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Unstatistik des Monats: Armut ist nicht Ungleichheit

In Kooperation mit dem RWI-Essen veröffentlichen wir einmal monatlich vorab die Unstatistik des Monats. Diesmal geht es um den Armutsbegriff. Von unserem Gastautor Walter Krämer.

Die Unstatistik des Monats Oktober heißt 15,8% und kommt vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden: „15,8 % der Bevölkerung waren 2010 armutsgefährdet“ meldeten die Amtsstatistiker am 17. Oktober 2012.

Die Zahl ist korrekt, nicht aber deren Interpretation. Als „armutsgefährdet“ gilt, wer jährlich netto weniger als 11.426 Euro zur Verfügung hat. Der Hauptkritikpunkt ist die Berechnung dieser Armutsgrenze. Dazu nimmt man europaweit 60 % des Durchschnittseinkommens. Wenn sich also alle Einkommen verdoppeln, verdoppelt sich auch die Armutsgrenze, und der Anteil der Armen ist der gleiche wie vorher.

Ferner ist in armen Ländern die Armutsgrenze kleiner als in reichen. Zieht also ein Gastarbeiter aus Portugal, der hier im Jahr nur 11.000 Euro zur Verfügung hat, in seine Heimat zurück, nimmt die kollektive Armut in Deutschland und Portugal gleichermaßen ab. Denn in Deutschland ist man mit 11.000 Euro jährlich arm, in Portugal dagegen nicht. Selbst wenn besagter Portugiese zuhause nur 7.000 Euro jährlich hätte, wäre er dort statistisch-offiziell nicht arm.

Jeder am Durchschnittseinkommen festgezurrte Armutsbegriff misst daher nicht die Armut (wie beispielsweise die Definition der Weltbank, die alle Menschen als arm einstuft, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben müssen), sondern die Ungleichheit. Deshalb ließe sich auch die in den deutschen Medien aufgrund der obigen Statistik oftmals beklagte Armut sehr leicht dadurch beheben, dass man beispielsweise allen Menschen in Deutschland die über die derzeitige Armutsgrenze hinausgehenden Einkommen wegnähme und nach Peking an die chinesische Staatsbank überwiese. Dann wären die Einkommen hierzulande gleichmäßiger verteilt, die neue Armutsgrenze läge sehr viel niedriger, und die Armut wäre nahezu vollständig verschwunden.

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20 Kommentare zu “Unstatistik des Monats: Armut ist nicht Ungleichheit

  • Pingback: Aufgelesen … Nr. 31 – 2012 | Post von Horn

  • #2
    der, der auszog

    Was soll mir dieser Artikel sagen, außer das, was gemeinhin schon das Sprichwort: „Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast“ ausdrückt?

    Die Erkenntnis, dass der Armutsbegriff ein relativer ist, weil er in Portugal andere Rahmenbedingungen hat als in Deutschland, dürfte eigentlich jedem schon vorher klar gewesen sein.

    Interessieren würde vielmehr, wie die Alternative zur Unstatistik aussehen könnte. An welchen Kriterien sollte man die Armutsgrenze festmachen? Wann gilt man Ihrer Meinung/Erkenntnis nach als armutsgefährdet, Herr Kramer?

  • #3
    at

    Gilt nicht derjenige als arm, der etwas als „Unstatistik“ bezeichnet? Wo sind eigentlich diese Sprachschützer, wenn man sie mal braucht?

    Zum Thema: Wann immer es zu passen scheint, kennen die Wirtschaftsinstitute die Gesetze des Marktes, Stichwort: Kaufkraftabschöpfung. Dieses Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge geht seltsamerweise stets nur dann verloren, wenn es stören könnte.

    @der, der auszog: Als arm gilt der, der am Lehrstuhl von Herrn Krämer promoviert, dabei 150% seiner 50%-Stelle für den Lehrbetrieb opfert und sich gefallen lassen muss, das auf seinem Buch hinterher der Name seines Doktorvater prangt – also praktisch niemand.

