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Wird Gauck der bessere Schlossherr?


Joachim Gauck Foto: J. Patrick Fischer Lizenz: CC 3.0 via Wikipedia

Die ganze große Koalition will ihn: CDU, SPD, Grüne und FDP haben sich heute auf Gauck als Nachfolger von Chrsitian Wulff geeinigt. Merkel war souverän, Gabriel schelmisch, Rösler wirkte wie ein Schulbub, der auch mal was wusste und Claudia Roth gab das glückliche Honigkuchenpferd. Alles prima? Nicht ganz. Sicher, Gauck wird nicht betrunken die Flugzeugtreppe runterfallen und auch keine goldenen Löffel klauen. Aber für unangenehme Überraschungen kann er trotzdem sorgen – in seinen Reden und in seinem politischen Handeln. 

Schon im Januar setzte sich unser Gastautor Patrick Gensing kritisch mit Gauck auseinander. Den Text präsentieren wir heute noch einmal:

Viele Kritiker von Bundespräsident Wulff meinen, Joachim Gauck wäre die bessere Wahl gewesen. Dabei wird gerne übersehen, dass der ehemalige Kandidat von SPD und Grünen als Fürsprecher Sarrazins auftrat, die “Prager Erklärung” unterzeichnete und soziale Proteste als “albern” abtut. Von unserem Gastautor Patrick Gensing.

Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin wurde im Jahr 2010 von Gauck als mutig bezeichnet. Sarrazin habe “über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik”, sagte Gauck. Die politische Klasse könne aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass “ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen”. Zum Parteiausschlussverfahren der SPD gegen Sarrazin sagte Gauck laut Tagesspiegel, die SPD habe das Recht zu sagen, dass die Position eines Parteimitgliedes nicht ihrer politischen Auffassung entspricht – und nun kommt das große Aber – ”aber man muss nicht gleich demjenigen Sanktionen androhen, der ein bestehendes Problem offen anspricht”.

Kritik an “Prager Deklaration”

Zudem stand Gauck wegen seiner Unterstützung der “Prager Deklaration” in der Kritik. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew war bei einer Tagung im Juni 2010 Kritik an der Kandidatur von Gauck für das Amt des Bundespräsidenten geäußert worden. Efraim Zuroff, Holocaust-Historiker und Leiter des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem, kritisierte gegenüber Publikative.org ausdrücklich Gaucks Unterstützung der “Prager Deklaration”. Diese sei, so Zuroff weiter, “das Manifest derjenigen Bewegung, welche die kommunistischen Verbrechen mit denen der Nazis gleichsetzt”. Damit werde “der Holocaust und seine einzigartige Bedeutung für die Weltgeschichte relativiert”. Die Tatsache dass ein Bundespräsidentschaftskandidat in Deutschland dieses Dokument unterstütze, sei “extrem beunruhigend”, sagte Zuroff weiter. “Diese Position läuft den Positionen vieler führender deutscher Politiker seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zuwider.”

Dovid Katz, Hochschullehrer an der Vilnius University, Litauen, für Yiddish und Jüdische Studien, sagte zudem, es sei “unglaublich und mehr als ein bisschen herzzerreißend für Holocaustüberlebende in Osteuropa, dass Deutschland noch keine eindeutige Position gegen die Prager Deklaration und alles wofür sie steht, eingenommen” habe. “Dieses Gift darf nicht erlaubt werden, sich weiter westwärts auszubreiten.”

Der Politikwissenschaftler und Autor Clemens Heni sprach auf der Konferenz mit dem Titel “Lessons of the Second World War and the Holocaust: The role of mass media in counteraction to distortion of history of the XXth Century” über die “Trivialization of the Holocaust in German media today”. In der kurzen Diskussion nach dem Referat wurde unterstrichen, dass mit Gauck erstmals ein Präsidentschaftskandidat in einem sehr großen, einflussreichen, westlichen Land “offensiv den Holocaust verharmlost und die Prager Deklaration unterstützt”.

