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WAZwatching – Die Macht der Zahlen

Inzwischen muss man sich immer öfter dafür rechtfertigen, zu dem schwindenden Kreis der Leser der WAZ zu gehören. Die Begründung des leidendenden Abonnenten heißt dann immer: Man muss schließlich wissen, was in seiner Stadt so alles passiert. In meinem Fall ist das Gelsenkirchen und neben mir leben hier noch rund 261 000 Menschen – es ist also immer noch eine ziemlich große Stadt.

Man kann kaum glauben, dass zwischen Buer und Ückendorf nur das passiert, was am nächsten Tag im Lokalteil der WAZ steht. Seit 2008 ist die Zahl der verkauften Exemplare um 6 Prozent gesunken und inzwischen hat die Zeitung täglich etwa 38 000 Leser. „Was vor unser Haustür geschieht, das ist das wichtigste Thema in der Zeitung“, behauptet Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe. Von den Machern wird die lokale Berichterstattung immer als große Stärke des Zeitungsgiganten bezeichnet, aber das funktioniert leider schon lange nicht mehr. Ein paar Ereignisse und Artikel der letzten Zeit machen das sehr deutlich.

Die Kommunalpolitik unternimmt in Gelsenkirchen sehr viel für Kinder und Jugendliche. Das sollte man schätzen, aber deshalb muss der Lokaljournalist kritische Fragen nicht vollkommen ignorieren. Vor ein paar Wochen wurde über die tolle Betreuung in der offenen Ganztagsschule (OGS) berichtet. Zu Wort kamen

Bürgermeister Frank Baranowski und eine OGS-Leiterin der Arbeiterwohlfahrt. Auch hier spielten die Zahlen eine große Rolle: In der Stadt gibt es 100 Gruppen, es werden 2400 Kinder betreut und die Stadt hat dafür 3,7 Millionen Euro aufgewandt. Die Eltern seien zufrieden hieß es, aber auf die Idee bei den zufriedenen und auch bei den unzufriedenen Erziehungsberechtigten nachzufragen, kam Chefredakteur Friedhelm Pothoff nicht. Dabei hat es in der Stadt in der Vergangenheit eine heftige Auseinandersetzung um den Erhalt der Kinderhorte gegeben, an deren Stelle jetzt die OGS getreten ist. Erst im letzten Jahr gab es eine öffentliche Veranstaltung mit Eltern, Betreibern, Lehrern und Politikern zu den Problemen bei dem Nachfolgemodell. Die Kritiker betonten die schlechte finanzielle Ausstattung, eine fehlende Regelung für die Beteiligung der Eltern, häufig wechselndes Personal, beengte Räumlichkeiten, nicht ausreichende Zusatzangebote und das Ende der Betreuung um 16 Uhr. Auch in der WAZ wurde darüber berichtet. In der Redaktion hat man das inzwischen wohl bemerkt und einen Beitrag nachgeschoben – ganz nach dem Motto „wir haben nachgefragt“. Ein Grund für die unglückliche Berichterstattung mag darin liegen, dass kein Redaktionsmitglied mehr aus Gelsenkirchen kommt und die dünne Besetzung keine Zeit für einen Blick ins Archiv lässt.

Das belegt auch der Lokalteil vom letzten Samstag im März. Auf den insgesamt fünf Seiten finden sich sechs Artikel von Chefredakteur Friedhelm Pothoff, der neben seinem Klarnamen auch mit seinem Kürzel fripo unterzeichnet. Da bleibt nicht viel Zeit für die gründliche Recherche. Ergänzt wird die Wochenendausgabe mit ein paar umgeschriebenen Pressemitteilungen. Das ist keine Ausnahme, sondern inzwischen leider Normalität. Ein katholischer Wohlfahrtsverband schaffte es mit seiner Verlautbarung sogar auf die erste Seite des Lokalteils, aber einen Hinweis auf die Quelle suchte der Leser natürlich vergebens. Das Leiden des Lokaljournalismus geht also weiter und ein Ende ist nicht in Sicht.

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6 Kommentare zu “WAZwatching – Die Macht der Zahlen

  • #1
    Dirk Schmidt

    Der Regionalteil ist auch nicht besser. An manchen Tagen müssen Meldungen aus der Region auf der Seite Rhein-Ruhr gesucht werden. Das steht dann Enterainment à la Jopi Heestees.