  • #4
    Helmut Junge

    Der Autor ist ja Professor.
    Und Professoren können sich nur selten in Position anderer Menschen versetzen,
    selbst, wenn diese auch Beamte sind. Aber sich in die Situation von Menschen, die nicht einmal pensionsberechtigt sind, zu versetzen, dürfen wir nun wirklich nicht von ihnen verlangen.
    Es ist zwar zwecklos, aber ich versuche es mal mit einer einfachen Erklärung.
    11 426 Euro im Jahr sind weniger als 1000 Euro im Monat.
    Wer eine Mietwohnung hat, und dafür 500 Euro Miete zu zahlen hat, dem bleiben nur noch weniger als 500 Euro für alles übrige. Aber er kann natürlich auch eine Wohnung suchen, die weniger kostet. Dort wäre er dann mit anderen Menschen zusammen, die ebensowenig Geld haben. Dort kommt allerdings nie ein deutscher Professor auf Lebenszeit hin. Professoren an deutschen Unis haben es eben leichter als Professoren in vielen anderen Ländern.

  • #5
    Walter Stach

    -2-Der,Der…….-und Andere-

    Unbestritten ist die Relativität des Begriffes Armut, und das gilt völlig unabhängig von der hier diskutierten Statistik und ihrer Auslegung.

    Deshalb wäre es doch nur trivial, wenn ich ausführlich begründen würde, daß das Einkommen eines sog.HartzIV-Beziehers und des daraus zu finanzierende Lebensstandartes in Relation zu den Einkommen vieler Menschen in anderen Ländern dieser Welt, aber beispielsweise auch in Relation zu den Einkommen und Lebensverhältnisssen vieler Menschen in Deutschland in den Nachkriegsjahren ab 1945,kein Beleg für Armut ist.

    Ebenso trivial wäre es, Unverständnis zu äußern und dieses zu begründen versuchen, wenn ein Hartz IV-Bezieher sein Einkommen und seinen daraus zu finanzierenden Lebensstandard gemessen am Einkommen und am Lebensstandard „Anderer“ in Deutschland, vor allem gemessen am Einkommen und Lebensstandard der 1o% Reichen in Deutschland, als Indiz für „seine Armut“ anführt.

    Relative Armut ? Objektive Kriterien für Armut?

    1.
    Für mich können die Kriterien, so problematisch sie im einzelen sind, die der Berechnung der Hartz-IV-Regelsätze zu Grunde liegen, helfen bei dem Versuch, sich einer Objektivierung des Begriffes „Armut in Deutschland“ anzunähern -mehr abe auch nicht.

    2.
    Für mich gibt es -unstrittig sehr subjektiv bestimmt- ein anderes Kriterium, daß ich bei dem Versuch einer Annäherung an eine Objektivierung des Begriffes Armut vorziehe.

    Gibt es in der betreffenden Gesellschaft Kinder, und zwar viele Kinder, ggfls.sogar eine Mehrheit von Kindern, die nicht die Chance haben, den Kindergarten,die Grundschule,die weiterführenden Schulen, die Hochschulen kostenlos zu besuchen?
    -Im Kindesalter ganztagsbetreut,ganztagsverpflegt, und zwar kostenlos-.

    Ist das nicht der Fall, herrscht in der betr.Gesellschaft Armut, ich könnte auch sagen, sind die Zustände in der Gesellschaft, in dem Land „armselig“.

    Ich würde es deshalb auch für sinnvoller, für zielführender und halten, anhand dieses Kriteriums in Deutschland und weltweit über Armut zu diskutieren, also bei uns nicht nur darüber, ob die jetzigen HartzIV-Regelsätze ein Beleg für oder gegen Armut von Menschen in Deutschland sein könnten.

    Und wenn ich mein subjektives Armutskriterium auf Deutschland beziehe?
    Ja, dann sind wir ein Land, in dem Armut herrscht!

