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Verfrühter politischer Nachruf auf Oskar Lafontaine

Ich kann mich erinnern, als Oskar Lafontaine damals hinschmiss, da war er SPD-Chef und Finanzminister. Ein paar Tage später saß mein Onkel auf unserer Terrasse in Bottrop und hat fast geweint, mit Tränen in den Augen saß er da.

Er kam sich verraten vor, verlassen, alleine gelassen mit all den Clements dieser Welt, die mit den Stimmen der Arbeiter an die Macht kamen, um danach Aufsichtsräte von Gazproms und Zeitarbeiters Gnaden zu werden.

Mein Onkel hat also geweint, oder sagen wir fast geweint. Oskar war weg. Mein Onkel hat Oskar im Wahlkampf geholfen. In jedem Wahlkampf in dem Oskar mitgemacht hat. Er hat für ihn Plakate geklebt und hat Wahlkampfautos gefahren. Er war an Wahlständen hat dort diskutiert und Flyer verteilt. Er hat an Oskar geglaubt.

Mein Onkel war stolz, wenn Oskar kam nach Bottrop, dann waren die Marktplätze voll. Da reichte es aus, eine Notiz in der Zeitung zu bringen, und die Menschen kamen, sagt mein Onkel. Nicht ganz wie bei Willy, aber fast. Bei Peer Steinbrück oder Hannelore Kraft, müssen persönliche Einladungen verschickt werden, mit Rückantwortschein und der Mahnung um Erscheinen. Und dann kommen doch zu wenig. Die SPD geht in Bottrop in Säle, die mit Wandverhängen verkleinert werden können, falls zu wenige Leute erscheinen.

Ich kann mich erinnern, als Oskar Lafontaine damals hinschmiss, da war
er SPD-Chef und Finanzminister. Ein paar Tage später saß mein Onkel auf
unserer Terrasse in Bottrop und hat fast geweint, mit Tränen in den
Augen saß er da.

Er kam sich verraten vor, verlassen, alleine gelassen mit all den Clements dieser Welt, die mit den Stimmen der Arbeiter an die Macht kamen, um danach Aufsichtsräte von Gazproms und Zeitarbeiters Gnaden zu werden.

Mein Onkel hat also geweint, oder sagen wir fast geweint. Oskar war weg. Mein Onkel hat Oskar im Wahlkampf geholfen. In jedem Wahlkampf in dem Oskar mitgemacht hat. Er hat für ihn Plakate geklebt und hat Wahlkampfautos gefahren. Er war an Wahlständen hat dort diskutiert und Flyer verteilt. Er hat an Oskar geglaubt.

Mein Onkel war stolz, wenn Oskar kam nach Bottrop, dann waren die Marktplätze voll. Da reichte es aus, eine Notiz in der Zeitung zu bringen, und die Menschen kamen, sagt mein Onkel. Nicht ganz wie bei Willy, aber fast. Bei Peer Steinbrück oder Hannelore Kraft, müssen persönliche Einladungen verschickt werden, mit Rückantwortschein und der Mahnung um Erscheinen. Und dann kommen doch zu wenig. Die SPD geht in Bottrop in Säle, die mit Wandverhängen verkleinert werden können, falls zu wenige Leute erscheinen.

Irgendwann wurde mein Onkel wütend auf Oskar. Weil der ihn verraten hat und die Sache der Arbeiter.

Der Zorn war groß, sehr groß, fast wie auf eine Frau, die mit einem anderen abgehauen ist. Und SPD-Leute, wie mein Onkel, die verzeihen Verrat nicht. Nie. Wenn Du bei denen verschissen hast, dann hast Du bei denen verschissen. Bis Dein Name auf Deinem eigenen Grabstein wegverwittert ist.

Die Menschen und die Medien sind über Oskar hergezogen. Sie haben ihn Populist genannt, sie haben ihn Hammelfänger von Ratten genannt. Sie haben ihm alles Böse gewünscht und gesagt, er sei ein Machtmensch, dem es nur um Macht gehe.

Das ist nicht alles wahr und nicht alles falsch. Lafontaine hat eine Beschränkung der Bankenspekulationen gefordert, er hat eine Steuer auf Börsengewinne gefordert und eine Umverteilung von oben nach unten. Für diese Positionen hat er die Macht zum Handeln gesucht.

Dann wollte die SPD nicht mit ihm diese Dinge umsetzen unter den Genossen Schröder und Clement.

