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„Unverlierbare Werte“ ?

Ludgerusbasilika in Werden Foto: Beckstet Lizenz: CC BY-SA 3.0

Im Sommer 1956 pilgerten 500 000 Besucher zur Ausstellung „Werdendes Abendland“ in der Villa Hügel. Von unserer Gastautorin Irmgard Bernrieder.

Im Ruhrgebiet nach Zeugnissen früher Geschichte und Kunst Ausschau zu halten, war Theodor Heuss zunächst ein fremder Gedanke. Das bekennt der Bundespräsident in seinem Katalog-Grußwort zur Ausstellung „Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr“ freimütig. Wir schreiben das Jahr 1956, das deutsche Wirtschaftwunder läuft langsam an, und sein Hauptmotor ist die Montanregion mit ihren Menschen, die in Zechen und Hochöfen schuften. Zusammengewürfelt aus verschiedenen europäischen Regionen, eint sie ihr Glaube. Essen steht für Kohle, Eisen und Stahl. Dass die Reichsabtei Werden im Frühmittelalter ein bedeutendes geistig-kirchliches Zentrum war, rückt erst jene Schau in der Villa Hügel ins allgemeine Bewusstsein, deren Echo noch lange nachhallte. Das kostbare Kirchenerbe eröffnete den Malochern und ihren Familien eine Dimension von Geschichtlichkeit, die den Arbeitsalltag überstieg und zur Identifikation einlud.

Eine halbe Million Besucher pilgerten vor 64 Jahren auf den grünen Hügel über dem Baldeney-See, um den Essener Domschatz zu bewundern und selten öffentlich gezeigten Zeugnissen christlicher Kultur ihre Referenz zu erweisen. „Ruhig, ja fast andächtig zog die Prozession der Besucher an den Vitrinen vorbei“, erinnerte sich Professor Ernst Althoff, der als junger Architekt fürs Konzept der Ausstellung verantwortlich zeichnete, im Gespräch. Im Zuge seiner Arbeit ergriff er wie viele seiner Generation, die zwischen 1934 und 1944 die Schulbank gedrückt hatten, die Gelegenheit, deutsche Geschichte zu rekapitulieren. In seiner neuartigen Präsentation erzeugte der Meisterschüler von Hans Schwippert ein klösterlich-asketisches Klima der Konzentration, indem er die dunklen, holzvertäfelten Wände des Industriellenwohnsitzes mit hellem Stoff bespannen und die Fenster mit lichtdurchlässigen Stoffbahnen verhängen ließ: als Gedenkraum für Zeugnisse 1000-jähriger christlicher Kultur und Inszenierungsplatform großer menschlicher Kunstfertigkeit zur höheren Ehre Gottes. Der Publikumsansturm kam völlig unerwartet, nur 5000 Kataloge waren in erster Auflage gedruckt worden und in kürzester Zeit ausverkauft. Die Grabsteine und Stelen im Foyer und eine Vielzahl von Objekten in den Vitrinen veranschaulichten Entwicklungen zwischen dem ersten und elften Jahrhundert. Sie  dokumentieren, chronologisch gegliedert, die Herrschaft der Römer, Merowinger und Karolinger bis hin zu den Ottonen. Eine Grundthese der Ausstellung: Die reichen Errungenschaften der Antike hätten ohne ihre Anverwandlung durch Germanen- und Christentum nicht überlebt. Dem Verschmelzen von römischer und germanischer Kultur im fränkischen Reich verdankt das Abendland seinen Aufstieg. Es führte nämlich – wie Renaissance-Denker irrtümlich gemeint hatten – kein direkter Weg in die europäische Neuzeit. Während in der differenzierten spätrömischen Welt Theologen, Philosophen und Dichter versuchten, mit Hilfe des Christentums ein neues transzendentes Welt- und Menschenbild zu erschließen, betrachteten die Germanen die irdische und die übersinnliche Welt als untrennbare Einheit. Ihre erste Blüte verdankte die rheinische Kirche ihrer Zugehörigkeit zur spätrömischen Reichskirche. Chlodwigs Taufe (469) markierte den Anschluss der Kirche an die herrschenden Franken. Mit des Fürsten Pippin Rückkehr in sein Stammland an Mosel und Maas begann die Verlagerung des politischen Zentrums ins Rheingebiet. Entscheidend für die weitere Entwicklung war die Begegnung der Karolinger mit den angelsächsischen, stark an Rom gebundenen Missionaren. Diese kräftigen Impulse von außen geboten dem Zerfall der fränkischen Kirche Einhalt. Der christliche Kultbau im Rheinland blickte zu Beginn der Karolingerzeit auf eine lange Tradition zurück, die in den christlich gewordenen Römerstädten wurzelte.

Den Menschen und seine Gestalt setzten zuerst die Hofkünstler Karls des Großen wieder in den Mittelpunkt, wie Zierseiten des Evangeliars von Essen vor Augen führen. Mathilde von Essen und Sophie Äbtissin von Gandersheim und Essen waren nur zwei aus der großen Zahl weiblicher Mitglieder der Ottonenfamilie, die an der Spitze von Frauenklöstern und Stiften standen. Otto der Große begann die Eingliederung des Episkopats in die Reichsverfassung. Sein Name steht für eine der größten Epochen christlicher Baukunst. Und um 1000 nach Christus blühte auch die Kunst. Weit und breit nichts von „dunklem“ Mittelalter. Antike, byzantinische und karolingische Einflüsse verschmolzen zu unverwechselbar neuen Formen.

Wo bleibt die Würde einer Vergangenheit, die sich auszeichnete „durch eigene Schöpferkraft des Landes und die Art, wie es antike Form- und Gestaltenwelt aufnahm, bewahrte oder entwickelte?“ Als Begegnung mit einer „fast völlig abgesunkenen Tradition“, rühmte einst Schirmherr Theodor Heuss die Ausstellung von Reliquiaren, Kruzifixen und uralten Madonnenstatuen, von Taufbecken, Monstranzen und kostbaren Bibelhandschriften. Heute scheint abermals ein großer Gedächtnisverlust über die Menschen gekommen zu sein, die nichts mehr wissen von jener „großen Einheitlichkeit im Gang . . . geistig-religiöser Entfaltung“. Heuss wollte jenes „werdende Abendland“ keinesfalls als verlorenes Paradies sentimentalisieren, sondern als ein Quell unverlierbarer Werte sehen, deren Schutz und Bestätigung ewiger Auftrag bleibe.

 

IRMGARD BERNRIEDER

 

 

 

 

 

 

 

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