  • #6
    MalEhrlich

    Nur weil das Ganze „Institut“ heisst, handelt es sich gerade beim RWI nicht um unabhängige Forschung, sondern um Auftragsarbeit, um gerade soziale Aspekte und Auswirkungen der hiesigen Wirtschaftspolitik im Sinne der Arbeitgeberverbände, BDI etc. als positiv unter das Volk zu bringen.,

    Wäre ja nicht so, dass es unzählige Artikel sogar über die perfide Meinungsmache der „Unstatistiken“ des RWI geben würde.^^

  • #7
    Stefan Laurin

    @MalEhrlich: Walter Krämer ist Professor an der TU Dortmund. Das RWI gehört zu den Leibniz-Instituten und wird vor allem aus Bundesmitteln finanziert. Christoph M. Schmidt, sein Leiter, gehört zu den sogenannten Wirtschaftsweisen. Und ja: häufig kommen das RWI und die anderen Wirtschaftsforschungsinstitute zu anderen Ergebnissen als die Singspielgruppe „Wirtschaft“ des Bullerbü-Kindergartens, die Grünen oder Attac. Könnte daran liegen, dass sie Ahnung haben.

  • #8
    Walter Stach

    Stefan, hälst Du wirklich das RWI und dessen Leiter für unabhängige, nicht ineressenoriente, nur der (Wirtschafts-) Wissenschaft verpflichtete Akteure auf einem Spielfeld, das dazu dient, handfeste wirtschaftliche Ziele und damit
    machtpolitische Interessen auszutragen und durchzusetzen?

    Ich habe das ‚mal geglaubt!

  • #9
    Stefan Laurin

    @Walter Stach: Ich halte das RWI für eine hochkompetente und unabhängige wissenschaftliche Einrichtung. Ich habe mit dem RWI seit zehn Jahren, also schon vor Schmidt, immer wieder zu tun. Die Gespräche dort sind spannend und offen. Das ganze Team ist sehr selbstkritisch. Sicher eine der besten Adressen in Deutschland wenn es um volkswirtschaftliche Fragestellungen geht – und die beste Adresse im Ruhrgebiet sowieso.

  • #10
    paule t.

    Wenn der Autor so unglaublich viel Ahnung hat, so viel, dass man neben ihm Organisationen wie attac und Grüne gleich zum Kindergarten erklären kann, wundere ich mich, dass er nicht einmal den einen zentralen Fachbegriff seines Artikels richtig definieren kann. Ich sag mal, zumindest das kann attac.
    Die hier verwendete Armutsgrenze bemisst sich nicht, wie im Artikel behauptet, nach dem Durchschnitts-, sondern nach dem Medianeinkommen. (Wer den Unterschied nicht kennt: Wikipedia hilft.) Das ist keine Haarspalterei, sondern ein wesentlicher Unterschied in der Betrachtung, wer arm ist.

    Und ja, Armut ist natürlich auch ein relativer Begriff. Von den allerdringendsten Grundbedürfnissen abgesehen, besteht Armut nun mal im Wesentlichen darin, aus materiellen Gründen am gesellschaftlichen Leben schlechter teilhaben zu können. Natürlich bemisst sich das auch daran, wie dieses gesellschaftliche Leben materiell geprägt ist. Jemanden, der das einfach so per Diffamierung als „Unstatistik“ als unwesentlich schönredet, kann ich als Fachmann in wirtschaftlich-sozialen Fragen nicht wirklich ernst nehmen.

  • #11
    Marek

    @Paule T.: Dieser Text wurde nicht für Leute geschrieben, die Statistik studiert haben. Er bringt dem bisher vielleicht kritischen, aber nicht mit wirtschaftlicher Weisheit gesegneten Leser das Problem der Interpretation von Statistiken näher. Dieser LEser kennt i.d.R. nicht den Begriff des Medians. Müsste dieser erklärt werden, wäre der Artikel noch um ein apar umständliche Sätze länger. Als Durchschnitt versteht man gemeinhin einen Mittelwert. Dies kann der von dir genannte Median sein oder das arithmetische Mittel, das du wahrscheinlich mit Durchschnitt meinst. Soviel zur Fähigkeit zu definieren.