Die Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus (engl. Prague Declaration on European Conscience and Communism) wurde am 3. Juni 2008 von mehreren prominenten europäischen Politikern, ehemaligen politischen Häftlingen und Historikern unterzeichnet. Die Erklärung forderte die Verurteilung von kommunistischen Verbrechen. Sie schloss die internationale Konferenz “Europas Gewissen und der Kommunismus” in Prag ab. Die Erklärung forderte die Ausrufung des 23. August als Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Der Gedenktag wurde am 2. April 2009 vom Europäischen Parlament ausgerufen. (Quelle: Wikipedia)

Interessant ist Gaucks Position zu Demonstrationen. So warnte er im Zusammenhang mit S21 vor einer Protestkultur, “die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht”. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst nannte er ”abscheulich”.

Da könnte man noch folgen, aber auch soziale Proteste geraten bei Gauck schnell in den Verdacht, irgendwas mit kommunistischen Bestrebungen zu tun zu haben. So seien Proteste, wie die Occupy-Bewegung, gegen die Rolle der Banken in der Finanzkrise “unsäglich albern”, urteilte Gauck.

Nun kann man beispielsweise der Occupy-Bewegung eine Menge vorwerfen, aber dass hier kommunistische Ideale verfolgt werden, dürfte kaum zu belegen sein. Es ist eher die fehlende Gesellschaftskritik, die zu abschreckenden Aussagen einiger Teilnehmer führt. Gauck glaubt aber offenbar, hier werde ein “Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne”, verfolgt. Doch zu glauben, dass die Entfremdung vorbei sei, wenn man das Kapital besiege, und dann alles schön sei, sei ein Irrtum. Das ist gut möglich, schaut man sich aber die richtungslose Occupy-Bewegung an, steht der Iwan wohl noch nicht am Empfangsschalter der Deutschen Bank.

Kritik an Verständnis von Freiheit

Katja Kipping von der Linkspartei lobte Gauck in der FAZ für seinen Einsatz bei der Stasi-Aufarbeitung. Gleichzeitig kritisierte sie aber sein Verständnis von Freiheit. Gauck betreibe eine Debatte, “die die Freiheitsrechte gegen die Sozialrechte ausspielt, obwohl beides untrennbar zusammengehört”, sagte Kipping. “Das sieht man auch daran, dass er die Demonstrationen gegen Hartz IV immer heftig kritisiert hat”, so Kipping. “Als Bundespräsident würde er die Gesellschaft nicht versöhnen, sondern spalten.”

Crossposting: Der Artikel erschien bereits auf publikative.org

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33 Kommentare zu “Wird Gauck der bessere Schlossherr?

  • #1
    Höddeldipöpp

    Gauck ist ein “Libertärer” und kein “Liberaler” ( Schöner grundsätzlicher Artikel, der den Unterschied erklärt: http://www.woz.ch/artikel/archiv/21581.html )

    Es wird ja häufig die Frage gestellt, warum Bild und andere einschlägige Medien den Wulff so hart angehen und es wird nach dem wahren Motiv dahinter gefragt.

    Es ist wohl so, dass Springer et al. unbedingt jemanden an der Spitze haben wollen, der uns im Jahr 2012 angeblich alternativlose “Zumutungen” predigt (Umsatzsteuer- und Beitragserhöhungen, Rentenkürzungen, etc.), mit denen Elfriede Springer und ihresgleichen die tatsächlich notwendigen Erhöhungen von Vermögens-, Erbschafts-, Gewinn-, Kapital- und Finanztransaktionssteuern zu vermeiden gedenken. Dafür brauchen sie jemanden, der für Sarrazin Verständnis äußert anstatt jemanden, der sich für Integration einsetzt.

