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Weiß, Mann und Heterosexueller = Unterdrücker?

„Weiß, Mann und Heterosexuell“, das sind, folgt man den beiden bestimmenden Debatten der vergangenen Wochen, die Insignien der Macht in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Nicht, dass es keine Unterdrückung von Schwarzen, Frauen oder Homosexuellen gäbe, aber dieser Satz von entlarvender Schlichtheit.

Ein heterosexueller Hartz IV Empfänger ist im Gegensatz zum schwulen Guido Westerwelle diskriminiert? Ein schwarzer Oberarzt ist ausgegrenzt und die Milliardenerbin Madeleine Schickedanz ein Underdog? Nein, bei allen Problemen die es gibt: Die Grenzen verlaufen nach wie vor zwischen oben und unten, zwischen denen, die Macht haben und denen, die keine Macht haben. Sicher, unter denen, die Macht haben befinden sich viele weiße, heterosexuelle Männer, keine Frage. Aber viele weiße heterosexuelle Männer gehören auch nicht dazu: Langzeitarbeitslose zum Beispiel, Schulversager, Männer, die ihren Job verlieren, weil ihre Firma pleite macht und sie nicht die geringste Schuld daran haben. Sie haben viel gemeinsam mit der weiblichen Teilzeitkraft im Supermarkt, dem schwarzen Asylbewerber, der von ihrer Familie gejagten Türkin, dem marginalisierten schwulen Junkie oder dem obdachlosen Bodo-Verkäufer.

Wie jede Form der Diskriminierung sind Rassismus und Sexismus Fragen der Macht – Diskriminierung hat viele Gesichter und ist letztendlich die Frage, wie ganze gesellschaftliche Gruppen ausgegrenzt werden. Darüber, dass eine ganze Schicht, die, die man einmal Arbeiterklasse nannte, und zu der Frauen und Männer gehören, von denen nicht wenige Einwanderer und Homosexuelle sind, spricht niemand. Sie werden seit Jahren als Unterschicht diffamiert, in TV-Shows verhöhnt, von der Politik ignoriert – unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Herkunft. Es mag ja sein, dass auch Schwarze, Homosexuelle und Frauen aus der Ober- und Mittelschicht Diskriminierung erfahren und sicher, das ist übel. Dass aber Millionen Menschen systematisch ausgegrenzt und stigmatisiert werden durch eine Gesellschaft, die neben den Lebens- und Wirtschaftsweisen einer neuen, bürgerlichen Mittelschicht keine anderen mehr akzeptieren, ist ein ebenso großer Skandal, und ich bin mir sicher, dass viele, die im Augenblick vor Aufregung kaum Luft bekommen, sich in ihrem Alttag freudig daran beteiligen.

In England hat, ausgelöst von dem Buch „Chavs: The Demonization of the Working Class“ von Owen Jones (Deutsch/Amazon Link: Prolls: Die Dämonisierung der Arbeiterklasse) eine Diskussion über dieses Thema längst begonnen. Sie zeigt, dass sich Unterdrückung nicht in erster Linie an Hautfarbe, Geschlecht oder sexuellen Vorlieben orientiert, sondern an wirtschaftlicher und kultureller Macht. Und weder homosexuelle, noch schwarze, noch weibliche, noch männliche, noch weiße, noch heterosexuelle Aufsteiger oder Angehörige der Mittelschicht scheinen sich dafür auch nur im geringsten zu interessieren bei ihrem Drang, sich als Opfer zu stilisieren.

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37 Kommentare zu “Weiß, Mann und Heterosexueller = Unterdrücker?

  • #1
    discipulussenecae

    Sie hätten Recht – wenn es denn den oder die oder das – oder wie auch immer gepolten oder gearteten Arbeiter noch gäbe. Aber das ist ja nun auch keine neue Einsicht.

    Aber wo Sie die „männliche(n), noch weiße(n), noch heterosexuelle(n) Aufsteiger (in) … der Mittelschicht, … (die) sich … bei ihrem Drang, sich als Opfer zu stilisieren“, hernehmen wollen – das bleibt vielleicht Ihr Geheimnis.

  • #2
    Crash-Fan

    Der -weiße alleinlebende- Polizist John Ryan aus dem Oskargekrönten Film L.A. Crash von 2005 ist eine sehr genaue und gute Studie dieses Typs, der mit genauem -ethnografischen- und zugewandem Auge dargestellt wird. Der Film zeigt sehr genau, dass Stereotypen auch hinsichtlich Ethnizität und Geschlecht nicht ausreichen um Herrschaft zu erklären ohne dabei Herrschaft entlang der Linien von Klasse, Ethnizität oder Gender zu verschleiern.

  • #3
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @ discipulussenecae: Nur mal so als Beispiel: Was glauben Sie wer die Autos baut, die Straßen sauber hält, die Häuser baut und renoviert, Sie im Supermarkt bedient, die mies bezahlten Bürojobs macht, die Burger brät, beim Friseur hinter ihnen steht und ihre Bücher bei Amazon versendet. Überraschung: Es ist die Arbeiterklasse.

  • #4
    Andreas

    @ discipulussenecae & Stefan Laurin

    Stefan Laurin spricht ja gar nicht von „dem Arbeiter“, „der Arbeiterklasse“, sondern beschreibt Unterprivilegierte, z.B.: „Hart IV Empfänger“ („Die Hartz IV“ – in der Fortsetzung „Die Hartz V“ werden Arbeitslosenunterstützung und Sterbegeld zusammengelegt).