  • #12
    Arnold Voß

    Auch Stefan bezweifelt doch nicht, dass man in Deutschland mit 11.426€ arm ist und natürlich auch nicht das RWI-Essen. Bei der Frage nach dem was Armut bedeutet geht es aber nicht nur um konkrete Zahlen und Relationen, sondern um die Frage nach der Menschenwürde.

    In den USA wurde der generelle Mindestlohn genau mit dieser Begründung vom damaligen Präsidenten Roosevelt eingeführt bzw. politisch durchgesetzt: dass der Mensch seine Würde verliert, wenn er durch seine Arbeit nicht mehr seinen Lebensunterhalt verdienen kann.

    Konkret heißt das, dass er arm bleibt, selbst wenn er arbeitet und das damit, um auf Walter Stach (#5) einzugehen, auch seine Kinder arm sind und damit in ihren Lebenschancen nachhaltig beeinträchtigt werden.

    Auch der heutige Ruf nach dem bedingungslosen Grundeinkommen geht von der Idee der Menschwürde aus, beansprucht es aber nicht nur für die, die nicht arbeiten können, sondern auch für die, die nicht arbeiten wollen.

    Der Kampf gegen die Armut ist deswegen keine Frage der Umverteilung im Nachhinein sondern einer der Grundteilhabe und des Grundeinkommens, das jedem Mensch zusteht, selbst wenn er nicht arbeitet, und nach dem Mindestlohn/Gehalt für alle die, die einer Arbeit nachgehen.

    Nur beides zusammen funktioniert und ist in so hoch produktiven Gesellschaften wie sie die entwickelten Industrie- und Dienstleistungsländer darstellen auch ohne grundsätzliche ökonomische Verwerfungen möglich. Politisch durchsetzbar scheint diese einzig sichere, nachhaltige und sehr wahrscheinlich auch kostengünstigste Art der Armutsbekämpfung zur Zeit allerdings nicht zu sein.

  • #13
    Martin Budich

    Paule T. hat in seinem Beitrag schon darauf hingewiesen, dass Walter Krämer offensichtlich nicht einmal den Unterschied zwischen den statistischen Werten der zentralen Tendenz kennt und hier einiges durcheinander bringt. Was soll also so ein dummer Beitrag? Er soll Armut relativieren.
    Wahrscheinlich ist Walter Krämer einer der nettesten und aufgeschlossensten Wirtschaftsprofessoren. Hier wird Stefan Laurin bestimmt in seiner Einschätzung Recht haben. Nur muss man wissen, dass seit 20 Jahren kein Hochschullehrer im Bereich Ökonomie mehr an einer deutschen Uni berufen wurde, der nicht die herrschende neoliberale Ökonomie vertritt. Die etablierten Institute werden von solchen Leuten geprägt. Hier ist der Einäugige König unter den Blinden.

  • #14
    Helmut Junge

    @Arnold, es geht nicht um das statistisch ermittelte Zahlenmaterial, sondern um die Bewertung dieser Zahlen. Bewertungen aber hängen immer vom persönlichen, hier politischem Standpunkt ab. 15,8% der Bevölkerung liegen mit ihrem Einkommen unterhalb von 11426 Euro im Jahr. Diese 11426 entsprechen aber laut Definition der EU genau 60% des durchnittlichen Einkommens in Deutschland. Die Zahlen sind schon länger hoch, aber die Bewertung wurde aber erst interessant, als die Zahl plötzlich als zu groß erschien. Immerhin ist das jeder sechste Einwohner. Und die Zahl wächst noch. Das kann, darf doch nicht sein. Das erschreckt nicht nur die Regierung. Deshalb, und weil ein schwieriger Wahlkampf vor der Tür steht, wird die Interpretation plötzlich zum Thema. Spannend finde ich den „Streit über Reichtumsbericht“ innerhalb der Regierungsparteien http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/debatte-ueber-armuts-und-reichtumsbericht-a-857049.html Die Diskussion darüber gehört in den gleichen Komplex wie die Diskussion hier. Wer die Augen davor verschließen möchte, dass es in Deutschland eine immer größer werdende Zahl von Menschen gibt, die mit ihrem Einkommen keine Zukunft für sich und ihre Kinder aufbauen können, der mag es tun. Aber an der öffentliche Debatte darüber kommt die Regierungskoalition nicht vorbei. Und da stehe ich, anders als bei einer Diskussion vor 10 Tagen, voll auf der Seite des Sozialdemokraten @Walter Stach. @Martin Budich, „Nur muss man wissen, dass seit 20 Jahren kein Hochschullehrer im Bereich Ökonomie mehr an einer deutschen Uni berufen wurde, der nicht die herrschende neoliberale Ökonomie vertritt. Die etablierten Institute werden von solchen Leuten geprägt. “ Genau darüber habe ich kürzlich einen Artikel gelesen, der feststellt, dass es aber trotz des weltweiten Umdenkens an den Hochschulen anderer Länder, in Bezug auf den Neoliberalismus, hier in Deutschland nur selten eine Veränderung im universitären Bereich gibt. Im Artikel, den ich leider nicht mehr gefunden habe, wird als Grund angegeben, dass es hier, im Gegensatz zu angelsächsischen Ländern Professorenstellen auf Lebenszeit gibt, die einen Austausch der Ansichten unmöglich machen. Aber bekannterweise ist Deutschland wissenschaftlich im Weltmaßstab nicht mehr bedeutend.