  • #2
    Walter Stach

    Wer nur ein wenig “Menschenkenntnis” hat, mußte und muß m.E. zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen, daß für das höchste Staatsamt in Deutschland Gauck der geeignetere Kandidat war, und das ganz unabhängig von personellen, politischen,beruflichen Details aus dem Leben der Genannten.Jetzt geht es aber nicht um Wulf oder Gauck, sondern um Herrn Wulf im Präsidentenamt -und dazu bedarf es hier keines weiteren Kommentares;mir fehlen jedenfalls für diesen Präsidenten mittlerweile die Worte. Und wenn wir demnächst das große Glück haben sollten, vorzeitig über einen neuen Präsidenten diskutieren zu können, was ich bezweifle, dann gibt für dieses Amt eine Vielzahl geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten. Dazu mag auch Herr Gauck zählen, aber er muß nicht mehr dazu gehören.Entscheidend für die Fehlbesetzungen Köhler und Wulf waren ausschließlich parteipolitisch-machpolitische Erwägungen von Frau Merkel. Wenn Frau Merkel diese demnächst nicht mehr an die erste, sondern an die zweite Stelle ihrer Kandidatenauswahl stellt, wird es auch von CDU/CSU und Frau Merkel einen Vorschlag geben können, den auch andere Parteien und nicht CDU/CSU/FDP gebundene Bürger akzeptieren könnten. Ich -als Sozialdemokrat-habe hier bei den Ruhrbaronen -nur als Beispiel-Udo di Fabio -Nichtsozialdemokrat- genannt – bis Dez.2011 Richter am BVerGG.

  • #3
    Martin N.

    Wäre er nicht. Er ist nicht nur Antikommunist, sondern versteht es auch immer wieder, NS und DDR gleichzusetzten. Warum das Amt des Bundespräsi nicht einfach abschaffen?

  • #4
    Red Jenno

    Gauck ist ein Eiertänzer, war der schon als er die Stasibehörde geleitet hat.
    Nie klare Positionen beziehen, bloß nirgends anecken.

    Und trotzdem wäre er tausendmal besser als Wulff.

  • #5
    rob

    Gauck ist hoffentlich keine echte Alternative, wenn auch sicher Favorit der Springerpresse bzw. der Leute, für die sie wirkt.

    Noch sind wir aber nicht bei Neuwahlen. Kommt Kandidat, kommt Rat…

  • #6
    Höddeldipöpp

    Au weia

    Folgendes wurde gerade angekündigt als Ereignis des Tages für das Heute-Journal:

    Von bürgerlichen Werten
    Joachim Gauck spricht in Neubrandenburg

    http://heutejournal.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,1021120_idDispatch:11192783,00.html

    Wird jetzt Wulffs Nachfolger systematisch aufgebaut?

    ZDF ist ja quasi auch Springer. Sie versuchen es immer und immer wieder. Guttenberg, Steinbrück, Gauck und dann wieder Gauck, Steinbrück, Guttenberg.

    Als wenn das irgendwen interessiert, was der Gauck da in Brandburg so daherredet.

    Ist vielleicht das Transkript trotzdem zu haben? Damit man seinen salbungsvollen Müll mal endgültig in die Tonne treten kann?

  • #7
    Georg kontekakis

    Kryptho-Kommunisten hatten schon immer was gegen einen, der die Stasi-Verbrechen des Unrechtsstaates DDR entlarvt hat.

    Dass die sich an den Haaren Argumente contra Gauck herbeiseiern ist klar.

  • #8
    Zofe

    niemals Gauck, wer sich so offen und den Krieg in Afghanistan befürwortet und sich selber offen sponsoren lässt.. nee nein danke nicht eine Wulff-kopie..

  • #9
    Höddeldipöpp

    Das folgt doch jetzt alles einem vorgegebenen Drehbuch:
    – Gestern dieser unglaubliche PR-Beitrag im ZDF für den Gauck (was ist die Heute-Journal-Redaktion dort tief gesunken). Was war das für eine Beweihräucherung.
    – Heute die RP mit der Meldung: Die CDU/FDP habe im Notfall einen Kandidaten, denn die Opposition nicht ablehnen kann
    – Sigmar Gabriel den Gauck vor.
    – Am Ende gewinnt Bild auf ganzer Linie.