    Wenn man „Aufstocker“ – „erwerbstätige Arbeitslosengeld-II Bezieher“ – und alle „im Niedriglohnsektor Tätigen“ dazu zählt, werden das richtig viele … ein Heer von Unterprivilegierten, ohne jede Interessenvertretung.

  • #5
    Arnold Voss

    Danke für den Beitrag, Stefan. Opfer sind nicht die besseren Menschen, weil sie Opfer sind. Erst recht nicht wenn sie dies nur unter einem bestimmten Aspekt oder einer bestimmten Eigenschaft ihrer Person sind. Diese Welt ist weitaus komplizierter.

    Schwarze unterdrücken nicht nur in Afrika massenhaft Schwarze. Frauen diskriminieren nicht nur in Indien massenhaft Frauen. Schwule und Lesben können genauso rassistische und sexistisch sein wie Heteros. Farbige Islamisten hassen und töten weiße Gottlose. Weiße christliche Fanatiker bekämpfen weiße Ärzte die Abtreibungen vornehmen. Weiße und farbige orthodoxe Juden diskriminieren schwule orthodoxe Juden. Einwanderer die im Land ihrer Einwanderung Respekt verlangen zeigen diesen in ihrem Heimatland gegenüber Fremden nicht.

    Nur wenn es darum geht, sich selber als Individuum und/oder Gruppe gesellschaftlich höher als andere zu stellen und dadurch soziale, kulturelle oder ökonomischen Vorteile zu erhalten, sind sich fast alle Menschen unabängig von ihren sonstigen Eigenschaften gleich. Und einmal aufgestiegen verteidigen sie ihre Privilegien, ob verdient oder nicht, bis aufs Messer bzw. buckeln sie nach oben und treten nach unten. Ganz oben angelangt, sind sie dann in der Regel fest davon überzeugt, dass sie genau dort hingehören.

  • #6
    TuxDerPinguin

    man muss nicht so verallgemeinern. Aber sicher spielt da auch Macht eine große Rolle.
    Im Berufsleben z.B. wird es z.B.eher selten sein, dass ein Praktikant gegenüber seinem Chef den Respekt vermissen lässt.

    Klassische Geschlechterrollen kann man sicher auch in Macht umschreiben. Über Arbeit wird der gesellschaftliche Status definiert, während Kindererziehung nicht wertgeachtet wird. Die Geschlechterrollen werden mehr und mehr modernisiert.

    Und da kommt sicher das Problem, dass viele Männer noch nicht emanzipiert sind und denen der Wandel nicht gefällt, mitunter Angst macht, die sich stärker an veralteten Weltbildern festhalten (was sicher auch den „Hass“ gegen Moslems in manchen Schichten erklären könnte)…

    In vielen vielen Jahrzehnten, wenn Männe und Frauen sich die Kidnererziehung teilen, indem z.B. beide Ehepartner Teilzeit arbeiten, und 50% der Chefs weiblich sind, wird Sexismus bestimmt keine Debatte mehr sein…

    wo ich dies schreibe und Arnold Voss in “ Und einmal aufgestiegen verteidigen sie ihre Privilegien, ob verdient oder nicht, bis aufs Messer bzw. buckeln sie nach oben und treten nach unten.“ zustimme… ich muss glaube ich meine Position zur Frauenquote überdenken und sie plötzlich doch gutheißen *grübel

    Könnten uns dann natürlich noch darüber unterhalten, warum Deutschland im internationalen Vergleich sehr schlecht abschneidet, wenn es um die Durchlässigkeit des Bildungssystems geht. Und nur durch Bildung wird ein Kind aus der „Arbeiterklasse“ aufsteigen können…

  • #7
    Karsten

    Der Denkanstoß von Stefan ist richtig, doch macht auch er es sich zu einfach. Natürlich hat er Recht damit, dass auch weiße, heterosexuelle Männer diskriminiert werden, z.B., wenn sie arm sind. Aber dann liegt es an der Armut und nicht an den anderen Merkmalen. Durch die Darstellung von Stefan könnten (ich denke, so war das nicht gemeint) verschiedene Formen der Diskriminierung gegeneinander ausgespielt werden.
    Trotzdem ist es gut, dass Stefan eine der wichtigsten Formen der Unterdrückung mit ins Spiel gebracht hat, den Kapitalismus. Er spaltet in Arm und Reich, er beutet aus und tötet. So, wie der Staat unterscheidet zwischen Staatsbürger*innen und Ausländer*innen und die Nation zwischen Freund*in und Feind*in. All dies sind Konstrukte, die den Menschen aber häufig bestimmen und ihn in enge Korsette zwängen. Ähnlich ist es mit dem Geschlecht, ein Konstrukt, was Menschen Merkmale zuschreibt, wie z.B. die männliche Dominanz.
    Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Klassismus, Behindertenfeindlichkeit und vieles mehr dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Dort, wo sie auftreten müssen wir sie offenlegen und bekämpfen.
    Die befreite Gesellschaft mit emanzipierten Individuen ist wohl leider noch lange nicht in Sicht.

  • #8
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Karsten: Differenzen auszumachen ist wichtig, die Frage ist nur wo man sie setzt: Zwischen Freunden und Feinden er offenen Gesellschaft zum Beispiel muss man klar unterscheiden.

