14

Vertrauliches Lagebild der Bundesregierung: Ein Land kurz vor dem Dammbruch

Verantwortungsträger im ganzen Land bekommen dieses Papier. Es ist das Lagebild der gemeinsamen Krisenstabs von Innen- und Gesundheitsministerium. Das Dokument ist als „Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch“ gekennzeichnet, der niedrigsten der vier Geheimhaltungsstufen. Das Dokument, das diesem Blog vorliegt, ist vom 28. Oktober, dem Tag, an dem die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten den zweiten, deutlich milderen Lockout beschlossen: Schulen und Kitas bleiben auf, der Einzelhandel wird nicht geschlossen, Friseure dürfen weiterarbeiten. Aber Kneipen, Restaurants und Kultureinrichtungen werden geschlossen. Auch für den Sport gibt es weitere Einschränkungen. Alles was Spaß macht wird es in diesem grauesten November seit Bestehen der Republik nicht geben.

Liest man das 43seitige Papier weiß man, warum die Politik so entschieden hat. Das Land, es steht kurz vor einer Katastrophe. Die Pandemie ist dabei, außer Kontrolle zu geraten. Viele Quellen, aus denen in dem Lagebild zitiert wird, sind öffentlich. Die Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) zum Beispiel. Oder die der Johns Hopkins Universität. Aber sieht man sie dermaßen kompakt, ohne sich mühsam durch Internetseiten durchzuklicken, wirken sie noch beeindruckender, beängstigender.

Am Anfang des Dokuments wird die Lage der Pandemie weltweit betrachtet. In langen Tabellen werden die Inzidenzahlen, die bestätigten Fälle und die Toten aufgelistet. Die Tschechische Republik hat eine Inzidenz von 811,4, Belgien 673,3, die Niederlande 377, 8 und Frankreich 380,5. In den Nachbarländer Deutschlands ist die Epidemie weiter, ein paar Wochen, ein paar Tage. Das Ziel der gestern beschlossenen Maßnahmen ist klar: Die Bundesrepublik soll nicht in dieselbe Notlage geraten. Auch klar ist: So weit ist man hier davon nicht mehr entfernt.

Längst gibt es keine richtigen Hotspots mehr. Das Virus ist überall. Frankfurt, Solingen und Duisburg melden ein „Diffuses Geschehen.“ Andere Städte erkennen noch Infektionsschwerpunkte: In Vechta ist es der Ausbruch in einem Geflügelschlachtbetrieb, in Weiden in der Oberpfalz kam es zu Ausbrüchen in einem Eishockey-Verein und einem Metzgereibetrieb und im Landkreis Darmstadt zu einem „Ausbruch auf der Geriatrie-Station der Kreisklinik Groß-Umstadt“. Berlin hat bei „Kontrollen zur Einhaltung der Abstandsregeln (…) die Polizei in der Nacht zu Montag 66 Gaststätten überprüft und dabei 52 Verstöße festgestellt.“ In Rosenheim sind laut „Verwaltung (…) v. a. Familienfeiern, Infektionen am Arbeitsplatz und sich in Quarantäne befindliche Kontaktpersonen im Familienkreis ursächlich.“ für die Verbreitung des Virus. Familienfeiern, Großfamilien – diese Worte findet man häufig.

Aber um das zu erkennen, müssen die Gesundheitsämter die einzelnen Fälle nachverfolgen können und das gelingt ihnen immer seltener. Es fehlt an Personal, die Behörden sind überlastet: Dutzende Städte und Kreise haben Probleme bei der Kontaktpersonenverfolgung, zum   Teil melden sie „akuten Personalmangel“. Sie melden Unterstützungsbedarf an. An schlimmsten ist die Lage in der Hauptstadt. Berlin braucht Hilfe  bei der „Kontaktpersonennachverfolgung, Quarantänebetreuung und -überwachung, Abstrichentnahme, Krisenstab der Senatsverwaltung AG Infektionsschutz LaGeSo“

