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Warum ich konservativ geworden bin

Paradox, aber ist so: Für wirtschaftlichen Fortschritt zu sein, ist heute konservativ. Selfie: Mario Thurnes

Es ist noch gar nicht lange her, da bin ich eingestellt worden, um meinen Arbeitgebern ein grüneres Antlitz zu verpassen. Doch mittlerweile bin ich konservativ geworden. Dabei habe ich mich gar nicht verändert.

Fünf mal bin ich in Parteien eingetreten. Zwei mal in die FDP, zwei mal in die Grünen und ein mal in die SPD. Einerseits bin ich fest davon überzeugt, dass es in einer Demokratie wichtig ist, sich einzubringen. Andererseits war die Bindungskraft nie so groß, dass ich dauerhaft bleiben wollte.

Ich habe Politik aber auch nie von der Zugehörigkeit aus gedacht. Nie gesagt: „Ich bin grün, also finde ich Öko-Steuern gut, veganes Essen und das Gendersternchen.“ 1994 fand ich den Asylkompromiss der SPD falsch und 2009 den Einsatz für erneuerbare Energien richtig. Deswegen bin ich Grüner geworden. Das Gendersternchen hielt ich indes schon immer für Quatsch.

Bundespräsident Roman Herzog hat das Notwendige zur Begriffsbestimmung gesagt: Konservativ sei, wer etwas erhalten wolle. Und dann komme es darauf an, was er erhalten wolle: „Wenn es darum geht, das Grundgesetz zu erhalten, dann bin ich gerne konservativ.“

Illegitime Regierung?

Die „Fridays for Future“-Aktivistin Luisa Neubauer hat nun die Legitimität der Bundesregierung in Frage gestellt. Damit also das demokratische Prinzip: Das Volk wählt den Bundestag, der die Regierung. Wird das negative Konsequenzen für Neubauer haben? Nun. Rhetorische Fragen muss man nicht beantworten.

Aber erklären: Neubauer ist jung, weiblich, links. Sie gehört also zu den Guten. Und Zugehörigkeit ist mittlerweile wichtiger als Inhalt. Deswegen wird kein Vertreter der Regierung Neubauer widersprechen und die öffentlich-rechtlichen Medien werden sie ungebrochen hofieren.

Nun ließe sich fragen: Ist die Kritik an Neubauer nicht überzogen? Die Aussage zu harmlos, die Aktivistin zu unbedeutend und die Demokratie zu stabil, als dass wir Angriffe auf sie entschlossen abwehren müssten? Der Damm kann Jahrhunderte stehen. Trotzdem zerbricht er in Sekunden. Deswegen ist es wichtig, auf Risse zu achten.

Wandel des Konservativen

Ich bin 1974 geboren. Damals war Homosexualität fast noch ein Verbrechen. Zumindest war sie geächtet. In Filmen und Serien gab es das Motiv, dass Männer wegen ihrer sexuellen Ausrichtung erpresst werden. Konservativ sein, hieß 1974 Homosexualität abzulehnen.

Meinen ersten politischen Kampf habe ich ausgetragen, da war ich zehn Jahre alt. Ich war gegen die Regel schon in der zweiten Klasse zur Kommunion gegangen. Trotzdem verlangte der Pfarrer von mir, in der dritten Klasse den gesamten Kommunions-Unterricht zu wiederholen. In den Streit mischten sich auch meine Lehrer ein.

Nun ist das, was mir passiert ist, viel viel kleiner, als das, was Menschen in einer religiös motivierten Diktatur erleiden müssen. Aber für einen Zehnjährigen war es beeindruckend genug. Und es hat mich gelehrt, was es heißt, Ausgeschlossener in einem repressiven, geschlossenen System zu sein.

Für religiöse Repression zu sein, war konservativ. Für eine säkulare Gesellschaft einzutreten, für eine freie Gesellschaft, eine, in der das Individuum sich entfalten kann, war der Leitfaden all meines politischen Handelns – und links. Nun ist das eben konservativ.

2015 hat Maßstäbe verändert

Das Jahr 2015 hat die Maßstäbe verändert. Für eine übergroße Koalition aus CDU, SPD, Grünen und Linken gilt seitdem: Alles was zur Einwanderung gehört, ist gut. Den Standpunkt vertreten sie fanatisch. Zwischentöne sind dabei nicht erlaubt. Auch und gerade nicht, wenn es um den Islam geht. Kritik an diesem ist zum gesellschaftlichen Tabu geworden.

