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VfL Bochum-Hauptsponsor ‚Netto Marken-Discount‘ zwischen großzügiger Fanunterstützung und harter Kritik an den eigenen Arbeitsbedingungen.

Fußball. Quelle: Wikipedia, Foto: Anton, Lizenz: cc

Fußball. Quelle: Wikipedia, Foto: Anton, Lizenz: cc

Gerade schneite eine kurze, zunächst ganz unverfänglich wirkende Pressemeldung des VfL Bochum ins Haus, welche bei mir, bei näherer Betrachtung, dann doch ziemliche ‚Bauchschmerzen‘ verursacht hat.

Dort heißt es nämlich zunächst kurz und knackig:

„… Unser Hauptsponsor Netto Marken-Discount unterstützt den VfL Bochum 1848 auf seinem Weg zum Klassenerhalt. Im Rahmen von WIR BLEIBEN DRIN bezuschusst Netto 15 Fan-Busse für die Fahrt zum Auswärtsspiel nach Sandhausen, das am Freitag, 26. April, um 18 Uhr angepfiffen wird. Zudem hat sich unser Hauptsponsor etwas für das Köln-Spiel einfallen lassen.

„Es imponiert uns sehr, wie der VfL und seine Anhänger um den Klassenerhalt kämpfen. Deshalb leisten wir gerne unseren Beitrag, damit auch in Zukunft Bundesliga-Fußball an der Castroper Straße gespielt wird“, so Franz Pröls, Geschäftsführer von Netto Marken-Discount.

Netto wird zum Auswärtsspiel des VfL im Rhein-Neckar-Kreis gegen den SV Sandhausen insgesamt 15 Fan-Busse bezuschussen. Zwölf davon werden für Gruppen ab 30 Personen mit jeweils 500 Euro unterstützt. Interessierte Fanclubs melden sich bitte unter der Ticketing-Rufnummer 0234/9518-37. Dort gibt es Informationen zum weiteren Prozedere.

Zudem stehen drei zusätzliche Fan-Busse für Einzelfahrer und kleinere Gruppen zur Verfügung. Dafür sind Fahrttickets für je 15 Euro pro Person erhältlich. Der Verkauf erfolgt ausschließlich im Fanshop am VfL-Stadioncenter. Die Platzreservierungen laufen parallel zum Vorverkauf für das Spiel beim SV Sandhausen, der noch bis Dienstag, 23. April (14 Uhr), läuft. …“

So löblich und engagiert die zusätzliche Unterstützung des Hauptsponsors beim Kampf des VfL Bochum um das sportliche Überleben in der 2. Liga ja auf den ersten Blick auch scheinen mag, mir kam dazu gleich die (über längere Zeiträume immer wieder bei unterschiedlichen Gelegenheiten auftauchende) Kritik an ‚Netto‘ und deren Arbeitsbedingungen wieder in den Kopf. Natürlich wird das dann häufig von Netto umgehend bestritten. Ich kenne aber schon aus eigenem Erleben Leute, die von den sich dort, nach der ‚Plus‘-Übernahme durch ‚Netto‘, rapide verschlechternden Arbeitsbedingungen in den Filialen betroffen waren und noch immer sind. Viele altbekannte Verkäuferinnen und Mitarbeiter aus ‚Plus‘-Zeiten sind inzwischen auch in Folge dessen schon länger nicht mehr für den neuen Eigentümer tätig.

Und nun stellt sich ‚Netto Marken-Discount‘ hier in dieser Meldung quasi als Freund des ‚kleinen Mannes‘ in der Öffentlichkeit dar, unterstützt nun ‚großzügig‘ finanziell u.a. die Fan-Busse des VfL, in denen dann wahrscheinlich auch sogar etliche Leute sitzen dürften, die aktuell von den schwierigen Arbeitsbedingungen und dem vorherrschenden Betriebsklima bei Netto akut betroffen sind…. Das verursacht bei mir, le länger man sich das einmal  ‚auf der Zunge zergehen‘ lässt, dann doch einiges an Unwohlsein!

Und über diese angebliche, deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren bei den betroffenen Supermärkten berichten mir auch nicht nur Leute aus meinem persönlichen Umfeld. Es gab sogar schon einige sehr kritische TV-Beiträge dazu. Und selbst bei Wikipedia liest man dazu aktuell doch überraschend klare Worte:

‚…Das Unternehmen gerät seit der Plus-Übernahme immer wieder wegen des Betriebsklimas und Führungsstils in die Kritik. So warfen beispielsweise Mitarbeiter (inkl. Führungskräfte) und Vertreter der Gewerkschaft ver.di dem Unternehmen vor, Mitarbeiter massiv unter Druck zu setzen. Das Unternehmen widersprach sämtlichen Vorwürfen.[6][7][8][9][10][11][12][13][14]

Nachdem das Unternehmen wiederholt wegen Lohndumpings und Unterschreitung der Tariflöhne öffentlich kritisiert worden war, kündigte es im April 2011 einen Mindestlohn für Aushilfen von 7,50 pro Stunde zuzüglich tariflicher Leistungen an.[15]