Deswegen war es richtig von ihm, die Macht in der Regierung fahren zu lassen. Und die SPD aufzugeben. Er hat nicht wie andere um der Macht Willen an der Macht geklebt. Sondern er hat die Macht des Handelns wegen gesucht. Als er die nicht bekam, hat er den Rücken gerade gemacht.

Und dann hat er sich eine neue Basis geschaffen, um von dort aus Macht für sein Handeln zu gewinnen. Er hat seine Positionen erneut aufgebaut, bis diese selbst teilweise von der CDU übernommen wurden.

Ein Machtmensch, der das richtige auch zur unrichtigen Zeit forderte, der unbequeme Wahrheiten gesagt hat, auch wenn diese keiner hören wollte, und der dafür einen hohen Preis bezahlt hat. Dafür gebührt ihm Respekt.

Ich habe seine erste Rede nach seinem Abdanken gesehen, damals. Ich meine es war in Saarbrücken. Da hatte auch ich Tränen in den Augen. Eine große Rede, ein großer Redner.

Lafontaine ist einer der Besten in Deutschland. Er hat linke Positionen wieder in die Politik gebracht. Er hat für Alte, für Arme gestritten, selbst dann noch, als er es zu Geld und Wohlstand gebracht hatte.

Leider haben die dauernden Anfeindungen und auch das Attentat bei Lafontaine Spuren hinterlassen. Er hat sich eingeigelt und als Mensch benommen, wie der letzte Sack. Ich hab ihn ein paar Mal persönlich erlebt. Mit dem Kerl hätte ich privat nie ein Bier getrunken. Ein Fiesling, der vor abstoßender Arroganz kaum gehen konnte.

Aber darum geht es ja auch nicht. Privat kann der machen, was der will. Es geht darum, was er in der Politik sagte und tat.

Und da hat er seine Positionen gut und clever vertreten. Er hat die Positionen der Armen und Benachteiligten laut und deutlich vertreten. Er hat den Stummen und Ohnmächtigen eine Stimme und Macht gegeben. Er hat sich Macht zum Handeln gesucht. Und versucht zu handeln, als er es konnte.

Das ist gut. In der Demokratie ist es wichtig, die Stimmen der Benachteiligten in den Parlamenten zu hören, damit die Gesellschaft nicht zerfällt.

Leider ist Lafontaines Partei im Westen, in NRW, ihm selbst nicht ebenbürtig. Da laufen zu viele Irre rum, die nicht in der Lage sind, es dem Oskar gleich zu tun. Ich habe keine Vordenker getroffen oder gehört, die mich beeindruckt hätten.

Das ist schlecht, weil die Belegschaft der Linken in NRW nicht in der Lage sein wird, die Stimme der Ohnmächtigen im NRW-Landtag zu vertreten. Sie droht mit ihrer Mikkerbelegschaft bei den Wahlen unter die fünf Prozent Hürde zu purzeln.

Es braucht aber jemanden, der Leute, wie den Mann meiner Cousine im Parlament vertritt. Der macht einen knallharten Job, malocht sich einen Puckel, ein Ex-Bergmann, der umgeschult hat. Bekommt kaum genug Geld zum Leben und soll von dem Moos immer mehr für Kinderbildung, Krankenschutz und Rente abzwacken.

Diese Menschen brauchen eine Stimme, sonst wenden sie sich von der Demokratie ab, weil sie sich verlassen fühlen von der politischen Klasse.

Das meine ich unabhängig von meiner politischen Meinung.

Nur wenn im Parlament alle wichtigen Strömungen vertreten sind, kann man über Debatten tragfähige Kompromisse finden, die unsere Gesellschaft nicht zersplittern lassen.

Wenn nur noch eine Positionen mit geringen Nuancen im Parlament existiert, ist das immer schlecht.

Ich vermisse Oskar Lafontaine in der deutschen Politik jetzt schon, wenn er nicht mehr als Spitze der Linken auftritt.

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32 Kommentare zu “Verfrühter politischer Nachruf auf Oskar Lafontaine

  • #1
  • #2
    Frank

    Finde ich auch. Richtige Einschätzung.

    Ich habe seine PK heute auch gesehen. Von ihm habe ich die ersten politischen Bücher gekauft und gelesen: „Der andere Fortschritt“ und „Die Gesellschaft der Zukunft“. Wegen ihm bin ich im BT-Wahlkampf in die Westfalenhalle gezogen.

    Mit sehr vielem, was er in seinem politischen Leben kommen sah oder forderte, hat er Recht behalten: Die Steuererhöhungen nach der Wiedervereinigung. Mit der Börsenumsatzsteuern. Mit der Ökowende, die auch die SPD unterstützen sollte. Mit der Antipathie und dem Misstrauen gegenüber sogenannten „pragmatischen“ oder „modernen“ Sozisaldemokraten.