Unterstützung, das bedeutet auch den Einsatz des Technisches Hilfswerks, das vor allem zu Beginn der Pandemie aktiv war, Notkrankenhäuser und Teststationen errichtete. Jetzt ist vor allem die Bundeswehr aktiv: Ihr medizinische Personal ist bereits vollständig im Schichtbetrieb im Einsatz. Die Medizinerinnen und Mediziner gehören zu den fast 3000 Soldatinnen und Soldaten, die zu einem großen Teil die Städte unterstützen. Alleine in NRW tun das fast 500. Noch gibt es eine Reserve, aber mit jedem Tag wird sie kleiner. Von 1200 Hilfeersuchen wurden bereits über 200 abgelehnt.

Auch das RKI ist bereits an der Grenze seiner Möglichkeiten:

„Das RKI steht in Kontakt mit den zuständigen Landesbehörden, die aufgefordert sind zu prüfen, inwiefern sie die oben genannten Gesundheitsämter unterstützen können. Vielfach wurden Maßnahmen auf lokaler und Landesebene eingeleitet. Einige Gesundheitsämter werden durch die Bundeswehr unterstützt. In 5 Fällen wurde das RKI um Amtshilfe gebeten. Berlin wird durch Dauerentsendung einer RKI-Mitarbeiterin im Krisenstab der Senatsverwaltung für Gesundheit sowie epidemiologische Unterstützung im Landesamt für Gesundheit und Soziales unterstützt. Darüberhinaus entsendet das RKI aktuell Mitarbeitende an das LaGeSo und an verschiedene Gesundheitsämter für die Kontaktpersonenachverfolgung. Der LK Marburg-Biedenkopf und der SK Frankfurt wurde durch das RKI mit Containment Scouts unterstützt. Den Bitten um Unterstützung durch Containment Scouts durch den LK Pinneberg und den SK Offenbach konnte das RKI aufgrund derzeit nicht verfügbarer weiterer Containment Scouts nicht nachkommen.“

In den Intensivbetten werden knapp. Noch sind nur gut 1400 von ihnen belegt. Aber wenn die Pandemie nicht gestoppt wird, wird sich diese Zahl in den kommenden Tagen und Wochen vervielfachen. Und Covid-Patienten liegen lange auf den Intensivstationen. 14-21 Tage. Dann sind sie tot oder können weiter behandelt werden.

Immerhin, die Sicherheitslage ist stabil: Die Zahl der Diebstähle sinkt, es gibt weniger häusliche Gewalt. Aber die Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz nehmen zu. Und auch die Corona-Demonstranten machen den Behörden Sorgen:

„Im Zusammenhang mit demonstrativen Ereignissen ist zu beobachten, dass innerhalb der rechten Szene versucht wird, die bürgerlichen Veranstaltungen für eigene Interessen zu instrumentalisieren. In den Vordergrund gerückt ist hierbei vor allem die Initiative „Querdenken“, eine aus dem zivil-demokratischen Spektrum stammende Bewegung, welche im gesamten Bundesgebiet Veranstaltungen gegen die Corona-Beschränkungen organisiert und durchführt, an denen auch vermehrt Akteure aus der rechtsextremen Szene teilnehmen.“ Insgesamt, erklärt das Lagebild, setzten sich die Teilnehmer an den Veranstaltungen aber nur zu einem gewissen Teil aus dem rechten Spektrum, „Reichsbürgern“ oder sonstigen sogenannten Verschwörungstheoretikern zusammen.