Beim Supermarktranking von Greenpeace belegte Netto im Jahr 2011 bei 15 getesteten Supermärkten den letzten Platz bei der Umsetzung der Einkaufspolitik für Fischprodukte.[16]…‘

Nun mag man mir hier vielleicht Populismus vorwerfen, und auch Wikipedia als Informationsquelle ist ja wahrlich nicht unumstritten, aber ein gutes Gefühl habe ich trotzdem nicht, wenn sich ‚Netto‘ nun hier öffentlich als ‚Wohltäter’ des kämpfenden VfL Bochum und seiner Fans präsentiert. Irgendwie passt da etwas so nicht zusammen. Die gerade angekündigte Aktion verursacht bei mir zumindest ein gewisses ‚Bauchgrimmen‘…

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11 Kommentare zu “VfL Bochum-Hauptsponsor ‚Netto Marken-Discount‘ zwischen großzügiger Fanunterstützung und harter Kritik an den eigenen Arbeitsbedingungen.

  • #1
    der, der auszog

    Welchen VfL Fan interessieren die Arbeitsbedingungen bei Netto?
    Welchen Hannoverfan interessieren die unseriösen Machenschaften, mit denen Carsten Maschmeyer sein damaliges Finanzimperium aufgebaut hat, welches den Arenabau in Hannover erst ermöglichte?
    Welchen Schalkefan interessieren die Morde und Drangsalierungen kritischer russischer Journalisten, die es wagen, sich nicht der von Gazprom-Media verordneten regierungstreuen Berichterstattung unterzuordnen?

    Die meisten Fußballvereine der Bundesliga sind wie Nutten, für Geld tun die alles, hauptsache Ball und Rubel rollen.

  • #2
    Robin Patzwaldt

    @der, der auszog: Da magst Du inhaltlich sogar weitestgehend Recht haben. Einige Ausnahmefälle gibt es aber zum Glück. Am Anfang der Saison haben sich viele Bremen-Fans gegen Neusponsor Wiesenhof gewehrt.
    Aber das sind Ausnahmen und der Widerstand ist dann auch nach kurzem Protest meist wieder erloschen. In der Regel dürfte es vielen Fans relativ wurscht sein, wer Sponsor des Lieblingsteams ist. Das stimmt. Trotzdem gibt es in einigen Fällen durchaus gute Gründe mal ernsthaft darüber nachzudenken, welchen Namen man da so auf der Brust stolz durch die Lande trägt. Auch bei den Fans….

  • #3
    der, der auszog

    @Robin
    Mir stellt sich gerade die Frage, wie politisch Sport bzw. Fußball sein kann/ sein darf/ sein muss:
    Auf der einen Seite werden Sportbotschafter gesucht, die Deutschlands angekratztes Image aufbessern sollen, Beispiel: die gegenwärtige Rehagel-Mission im Rahmen der Finanzkrise in Griechenland. Auf der anderen Seite hinterfragt aber niemand, inwieweit die Fußballclubs bei uns in Deutschland durch Werbung das Image von Unternehmen aufbessern, die irgendwie Dreck am Stecken haben.

    Auf jeden Fall eignen sich Fußballer bzw. Trainer als großartige Werbeträger.

    Schalke beispielsweise hat im Zusammenhang mit Gazprom dieselbe Aufgabe, die Gerhard Schröder bezogen auf Putin hat. Schröder wird mit einem lukrativen Job dafür bezahlt, dem russischen Präsidenten regelmässig den lupenreinen Demokraten zu attestieren und Schalke wird durch das Sponsering dafür bezahlt, dem russischen Energieriesen die blutverschmerte Weste rein zu waschen.

    Einer der wenigen, die Schalke 2007 nach dem 100 Millionen Euro-Deal mit Gazprom öffentlich kritisierten, war der Gelsenkirchener Schriftsteller und Vize des internationalen Schriftstellerverbands P.E.N., Michael Klaus (u.a. Autor des Romans und Drehbuchs „Nordkurve“).

    „Mich interessiert der Verein sportlich nicht mehr. Ob der nun Meister wird oder absteigt – das ist mir egal. Zu Schalke habe ich ein Bild im Kopf: Wenn man auf die Idee käme, alle Toten, die Putin oder Gazprom als lebende in die Quere gekommen sind, als Foto auf den Arena Würfel zu bringen, müsste man am Spieltag früh anfangen, um pünktlich anpfeifen zu können.“ (Michael Klaus in einem WAZ Interview vom 19.01.2007).

    Leider verstarb Michael Klaus, der Zeit seines Lebens eingefleischter Schalkefan war, ein Jahr später an Krebs.