    Das soll Demokratie sein? Die SPD wird unwählbar, solange dort Opportunisten wie Gabriel und Neoliberale wie die Steinis das sagen haben. Hoffentlich erneuert sich diese Partei endlich mal. Das ist wirklich niedrigstes Politik-Niveau.

  • #10
    Helmut Junge

    @Georg Kontekakis,
    Nach diesen derzeitigen Erfahrungen denke ich, dass jeder zukünftige Kandidat vor seiner Wahl genau analysiert werden muß.
    Besser vorher, als hinterher lamentieren.
    Das gilt auch für Gauck.
    Was das dann später für Pflaumen sein können, haben wir schon genug gesehen.

    @Höddeldipöpp,
    ich glaube nicht an solche Drehbücher. Einige Redakteure spielen gerne den Seher, weil sie denken, dass sie die Vergangenheit als Zukunft betrachten können.
    Meist läuft das aber anders. Da werden jetzt zwar Planspiele gespielt, aber ob Gauck wieder aufgestellt wird, oder eine ganz andere Lösung kommt, kann naturgemäß noch niemand wirklich wissen.
    Ich glaube nicht an Gauck.
    So oder so nicht.

  • #11
    Red Jenno

    Gauck wird es wohl nicht:

    http://nachrichten.rp-online.de/titelseite/debatte-um-wulff-nachfolge-hat-begonnen-1.2664878

    Die Parteichefs der schwarz-gelben Koalition, Angela Merkel (CDU), Philipp Rösler (FDP) und Horst Seehofer (CSU), haben sich nach Informationen unserer Zeitung aus Regierungskreisen vor wenigen Tagen bereits auf ein Verfahren zur Nominierung eines neuen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt geeinigt. Sollte Bundespräsident Christian Wulff überführt werden, die Unwahrheit gesagt zu haben, wollen Merkel, Seehofer und Rösler die Unterstützung für Wulff beenden und nach einem Rücktritt in einer gemeinsamen Pressekonferenz einen Kandidaten vorschlagen, der auch vom rot-grünen Lager akzeptiert werden könnte. Man werde einen Vorschlag machen, den “Rot-Grün nicht ablehnen kann”, heißt es.

    In CDU-Kreisen wird der Name von Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) sowie des früheren Uno-Umweltchefs Klaus Töpfer (72) genannt.

  • #12
    Katharina

    Helmut Simon , ehemaliger Verfassungsrichter
    Heinrich Böll, Schriftsteller (leider schon tot)

    Auf jeden Fall will ich solche Anwälte der Bürger.

    Solche Typen stelle ich mir als Präsident des “Volkes” vor.
    Gibt es noch irgendwo solch kantige, ehrliche Typen?

    Wieso darf eigentlich nur die sogenannte Elite des Landes den
    Präsidenten wählen?
    Sind die anderen zu dumm oder haben sie zu wenig Geld?

  • #13
    Katharina

    Wolfgang Thierse, 22.10.1943 in Breslau geboren

    War lange parteilos, hat beim NEUEN FORUM mitgemacht
    Lehre zum Schriftsetzer
    Studium der Kulturwissenschaft und Germanistik
    Katholik und SPD-Mitglied, eine interessante Kombination

    Kuratoriumsvorsitzender der Willy-Brandt-Stiftung

    WB, der mal sagte: “Mehr Demokratie wagen”

  • #14
    Höddeldipöpp

    @Helmut Junge

    Dann ist es immer noch peinlich für Gabriel, dass er diesen “Spring Kaspar aus der Kiste” reflexartig vorgeschlagen hat.

  • #15
    Helmut Junge

    @ Höddeldipöpp,
    Ich schätze, dass ein Königsmordkandidat nie gewählt wird, und dass Gabriel das sehr gut weiß.