    Und Aktuell mit seiner Forderung, aus Afghanistan abzuziehen.

  • #3
    kassandra

    Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Unabhängig von seinen offen erkennbar eitlen Eigenschaften, ist Lafontaine der einzige Politiker im Parlament der seinen Kopf für die richtigen Analysen nutzt und versucht hat, eine gerechtere Gesellschaft für die sogenannten Kleinen Leute zu gestalten.

    Angefangen bei seiner Analyse zur Wiedervereinigung, über die von ihm 1998 erkannten Gefahren der Hedgefonds und zu der von ihm vorausgesehenen Bankenkrise, indem er immer davor warnte, den Banken freies Spiel zu geben, hat er das Richtige gefordert.

    Ebenfalls war er nicht für Kriege zu gewinnen, die nicht international legitimiert sind, wie der Kosovokrieg.

    Leider hat Lofontaine nicht die Nerven gehabt, sich gegen die Intrigen von Schröder und Bodo Hombach durchzusetzen. Er hätte 1998 niemals den Parteivorsitz der SPD aufgeben dürfen. Dies hat die kleinen Leute um 12 Jahre zurückgeworfen. Niemals hätte mit einem Lafontaine als Parteivorsitzender die Agenda Politik Schröders in der SPD eine Chance gehabt, und der neoliberale Putsch von Schröder, Clement, Schily hätte nie stattgefunden.

    Dies hat Lafontaine zumindest zum Teil durch seine plötzliche Flucht ermöglicht.

    Ich gebe Ihnen Recht, dass in der LINKEN viele Dumpfbacken, Altleninisten, Spontis und andere Vérsprengte sich wiederfinden.

    Aber können diese Spinner mehr verkehrt machen als Rüttgers, Uhlenberg, Piepenkötter und Sommer ?

    Ich denke nicht. Ich werde die LINKEN zwar nicht wählen, aber es gehört zu ganz normalen demokratischen Zimmereinrichtung, Kommunisten mit am Tisch sitzen zu haben.

    Und historisch ist eindeutig festzuhalten, dass die Gefahr in Deutschland immer von Rechts kam, wobei Konservative immer die Steigbügelhalter von Rechtspopulisten waren.

  • #4
    kassandra

    Ich möchte noch etwas zu Lafontaine festhalten.

    Es ist für mich immer wieder abstoßend, wenn immer auf die Person Lafontaine eingeschlagen wurde und wird, ohne auf seine Argumente im fairen Wettstreit einzugehen.

    Immer wieder haben die Kritiker versucht, an die anti-kommunistischen Instikte der Bürger zu appellieren. Leider sehr erfolgreich.

    Und von Seiten der CDU ist ihre ewige „roten Socken Kampagne“ deshalb so lächerlich, weil die CDU so viele Alt-Nazis in ihre Reihen aufnahm, die beei fünf nicht auf den Bäumen waren. Der Rest der braunen Suppe der nicht mehr zu integrieren war ist über die sogenannte Rattenlinie mithilfe des Vatikans nach Südamerika emigriert,

    Leider hat die Presse bei der Demontage von Lafontaine immer reichlich mitgewirkt.

    Wofür steht eigentlich Merkel, Rüttgers, Westerwelle ?

    Gibt es eine klare politische Analyse oder konkrete Vorschläge, um dieses auf den Hund gekommene Sozialwesen Deutschlands wirklich zu reformieren, welche der Analyse von Lafontaine gleichkommt ?

  • #5
    Stefan Laurin

    @Kassandra: Warum sollten sich Demokraten mit Kommunisten an einen Tisch setzen? Wollen die keine Diktatur? Auch ging die Gefahr in Deutschland nicht immer nur von Rechts aus – Frag mal die DDRler die im Knast saßen. Die Frage ist doch, gerade im Westen, setzen sich die linken Demokraten in der Linkspartei durch oder die Kommunisten. An dieser Frage wird sich die Zukunft der Linkspartei entscheiden.

  • #6
    kassandra

    Die DDR war nichts anderes als ein Abfallprodukt und Folge des nationalsozialistischen Angriffskrieges Deutschlands in Europa, weil die ehemalige sowjetische Besatzungszone Deutschlands nichts anderes war, als ein stalinistisches Satrapenregime.

    Also Ursache und Wirkung muss man voneinader trennen.