  • #9
    Werner Jurga

    @ Stefan: wie konnte ich Dich nur so lange so völlig verkennen?!
    „eine Gesellschaft, die neben den Lebens- und Wirtschaftsweisen einer neuen, bürgerlichen Mittelschicht keine anderen mehr akzeptiert, ist ein großer Skandal“ – ein Satz, den man in Großbuchstaben als Poster an jede Wand hängen sollte. Es ist schlicht empörend, wie es sich in den Medien eingebürgert hat, den Begriff „Mittelschicht“ als Maß aller Dinge zu etablieren, als den eigentlichen Adressaten, um den sich „die Politik“ zu kümmern habe. Im US-Wahlkampf von beiden Lagern geradezu penetrant betrieben, lassen sich auch hierzulande haufenweise Zitate finden, in der die sog. „Mittelschicht“ gleichsam als Krone der Schöpfung gehuldigt wird. Dabei ist gerade dieser Begriff so durchsichtig: es ist doch völlig klar, man hört es raus, dass, wenn es eine „Mittelschicht“ gibt, es ganz gewiss auch eine „Unterschicht“ geben MUSS. Dass man sich dafür nicht zu interessieren brauche, impliziert unausgesprochen, dass es sich um Leute handeln muss, die das Mitgefühl, die Fürsorge, gar die Solidarität der Leser schlichtweg nicht „verdienen“.

  • #10
    arnonym

    klar verlaufen die grenzen in einer kapitalistischen gesellschaft notwendig zwischen oben und unten.

    ich als weißer heterosexueller mann kann jedoch (solange ich nicht komplett am „unteren ende der gesellschaft“ angekommen bin) zu jeder tageszeit durch jede straße in diesem land gehen ohne beleidigt, bedrängt oder ekelig angemacht zu werden.

    als schwarze_r, als frau, als homosexuelle_r kann ich das nicht.

    als weißer mann kann ich (zumindest theoretisch, die praxis sieht zweifellos meist anders aus) aus meiner prekären situation entkommen und bin damit nicht mehr von klassistischer diskriminierung betroffen.

    unter diskriminierung aufgrund des wirtschaftlichen status können alle leiden, unabhängig von geschlecht, „hautfarbe“, sexueller orientierung.

    als schwarze_r, homosexuelle_r, frau kommt jedoch immer noch eine weitere form von diskriminierung hinzu, der man z.B. was rassismus angeht, auch durch wirtschaftlichen aufstieg nicht entkommen kann.

    intersektionalität und so.

    daher liegt es finde ich nahe, sowohl anzuerkennen, dass z.B. rassismus nicht die einzige form von diskriminierung ist, sehr wohl aber eine besondere.

  • #11
  • #12
    anja

    Also, wenn das, Herr Laurin, Ihr einziger Beitrag zur Sexismus Debatte ist, dann bin ich aber wirklich enttäuscht. Ein Statement von einem offensichtlich sich selbst durch die Debatte angegriffen gefühlten Menschen, der gleich mal vom Thema ablenken will. Klar gibt es noch mehr Diskriminierungen. Aber Sie klingen wie jemand der sagen will „aber es sind nicht alle Männer“, wo doch nie jemand gesagt hat es wäre jeder einzelne Mann. Es geht um das strukturelle Problem.

  • #13
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @anja: Nö, das Thema treibt mich länger um. Das Owens-Buch habe ich im vergangenen Jahr gelesen. Das war jetzt nur der Anlass für den Text. Ausserdem ist es für mich Teil einer Macht-Debatte und die ist umfangreicher.

  • #14
    Murat Kayi

    Sagense mal, Herr Laurin,

    dieser Artikel wird doch grad jetzt veröffentlicht, weil öffentlich so viel von strukturellem Sexismus die Rede ist, oder?

    Und dann was zu schreiben, was den Grundtenor hat: „Aber XYZ werden doch auch diskriminiert…!“ ist ja nicht nur völlig am Thema vorbei, es ist auch ein altbekannter Reflex, um sich nicht mit dem eigentlichen Problem auseinander setzen zu müssen. Gerne wird eine solche Predigt genau dann hervor gekramt, wenn eine Gruppe von Menschen auf die Diskriminierung aufmerksam machen möchte, der sie sich ausgesetzt sieht.

    Das heißt: Ein solcher Text ist gleich doppelt schlecht. Erstens, weil es gegenüber allen, die Sexismus diskutieren, ehrlicher wäre, zu schreiben: Interessiert mich nicht! Lasst mich in Ruhe!

    Und zweitens, weil diejenigen, für die hier angeblich mit großer Geste „Partei ergreifen“ simuliert wird, nur dann an den Kragen in die Diskussion gezogen werden, wenn sie als Ablenkungsmanöver taugen. Der Schnitt zwischen Oben und Unten ist ein wichtiges und richtiges Thema.

    Allen, denen es wirklich am Herzen gelegen hätte, hätten es vollkommen anders platziert.

  • #15
    Murat Kayi

    ‚tschuldigung, im vorigen Kommentar vertippt:
    „Alle, denen es wirklich am Herzen gelegen hätte, hätten es vollkommen anders platziert.“

  • #16
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Murat Kayi: Das Problem ist das Machtgefälle, der Sexismus ist nur ein Ausdruck davon und es gibt Gruppen/Klassen/Schichten die davon besonders betroffen sind. Die Reduzierung auf „Weiß, Mann, Hetero“ die heute auch Augstein auf Spon macht und die die Debatten seit Wochen begleitet ist zu dumm, um ihr nicht zu widersprechen. Das habe ich mit diesem Text getan.

