die tatsächlich zum Menschen Sophie Scholl führt. Wer das vertiefen will, sollte zu „Damit wir uns nicht verlieren“ greifen. In dem Band sind Briefwechsel und Tagebucheinträge – soweit erhalten – vollständig veröffentlicht. Zu Tränen rührend sind die Briefe Hartnagels, die dieser nach dem Tod seiner Geliebten schrieb, ohne zu der Zeit von ihrem Schicksal zu wissen. Doch Gottschalk gibt eine gute Zusammenfassung und ordnet die Episoden in den Kontext ein. Den des Menschen Sophie Scholl.

Das ist mehr als nur eine autobiografische Tat. Als Ikone ist Scholl ein Symbol, das von jedem nach seinem Gusto eingesetzt werden kann. Zu diesem Zweck ist es wichtig, darauf zurückzugreifen, wofür die Ikone als Mensch tatsächlich gestanden hat. In Scholls Fall sind das in erster Linie die Flugblätter.

Darin fordert die Weiße Rose einerseits ein Europa, das zusammenarbeitet. Andererseits sprechen sich die Mitglieder gegen jede Form der Zentralisierung aus. Man stelle sich vor, wie eine Sophie Scholl heute vorschlägt, Europa zu stärken, indem der Brüsseler Zentralverwaltung Rechte genommen werden… Viele würden über sie herfallen, deren Haltung schon auf für Scholl ausgerichteten Gedenkveranstaltungen strammgestanden hat.


Maren Gottschalk, „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ ist bei C.H.Beck erschienen und für 24 Euro im Handel erhältlich.

Biografin Maren Gottschalk schafft es, wieder den Menschen hinter der Ikone Sophie Scholl zum Vorschein zu bringen.
RuhrBarone-Logo

2 Kommentare zu “Um ihretwillen: Sophie Scholl vom Sockel holen

  • #1
    Bochumer

    Oh je… ein wirklich nichtssagender Artikel… irgendwie vorwurfsvoll (taugt nicht zur Ikone) und dann doch irgendwie langweilig (hat die Schule geschwänzt).

    Spannender ist die Frage, warum die Helden der Demokratie immer heilig sein sollen. Das gilt für die 89er, die 48er und die fast vergessenen 18er, gerade den letzten verdanken wir sehr viel. Da wird mit sehr strengen Maß gemessen. Warum eigentlich?

    Es hat schon Mit gebraucht, dass bisschen Sand ins Getriebe des Nazi-Uhrwerks zu streuen. Den hatten nur wenige.

  • #2
    Berthold Grabe

    Letztlich ist die Schuldthese auch nur ein Mythos, der wiederum Schuld auf das Kollektiv verteilt.
    Persönliche Verantwortung negiert oder relativiert.
    Dabei hat doch die jüngere Geschichte längst diese These widerlegt.
    Die DDR ist perfektes Anschaungsmaterial wie Menschen in einer Diktatur sich verhalten in einem von Angst geprägten Klima. Alleine die Zahl der IM´s müsste man nach der überholten Schuldthese ebenso werten, was Wissen oder Verantwortung angeht.
    Und die DDR befand sich zu keinem Zeitpunkt im Krieg, keine Bomben, kein Hunger.
    Wirklich verstrickt waren in Nazideutschland nur ein paar Millionen, der Rest lavierte sich durch oder Beschäftigte sich mit dem eigenen Überleben.
    Und was Plünderungen angeht, so muss man sich doch nur die Plünderungen der linken Szene heutzutage anschauen, wo ist da der Unterschied?
    Menschen ändern ihr Verhalten nicht weil andere Menschen irgendwo umgebracht werden. Dafür fehlte meistens der unmittelbare Bezug oder die Möglichkeit.
    Ich kenne persönliche Augenzeugenberichte über die Synagogenbrände und versteckte Juden in der Provinz und dem extrem hohen Risiko, das dies bedeutete. Die Schlägertrupps wurden eigens von außerhalb angekarrt, dort wo es sonst nicht funktioniert hätte..
    Diesbezüglich war Deutschland ein Flickenteppich wie die Herrschaftsgebiete des alten deutschen Reiches.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.