    Es gab in Deutschland nur eine kurze Episode, wo aus eigener kommunistischer Kraft sich ein Staat auf deutschem Boden etabliert hat, und zwar im Freistaat Bayern unter Kurt Eisner, der von faschistischen Freikoorps mörderisch beseitigt worden ist. Was ich im Übrigen sehr bedauere. Was hätte damals aus Bayern nicht alles werden können. Zumindest wären den Bayern der Skandal um die BayernLB wahrscheinlich erspaart geblieben.

    Gewählte Kommunisten sind in einer Demokratie a priori Demokraten. Warum sollten sie es denn nicht sein ? Genausowenig sind für mich gewählte demokratische Christdemokraten auch keine Präfaschisten, nur weil die konservativen Vorgängerparteien Hitler freiwillig die Macht auf dem silbernen Tablett aufgetischt haben.

    Sie erinnern sich, die letzte Abstimmung im Reichstag 1933 ? Da saßen bereits alle Kommunisten schon im KZ.

    Ich merke, dass der antikommunistische Reflex bei Ihnen noch sehr gut funktioniert.

  • #7
    Stefan Laurin

    @Kassandra: Wer demokratisch gewählt wurde ist also Demokrat? Und zu meinen Reflexen: Die sind antitotalitär und funktionieren sehr gut…

  • #8
    kassandra

    Unter der Voraussetzung das die verfassungsmäßige Ordnung respektiert wird, natürlich, was denn sonst ?

  • #9
    Stefan Laurin

    @Kassandra: Kommunisten die Pluralismus und Marktwirtschaft akzeptieren sind keine Kommunisten sondern linke Demokraten.

  • #10
    Arnold Voß

    Kassandra, wenn ich auch ihre geschichtliche Einschätzung teile so wäre ich doch skeptisch ob den Bayern unter den Kommunisten der Skandal um die BayernLB erspaart geblieben wäre. Die kommunistischen Regime die bislang praktisch werden konnten hatten im Umgang mit Geld erhebliche Probleme und neigten über kurz oder lang zu Schlamperei, Selbstbedienung und Korruption. Kommunisten sind halt auch nur Menschen, und da viel von ihnen keine Demokraten waren, konnte man sie für ihre Missetaten nicht mal abwählen.

    Ja man konnte ihre Verbrechen nicht mal öffentlich machen, weil man dann seines Lebens nicht mehr sicher war, zumindest aber für viele Jahre aus dem öffentlichen Leben entfernt wurde. Und das war im Falle der Sowjetunion nicht nur unter Stalin so.Da war es nur besonders schlimm.

  • #11
    kassandra

    Und was machen Sie, wenn Kommunisten partout darauf bestehen wollen, auch als Kommunisten bezeichnet zu werden ?

    Wie gesagt, ich sehe an Ihrer Reaktion dass in Ihrem Bewusstsein ein sehr tiefer antikommunister Reflex innewohnt.

    Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf ?

  • #12
    Stefan Laurin

    45 – aber erklären Sie mir mal wie Kommunismus und Demokratie zusammen passen. Marx, Lenin, Stalin, Trotzki – die großen Pluralisten waren das alle nicht.

  • #13
    chris412

    Ich stimme dem Autor in fast allen Punkten zu, insbesondere bezüglich seiner politischen Analyse zu Lafontaine. Für mich ist er der klügste Kopf in diesem Land, der immer seinen politischen Überzeugungen treu geblieben ist. We sonst tritt so unbeugsam und konseqent gegen den brutalen Sozialabbau und diesen verlogenen Krieg in Afghanistan ein. Ich habe auch immer seine Zivilcorage bewundert, gegen den neoliberalen Strom zu schwimmen und sich mit den Mächtigen im Land anzulegen, weil er für die Menschen etwas erreichen wollte.
    Ich kann Ihnen allerdings nicht zustimmen, wenn Sie ihn persönlich disqualifizieen mit den üblichen Clichés wie „eitel“ – „arrogant“ etc. Ich habe ihn zweimal getroffen und ihn dabei als einen sehr angenehmen und freundlichen Menschen kennengelernt.

  • #14
    kassandra

    Ich bin ebenfalls 45.

    Sie gehen davon aus, dass jemand, der sich als Kommunist bezeichnet, zwangläufig ein Leninist oder Stalinist sein müsse.

    Das muss doch nicht der Fall sein. Ich denke, dass ein überzeugter Kommunist zeitgemäßer Philosophie ein Mensch ist, der nach einer klassenlosen Gesellschaft strebt, in denen die Gegensätze zwischen Reich und Arm minimiert werden sollten.