  • #16
    Katharina

    Rita Süssmuth
    17.021937 geboren in Wuppertal
    Studium Geschichte und Romanistik

    War erfolgreich in der AIDS-Politik und Frauenpolitik

    Wurde von Kohl weggebissen.
    Das allein ist schon ein Gütezeichen für sie.

  • #17
    Katharina

    23.02.2009

    Rita Süssmuth
    Beliebteste Außenseiterin der Republik

    Von Johanna Klatt

    Neustart für die Professorin für Erziehungswissenschaften: Rita Süssmuth stieg in den achtziger Jahren zur beliebtesten Politikerin überhaupt auf – bis sie von Kanzler Kohl auf das repräsentative Amt der Bundestagspräsidentin weggelobt wurde. Aber auch dort setzte sie Akzente.

    Rita Süssmuth stieg nur zwei Jahre nach ihrem Amtsantritt kometenhaft zur “Frau des Jahres” auf und galt fast ein Jahrzehnt lang als die beliebteste Politikerin der Republik. Doch als Süssmuth im September 1985 zur Ministerin berufen wurde, musste die Bonner Journalistenriege erst noch zur Recherche ins Archiv aufbrechen.
    Rita Süssmuth: Popularität war ihre stärkste Machtressource
    Denn die Dortmunder Professorin für Erziehungswissenschaften war nur den Wenigsten bekannt, ihr CDU-Parteibuch zu diesem Zeitpunkt erst ein paar Jahre alt. Umso mehr erstaunt es, wie schnell es Süssmuth gelang, öffentlich so außerordentlich bekannt und beliebt zu werden.
    Dabei war die Übernahme des Bundesministeriums für Gesundheit, Familie und Jugend eine außerordentlich undankbare Aufgabe. Nur ein halbes Jahr nach ihrem Amtsantritt erschütterte die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl die Bevölkerung. Zudem verbreitete sich zusehends die Infektionskrankheit HIV. Im Umgang mit dem Aidsvirus setzte Süssmuth auf Aufklärung und Eigenverantwortung.

    Ihr Ansehen als Wissenschaftlerin war ein Vorteil

    Das war keine Selbstverständlichkeit zu einer Zeit, als ihre politischen Gegner die Kennzeichnung HIV-Erkrankter, Zwangstests oder Einreise-Stopps bestimmter Risikogruppen vorschlugen. Sicherlich von Vorteil waren dabei Süssmuths beruflicher Hintergrund und ihr Ansehen als Wissenschaftlerin, denn in einer zunehmend verunsicherten westdeutschen Gesellschaft schien der Rat von “Experten” gefragter denn je.

    Ein anderer, vielleicht sogar wichtigerer Grund, weshalb Süssmuth sich die Aufmerksamkeit und den öffentlichen Rückhalt für ihre Politik verschaffen konnte, war ihr Talent, sich in den Medien zu behaupten. Dies ging sogar so weit, dass sie sich für die Titelseite des SPIEGEL ein überdimensionales Kondom über den Kopf streifte und in die Kamera lächelte.

    Natürlich stießen derartige Aktionen vor allem in den eigenen Parteireihen auf wenig Gegenliebe, im Amt der Bundesministerin “durfte” Süssmuth dann auch nur gute zwei Jahre verweilen, bis sie 1988 vom damaligen Parteivorsitzenden Helmut Kohl in das vornehmlich repräsentative Amt der Bundestagspräsidentin weggelobt wurde.

    Ihre Andersartigkeit machte sie so beliebt

    Doch zu Beginn ihres politischen Werdegangs verfügte die Seiteneinsteigerin noch über weitreichende Freiheiten. Der Presse und den Medien galt Süssmuth als eine willkommene Abwechslung zu den typischen Politikern in Bonn. Und ihre Andersartigkeit wurde in der Öffentlichkeit zu einer Quelle der Sympathie.

