Weltkulturerbe Ruhrgebiet: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut

Weltkulturerbe Zollveverein

Die „Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ soll Weltkulturerbe werden; das Land NRW schlägt das zumindest der Kultusministerkonferenz so vor. Diese hat dann wiederum darüber zu entscheiden, wie die gesamtdeutsche Vorschlagsliste aussieht. Das letzte Wort, auch zu den deutschen Vorschlägen, hat schlussendlich die UNESCO selbst. Es ist also noch ein weiter Weg bis auf die Welterbe-Liste, aber die ersten Schritte dahin sind durch die Nominierung des Ruhrgebiets durch das Land NRW nun getan. Unser Gastautor Wolfgang Schmitz ist Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbandsgruppe, Duisburg.

Zunächst klingt es ja gut: Das Ruhrgebiet soll für seine großartige und einmalige Industriegeschichte ausgezeichnet werden. Die Denkmäler dafür sind zweifellos zahlreich vorhanden. Und im lokalpatriotischen Revier wird das manchen auch mit Stolz erfüllen. Man denkt an ehrliche Malocher, Bergbau und an einen tollen Zusammenhalt. Auf den ersten Blick alles wunderbar. Aber es ist wie so oft im Leben: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut.

Nein, aus Sicht der Wirtschaft komme ich zu einem ganz anderen Schluss als die zuständige Jury des NRW-Bauministeriums: Für den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet ist es ausgesprochen schlecht, wenn unsere “Industrielle Kulturlandschaft“ hier zu einem Weltkulturerbe wird.

Es ist nicht nur allein so, dass wir derzeit wahrlich anderes zu tun haben, als das Revier kollektiv zum Museum zu erklären. Schließlich ist das Revier bei allen Vergleichen hinten dran: Das geht von der Arbeitslosigkeit über städtische Finanzen bis zu den Bildungschancen.

Nein, schon allein die Diskussion über unsere Landschaft als Welterbe wirft unseren Wirtschaftsstandort zurück. Warum ist das so? Weil uns die Verklärung des Ruhrgebiets zum historischen Relikt schadet. Leider begreifen einige immer noch nicht, dass wir mit der Musealisierungsstrategie bei Unternehmen, Investoren und Fachkräften nicht punkten können. Das Gegenteil ist der Fall: Im Wettbewerb der Metropolregionen hat das Revier immer öfter das Nachsehen. Während andere über ihre Bildungslandschaft, ihre Infrastruktur und ihre Familienfreundlichkeit reden, reden wir darüber, wie toll alles hier gestern war.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Mir gefällt die Zeche Zollverein als Welterbe ausgesprochen gut, auch in den anderen NRW-Welterbestätten wie dem Kölner  oder Aachener Dom bin ich gerne. Diese Monumente gehören zweifellos zum Welterbe im besten Sinne. Aber das Ruhrgebiet insgesamt ist doch nicht der Kölner Dom.

Das Vorurteil Nummer eins über das Ruhrgebiet wird durch die Welterbe-Debatte mal wieder bekräftigt. Man könnte es so zusammenfassen: Im Revier, da war doch mal was oder schärfer: früher waren die da mal richtig gut. Mit dem Welterbe-Titel bekämen wir gleichsam hierfür noch einmal eine schriftliche Bestätigung.

Die Frage, wovon das Revier in Zukunft eigentlich leben soll, wird bei den Debatten, die derzeit hier geführt werden, stets ausgeblendet. Glauben wir wirklich, dass wir hier allein von Touristen leben können? Natürlich sind in den letzten Jahrzehnten – vor allem durch das Ende des Bergbaus und den Rückgang der Massenproduktion – Industriearbeitsplätze verloren gegangen. Aber ich warne davor, hier das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ist Industrie hier wirklich nur von gestern? Ein Irrglaube! Die Industrie lebt: hochmodern, technologisch spitze und auf den Weltmärkten weit vorne zu finden.

Insgesamt machen die rund 10.000 Industrieunternehmen zwar nur 2,1 Prozent aller Unternehmen in Nordrhein-Westfalen aus. Sie tragen aber 25 Prozent zur Bruttowertschöpfung des Landes bei. 18,4 Prozent der Erwerbstätigen in Nordrhein-Westfalen, also rund 1,42 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, arbeiten in der Industrie. Nordrhein-Westfalen ist damit eindeutig ein Industrieland. Und das Ruhrgebiet ist das industrielle Herz Nordrhein-Westfalens.