  • #17
    Arnold Voss

    @ Arnonym # 10

    Natürlich kann ein Weißer in einer weitgehend weißen Gesellschaft/Land fast überall herumlaufen ohne wegen seiner Hautfarbe diskriminiert zu werden und das selbst wenn er arm ist. Tut er das aber in einer mehrheitlichen schwarzen Community dann kann es ihm auch als Wohlhabenden passieren, dass er als „Weißbrot“ verlacht wird oder sonstwie wegen seiner Hautfarbe angemacht wird.

    Da muss man als Weißer dann durch, sofern es nicht auch körperlich bedrohlich ist, und man lernt vor allem dabei wie es einem Schwarzen umgekehrt in einem rein weißen Stadtteil geht. Diskriminierung kann also, sofern sie wechselseitig passiert, durchaus lehrreich für alle Beteiligten sein. Besser ist natürlich wenn sie gar nicht erst passiert. Aber gerade bei so klaren äußerliche Merkmalen wie der Hautfarbe ist das auf einer verbal/scherzhaften Ebene kaum gänzlich zu unterbinden.

    Nun gibt es aber keine überwiegend weiblich oder überwiegend männliche Gesellschaften , egal ob die Frauen dabei auch öffentlich genauso sichtbar und aktiv sind wie die Männer. In der Regel, und das scheint eine biologische Konstante zu sein, werden überall gleich viel Frauen wie Männer geboren. Die Diskriminierung von Frauen als rein geschlechtliche Diskrimierung liegt also ähnlich quer zu allen anderen Formen der Benachteiligung wie die durch Macht- und Ausbeutung.

    Aber auch die Diskriminierung von Frauen ist in verschiedenen Gesellschaften sehr verschieden beschaffen und von ganz unterschiedlicher Intensität, bis hin zur körperlichern Vernichtung. Sie kann dabei obendrein andere Diskriminierungen wie die z.B. durch die Hautfarbe, durch Machtlosigkeit oder durch Armut überlagern. Deswegen ist die geschlechtliche Benachteiligung von Frauen zu Recht ein ganz eigenes Thema das sich nicht beliebig mit anderen Formen der Diskriminierung gleich stellen läßt.

  • #18
    Martin Böttger

    Ich finde die Debatte, eine Diskriminierung gegen eine andere auszuspielen, müssig. Es gibt sie alle. In alter Zeit waren es die DKP-Leute, die ausgiebig „Haupt-“ (bei Stefan: „in erster Linie“) und „Nebenwidersprüche“ (bei Stefan: „auch“) definierten.
    Natürlich ist es nicht falsch, vernachlässigte Probleme stärker in den Vordergrund zu stellen. Dazu mag auch die Klassenfrage gehören.
    Definitiv ist aber die Sexismus-Frage auch noch bei weitem nicht ausdiskutiert, zumal sie sich historisch verändert. Das zumindest hat die grottige „Jauch“-Sendung am Sonntag dokumentiert.
    Zur Sache der Sexismus-Debatte gibt es heute eine sehr lesenswerte Einlassung von Kia Vahland im Feuilleton der SZ, leider nur auf Holz gefärbt und nicht online verfügbar.

  • #19
    Murat Kayi

    Dass die Reduzierung auf „weiß, mann hetero“ zu platt ist, um daran vorbei zu laufen, lasse ich gelten (wie großzügig das von mir klingt, ne? Du weißt ja, was ich meine, denke ich…^^).

    Aber es bleibt der Einwand: berichten Frauen von strukturellem Sexismus, findet sich immer ein Mann, der genau dann meint, es sei der richtige Zeitpunkt, um von Sexismus gegen Männern zu erzählen. Ist es aber nicht. Das muss eigentlich von selbst einleuchten.

    Und ebenso, ist es nun mal banane, in einem solchen Moment zu kommen mit: Männer werden auch unterdrückt (wenn sie nämlich zu wenig Geld haben, sagen wir mal).

    Hätte dem Thema (also vor allem dem dieses Artikels, hier) auch sehr geholfen, wenn er sich mit dem Anliegen, gegen strukturellen Sexismus vorzugehen, viel solidarischer gegenüber gezeigt hätte. So bleibt hauptsächlich der Eindruck einer Nebelbombe. Speziell, durch Formulierungen wie „Es mag ja sein, dass auch Schwarze, Homosexuelle und Frauen aus der Ober- und Mittelschicht Diskriminierung erfahren“. Die Relativierung schwingt einem um die Ohren wie ein Zaunpfahl. Auch die Beurteilung, Menschen würden sich als „Opfer stilisieren“ mieft nach, ah ja, typisch männlichem Reflex.

    Um auch mal mit einem stereotyp abzuschließen…;)

  • #20
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Murat Kayi: Ich habe mich ja auch – steht ganz zu Beginn des Textes – auf die Debatten der vergangenen Wochen gezogen und nicht nur auf die aktuelle Sexismus-Debatte und da war „Weiß, Mann, Hetero“ oft genutzte Stereotypen.

  • #21
    Ulrike Märkel

    Wie Tux richtig sagt: Ohne ein durchlässigeres Schulsystem und eine angemessene Förderung im Studium (Erhöhung des BAföG) wird die systembedingte Ausgrenzung der Menschen aus bildungsfernen Milieus weiter bestehen, denn die Chancen sich über einen guten Bildungsabschluss zu einem Teil der sogenannten „Mittelschicht“ oder des „Bildungbürgertums“ zu entwickeln, sind in Deutschland im europäischen Vergleich tatsächlich skandalös schlecht.