Als säkulärer Mensch habe ich nichts gegen Religionen. In ihrer Ausübung. Aber ich wehre mich gegen die politische Einmischung ihrer Vertreter. Vor allem wenn es illiberale Einflüsse sind. Oder Einflüsse, die der Würde des Menschen widersprechen.

Es ist mir egal, ob ein Pfarrer lehrt, dass Homosexualität Sünde ist. Oder ein Rabbi. Oder ein Iman. Ich halte es in jedem Fall für Schwachsinn. Beim Priester und beim Rabbi darf ich das auch öffentlich sagen.

Mit Äußerungen zur Homosexualität halten sich konservative islamische Verbände wie Ditib oder der Zentralrat zurück. Sie werden von Journalisten aber auch nicht gerade gedrängt, sich zu bekennen. Offensiv werben die Verbände aber für das Tragen des Kopftuchs oder für getrennten Schwimm-Unterricht. In Sachen Kopftuch sind die Vertreter der übergroßen Koalition so geschichtsvergessen, dass Einzelne es ernsthaft als Freiheitssymbol feiern.

Der Whataboutismus

Doch noch verbreiten sich islamische Ideen in der Politik nach dem Mechanismus, der beim geschlechtlich getrennten Schwimmunterricht angewandt wird: dem Whataboutismus. Kein Vertreter der SPD etwa wird sich hinstellen und sagen, dass er den getrennten Unterricht will. Es wird sich aber auch keiner hinstellen und ihn offen ablehnen. Viel mehr wird es heißen: Haben wir denn keine wichtigeren Themen, über die wir diskutieren können? Doch der Damm kann auch schon wegen kleiner Risse brechen, wenn sie lange genug übersehen werden.

Wobei ich keine Untergangs-Stimmung verbreiten will. Auch wenn die gerade als chic gelten. Im Gegenteil. Ich will dieses Land feiern: Homosexualität ist nicht nur gesetzlich gleichgestellt worden, sie ist auch gesellschaftlich anerkannt. Frauen und Jungs können sich ein Schwimmbad teilen, ohne dass darin eine Sünde gesehen wird.

Frauen dürfen unverhüllt sein. Sie dürfen beruflich werden, was sie wollen – sogar Kanzlerin. Ob die schlechter bezahlt wird als Gerd Schröder wird, weiß ich nicht. Auch nicht, ob die Berechnung stimmt, nach der Frauen fürs Gleiche weniger verdienen als Männer. Sicher ist, dass es ihnen nicht verboten ist, mehr Gehalt als ein Mann zu bekommen.

Religionen dürfen frei ausgeübt werden. Moscheen und Synagogen werden nicht mehr in Hinterhöfen versteckt, sondern stehen an Hauptstraßen. Nie war es so richtig, bewährte Zustände verteidigen zu wollen. Nie war es so richtig, konservativ zu sein. So richtig Motive wie religiöse Toleranz oder Klimaschutz sind. So falsch ist es, für diese Motive die Errungenschaften einer demokratischen Gesellschaft aufzugeben.

Ich war grün, jetzt bin ich konservativ - ich habe mich aber nicht verändert
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12 Kommentare zu “Warum ich konservativ geworden bin

  • #1
  • #2
    Wolf

    "Für eine übergroße Koalition aus CDU, SPD, Grünen und Linken gilt seitdem: Alles was zur Einwanderung gehört, ist gut. Den Standpunkt vertreten sie fanatisch. Zwischentöne sind dabei nicht erlaubt. Auch und gerade nicht, wenn es um den Islam geht. Kritik an diesem ist zum gesellschaftlichen Tabu geworden."

    Behauptungen, die schon oberflächlichster Überprüfung nicht standhalten. Jeder einzelne Satz im obigen Zitat ist falsch. Schade um den Rest des recht beflissenen Aufsatzes von Herrn Thurnes.

  • #3
    Michael

    "Die „Fridays for Future“-Aktivistin …"

    Sie dürfen nicht vergessen: in einer bürgerlichen Demokratie – in der die Herrschaft direkt vom Kapital ausgeübt bzw. an ihr politisches Personal delegiert wird – kann man nur den "wählen", den andere bereits ausgesucht haben. Keine der üblichen Parteien in D. wird jemals diese direkte Herrschaft des Kapitals in Frage stellen.