    So gesehen, muss man doch niemandem die Überzeugung als Kommunist absprechen.

    Bei der CDU funktioniert das doch auch, obwohl das Christentum die mörderischten Kriege und Verbrechen in Europa zu verantworten hat.

    Und der Vatikan ist noch nicht einmal die Nachfolgeinstitution dieser ehemals totalitären Bewegung, sondern immer das Original geblieben

    Übrigens war Marx niemals Marxist.

  • #15
    Arnold Voss

    Kassandra, ich hab keine Problem damit, wenn sich Leute als Kommunisten bezeichen.Aber sie müssen sich dann nicht wundern, dass einem Menschen mit Geschichtskenntnissen bei dieser Selbstbetitelung eine Menge ziemliche beschissener Geschichten und Personen einfallen. Das hat weder mit Antikommunismus noch mit dem Alter zu tun.

  • #16
    kassandra

    @arnold voß

    Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Natürlich handelte es sich in der Sowjetunion um ein verbrecherisches totalitäres Regime, dass übelste was man sich überhaupt vorstellen kann.

    Der Kommunismus ist meines Erachtens nach nichts anderes als eine säkulare Bewegung, die darauf ausgerichtet ist, schon auf Erden ein gerechtes Leben zu ermöglichen, und hierbei auf die Existenz eines Gottes wie im Christentum verzichtet.

    Der real-existierende Sozialismus war die Perversion des Kommunismus, eine reine Farce gemessen an den Quellen des Kommunismus.

    In Europa ist es ein historisch normales Phänomen, dass Kommunisten eine demokratische Kraft darstellen. Siehe Italien und Frankreich.

  • #17
    Stefan Laurin

    @Kassandra: Bleiben wir mal bei der Linkspartei: Dort gibt es die Kommunistische Plattform und die besteht vor allem aus überzeugten Marxisten-Leninisten und etliche dort haben, wie Wagenknecht, auch noch was für Stalin übrig. In NRW sind etliche in der SAV, das ist eine trotzkistische Gruppe. Diese Leute meine ich ganz konkret und sorry, dass sind keine linken Demokraten die irgendeiner Träumerei hinterher hängen sondern überzeugt Kommunisten der unterschiedlichsten Prägungen.

  • #18
    kassandra

    Ich werde die LINKE unter anderem aus diesem Grunde auch nicht wählen. Aber in jeder demokratischen Partei gibt es doch Strömungen, die sehr skurill ausfallen.

    Die Grünen, als sie noch nicht die jetzt arrivierte Beamtenpartei a la Öko-FDP gewesen ist, gab es doch auch die Fundis, die alles mögliche in der guten alten BRD umsetzten wollten.

  • #19
    Helmut

    @Stefan, @Kassandra, @Arnold Voss,
    Ich weiß nicht mal, ob Lenin oder Trotzki Kommunisten waren.
    Ich darf daran erinnern, daß es damals heftige theoretische
    Diskussionen zwischen Lenin und deutschen Marxisten gab, die Lenin, weil er als praktischer Revolutionär erfolgreich war, in den Augen der Welt, offensichtlich gewonnen zu haben schien. Allerdings ist aus der russischen Revolution nicht viel übrig geblieben. Und genau das hatten einige deutsche Marxisten vorausgeahnt. Aber Gott ist ja bekanntlich mit dem Sieger, und den Kritikern Lenins sind die Gefolgsleute weggelaufen. Unter Stalin wurden die letzten Zweifler dann physisch vernichtet. Der Begriff Kommunismus ist seit dieser Zeit kaum noch zu gebrauchen, weil es „Die Kommunisten“ nicht gibt.
    Was die Linkspartei betrifft, denke ich, daß
    sie sozialdemokratisch ist. Vielleicht etwas stärker verbalradikal als die SPD. Aber sie werden ja jetzt darin eingeholt, und sind ganz aufgeregt. Ziemlich kopflos drücken einige ihrer Mitglieder immer lauter auf die Hupe.
    Aber das laute Hupen ist noch kein Konzept. Nicht wirklich jedenfalls. Trotzdem werden sie weiter Erfolg haben, denn, wer nicht laut hupt, geht bei der hiesigen Konkurenz unter.
    Auch Gabriel, Westerwelle, Merkel und viele andere hupen laut. Der linke Lärm ist nur ungewohnt für manche Ohren.
    Lafontaine wird da sicher auch noch von Saarbrücken aus Gehör finden, weil alle so einen, wie ihn benötigen. Als erstes die Medien. Die werden dann zum neuen Wallfahrtsort Saarbrücken fahren. Da wird es im Wartezimmer seines Arztes noch oft voll werden.