    Bei uns ist der enge causale Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungsbeteiligung und dem Bildungsabschluss signifikant höher als in anderen Ländern, wie internationale Studien belegen. Und diese sozialen Disparitäten sind tatsächlich nicht hinnehmbar. Aber das, lieber Stefan, hast Du in Deinem Artikel vollkommen ausgeblendet – wenn man aber über die Diskriminierung von“ Millionen Menschen“ spricht, dann muss man auch analysieren, warum die Ausgrenzung bis heute nicht befriedigend überwunden worden ist.

    Und wen genau meinst Du, Stefan, bitte mit den Sätzen: „die im Augenblick vor Aufregung kaum Luft bekommen“ und die „sich als Opfer … stilisieren.“ Du meinst doch nicht Frauen, die sich über männliche Anzüglichkeiten oder handfesten Sexismus beschweren??

  • #22
    Murat Kayi

    Jou, es bleibt sowieso generell festzuhalten: irgendwann sind wir alle mal für irgendwen die Unterdrücker, es muss sich nur der richtige Zusammenhang finden, schon versagen selbst die mit den weißesten Westen.

    In diesem Sinne – weitermachen…^^

  • #23
    ch_we

    Ich weiß ja nicht, welches Buch von Owen Jones du gelesen hast, aber meine Ausgabe von „Chavs“ ist in erster Linie ein Buch darüber, wie die Labour Party sich von Sozialdemokratie verabschiedet hat, indem sie eine Politik gemacht hat, die die „Demonization of the Working Class“ unterstützt. Und eben kein Buch, dass die „Arbeiterklasse“ per se jetzt als das neue „Opfer“ darstellt – und erst recht keins, das versucht rassistische Diskriminierung und Armut gegeneinander auszuspielen.

  • #24
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @ ch_we: Es ist zum weiten Teilen aber auch ein Buch über kulturelle Stigmatisierung: Das Kapital „Am Pranger“ dreht sich um kaum etwas anderes. Zudem zeigt Owens, das kaum noch Politiker mit einem Arbeiterklasse-Hintergrund in den Parteien aktiv sind, die Politik also von dieser Schicht wegrückt – das ist in Deutschland nicht anders. Es ist auch ein Buch über die Verachtung der einen Schicht gegenüber der anderen – so habe ich es gelesen. Klar, der geht um Labour und Thatcher, aber es steckt noch viel mehr in dem Buch drin.

  • #25
    Walter Stach

    Stefan, Du verwendest in Deinem Kommentar zurecht den Begriff : „Unterdrückung“.

    Damit ein Mensch „unter – drückt“ und/oder „herunter-gedrückt“, ausgenutzt, ausgebeutet und gedemütigt werden kann, bedarf es Macht.
    Macht,die bekanntlich in der Legitimation, in der Ausgestaltung, in der Form, in der Ausübung sehr verschieden sein kann, aber dem Wesen jeder Herrschaft immanent ist bzw. diese begründet und über unterschiedliche Instrumente in der Hand der Herrschenden ausgeübt wird.

    Und diese (Herrschafts-) Macht kann begründet sein

    aus wirtschaftlicher, aus finanzieller Abhängigkeit des „Ohn-Mächtigen“ vom Mächtigen, des Unterdrückten vom Unterdrücker,

    aus religiös begründeter Überzeugung vom „richtigen Leben“ und folglich von der Überzeugung, anderen „dieses richtige Leben“ aufzwingen zu können (ja zu müssen),

    aus in der jeweiligen Gesellschaft traditionell begründeter Abhängigkeit des Beherrschten vom Herrscher ,
    z.B. der Frauen von den Männern,

    aus einem ideologisch, religiös, traditionell begründeteten Herrschaftsanspruch einer „Rasse“ über eine andere,

    aus „klassisch – pädagogischem Denken“ in der Erziehung

    aus demokratisch legitimierter Herrschaftsmacht einer Mehrheit über eine Minderheit

    und, und…………………..!

    Ohne weitere Erläuterungen dazu und ohne detailierte Anmerkungen zu den Folgen, zu denkbaren Konsequenzen aus alldem in und für Staat und Gesellschaft, nur das eine:

    „Emotional -und in der Reflexion auch rational- stehe ich grundsätzlich stets auf der Seite der „Ohn-Mächtigen“, der „Beherrschten“, der „Unterdrückten“, der „Gedemütigten“.

    Und da ich das für “ normal“ , für „selbstverständlich“ halte, nehme ich an, daß ich mich insofern in einer Gemeinschaft mit Vielen zu befinde.
    Allerdings in einer Gemeinschaft, die als solche ihrerseits nicht über hinreichende Macht vefügt und nie verfügen kann, „die Herrschaft des Menschen über den Menschen“, die Demütigungen, die Unterdrückungen von Menschen durch andere Menschen ein für allemal zu beseitigen.

    Was bleibt also zu tun, außer gelegentlicher öffentlicher Erregung, außer gelegentlich geäußerter Wut „über das was da ist“ an Unterdrückung, an Demütigung, an Beherrschung, an Unterwerfung…….?

    Zu tun wäre:

    In Staat und Gesellschaft sind die Ursachen für Unterdrückung und Unterwerfung, für die Demütigung von Menschen durch andere Menschen permanent aufzuzeigen und anzuprangern , um sie mit den Mitteln, über die eine freie Gesellschaft verfügt (sh.vor allem die Medien) und mit den Mitteln, über die ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat verfügt, einzuschränken , sie zu minimieren versuchen und sie in ihren krassesten Auswirkungen gänzlich auszuschließen.