    Im Zusammenhang Fans und Gazpromsponsoring gibts bei der WAZ noch ein weiteren Artikel unter dem Titel „Das Mitläufer-Phänomen“:
    http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/das-mitlaeufer-phaenomen-id1500338.html

  • #4
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @der, der auszog: Spannend! Ein komplexes Feld. Mir persönlich wird auch etwas anders, wenn ich z.B. an den BVB-Trikotsponsor ‚E.On‘ zurückdenke, welchen ich selber damals noch total unkritisch gesehen habe. Inzwischen sehe ich das auch kritischer, und das nicht nur wegen ‚Datteln 4‘. Auch zu anderen Sponsoren der Vergangenheit liesse sich so einiges anmerken. Schwierig!

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  • #7
    Jens Matheuszik

    Naja, die Frage ist: Wo will man anfangen, wo aufhören?

    Was ist beispielsweise davon zu halten, dass Opel den BVB sponsort und diverse andere Vereine und dabei eine Geschicklichkeit ohnegleichen bewiesen hat, denn man hat es geschafft, bei der Sponsoringtour in Deutschland gerade den VfL Bochum auszuklammern. Gab es da etwa im Vorfeld schon gewisse Standortüberlegungen?

  • #8
    Robin Patzwaldt

    Leicht stutzig werden könnte man wohl auch, wenn Fans eines Bundesligisten mit Werbung einer Zeitarbeitsfirma auf der Brust ins Stadion gehen o.ä..

  • #9
    Stefan Laurin

    @Jens: Opel war mal VfL-Sponsor, wechselte dann aber wegen des Erfolges zu Bayern. Das würde besser zum Image der Marke passen, hieß es damals. Naja…

  • #10
    der, der auszog

    @Jens

    Deine Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn – um beim Beispiel Gazprom zu bleiben – macht ja nicht nur Schalke Verträge mit dem russischen Energieriesen, sonder auch unser Staat, die Bundesrepublik oder Energieversorger wie e.on, um hier in Deutschland die Gasversorgung sicherzustellen.

    Wenn etwas dazu beitragen könnte, die Geschäftsverhältnisse mit einem solchen Unternehmen kritisch zu hinterfragen (denn verhindern können wird man sie aufgrund der Abhängigkeit von Gas eh nicht), dann nur durch Aufklärung. Hier sind die Medien gefragt.
    Seit in jedem privaten Nachrichtensender irgendwo ein Aktienkursticker läuft und und selbst bei den öffentlich-rechtlichen Nachrichten eine Schalte zur Frankfurter Börse obligatorisch dazu gehört, reduzieren sich die Wirtschaftsnachrichten leider immer mehr auf Dax und Dow Jones und wie sich der ganze Krempel auf die Volkswirtschaft auswirkt. Es geht nur noch um Zahlen und es muss schon irgendwo eine Ölplattform hochgehen und ganze Küstenregionen verschmutzen oder ein Land wie Griechenland seine Wirtschaft vor die Wand fahren, bis Wirtschaftsnachrichten politisch werden.

    Hinzu kommt die Unfähigkeit der Nachrichtenredaktionen Einzelereignisse miteinander zu verknüpfen. Unter Globalisierung verstehen die meisten Nachrichtensendungen heutzutage möglichst schnell an jedem Ort der Welt zu sein um von einem Ereignis zu berichten. Das führt zwar dazu, dass wir mit Informationen nur so zugeballert werden, aber diese Informationen in keinen Zusammenhang mehr gestellt werden. Um beim Beispiel Gazprom zu bleiben: Die Medien berichten über das Sponsering bei Schalke oder über den Pipelinebau oder über Gerhard Schröders Job und Freundschaft zu Putin. Dieselben Medien berichten über das Verschwinden, Morden und Drangsalieren von Journalisten und Schriftsteller im Putinreich. Allerdings berichtet niemand darüber, dass Gazprom über seine Tochter Gazprom-Media in Russland seit Jahren die Medienlandschaft kontrolliert. Hintergrund für die Schaffung dieses Tochterunternehmens war die kritische Berichterstattung über den Tschetschenienkrieg, die dem Präsidenten ein Dorn im Auge waren. Verlage und Sender wurden von Gazprom einverleibt. Journalisten, die nicht freiwillig gingen, setzte man vor die Tür. Wer trotzdem seine Klappe nicht halten konnte und meinte weiter berichten zu müssen, spielte mit seinem Leben. An Anna Politkowskaja wurde damals ein Exempel statuiert. Ihr Schicksal sollte abschrecken und hat seine Wirkung nicht verfehlt.

    Schalke macht in ganz Europa für ein Unternehmen Werbung, das sehr eng mit den Journalistenmorden in Russland verbunden ist. Das Werbekonzept von Gazprom funktioniert, denn wer denkt schon bei Gazprom an Anna Politkowskaja?

    Schalke hat mit dem Gazpromdeal eine Grenze überschritten. Vermutlich muss sich der Verein aufgrund seiner finanziellen Lage in dieser Form prostituieren, denn die Verbindlichkeiten durch den Arenabau, drücken mehr, als man nach außen hin kommunizieren will. Bei Gazprom geht es allerdings auch um Morde, um Korruption um das beschneiden von Meinungs- und Pressefreiheit.
    Aber die Frage ist in der Tat, wo will man anfangen und wo aufhören.

  • #11

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