  • #20
    Setius Odium

    @Stefan Laurin
    Lieber Stefan Laurin,
    Ihre Beiträge über die Linkspartei – z. B. jetzt hier in den Kommentaren – oder auch in Ihrem heutigen Beitrag über die Landtagswahlperspektiven und Frau Kraft machen für jeden öffentlich, dass Sie in diesem Bereich erhebliche Verletzungen erlitten haben müssen. Immer wenn Sie über das Thema schreiben, geht Ihnen jede Leichtigkeit und Kreativität verloren. Der Leser spürt ziemlich blinden Hass.
    Ich weiß, dass Sie bei den Grünen als ganz entschiedener Realo mal eine gewisse Bedeutung gehabt haben. Offensichtlich übertragen Sie jetzt ihre frühere bittere Erfahrung mit den ganzen K-Grüpplern bei den Grünen auf die Linkspartei. Sie blenden völlig aus, mit welcher rasanten Geschwindigkeit aus Grünen Fundis handsame Parlamentarier wurden. Warum schließen sie diese äußerst wahrscheinliche Entwicklung bei der Linkspartei aus. In keiner Landesregierung hat die Linkspartei bisher irgend etwas marxistisches angestellt. Sie vertritt dort Positionen, die die SPD vor 10 – 15 Jahren formuliert hat. Da standen Sie noch links von der SPD und featurten noch nicht für Geld deren Repräsentanten.
    Die Ruhrbarone würden viel an Qualität gewinnen, wenn sie etwas gelassener mit der kommunistischen Gefahr umgehen würden. Ein Anregung wäre, z. B. mal laut darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn die Linkspartei eine rotgrüne Minderheitsregierung tolerieren würde. Das hat ja auch längere Zeit in Sachsen Anhalt funktioniert.
    Wie wäre es mit einem Interview mit einem Verantwortlichen von der Linkspartei über die Frage, welche Zugeständnisse eine rotgrüne Landesregierung machen müsse, um toleriert zu werden.

  • #21
    Stefan Laurin

    @Setius: Ich war für die Grünen im Rat in Gladbeck. Das ist lange her. Davon ab: Gladbeck, Rat und Bedeutung sind drei Worte, die in EINEM Satz nichts zu suchen haben. Noch nicht einmal, wenn man die Bedeutung einschränkt. 🙂
    Ich glaube dass sich in der Lonkspartei die Pragmatiker durchsetzen werden und nicht die Fundamentalisten – oder die Partei wird es nicht lange machen. Wenn die Pragmatiker dann keine Stasi-Vergangenheit haben sondern integer sind, ist das alles OK.
    Ich glaube absolut nicht an eine kommunistische Gefahr. Die ganzen Eispickel und Stalinchen sind keine reale Gefahr sondern Trottel – die allerdings, siehe Dierkes und seinen Antisemitismus, einen gewissen Einfluss haben. Deswegen ist es ok darüber zu schreiben ud sie zu kritisieren. Spinner ohne nennenswerten Einfluss wie die MLPD und die anderen K-Gruppen ignoriere ich weitgehend.
    Dann zum Thema „Links“: Ich halte den Begriff nicht für zielführend, wenn es um die Beschreibung von politischen Positionen geht (und ich nutze ihn auch schon sehr lange nicht mehr). Ich unterscheide zwischen Autoritär und Nicht-Autoritär: Je mehr Freiheit für den Einzelnen umso besser. Je weniger Freiheit für den Einzelnen um so schlechter. Also: Alle, die Freiheit einschränken wollen, mag ich nicht. Alle, die dies nicht wollen, mag ich. Und da es im realen Leben nicht um Absolutes geht, schaue ich mir an wie stark wer an meine und die Freiheit anderer will und mache davon abhängig, wie sympathisch oder unsympathisch mir eine Idee oder Position ist.
    Zum tolerieren von Regierungen: Ich bin für klare Linien: Da die Regierung die verantwortlich ist für das was sie tut. Da die Opposition, die kritisiert und sich darauf vorbereitet, selbst die Regierung zu übernehmen. Die bequeme Zwischenposition die eine Partei einnimmt, die eine Regierung toleriert, finde ich daher nicht gut: Da drückt man sich un die Verantwortung. Aber das Leben ist bunt: Natürlich kann so etwas auch mal funktionieren – als Ausnahme von der Regel.

  • #22
    Helmut

    @ Stefan: Der Begriff „Links“ ist in der Politik so ähnlich wie im Internet. Man weiß nicht wirklich, wo er einen hinführt.