    Süssmuth war jahrelang die beliebte Ausnahme. Eine Umfrage des Playboy kürte sie zu der deutschen Politikerin, der die meisten Befragten “ohne Bedenken” ihr Auto anvertrauen würden, und laut der Neuen Revue hätten sich die meisten Bundesbürger mit ihren Problemen unter allen Politikern noch am ehesten an Rita Süssmuth gewandt.

    Im Grunde war ihre stärkste politische Machtressource damit eine genuin demokratische: die der öffentlichen Popularität. Sie profitierte davon, in der Öffentlichkeit nicht als typische Politikerin wahrgenommen zu werden. Zudem blieb sie durch die Position als Bundestagspräsidentin nicht nur dem gewöhnlichen Parlamentsbetrieb, sondern gleichfalls dem durchschnittlichen Politikerimage immer ein Stück weit enthoben.

    Der Quereinsteiger-Status half ihr in dem Maße, in dem sie in der Bevölkerung als “eine von uns” und weniger als “eine von denen” in Bonn oder später in Berlin wahrgenommen wurde.

    Darauf stützte sich die junge und ambitionierte Politikerin, vielleicht auch in dem Bewusstsein, gewisse innerparteiliche Defizite aufgrund der mangelnden “Ochsentour” kompensieren zu müssen. Denn so beliebt Süssmuth in der Öffentlichkeit auch war und so effektiv es ihr gerade in frauenpolitischen Fragen gelang, Bündnisse zu schmieden, so gezwungenermaßen einzelgängerisch war ihr Agieren innerhalb der CDU und in der Bundestagsfraktion. Mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Agenda und bisweilen provokanten Auftritten stieß sie in den eigenen Reihen beständig auf Widerstände und Neider – und fand schließlich in der Öffentlichkeit mehr Zustimmung als in der eigenen Partei.
    2. Teil: Nach zwei Dienstaffären verlor Süssmuth ihren Sonderstatus

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  • #19
    Soli

    Ich erlebte Joachim Gauck 89 in Rostock, er sagte u.a. öffentlich in der Kanzel stehend was viele dachten. Kaum einer hatte damals den Arsch in der Hose.Dafür hätte er ins Gefängniss gehen können.Er ist jetzt ein wenig älter und sanfter geworden aber er hat damals mit am Rad der Geschichte gedreht im positiven Sinn versteht sich.

    Deshalb freue ich mich jetzt sehr für Herrn Gauck.

  • #20
    gelderlander

    Gauck ist vollkommen ungeeignet die BRD im Ausland zu repräsentieren.

    1. Stimmt er den Hasstiraden eines Sarrazin (“SPD”) zu,

    2. Tritt er für die Vorratsdatenspeicherung ein.

    Bei letzterem fällt mir nichts mehr ein, denn hatte er nicht als “Bürgerrechtler” einst gegen das MfS gekämpft? Jetzt ist er für Überwachung aller Bürger, also dafür, das alle Bürger dieses Staates unter Generalverdacht gestellt werden??

  • #21
  • #22
    Frank

    Armes Deutschland und Gauck war nie Bürgerrechtler, im Gegenteil, wenn es darauf ankam ist er immer weg gerannt!

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  • #24
    Nobody

    Na Gauck wird es wohl werden, die Piratenpartei Diskutiert gerade ob man nicht Georg Schramm als Kandidaten durch den LV Berlin aufstellen sollte.