    „Wir sollten -so sinngemäß Johannes Rau-jeden Tag bemüht sein, in diesem Sinne die Gesellschaft etwas (!!) gerechter zu gestalten, um Unterdrückung, Unterwerfung einzuschränken, um Demütigungen zu verhindern, um Hass abzubauen.“

    Dazu kann jeder von uns tagtäglich mit seinen Mitteln und Möglichkeien beitragen. Und dazu kann jeder zudem beigetragen , indem er als Wähler sich fragt, welche Partei dieserhalb am ehesten seiner Vorstellung von „etwas mehr Gerechtigkeit“, also auch dem Ziel von weniger Unterdrückung, von weniger Demütigung des Menschen durch den Menschen am ehesten nahekommt.

    Aber……….
    Wie bereits an anderer Stelle hier im Blog und bei mehrfacher Gelegenheit angesprochen:
    In unserer Gesellschaft und in unserem Staat befindet sich m.E. die Fähigkeit des „Mitleidens“ mit den Unterdrückten, den Gedemütigten, den Unterworfenen, mit Menschen, die oftmals tagtäglich perverser Machtausübung anderer ausgeliefert sind -egal aus welchen Gründen, egal aus welchem Anlaß-, nicht im Aufwind, sondern im Abwind.

    Arnold -sh.-5-;
    Und wenn die Menschen so sind wie sie sind,wenn sich jeder „der Nächste ist“, wenn sich daraus das Verlangen nach Macht und nach Machtausübung begründet -im Privaten, im Gesellschaftlichenim Staatlichen- schließt das nicht aus, daß sich jeder tagtäglich fragen könnte -fragen sollte,fragen müßte?-, ob die von ihm in seinem Interesse liegende und deshalb praktizierte Herrschaft über andere, die Unterdrückung anderer, die Demütigung anderer, die Unterwerfung anderer maßlos (nicht „gerecht“) gewesen sein könnte.

    Und dieses zu fragen hat sich nicht nur der Einzelne, sondern gleichermaßen tagtäglich die Gemeinschaft und der Staat. Geimeinschaft und Staat könnten (sollten,müßten?) auf die so gestellten Fragen Antworten finden. Jeder von uns hat zugleich die Möglichkeit darüber zu befinden, darüber urteilen, ob in Gemeinschaft und Staat hinreichend gefragt und zufriedenstellend geantwortet wurde. Jeder von uns kann daraus für sich und in der Gemeinschaft, der er angehörig , Konsequenzen ziehen bzw. solche einfordern.

    Warum mein längerer Beitrag?
    Es geht nicht um die Weißen, die Schwarzen, die Männer, die Frauen, die Arbeitgeber,die Arbeitnehmer, die Erzieher, die Kinder, die Religionsführer, die Gläubigen, die Reichen, die Armen, die Heterosexuellen, die Homos, die Lesben, die Einheimischen, die Migranten usw.

    Es geht stets um Menschen, um Macht und Ohnmacht, um Herrschende und Beherrschte, um Demütigungen, um Unterdrückungen, um Unterwerfungen, um Respekt und Achtung des Menschsein des Anderen oder eben um Respektlosigkeit und Mißachtung; und -sh.Arnold -5-dieses alles analysieren, beurteilen, akzeptieren , bekämpfen, hinnehmen oder verändern zu wollen hat in dem Bewußtstein zu geschehen, daß die Menschen immer zum Guten wie zum Bösen fähige Wesen waren, sind und bleiben werden, unfähig „den Himmel auf Erden“ zu errichten , eine klassenlose Gesellschaft, frei von jeglicher Macht des Menschen über den Menschen, frei von jeglicher Unterdrückung, Beherrschung, Demütigung, Entwürdigung des Menschen durch andere Menschen.Die diesbezügliche Theorie des Marxismus-Leninismus-Stalinismus, nach der das doch möglich erschien, ja sogar „gesetzmaßig“ irgend wann ‚mal so sein mußte, ist letztlich gescheitert an den Unzulänglichkeiten, die uns Menschen nun ‚mal zu eigen sind.

  • #26
    ch_we

    @Stefan:

    Klar, geht es um Milieus, um Schicht, um Lebensstile. Aber die Verfestigung von Armut ist ein Phänomen, das (nicht nur) Jones mit POLITIK (bzw. der Abwesenheit von Politik) erklärt – ganz konkret mit dem „We’re all middle class“-Mantra von Blairs New Labour. Dass auf den materiellen Ausschluss dann die symbolische Diskriminierung in Form des „Chav“-Stereotyps folgt, ist ja naheliegend.

    Aber Jones spielt diesen ‚Klassismus‘ (verwendet aus Mangel eines besseren Worts) nicht gegen Rassismus und Sexismus aus, wie könnte er auch? Es gibt zwar Überschneidungen im „Chav“-Stereotyp und dem „Mugger“ aus den 1970ern/1980ern, aber „non-white British“ zu sein verstärkt auch in Großbritannien das Risiko von Armut und der Chance, eine der Qualifikation angemessene Stelle zu finden – übrigens unter Frauen. Achso, das ist natürlich nicht determinierend, aber über solche Selbstverständlichkeiten brauchen wir uns hoffentlich nicht unterhalten.