Wir sollten endlich mal darüber reden, wie wir den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet stärken können. In dieser Hinsicht passiert im Ruhrgebiet sehr, sehr wenig. Jüngst haben erst zwei große Städte in unserem Beritt – Duisburg und Oberhausen – die Gewerbesteuer kräftig erhöht. Dabei waren die genannten Städte schon vor den Erhöhungen unrühmliche Spitze im Schröpfen der Unternehmen.

Nicht geredet wird im Ruhrgebiet beispielsweise über das Muss einer engeren Kooperation der Städte. Zwar sind einige Kommunen bis zur Handlungsunfähigkeit verschuldet, doch über eine gemeinsame und dadurch günstigere Erledigung von Verwaltungsausgaben wird nicht gesprochen. Es ist ja noch nicht einmal gelungen den positiven Schub der Kulturhauptstadt für ein wenig mehr Kooperation zu nutzen. Nicht ich, sondern die Macher der Kulturhauptstadt sprechen davon, dass die Effekte weitgehend verpufft sind.

Baustellen gibt es im Revier also reichlich und damit meine ich nicht nur den derzeitigen Zustand der A40. Die Landschaft des Ruhrgebiets zum Welterbe zu erklären, wäre eine zu viel.

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17 Kommentare

  1. #1 | politchaos sagt am 16. Juli 2012 um 14:52 Uhr

    Okay. Über die Frage, ob das Ruhrgebiet als Denkmal der Wirtschaft schadet, kann man streiten. Was aber langsam nervt ist diese ständige Behauptung, es gebe zwischen den Ruhrgebietsstädten keine Kooperationen oder gemeinsame Erledigung von Aufgaben. Das stimmt definitiv nicht. Als Beispiele seien die gemeinsamen Versorgungsämter oder auch Umweltbehörden genannt. Dass die Zusammenarbeit von Dortmund und Hagen im gemeinsamen Umweltamt nicht besonders gut klappt, steht auf einem anderen Blatt. Das ist eher der Beweis dafür, dass die kommunalen Strukturen manchmal doch sinnvoller sind. Aber bitte bitte hört mit der Mär auf, es gebe keine Kooperationen. Das man da noch mehr machen kann ist klar. Aber es generell zu leugnen, ist Quatsch.

  2. #2 | Werner Jurga sagt am 16. Juli 2012 um 14:57 Uhr

    „Schließlich ist das Revier bei allen Vergleichen hinten dran: Das geht von der Arbeitslosigkeit…“ – hatte ich gar nicht mitgekriegt. Wie erfreulich!

  3. #3 | Stefan Laurin sagt am 16. Juli 2012 um 15:00 Uhr

    @Werner: Viele Politiker die die Lage schön reden, scheinen es noch nicht mitbekommen zu haben.
    @Politchaos: Ausnahmen bestätigen die Regel: Ob Kultur (Konzerthausbauten), Nahverkehr (Mehr als ein Dutzend Nahverkehrsunternehmen) oder Einkaufszentrenwettrüsten – die Kooperation im Ruhrgebiet ist magelhaft und das ist auch ein Grund für seine Erfolglosigkeit.

  4. #4 | der, der auszog sagt am 16. Juli 2012 um 15:43 Uhr

    Dass sich der Titel „Weltkulturerbe Ruhrgebiet“ auf die Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen unbedigt contraproduktiv auswirkt, mag ich nicht beurteilen. Das Streben nach immer mehr Auszeichnungen und Titeln offenbart allerdings einen im Ruhrgebiet vorherrschenden Minderwertigkeitskomplex gepaart mit einem daraus resultierenden Größenwahn. Motto: Wenn man schon nichts mehr auf die Kette kriegt und irgendwie am Stock geht, dann möchte man wenigstens die grünste Metropole mit der größten Umweltzone oder wichtiges Weltkulturerbe sein.

    Im Fußball lässt sich übrigens ähnliches beobachten. Wenn man es seit über 50 Jahren nicht hinbekommt, Deutscher Meister zu werden, dann wird man halt Meister der Herzen. Kaufen kann man sich davon nichts, aber so ein überflüssiger und eigentlich auch recht alberner Titel gibt einem wenigstens das Gefühl, so etwas ähnliches wie ein Meister zu sein.

  5. #5 | DH sagt am 16. Juli 2012 um 15:55 Uhr

    Ich befürchte, die intellektuelle Redlichkeit der Unternehmensverbände ist eine der größten Baustellen, die wir im Ruhrgebiet haben.