    Zitat von der Mailingliste:

    ” Zu Georg Schramm:
    Wenn ich mich recht erinnere, verlautete er mal in “Neues aus der Anstalt” unmittelbar vor der Wahl Wulff´s, dass er hoffe, aber nicht glaube, dass es wenigsten einen Wahlmann gäbe, der ihn zur Wahl des Bundespräsidenten vorschlage. Dies nicht, weil er die Absicht hege, tatsächlich Bundespräsident werden zu wollen, sondern damit er als Kandidat von seinem dann bestehenden Rederecht Gebrauch machen könne, um den versammelten Herrschaften mal die Leviten zu lesen.
    Allein aus diesem Grund halte ich es für eine piratige Pflicht, dass wenigstens ein Pirat, sollte er Mitglied der Bundesversammlung werden, Hrn. Schramm als Kandidaten für das Amt vorschlägt, damit er die von ihm beabsichtigte Rede halten kann. Im übrigen halte ich ihn für einen hervorragenden, wenn auch changenlosen, Kandidaten.”

  • #25
    d-punkt

    Die sogenannte “Behörde” der der Mann vorstand ist doch nur die Fortführung von Überwachung; als wie wenn der Bullenstaat BRD die Akten nicht genutzt hätte und noch tut. Das muß man sich mal vorstellen: Der Überwachungsstaat hat nun den Alibi-VorAufarbeiter desselben zum Aushängsel gekürt. Das ist in etwa so als hätte die BRD den NS als Demokratie rehabilitiert, wenn man sich vor Augen hält dass die DDR im Gegensatz zur BRD nicht von den alten Nazis aufgebaut wurde. Überhaupt, wer sich mit dem Bullenstaat identifiziert und einen geistig-moralischen Führer an der Spitze befürwortet … soll —–ZENSUR——!

    Ich wäre ja für Militärbischof Overbeck.
    Staat, Kirche, Militär – da weiß man was man hat.
    Und jetzt nur bloß die Überwachungsstaatfigur, schade.

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  • #28
    Klaus

    Was mir den Gauck besonders sympathisch macht, alle Parteivorsitzende, von CDU, FDP, SPD und Grüne scheinen mit der Wahl nicht gar zu glücklich zu sein, können aber nicht zurück weil a) das Volk ihn will und b) den einige bei der letzten Wahl unbedingt haben wollten, oder zumindest den Anschein von sich gaben.

    Das kann noch lustig werden.

  • #29
    Realmika

    Für die Politik (meint hier: in Berlin berufsmäßig damit beschäftigte) kann Herr Gauck sehr unbequem werden. Es besteht durchaus die Gefahr, dass er sagt was die Leute denken anstatt den Leuten zu sagen, was sie denken sollen. Da können auch mal Dinge dabei sein, die die publizistische Kaste tendenziell für empörend hält…

  • #30
  • #31
    Walter Stach

    Intereressant, im nachhinein unsere Kommentare vom 6./7.Jan.zu lesen.

    Und jetzt doch Gauck. Ich hatte gewettet, daß die Kanzlerin aus parteipolitsch-machtpolitischen Erwägungen niemals einer Kandidatur Gauck zustimmen würde;so kann man sich irren.

    Zur Kandidatur GaucK -für mich o.k. -nicht mehr, nicht weniger.

    “Breiter”Konsens über einen Kandidaten ? Gut oder schlecht für die Demokratie? Ich meine, besonders im konkreten Falle ist eine sehr große Mehrheit in der Bevölkerung froh , daß nach dem wochenlangen Wulf- Drama – oder war es ein Possenspiel?-, ein Kandidat mit solch großer Mehrheit nominiert wurde und gewählt werden wird. Der neue BPräs. wird ganz sicher oftmals Ansichten vertreten, auch provokant, die ich nicht teile werde.Das ist aber kein Grund für mich, ihn nicht zu akzeptieren und zu respektieren -im Gegenteil.

  • #32
    Nona Hart

    Auf Politically Incorrect wird Gauck wegen seiner geistigen Nähe zu Thilo Sarazzin gefeiert. Da haben wir ja jetzt einen Präsidenten der die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen vereint. SPD/Die Grünen und die Rechten von PI.

  • #33
    Norbert Paul

    Wer auf Recherche steht:

    http://blog.karlshochschule.de/2012/02/20/gauck-in-der-filterbubble-oder-wie-wir-lernten-den-kontext-zu-ignorieren/

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