  • #2
    68er

    Wenn es um Bochum geht, ziehe ich den Stadtspiegel vor. Der ist kostenlos, oft informativer, aktueller und die Bilder von Herrn Molatta finde ich auch gar nicht schlecht. Nachrichtentechnisch wird man hier im Ruhrgebiet halt zum Zyniker.

    Schlechter als die WAZ ist nur noch die Lokalzeit Ruhr vom WDR. Da wird über jedes Kaffeekränzchen berichtet, politische Themen sind eigentlich tabu und wenn doch mal über was annähernd politisches berichtet wird, dann wird das Thema erst einmal weich gespült. Viele Emotionen, möglichst keine Fakten.

    Ein Ballungsraum von ca. 5 Millionen aber journalistische Wüste.

  • #3
    Stefan Laurin

    Ich kenne dieses WAZ-Bashing seit Jahrzehnten. Früher war die WAZ eine verschnarchte SPD-Zeitung. Johannes Rau auf Papier. Noch nicht einmal richtige Kommentare gab es. Das ist deutlich besser geworden. Die Lokalteile sind unterschiedlich – es gibt gute und schlechte. Mit dem in Bochum bin ich ganz zufrieden. Und die Arbeit von Klaus Brandt in der Dortmunder-WR zum Thema Envio war grandios. Und seitdem David die Rechercheabteilung leitet deckt die WAZ auch Geschichten auf. Klar, mehr wäre immer besser – auch in den Lokalteilen. Aber da muss man wohl realistisch sein: Das Ruhrgebiet ist nicht so ein begeistertes Leseland, das man mehr Zeitung als WAZ oder RN es bieten finanzieren kann. Ich glaube nämlich nicht an die Legende von den hochinteressierten Lesern, denen nur kein adäquates Medienangebot unterbreitet wird. Den meisten reicht der Stadtspiegel. Und das sagt, bei allem Respekt vor den Kollegen dort, mehr über die Leser als über den Stadtspiegel aus.
    Übrigens: Es gab mal eine Alternative zu WAZ und RN. Die taz ruhr. Hatte auch keinen Erfolg. gehabt.

  • #4
    Michael Voregger Beitragsautor

    Das bekannte Bashing ist das eine, aber die Qualität in Gelsenkirchen und anderswo hat über die Jahre beständig abgenommen. Inzwischen sind auch lesenswerte Kollegen wie Lars Christoph und Michael Muscheid nach Herne abgewandert. Sie haben aber auch dort mit dem schwierigen Rahmen zu kämpfen, der von der Zentrale vorgegeben wird. Ideal wäre sicher eine kombinierte Zeitung mit einem Lokalteil von tazzlern, dem überregionalen Politikteil der SZ, dem Feuilleton der FAZ, Fußballberichten vom Reviersport und das dann noch als gedruckte Zeitung zum Frühstück.

  • #5
    68er

    @ M. Voregger

    Ihre Erfahrungen mit den örtlichen Medienvertretern kann ich bestätigen. Als wir als Eltern gegen die Schließung der katholischen Kindergärten demonstriert haben, war das Interesse der Presse relativ gering. Man hatte irgendwie den Eindruck, dass die WAZ ungern kritisch über die katholische Kirche berichten wollte. Ganz gut war die Unterstützung durch Radio Bochum.

    Als es neulich um die geplante Schließung von 11 Grundschulen in Bochum ging, waren die Erfahrungen ähnlich. Radio Bochum war immer dabei und hat sich teilweise sogar selbst bei den Eltern gemeldet. Die WAZ und die RN berichteten recht oberflächlich. Über eine Demo mit mehreren Hundert Leuten wurde dort gar nicht berichtet. Die Ruhrbarone fanden das Thema auch nicht relevant, obwohl hier sonst so viel über Strukturwandel geschrieben wird und die Betreuung der Kinder für junge Leute eigentlich ein wichtiges Entscheidungskriterium ist, wenn man sich überlegt, hierher zu ziehen oder hier zu bleiben.

    Der WDR war bei den Themen auch ein Totalausfall. Es wurde zwar teilweise berichtet, aber immer nur in dieser Infotainment-Soßen-Manier.

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