  • #15
    Dwayne Hoobler

    Der Begriff der Armut ist komplex und vielschichtig und daher kaum in einer statistischen Größe zu fassen. Ein Blick auf Wikipedia reicht aus, um die Konzepte der relativen und absoluten Armutsmessung zu verstehen. Herr Krämer kritisiert den Begriff der relativen Armut wie folgt: „Jeder am Durchschnittseinkommen festgezurrte Armutsbegriff misst daher nicht die Armut (wie beispielsweise die Definition der Weltbank, die alle Menschen als arm einstuft, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben müssen), sondern die Ungleichheit.“ Kann das vielleicht daran liegen, dass Armut sich in gesellschaftlicher Ungleichheit widerspiegelt? Und meint Herr Krämer dann allen Ernstes, es gäbe eine absolute Armutsgrenze, die den realen gesellschaftlichen Gegebenheiten angemessen wäre? Beide Konzepte zur Armutsmessung sind problematisch und können ad absurdum geführt werden. Die Meldung des Statistischen Bundesamtes besagt inhaltlich, dass in Deutschland fast jede sechste Person über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens verfügt. Darin keine Armutsgefährdung zu sehen, gelingt wahrscheinlich nur jemandem, der selbst weit von den 952 Euro netto monatlich entfernt ist. In diesen Zusammenhang von einer „Unstatistik“ zu sprechen ist unzutreffend und irreführend. Es drängt sich der Eindruck auf, dass verhindert werden soll, eine unangenehme gesellschaftliche Realität zu verdeutlichen. Eine unvoreingenommene wissenschaftliche Diskussion sieht jedenfalls anders aus.

  • #16
    paule t.

    @ #12 | Arnold Voß
    „Auch Stefan bezweifelt doch nicht, dass man in Deutschland mit 11.426€ arm ist und natürlich auch nicht das RWI-Essen.“

    Der Autor schreibt, der in der Statistik verwendete Armutsbegriff „misst daher nicht die Armut […], sondern die Ungleichheit“. Wie soll ich diese Aussage denn verstehen, wenn nicht so, dass man mit so wenig Geld eben nicht unbedingt armutsgefährdet ist? Ein Spiegel-Artikel, der sich auch auf den Autot stützt, trägt die Überschrift: „So wird Deutschland arm gerechnet“, Tenor also auch: Sooo viele sind gar nicht arm.
    Diesen Sinn hat ja auch das Beispiel des Umzugs nach Portugal: Es wird suggeriert, dass der Armutsbegirff unsinnig sei, weil es ja Unsinn sei, dass man nur durch einen Umzug auf einmal nicht mehr arm sei, bzw. dass in beiden Ländern dadurch die Armut statistisch sinke. Es ist aber nicht unsinnig. Mit demselben Geldbetrag ist man in Portugal wohl tatsächlich deutlich besser an der Gesellschaft teilnehmen und ist deswegen tatsächlich webniger ausgeschlossen und damit relativ weniger arm.