  • #27
    Helmut Junge

    Gibt es eigentlich irgendwo auf dem Planeten eine moderne Gesellschaft, wo die Dynamik in der Angleichung der Geschlechter und der verschiedenen Ethnien größer ist, als in dieser Gesellschaft, die hier diskutiert wird?
    Wenn ja, dann wo? Da könnten wir was lernen.

  • #28
    Arnold Voss

    @ Walter Stach @ Stefan Laurin # 16

    Das interessante an der Geschichte um Brüderle, bei der ja von vielen auch das Machtgefälle zwischen ihm und der Journalistin als Erklärung von männlichem Sexismus heralten muss, ist ja, dass sich im Nachhinein herausstellt, dass es diese Machtgefälle so gar nicht gegeben hat, bzw. es anders es herum lag, als angenommen.

    Die Journalisten hat sich nämlich letztlich als die Mächtigere von beiden herausgestellt in dem sie ihren persönlichen Mut und ihr journalistisches Können ins Spiel gebracht und vermittels des Einflusses der Medien als Waffe gegen den alltäglichen Seximus und zugleich gegen den konkreten Täter eingesetzt hat und das ganz unabhängig davon, dass die Mächtigen beim Stern damit wohlmöglich auch ein politisches Kalkül verbunden haben.

    Brüderle, der hier angeblich nur als Beispiel herhalten sollte, ist jetzt auch ganz konkret der Gelackmeierte. Selbst seine politische Macht ist durch die Veröffentlichung der Journalistin ins Wanken geraten. Wo er in Zukunft auch immer auftaucht, er steht ab jetzt unter Generalveracht.

    Nicht, dass er mir deswegen leid tun würde. Er hat sich die Sache selbst eingebrockt. Aber dieser Fall zeigt doch, dass es mit der Macht der „mächtigen Männer“ nicht mehr so weit her ist, wie die meisten glauben. Brüderle war in Wirklichkeit doch wohl eher ein armes aufgeblasenes Würstchen. Nur das es bislang nicht so viele wussten, wie nach diesem Vorfall.

  • #29
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Arnold: Zum Thema Macht zwischen den beiden gibt es einen schönen Artikel von Claudius Seidl in der FAZ:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sexismus-debatte-prueder-in-waffen-12040794.html

  • #30
    Begriffe

    Sehr geehrter Herr Laurin,

    zunächst einmal danke für den Artikel, da er eine wichtige Form der Diskriminierung ausklammert, den sogenannten Klassismus (http://de.wikipedia.org/wiki/Klassismus). Aber Klassismus, also die Unterdrückung aufgrund ökonomischer Faktoren (ähnlich wie bei Sexismus und Rassismus lässt sich aus der klassistisch diskriminierten Gruppe nur schwer entkommen), über andere Formen der Diskriminierung zu stellen ist eine absolute Unverschämtheit gegenüber den Betroffenen anderer Formen der Diskriminierung (Rassismus, Sexismus, Heterosexismus sind eine ebenso harte Realität, weil ebenso Menschen jeden Tag davon betroffen sind).

    Darüber hinaus ist es falsch zu behaupten, dass sich emanzepatorische Bewegungen dieser klassistischen Unterdrückung nicht bewusst sind (die bekannten Feminist*innen der Mädchenmannschaft haben sich zum Beispiel der Solidarität sowohl mit antirassistischen und antiklassistischen Bewegungen verschrieben und äußern sich regelmäßig zu dem Thema). Auch anarchistische und „linke“ (also kommunistische, autonome, spontaneistische Gruppe, aber auch Attac und andere antiklassistische Gruppen) setzen sich ja nicht nur für die Abschaffung ökonomischer Ungleichheit ein, sondern eben auch für andere emanzipatorische Bewegungen. Dies geschieht vor allem aus dem Bewusstsein heraus, dass Klassismus kein „Hauptwiderspruch“ ist (um jetzt mal maoistisch zu argumentieren), mit dessen Beseitigung alle anderen Formen der Unterdrückung verschwinden, sondern ebenso wie alle anderen Formen der Unterdrückung gleichzeitig bekämpft werden muss.

    Übrigens stimmt es, dass der „weiße, heterosexuelle Mann“ in Sachen Rassismus, Sexismus und Homophobie die Macht besitzt. Der „weiße, heterosexuelle, wohlhabende Mann“ müsste dann in ihrer Welt der Herrscher sein…

  • #31
    Arnold Voss

    Danke Stefan. Interessante Interpretation aus der Sicht eines Journalisten. Brüderle muss aber noch mehr vom Leder gezogen haben als bislang veröffentlich wurde. Sonst hätte er Irgendwas zu seiner Verteidigung verlauten lassen, dass genau in die Richtung dieses Artikels geht.

    Ich bin mir sicher, dass die Journalisten noch mehr auf Lager hat, für den Fall das Brüderle doch noch zum „Gegenschlag“ ausholen sollte, und dass er das sogar weiß, und genau deswegen die Klappe hält bzw. andere die Rolle des Verteigers übernehmen lässt.

  • #32
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Begriffe: Meine Welt ist ein wenig komplexer. In ihr gibt es auch mächtige Frauen, Homos und Schwarze. ich mag nämlich auch keinen Paternalismus…

  • #33
    Walter Stach

    Arnold, Steffan – noch zur Macht, aus gegebenem Anlaß, obwohl mir das Thema insgesamt viel zu wichtig ist, um es mit der Causa Brüderle verbinden zu wollen.