Die 43 Seiten Lagebild zeigen ein Land, in dem das Leben für die meisten Bürger noch normal verläuft. Die Behörden allerdings sind jetzt schon heillos überlastet. Das in dem Dokument gezeichnete Abbild der Situation in der Bundesrepublik zeigt einen Damm, der unter einem so hohen Druck steht, dass die Risse immer größer werden. Noch hält er, aber es ist absehbar, dass er bricht. Und zwar bald, wenn der Druck, die steigenden Zahlen an Infizierten, Erkrankten und Intensivpatienten, nicht abnimmt. Und zwar schnell und in großem Maßstab. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

RuhrBarone-Logo

14 Kommentare zu “Vertrauliches Lagebild der Bundesregierung: Ein Land kurz vor dem Dammbruch

  • #1
    Andrea Pecher

    Könnte man den 43seitigen Bericht hier verlinken? Ich würde ihn gerne komplett lesen.

  • #2
  • #3
    ke

    Seit Wochen ist Deutschland von Corona Hochburgen umgeben. Die Fälle diffundieren von allen Grenzen ins Land. Reisende aus Risikoländern wurden nicht kontrolliert. Überall Laissez-faire
    Auch jetzt werden diese Probleme weiterhin konsequent ignoriert. Ist alles zu anstrengend.

    Daten über Ansteckungsarten liegen nicht vor. Selbst in der größten Krise können Daten nicht übertragen werden.

    Kurz:
    Die Zeit seit dem ersten Lockdown wurde verschlafen. Alle wichtigen Termine kamen überraschend (Ferienende, Feiertage etc. ) . Selbst im September/Oktober wurde von Politik, Verwaltung und Gerichten nicht erkannt, welche Dynamik in den Zahlen liegt, obwohl die umliegenden Ländern das klar zeigten. Kontrollen wurden zu lange angekündigt. Auch die Ruhrbarone hatten jeden Sonntag die Dramatik dargestellt.
    Die Schulen/Kitas wurden ignoriert. In Dortmund fordert die CDU Decken.

    Jetzt gibt es wieder die Keule. Leider auch schon zu spät. Überall wird nochmals am Wochenende die aktuelle Lage ausgenutzt. Die Regeln passen in vielen Bereichen nicht.

    Politik zeigt, dass sie es nicht verstanden hat. Herr Laschet war noch am Monatsanfang ohne beim Maske beim Papst.

    Wie lange braucht das Land noch für seine Verordnung? Die sieht doch sowieso immer aus wie hingeschmiert.

    Was ist eigentlich mit der FDP?

  • #4
  • #5
    Marcel Groß

    Nein es gibt kein Muster außer >Feiern, Metzgerbetriebe, Sport, Familie, ARbeitsplatz – halt überall wo Menschen zusammenkommen über längere Zeit. Und Großfamilien…das Problem ist, dass aus diesem Milieu nicht mit den Gesundheitsämtern zusammengearbeitet werden will, wie vorhin bei Illner die Frau aus einem Gesundheitsamt angab – man will nicht ähh kann nicht. Alles klar. Ohne Problemanalyse keine Problemlösung. In Grenznähe sind es z. B. tschechische Pflegekräfte, aber auch dt. Tagestouris… wird auch untern Tisch gekehrt .. nochmal ohne Problemanalyse niemals Problemlösung eher Problemverstärkung

  • #6
  • #7
  • #8
    fockd

    "Aber um das zu erkennen, müssen die Gesundheitsämter die einzelnen Fälle nachverfolgen können und das gelingt ihnen immer seltener. Es fehlt an Personal, die Behörden sind überlastet: Dutzende Städte und Kreise haben Probleme bei der Kontaktpersonenverfolgung, zum Teil melden sie „akuten Personalmangel“. Sie melden Unterstützungsbedarf an. An schlimmsten ist die Lage in der Hauptstadt. Berlin braucht Hilfe bei der „Kontaktpersonennachverfolgung, Quarantänebetreuung und -überwachung, Abstrichentnahme, Krisenstab der Senatsverwaltung AG Infektionsschutz LaGeSo“

    Das deutet schon etwas auf Politikversagen hin. Es war eigentlich klar, dass eine zweite Welle kommt. Der genaue Zeitpunkt nicht.
    Man hätte den Sommer nutzen können, um speziell Studierende, Azubis ansprechen zu können. Oder einfach eine Webseite, wo man sich melden kann, wenn es akut wird. Dazu ein Kurs zuvor.

