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„Verzicht ist für‘ n Arsch“

Die Bochumer Opelaner wollen ihr Urlaubsgeld nicht hergeben. Weil die einstweilige Verfügung des Betriebsrates heute vor dem Bochumer Arbeitsgericht scheiterte, werden sie nun einzeln klagen. Die gesamte "Mitarbeiterbeteiligung" zur Rettung des ruinierten Autobauers könnte zu unzähligen Prozessen führen

Vielleicht kommt Roland Müller-Heidenreich mit seinem Sohn in diesem Sommer nur bis zu einem Zeltplatz im Allgäu. „Das Geld reicht nicht mehr bis Österreich“, sagt der Opelaner. Seit 28 Jahren fertigt der braungelockte Mann im Bochumer Werk II die Achsen. Nun wird der Alleinerziehende zum ersten Mal kein Urlaubsgeld vom Opel-Konzern erhalten. Die einstweilige Verfügung des Betriebsrates auf sofortige Zahlung wurde am Freitag vom Bochumer Arbeitsgericht aus formalen Gründen abgewiesen. „Diese Forderung ist menschlich nachvollziehbar, aber sie muss von jedem Arbeitnehmer individuell eingeklagt…

Die Bochumer Opelaner wollen ihr Urlaubsgeld nicht hergeben. Weil die einstweilige Verfügung des Betriebsrates heute vor dem Bochumer Arbeitsgericht scheiterte, werden sie nun einzeln klagen. Die gesamte "Mitarbeiterbeteiligung" zur Rettung des ruinierten Autobauers könnte zu unzähligen Prozessen führen

 

Protestierende Opelaner – im Jahr 1968 FOTO: Uni Duisburg-Essen

Vielleicht kommt Roland Müller-Heidenreich mit seinem Sohn in diesem Sommer nur bis zu einem Zeltplatz im Allgäu. „Das Geld reicht nicht mehr bis Österreich“, sagt der Opelaner. Seit 28 Jahren fertigt der braungelockte Mann im Bochumer Werk II die Achsen. Nun wird der Alleinerziehende zum ersten Mal kein Urlaubsgeld vom Opel-Konzern erhalten. Die einstweilige Verfügung des Betriebsrates auf sofortige Zahlung wurde am Freitag vom Bochumer Arbeitsgericht aus formalen Gründen abgewiesen. „Diese Forderung ist menschlich nachvollziehbar, aber sie muss von jedem Arbeitnehmer individuell eingeklagt werden“, befand der Richter.

Opel steht nun eine Klagewelle ins Haus. Dabei wurden die Zugeständnisse der Mitarbeiter  bislang immer als eine unstrittige Säule des Rettungs-Konzeptes voraus gesetzt: An der neuen Opel-Gesellschaft sollen nach den bisherigen Plänen Magna mit 20 Prozent, der Mutterkonzern GM und die Sberbank mit je 35 Prozent und die Opel-Mitarbeiter mit 10 Prozent beteiligt sein. Sie sollen dafür ihr Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie Lohnerhöhungen in Unternehmensanteile umwandeln.

Die aktuelle Bochumer Urlaubskürzung hingegen war noch nicht Teil dieser Vereinbarung und wurde von General Motors ohne Angabe von Gründen durch gezogen. Laut Betriebsvereinbarung steht Ihnen im Jul ein Urlaubsgeld von 50 Prozent des Bruttolohnes zu, auch eine Abschlagszahlung im Juli auf den Augustlohn für die rund 6000 Bochumer Opelaner steht dort fest geschrieben. Die Belegschaft scheint keineswegs bereit zu sein, diese und weitere anstehende Kürzungen hinzunehmen: Auf ihren roten T-Shirts prangte unter der Logo „Verzicht ist für‘ n Arsch“ drei nackte Hinterteile – sie stehen für das gefährdete Urlaubs- und Weihnachtsgeld und geringeren Lohn.

Die Bochumer Autobauer sind für ihre Kampfbereitschaft berühmt. Nur mühsam ließen sich die aufgebrachten Arbeiter im Gerichtssaal beruhigen. Ihre Stimmung nimmt vorweg, wie schwierig die Verhandlungen mit dem potentiellen Investor Magna werden könnten. „Mit der heutigen dramatischen Situation bei Opel brauchen wir jeden Cent“, sagt der Bochum Gesamtbetriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel. Mit den rund 2000 Jobs, die in Bochum weggekürzt werden sollen, seien die Menschen hier ohnehin schon besonders gebeutelt. „Wir geben nur dann Teile unseres Lohnes her, wenn damit der Bochumer Standort gesichert wird“, so Einenkel. Das Geld dürfe nicht in irgendwelche dunklen Kanäle fließen oder für den Personalabbau benutzt werden. „Bislang kann uns niemand sagen, wofür wir genau sparen sollen“, so Einenkel.

Arbeitsrechtler Michael Dornieden, der den Betriebsrat vor dem Bochumer Gericht vertreten hat, wird nun Opel wegen „sittenwidriger Schädigung“ in tausenden von Fällen verklagen. „Denn Arbeitnehmer müssen nun aufwändig und kostspielig das Geld einklagen, was ihnen vertraglich zugesichert ohnehin zusteht“, so Dornieden. Zusätzlich sollten die Opelaner nun einzeln vor Gericht ziehen. Es ist Dorniedens inzwischen zwanzigste Begegnung vor Gericht mit der Geschäftsführung von Opel. Er. „Und in diesem Jahr wird es eine ungeahnte Fülle von Klagen geben“, prophezeit der Jurist. Opelaner Müller-Heidenreich jedenfalls will noch am heutigen Freitag seine einstweilige Verfügung vorbereiten. Er sagt: „Seit 18 Jahren verzichten wir jedes Jahr auf einen Teil unseres Lohnes, und trotzdem werden unsere Jobs immer weniger.“

 

 

 

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4 Kommentare zu “„Verzicht ist für‘ n Arsch“

  • #1
    Eric

    Ausgezeichneter Beitrag!!!

    Ich schlage Opel etwas vor: Wie wäre es, wenn man nicht nur Weihnachts- und Urlaubsgeld streichen würde, sondern in Zukunft gar kein Geld mehr an die Arbeiter auszahlen würde?

    Mit dieser Maßnahme würde man extrem viele Kosten sparen.

  • #2
    Willi

    Einerseits verständlich die Reaktion. Allerdings muss man das alles auch vor dem Hintergrund der Zahlungen durch den Steuerzahler sehen.Viele die indirekt die immer noch hohen Gehälter mitfinanzieren können von Weihnachts-und Urlaubsgeld nur träumen.Schwierige Sache.Bin auf die Reaktionen gespannt.

  • #3
    Maik Hannover

    Hallo Kolleginnen und Kollegen aus Bochum,
    habe heute Euro Situation mit meinen Kollegen in Hannover diskutiert.
    Alle waren der Meinung, macht weiter so, lasst EAuch nix mehr gefallen.
    Solidarische Grüße MAIK

  • #4
    wolle

    Ihr seid alles Schwachköpfe. Ihr verdient immer noch mehr für diese Arbeit als bei irgendeinem anderen Unternehmen. Wenn Ihr so weitermacht, braucht Ihr euch nicht zu wundern, wenn der Laden zugemacht wird. Wäre sowieso das Beste

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