    Eine Kritik kann man am auf Staaten angewandten relativen Armutsbegriff freilich üben: In Staaten mit im Inneren uneinheitlichen Lebensverhältnissen kann es auch intern durchaus sein, dass man in bestimmten Gegenden mit einem Geldbetrag gut auskommen und gesellschaftlich integriert sein kann, mit dem man sich in anderen Gegenden schon grundlegendste Dinge nicht leisten kann.
    Das liegt dann aber nicht daran, dass der relative Armutsbegriff unsinnig sei, sondern im Gegenteil daran, dass er nicht konsequent genug angewnadt wird.

    @ #11 | Marek
    „@Paule T.: Dieser Text wurde nicht für Leute geschrieben, die Statistik studiert haben. Er bringt dem bisher vielleicht kritischen, aber nicht mit wirtschaftlicher Weisheit gesegneten Leser das Problem der Interpretation von Statistiken näher. Dieser LEser kennt i.d.R. nicht den Begriff des Medians. Müsste dieser erklärt werden, wäre der Artikel noch um ein apar umständliche Sätze länger.“

    Den Begriff „Median“ muss natürlich nicht jeder kennen. Aber wer als Wissenschaftler die Verunglipmpfung solcher Statistiken als „Unstatistiken“ zum Thema eines ganzen Artikels macht und – angeblich – das kritische Lesen von Statistiken vermitteln will, sollte nicht selbst einen schlicht falschen Begriff verwenden, sondern eben notfalls erklären.

    A“ls Durchschnitt versteht man gemeinhin einen Mittelwert. Dies kann der von dir genannte Median sein oder das arithmetische Mittel, das du wahrscheinlich mit Durchschnitt meinst.“

    Nein; der Durchschnitt ist das arithmetische Mittel und nicht irgendein Mittelwert, auch im allgemeinen Sprachgebrauch. Und der Unterschied ist auch nicht gering: Laut Eurostat lag 2011 in Deutschland der Durchschnitt des Jahresäquivalenzeinkommens bei 21.549, der Median hingegen bei nur 19.043 – also 2.506 Euro Unterschied! Entsprechend groß wäre der Unterschied bei der danach berechneten Grenze der Armutsgefährdung – würde diese nach dem Durchschnitt berechnet, läge sie um 60 % davon, also ca. 1500 pro Jahr, höher.

  • #17
    Dwayne Hoobler

    Dass Herr Krämer (immerhin Autor des Buches „So lügt man mit Statistik“ und Professor für Statistik an der TU Dortmund) Median und arithmetisches Mittel verwechselt, ist schon sehr peinlich. Im letzten Absatz seines Beitrags schreibt er: „Deshalb ließe sich auch die in den deutschen Medien aufgrund der obigen Statistik oftmals beklagte Armut sehr leicht dadurch beheben, dass man beispielsweise allen Menschen in Deutschland die über die derzeitige Armutsgrenze hinausgehenden Einkommen wegnähme und nach Peking an die chinesische Staatsbank überwiese. Dann wären die Einkommen hierzulande gleichmäßiger verteilt, die neue Armutsgrenze läge sehr viel niedriger, und die Armut wäre nahezu vollständig verschwunden.“ Dies wäre aber nur zutreffend, wenn das Durchschnittseinkommen über den arithmetischen Mittelwert berechnet würde; da es aber über den Median berechnet wird, ist die Aussage schlichtweg falsch. Der Median teilt bekanntlich die Grundgesamtheit der nach Einkommen angeordneten Personen so in zwei Hälften, dass sich sowohl unterhalb wie auch oberhalb des Medians gleich viele Personen befinden. Würde man jetzt Herrn Krämers albernen Vorschlag realisieren und sämtliche Personen aus der oberen Hälfte zwangsweise auf das Medianeinkommen setzen, würde sich der Median nur minimal nach unten verschieben und somit die Armutsgrenze nahezu unverändert bleiben.
    Peinlich ist in diesem Zusammenhang nicht nur die Unkenntnis grundlegender statistischer Konzepte, die ich mir in meinem Studium nicht ungestraft hätte leisten können, sondern auch, dass offensichtlich niemand diese fehlerhafte Argumentation bemerkt. Soviel also zur kritischen Rezeption durch die wissenschaftliche „Community“. Dass damit auch noch das RWI auf seiner Homepage unter dem Titel „Unstatistik des Monats“ wirbt, ist bezeichnend.