    Das ist organisierbar. Auch mit etwas Geld. Die Politik war zu arglos. Es ist falsch das auf die Bürger*innen zu schieben, finde ich.

  • #9
    Regina

    Wer regelmäßig die öffentlichen Situationsberichte des RKI liest, kennt die Zahlen längst. Das Problem ist, dass die Leute immer noch nicht kapieren, dass die Seuche nicht das Problem der anderen ist! Immer noch – und das zeigt auch diese Kommentarspalte! – wird der individuelle Handlungsbedarf einfach ignoriert. Man sucht Sündenböcke, statt das eigene Verhalten zu korrigieren.
    Das Virus wirkt in den Schleimhäuten, an die es herankommt, und kümmert sich nicht darum, wie die dazugehörigen Menschen sich verhalten, ob wir ihnen trauen oder nicht. Aber jede/r einzelne von uns kann dafür sorgen, dass das Virus den eigenen oder anderen Schleimhäuten nicht zu nahe kommt. Dann läuft die Infektion ins Leere. Jeder vermiedene Kontakt ist dazu ein Beitrag. Das ist bitter für alle, deren eigentlicher Geschäftszweck die Herstellung von Kontakten ist, also Gastronomie, Kultur, Tourismus etc.; das trifft leider fast alles, was Spaß macht im Leben. Aber wenn man die Dynamik der Infektion brechen will, dann darf man den Viren keine Chance geben. Und das tut man durch die Vermeidung von physischer Nähe. Man muss das jetzt gezielt für eine Weile sicherstellen, damit von den Viren, die jetzt existieren, möglichst viele ins Leere laufen. Dann kann man aus dem exponentiellen Wachstum herauskommen. Das funktioniert, wie wir im Frühjahr bewiesen haben. Aber auch, wenn die Spitze gebrochen ist, kann man nicht einfach wieder zum „Normal“zustand zurückkehren. Die AHA-Regeln müssen weiter eingehalten werden, die Quarantänen müssen ernst genommen und weiter Kontakte vermieden werden. Das ist in diesem Herbst versäumt worden. Und daraus sind jetzt die Konsequenzen zu ziehen. Die Politik kann Kontaktmöglichkeiten einschränken, aber letztlich muss jeder einzelne für sich entscheiden, was er unterlassen kann und was nicht. Denn man kann nicht jede/n rund um die Uhr überwachen. Aber jede/r kann sich selbst überwachen. Und genau darum geht es. Wir greifen schließlich auch nicht in Töpfe mit kochendem Wasser, stochern nicht mit Schraubenziehern in Steckdosen herum oder überfahren systematisch rote Ampeln. Wir haben gelernt, mit Gefahren umzugehen, und wir müssen auch lernen, mit Covid 19 umzugehen. Und zwar alle.

  • #10
    Andrea Jung

    Es ist der Wahnsinn die Schulen geöffnet zu lassen!! Denkt mal jemand an die Lehrer und Betreuer?? Grade in der Grundschule ist kein Abstand möglich!

  • #11
    Susann Gossing

    Ich würde mich gerne beim Gesundheitsamt o.ä. Institution bewerben, um bei der Kontaktpersonennachverfolgung aktiv zu werden…
    Leider sind nirgendwo brauchbare Links oder Anschriften zu finden.
    Wenn jemand was weiß bitte melden.
    Bereich Berlin (Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Kaulsdorf).
    Vielen Dank

  • #12
  • #13
  • #14
    Susanne Pohlmann

    Mich wundert gar nichts mehr. Da erkundigt man sich in Dortmund, wie das mit 2 Familien ist, die auf Risikogebieten zurück kamen, und bekommt vom Ordnungsamt die Antwort : ich müsse Anzeige erstatten. Die Polizei verweist zurück ans Ordnungsamt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.