    1.
    Es gibt ja noch -ergänzend zu meiner Aufzählung unter -28- noch die „Macht der Persönlichkeit“ , die „Macht der Liebe“ , die „Macht sexuellen Verlangens“, was uns zu weiteren Gedanken über Brüderle, die Journalistin, deren Situation veranlassen könnte und darüberhinaus zu weitergehenderen Überlegungen zum Thema „Macht,Ohnmacht, Unterdrückung,Unterwerfung – auch zu einer „frei-willigen“??

    Und wenn Brüderles Verhalten, Brüdelers Worte -sh.Dirndl-,damit zu erklären wäre, daß das alles eben einer dieser „Mächte“ geschuldet ist, die ihn seinerzeit „beherrscht haben könnte“, ist sein Verhalten menschlich, ist sein Verhalten zu erklären, ist es zu ent- „schuldigen“ , selbstverständlich nicht zu „recht-„fertigen.
    Das hätte Brüderle ja gar nicht so erklärend, so entschuldigend formulieren müssen.
    Manchmal hilft ja nach vergleichbaren Situationen und deren öffentlicher Präsentation lediglich zu sagen: „Ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich da gerade geritten hat“.
    Ich bin sicher, daß die Sache damit nicht nur vom Tisch wäre.
    Ich denke, der Mensch Brüderle hätte viel menschliches Verständnis und folglich sogar einige Sympathie nach einem solchen Bekenntnis erfahren über die „Macht“, die ihn da beherrscht hat weil ihrer jeder Mensch schon ‚mal unterlegen ist.

    Daß Brüderle das nicht kann,daß er das nicht will, sollte nachdenklich stimmen.

    So bleibe , wie hier im Blog zur Causa Brüderle bereits kurz angemerkt, dabei zu sagen:

    „Kein Anstand, Herr Brüderle!“
    Und das gilt jetzt für mich nicht mehr nur bezogen auf sein seinerzeitiges Verhalten gegenüber der Journalisten, sondern auch bezogen auf die m.E.selbstverständliche, entschuldigenden Erklärung, die er abzugeben nicht willens, nicht fähig ist.

    2.
    Und -Arnold, Steffan-, wenn wir über Macht,Ohnmacht, über Herrscher und Beherrschte, über Unterdrücker und Unterdrückte reden, dann gehört dazu, sh. Arnold-28-,auch über die „Macht der Medien“ -über Herrscher und Beherrschte, über Unterdrückte und Unterdrücker,über Demütigungen usw.nachzudenken-„intern und extern“ -nebst allem, was ich -sh.25- ad hoc zur Macht im allgemeinen angemerkt habe ohne die Medienmacht zu erwähnen.
    Und das -sh.wiederum Arnold 28- könnte Anlaß sein, darüber nachzudenken, ob die Bereitschaft von Brüderle, sich nachts an einer Bar noch mit einer jungen Journalisten zu unterhalten, zu erklären sein könnte mit dem, was Brüderle nach seiner Meinung möglicherweise der „Macht der Presse“ zu schulden glaubte.

    (Eine weitere Erklärungsmöglichkeit, keine Rechtfertigung für Brüderle.)

    Letztlich ist die Feststellung zur „Macht der Medien“ nur eine weitere simple Feststellung innerhalb des komlexen Thema „Macht, Macht in der Beziehung zwischen zwei Menschen, Macht in der Gesellschaft, Macht im Staat“ .

    Die Causa Brüderle ist letztlich unbedeutend, sie ist unwesentlich in einer, wie ich meine, interessanten Diskussion , die wir zum Thema „Macht und Unterdrücker, Ohnmacht und Unterdrückte, Herrscher und Beherrschte, Demütiger und Gedemütigte führen.

  • #34
    discipulussenecae

    Ich gebe #4 Andreas selbstverständlich Recht!

    Ich wollte nur darauf hinweisen, daß es die klassische Arbeiterklasse als Objekt einer marxistischen Gesellschaftstheorie nicht mehr gibt. Deren Ersetzung durch ein Prekariatsproletariat macht die Gesellschaft nicht besser – im Gegenteil.

    Aber ich habe meine Zweifel, ob dabei der marxistische Ansatz noch greift.

  • #35
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Ulrike: ich meine alle, die in den letzten Monaten bei den Debatten hyperventillierten – auch die Sexismus Debatte fand und finde ich in weiten Teilen überzogen und zu aufgeregt.

  • #36
    Arnold Voß

    Als Ergänzung zu Stefan # 35 dieser interessante Artikel von einer Journalistin:

    http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/5805-bruederle-debatte-und-sexismus

  • #37
    Martin Böttger

    @28 Arnold
    stimme ich zu. Ja, dieser Fortschritt ist unverkennbar und gut so.
    @ 31 Arnold
    damit hast Du mit Sicherheit auch ziemlich Recht.
    aber
    @ 36
    Frau Kelle erinnert mich stark an die einstige Esther Vilar, das macht Männern immer Spaß und der heftigste Frauenhass geht oftmals von anderen Frauen aus. Durch die Meinungsfreiheit ist das zweifellos gedeckt. Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, die eigene – legitime – Weltsicht als einzig Mögliche zu postulieren. Die Menschen sind doch sehr verschieden, selbst wenn sie das gleiche Geschlecht und die gleiche sexuelle Orientierung haben. Und die, die „anders“ sind, haben jedes Recht dazu, wie auch zu ihrer anderen Weltsicht, ob mir das passt oder nicht.
    Ein bisschen mehr Empathie täte der Debatte gut.

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