    Anstatt den irrigen Anschein zu erwecken, bereits die Diskussion um den Welterbe-Status der industriellen Kulturlandschaft sei wirtschaftsfeindlich, sollten die Unternehmen lieber darüber nachdenken (lassen), wie sie den funktionalen und ästhetischen Anforderungen einer Industrielandschaft gerecht werden, die von immer mehr Menschen, die hier noch leben, als wichtiges Kulturgut geschätzt werden. Das kann im Übrigen auch so schwer nicht sein, denn wir haben es mit einer Landschaft zu tun, die ohnehin bereits industriell geprägt ist (wir sprechen hier nicht über Versailles). Ob mit oder ohne Welterbe-Status: Schön und klug zu bauen bleibt auch im Ruhrgebiet weiterhin nicht verboten.

    Wenn sich Unternehmensverbände Sorgen machen um regionale Bildungsstandards, dann gibt es tausend Möglichkeiten, zu agieren, angefangen bei der Qualität der beruflichen Bildung in ihren eigenen Unternehmen. Oder zum Thema Infrastruktur: Wer meint, dass dichteste Infrastrukturnetz Europas sei immer noch nicht dicht genug, obwohl doch andere Regionen (mit z.B. weniger Autobahnkilometern) höhere Wachstumsraten aufweisen, der sollte schleunigst überprüfen, ob nicht sein antiquiertes Verständnis eines „guten Standorts“ nicht Teil des strukturellen Problems dieser Gegend hier ist.

    „Musealer“ als jede Welterbe-Debatte sind die immergleichen Reflexe der hiesigen Wirtschaftsverbände. Sie sind es, die mit ihrer schlicht gebliebenen Denke in der Vergangenheit kleben geblieben sind.

  6. #6 | Helmut Junge sagt am 16. Juli 2012 um 16:17 Uhr

    „…. sind die immergleichen Reflexe der hiesigen Wirtschaftsverbände. Sie sind es, die mit ihrer schlicht gebliebenen Denke in der Vergangenheit kleben geblieben sind.“
    Wir leben in einer Welt, in der genau die den Ton angeben, die „mit ihrer schlicht gebliebenen Denke in der Vergangenheit kleben geblieben sind.“

    Das erklärt einiges, wenn nicht sogar alles.

  7. #7 | Walter Stach sagt am 16. Juli 2012 um 18:23 Uhr

    Abgesehen von der durch nichts hinreichend zu begründenden Annahme, eine mögliche Auszeichnung der „Industriellen Kulturlandschft Ruhrgebiet“ zum Weltkulturerbe stünde dem Erhalt und der Neuansiedlung industrieller/gewerberlicher (Groß-?)Unternehmen im Ruhrgebiet entgegen, gibt es im Beitrag des Gastautors keine einzige Bemerkung, die nicht x-mal vorgetragen und ebenso oft diskutiert wurde, kontrovers, auch hier bei den Ruhrbaronen -sh.Kooperation der Ruhrgebietsstädt, sh.das Für und Wider einer weiteren Erhöhung der Gewerbesteuer.
    Neues, neues Konkretes und Konstruktives zu den gewerlich-industriellen Perspektiven des Ruhrgebietes aus Sicht der Unternehmerschaft -nichts!

  8. #8 | Gerd Herholz sagt am 17. Juli 2012 um 11:21 Uhr

    Langweiliger Beitrag, der aus der beschränkten Sicht der Unternehmen wieder einmal mehr schlanken (also hilflosen) Staat und weniger Steuern (natürlich nur für Unternehmen) fordert – und dazu natürlich insgesamt die Stärkung des Wirtschaftsstandortes. Dahinter die ideologische Phrase: Wenn es ‚der Wirtschaft‘ gutgeht, geht’s den Menschen gut.
    Ich wähnte, diese abgestandene neoliberale Propaganda wäre mittlerweile als abgedroschen nicht mehr so ungebrochen vorzutragen.
    Um im Ruhrgebiet als Modernisierer aufzutreten, scheint’s aber noch zu reichen.

  9. #9 | Links anne Ruhr (17.07.2012) » Pottblog sagt am 17. Juli 2012 um 12:57 Uhr

    […] Weltkulturerbe Ruhrgebiet: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut (Ruhrbarone) – […]

  10. #10 | Rambow sagt am 17. Juli 2012 um 17:50 Uhr

    Die Grundthese ist natürlich kompletter Unsinn. Die Schweiz, die fast vollständig aus Weltkultur- und Weltnaturerbe besteht, ist ja auch kein wirtschaftsuntaugliches Museum. Genau genommen geht es der Schweiz sogar ganz gut. Und bei der Ernennung der ehemaligen Schwerindustriestätten des Ruhrgebiets zum Weltkulturerbe geht es ja auch nicht um eine Komplettmusealisierung der Region. Wer das so versteht, sollte den Fehler im Denken zuallererst in seiner eigenen Vorstellung von der Region suchen.