  • #23
    Arnold Voss

    @ Cassandra (14)

    Ich habe das Christentum als Religion schon mit 18 Jahren verlassen weil das, was unter diesem Namen an Verbrechen begangen worden ist und noch immer begangen wird, jedes Maß sprengt. Ich wollte mich nicht länger so nennen oder so nennen lassen. Deswegen würde es mir auch nicht im Traum einfallen mich als Kommunist zu bezeichnen oder mich so nennen zu lassen. Ich mag überhaupt nicht (Selbst-)Bezeichnungen die mich in irgend eine Schublade stecken die dann andere je nach ihren eigenen (Vor-)Urteilen öffnen oder schließen.

    Das hindert mich nicht, mich mit den Ideen auseinanderzusetzen die hinter solchen Bezeichnungen wie Christ, Kommunist, Marxist usw. stecken. Interessanterweise entdeckt man dabei, dass die Grunddenker häufig wesentlich komplexer, vorsichtiger und differenzierter agierten als die Epigonen. Dass die, die sich ganz überzeugt den häufig auch mit Stolz getragenen Titel Marxist, Christ, Moslem, usw. geben, zur gnadenlosen Vereinfachung und Vereinnahmung ihrer Idole respektive derer Aussagen für ihre eigenen Interessen neigen.

  • #24
    Peter Müller

    Ich kann Stefan Laurin nur beipflichten und finde einige andere Beiträge ulkig. Der Trick der Totalitären, alles mögliche andere auch als totalitär zu denunzieren, sollten Sie, lieber Herr Voß, durchschauen. Keiner bestreitet, dass das Christentum in früheren Jahrhunderten totalitäre Züge trug, mir wäre allerdings neu, dass der heutige Papst und die deutsche Bischofskonferenz dazu übergegangen wären, Straflager für Atheisten oder andere „Abtrünnige“ zu propagieren oder gar zu unterhalten. Der Kommunismus hingegen kann noch lange nicht aus dem Totalitarismusverdacht entlassen werden, da höchst aktuelle Regime wie Nordkorea oder auch Kuba weiter den alten kommunistischen Adam von der Kette lassen. Der meint es vielleicht gut mit den Menschen, aber wenn die nicht wollen, fließt halt Blut – so einfach ist das.

  • #25
    Arnold Voss

    Lieber Peter Müller, ich kann ihnen nur teilweise recht geben. Das Papsttum selbst ist in sich totalitär.Der aktuelle Benedikt, so klug und differenziert,so offen für Beratung er auch sein mag, kann als Stellvertreter Gottes auf Erden Ex-Catedra sprechen. Er ist damit de facto ein durch seines Gleichen er-wählter und nicht durch das Kirchenvolk ge-wählter Diktator auf (Lebens-)Zeit.

    Was große Verbrechen betrifft, so halte ich das immer noch nicht geänderte negative Verhältnis der katholischen Kirche zur systematischen Empfängnisverhütung vor allem in den Entwicklungsländern für ein solches.

    Nehmen wir noch die Ausladung unserer ersten Bischöfin und jetztigen Chefin der evangelischen Kirche durch die Spitze der russischen Christen dazu, explizit weil sie eine Frau ist – vom Zölibat und dem Verbot des katholischen Priestertums für das weibliche Geschlecht ganz zu schweigen – dann hat das nachwievor deutliche totalitäre Züge.

    Und glauben sie mir, wenn Kardinal Meisner und Konsorten so könnten wie sie wollten dann säßen Menschen wie ich wenn schon nicht im Straflager so doch in der systematischen Umerziehung und das Höllenfeuer habe ich als Ungläubiger nach meinem Absterben sowieso „am Arsch“. Sozusagen als Fortführung der Umerziehung mit anderen Mitteln. Auf ewig! Wenn das keine totalitäre Bestrafungsphantasie ist, was dann?

  • #26
    werner

    @stefan laurin: also das mit dem begriff der „kommunisten“ auf autoritäre stalinos zu beschränken ist schon so ne sache. find ich verkürzt. was ist mit antiautoritären, die dennoch an der idee des kommunismus festhalten, trotz oder gerade wegen stalin und co.

    antitotalitär ist als begriff übrigens auch fragwürdig. ich kenn den eher aus so einer rechten schule, die den ns notorisch verharmlost.

    so traurig macht mich der abgang von lafontaine dann auch nicht. er hatte jene autoritäre neigung, die sozialdemokratie und lenismus immer noch eigen ist, angst vor den freiheiten und vielfältigkeiten der globalisierten welt zu haben / verbreiten (stichwort fremdarbeiter). und dann noch dieses nervige altbackene verständnis von arbeit(ern)…

  • #27
    Arnold Voß

    Das Problem beim Kommunismus ist, dass er nur funktionieren kann wenn alle mitmachen bzw. sich niemand dem damit verbundenen Wertesystem wiedersetzt. Deswegen trägt er die Tendenz zum diktatorischen, ja zum totalitären leider von vorne herein in sich. Selbst da wo er (ur)christlich oder antiautoritär motiviert ist.