    Das die aktuelle Regierung beim Klimawandel nicht im Sinne aller die in D. leben handelt und damit nicht legitim ist, sollte unter Linken eine Binsenweisheit sein. Solange das Kapital (hier die Autoindustrie) noch einen Klimakiller-SUV verkaufen will, wird die jeweilige Regierung dafür Sorge tragen, dass sie das auch kann.

  • #4
    ke

    Wir erleben in vielen Ländern, dass die Freiheit ganz schnell wieder "abbestellt" werden kann.
    Das gilt auch für alle Errungenschaften, die unsere Eltern und Groß-Eltern erkämpft haben.
    Deshalb ist es wichtig, für unsere Demokratie zu kämpfen und Angriffe darauf zu direkt zu erwidern.
    "Wehret den Anfängen"

    Konservativ ist ein blöder Begriff. Als Dortmunder ist man konservativ gewesen, wenn man eine Einstellung hatte, die in Ostwestfalen als links eingeordnet würde.

    Ich finde es auch erschreckend, dass im Rahmen der F4F Bewegung von einigen Gruppen wieder eine Möglichkeit gesehen wird, unser aktuelles System mit vielen Individuellen Freiheit einzuschränken. Dies wird dann mit der Rettung des Planeten begründet. Dabei werden oft sämtliche naturwissenschaftlichen Betrachtungen im Bereich der Lösungsansätze ignoriert.

    Unser grünen Vordenken zeigen immer wieder, dass ihnen offensichtlich einfachste Zusammenhänge unserer Gesellschaft unbekannt sind. Es gibt dann Kobolde oder abenteuerliche Argumente im Bereich der Pendlerpauschale.
    Leider ist auch die Presse in diesen Bereichen zu nachsichtig und bohrt nur sehr selten nach. Von Parteichefs sollte man erwarten können, dass sie sich zumindest mit den Grundlagen von Zusammenhängen, über die sie entscheiden wollen, auseinandersetzen.

  • #5
    Psychologe

    "ür eine übergroße Koalition aus CDU, SPD, Grünen und Linken gilt seitdem: Alles was zur Einwanderung gehört, ist gut. Den Standpunkt vertreten sie fanatisch. Zwischentöne sind dabei nicht erlaubt. "

    Es geistern ja immer wieder Studien durch die Medien, die belegen, dass Migration für Volkswirtschaften überwiegend positive Effekte mit sich bringt. Das ist so undifferenziert, als wolle man die Umtriebe von AfD, Pegida und Identitärer Bewegung mit der Verkürzung kleinreden, politisches Engagement bringe in einer Demokratie überwiegend positive Effekte mit sich.

  • #6
  • #7
  • #8
    Gerd

    "Moscheen und Synagogen werden nicht mehr in Hinterhöfen versteckt, sondern stehen an Hauptstraßen."

    Moscheen und Synagogen sollte man nicht derart gleichsetzen.

  • #9
  • #10
    thomas weigle

    @Thilo In hiesigen Synagogen wird nicht zu Gewalt aufgerufen. In Moscheen ist das leider anders ,wie man einer mittlerweile vielfältiger Printliteratur entnehmen kann. So wurde in Moscheen und deren Umfeld massiv für den Märtyrereinsatz in Syrien geworben. So gibt darüber hinaus einige muslimisch-islamistische Organisationen im Umfeld von Moscheen tätig sind,die vom Ausland gesteuert werden, die offen ihre Verachtung für unsere Lebensweise in unflätigster Weise ausdrücken und zur (gewaltsamen) Veränderung unserer Gesellschaftsordnung aufrufen.

    Insofern hat @Gerd mal ausnahmsweise recht.

  • #11
    thomas weigle

    Heute Nacht gibt es im ZDF um 00.25 eine Sendung über die liberale Moschee in Berlin. Diese Moschee war ja auch vor einiger Zeit hier bei den Ruhrbaronen schon Thema. Berichtet wird im Rahmen dieser Sendung auch über die Morddrohungen und unflätigen Beschimpfungen, die der Gründerin und allen Besuchern dieser Moschee von anderen Muslimen ausgesetzt waren und sind.

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