  • #18
    paule t.

    @#17
    Nein, immerhin diese Aussage Krämers wäre trotz der Verwechslung richtig, da er von den „über die derzeitige Armutsgrenze hinausgehenden Einkommen“ spricht (also: 60 % des Medians). Da dann die Mehrheit exakt diese Summe als Einkommen hätte, wäre diese auch der neue Median, und die neue Armutsgrenze läge bei 60 % wiederum davon, also der alten Armutsgrenze.

    Dennoch bleibt dieses ganze Gedankenspiel natürlich einfach eine ziemlich dumme Polemik gegen den sehr sinnvollen Begriff der relativen Armut.

  • #19
    Helmut Junge

    Der Autor stellt der Armutsdefinition, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden für die Berechnung der Armut benutzt, die der Weltbank gegenüber, wenn er schreibt:
    „Jeder am Durchschnittseinkommen festgezurrte Armutsbegriff misst daher nicht die Armut (wie beispielsweise die Definition der Weltbank, die alle Menschen als arm einstuft, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben müssen), sondern die Ungleichheit.“
    Ich habe das nicht geglaubt, aber die Zahlen stimmen. Es ist tatsächlich so, daß mehr als eine Milliarde (!) Menschen weltweit sogar weniger als 1 US-dollar am Tag verdienen!
    Wie sähe eine solche Definition für Deutschland aus?
    Mal abgesehen davon, dass es keine Wohnung gibt, wie sieht es mit der Ernährung aus?
    Kann man sich von 1,25 US-Dollar in Deutschland ernähren?
    !00g Getreide haben etwa 300 kcal.
    Ein Erwachsener benötigt vielleicht 1800 kcal, also 600g.
    An der Börse heute: Weizenpreis an der Börse 265 Euro pro Tonne.
    Da kommt aber kein armer Einzelkunde dran. Der muß im Laden kaufen.
    In der Form von Vogelfutter kosten 600g aber schon 6 Euro.
    D.h. auf deutsche Verhältnisse bezogen wäre jemand mit 1.25 US-Dollar am Tag nicht arm, sondern tot.
    Und deshalb muß in Deutschland auch ein anderer Maßstab gesetzt werden.
    Dabei hat man sich überlegt, dass die Hungergrenze überschritten werden sollte.
    Das halte ich für vernünftig.
    Ob das jetzt der Median oder der Durchnitt ist, auf den sich diese Definition bezieht, ist aber gegenüber der barbarischen 1.25 US-Dollardefinition der Weltbank so gut wir belanglos.

  • #20
    derHarry

    … so so, Professor ist der Herr Walter Krämer?

    Aus dem Text:

    „Wenn sich also alle Einkommen verdoppeln, verdoppelt sich auch die Armutsgrenze, und der Anteil der Armen ist der gleiche wie vorher.“

    Neben den schon vorgetragenen „Schwächen“ des Textes ist auch das vorstehende Zitat im verwandten Kontext wohl mehr als politische Agitation denn als Information zu verstehen. Im anderen Fall hätte diese mathematische Binse unter c.p. gesetzt werden müsste – oder kann dieser Prof. einen praxisrelevanten Fall aufzeigen, in dem sich die Gehälter indifferent zum restlichen Marktgeschehen
    entwickeln?

    Dem Autor geht es doch klar erkennbar …

    Break:

    Habe gerade, nebenher, mal den Prof. gesucht: ist dass etwa dieser hier?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Krämer_(Ökonom)

    Wenn ja – schade um die Minuten, die ich hier gerade verblsen habe!

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