  • #28
    Mit-Leser

    @Werner: Sind diese ganzen begrifflichen Haarspaltereien nicht irgendwie überflüssig? Letztendlich ist es doch völlig gleich, ob sich jemand hinter der Fahne der „antiautoritäten Stalinisten“, der „autoritären Lenisten marxistischer Prägung“ oder sonst einer der vielen verschwurbelten Wortschöpfungen versteckt – am Ende kommt es doch nur auf eine Frage an: Was genau hat derjenige w-i-r-k-l-i-c-h vor? Und wie verfährt er, wenn er die Macht hat, mit Menschen, die seine Meinung nicht teilen? 😉

  • #29
    werner

    @arnold voss: naja, das gleiche lässt sich über die hiesige parlamentarische demokratie sagen, ohne dass ich da gleich den hammer „diktatur“ rauslassen muss. wie geht mensch mit denen um, die nicht mitspielen wollen oder sollen? die mehrheit bestimmen lassen, ausgrenzen, notfalls einsperren …? wo siehst du da den zentralen unterschied?

    @mit-leser: haarspaltereien find ich das wahrlich nicht. der unterschied zwischen stalinisten und der cdu ist sicher weitaus geringer.

    ansonsten stimmt es natürlich, wie geht mensch mit anderen positionen, lebensentwürfen, bedürfnissen um? die frage sollte sich jede/r selbst stellen, und zwar hier und jetzt. und in jeder anderen gesellschaft.

    by the way: so richtig mit der kommunistischen idee hab ichs ja auch nicht, aber die unterscheidung scheint mir schon wichtig.

  • #30
    Arnold Voß

    Werner, die Wertebasis liberaler Gesellschaften ist wesentlich offener und vielfältiger als die einer kommunistischen. Mit ihr ist immer auch der „Neue Mensch“ anvisiert, der gerne teilt, immer mit allen solidarisch ist, sich nie vor andern hervortun geschweige denn sie übertrumpfen will. Der gute Mensch, befreit von Konkurrenz und Neid, von Hinterlist und Mißgunst, vom Streben nach Macht und Überlegenheit.

    Die Gleichheit wird im Kommunismus extrem überbetont während jede Art von Individualismus höchstens privat geduldet wird. Da das Private jedoch selbst dem Primat der Gemeinschaft unterliegt, ist Konformität und Minderheitenunterdrückung Teil, zumindest aber unausweichliche Folge kommunistischer Gesellschaftskonzepte.

  • #31
    Wolfram Obermanns

    Ging es in dem Artikel nicht um Lafontaine?

    Den Lafontaine, der meinte die Zwangsvereinigung wäre von der SPD in Wirklichkeit begrüßt worden?
    Den Lafontaine, der Angst vor Fremdarbeitern hat?
    Den Lafontaine, der durch seine Politik die Sozialkassen in den Bankrott geführt hat und dadurch die anschließende Enteignung der Sozialversicherten durch H-IV vorbereitete?
    Den Lafontaine, der die Vereinigung für unbezahlbar hielt und darum den korrupten Regime in Berlin noch ein paar Milliarden hinterher werfen wollte?

    Oder reden wir jetzt von einer „Linken“, die sich von jedem Populisten vor den Karren sperren lässt, wenn der sich nur in der phraseologischen Mottenkiste zu bedienen weiß?

  • #32
    chris412

    @wolfram obrmanns

    Sie scheinen ja wirklich ein dankbares Manipulationsopfer der Mainstream-Medien zu sein, die sich über Menschen wie Sie natürlich mächtig freuen.

    So einen geballten Unfug auf einmal liest man wahrscheinlich selbst bei den Kommentatoren der Bild-Zeitung selten.
    Schade für Sie.
    Aber vielleicht sollten Sie einfach mal bessere Informationsquellen heranziehen. Klicken Sie doch mal öfter auf die NachDenkseiten.de (die kritische Website), dann bekommen Sie vielleicht doch eine etwas differenziertere Sichtweise.
    Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.

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