  11. #11 | Arnold Voss sagt am 17. Juli 2012 um 21:54 Uhr

    Im allgemeinen bringt das Erben etwas ein. Weltkulturerbe werden kostet dagegen auch eine Menge. Ich glaube nicht, dass die schon angefallenen und noch anfallenden Kosten für Zollverein je durch den Tourismus zu eben diesem Ort wieder eingespielt werden.

    Die Gesetze der Ökonomie sind nicht sakrosankt. Ja sie dürfen es nicht sein. Aber es gibt auch jenseits der neoliberalen Propaganda den Zusammenhang von Ausgaben und Einnahmen. Keine Frage, dass Zollverein mittlerweile eine Wahrzeichen der Region geworden ist, ist die eine Sache, und solch ein Wert lässt sich nun mal nicht in Euro und Cent berechnen.

    Aber wir haben noch gut 2000! weitere Industriekulturdenkmäler in der Region, und es werden durch dieses neue Programm, sofern es des Wirklichkeit werden sollte, noch mehr werden. Es liegte doch auf der Hand, dass da Jemand mal fragt, ab wann es denn genug ist mit dem Bewahren der Geschichte.Dass das ein Vertreter der Wirtschaft tut,mag manchem verdächtig erscheinen. Die Frage selbst scheint es mir aber nicht zu sein.

  12. #12 | Helmut Junge sagt am 17. Juli 2012 um 22:58 Uhr

    Wenn ich früher von Gelsenkirchen-Bismarck über die A42 nach Duisburg Nord gefahren bin, habe ich immer gedacht, daß alles was links und rechts zu sehen war, rein provisorisch errichtet wurde. Das wirkte nie, wie auf Ewig gebaut.
    Klar, wenn das jetzt ganze Gebiet zum Museum erklärt wird, und wir alle dann in einem riesigen Museum leben, hat das Kind wenigstens einen Namen. Manches hätte abgerissen werden sollen. Aber erstens gibt es Keinen, der das zahlen will, und zweitens müßte dann ja etwas Neues dahin. Und das Neue kommt einfach nicht.
    Das wäre die richtige Reihenfolge. Wenn die Unternehmer nämlich was unternehmen würden, brauchten wir auch nicht über solch einen Vorschlag reden.
    So wird nämlich ein Schuh daraus. Erst die Initiative der Unternehmer, dann kommt keine Partei auf die Idee, dass da etwas Weltkulturerbe sein könnte.
    Ob das Begriff weltkulturerbe psychologisch üngünstig auf Investoren wirken könnte, kann doch nur jemand wissen, der investieren will. Und Walter Stach hat zu Recht vermißt, dass Artikel keine konkreten Gedanken, keine Beispiele genannt wurden.
    Das schreibe ich jetzt, obwohl ich dem Autoren im Prinzip sogar zustimme.
    Auch ich halte nichts vom hundertsten Steigerlied, von dem Dressler kürzlich meinte, dass uns das nicht weiter bringt.
    Wir müssen nach vorne gucken, nicht nach hinten. aber bitteschön Herr Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbandsgruppe, Duisburg.
    Ich kann nichts anschubsen, von Ihnen nehme ich aber an, dass Sie das etwas können müßten.
    Warum läuft schon so lange nichts, dass die Politiker das Gefühl haben, in einem Museum zu leben und dass sie diesem Zustand nur offiziellen Charakter geben müßten, indem sie dem Land diesen Namen geben?

  13. #13 | DH sagt am 18. Juli 2012 um 09:49 Uhr

    @#11, Arnold, das ist doch nicht die Diskussion. Niemand erwartet, dass wie auf Zollverein in jedes Industriedenkmal dieser Gegend 150 plus x Mios gesteckt werden. Es ist, wenn es nicht so deprimierend wäre, schlichter Unsinn, wie die Interessensverbände der Ruhrgebietswirtschaft ureigene Versäumnisse mit dem Tatbestand erklären wollen, die Region würde sich zu sehr mit der Bewahrung ihres schwerindustriellen Erbes befassen – und schon das laute Denken darüber sei wirtschaftsfeindlich. Der Kollege von der Unternehmensverbandsgruppe soll sich bitte erst einmal die Mühe machen, alte Katasterkarten aus den 1950er und 1960er Jahren anzuschauen; da wird er sehen, wie viel „Geschichte“ schon längst dem Wohle des so genannten Strukturwandels geopfert wurde. Oder die Becher-Fotografien – unglaublich, was schon alles verschwunden ist. Und jetzt, im Jahr 2012, soll das Bemühen, die Geschichte des Ruhrgebiets mit dem Welterbe-Status würdigen zu wollen, immer noch Schuld sein für die „Zurückhaltung der Investoren“? Das ist noch nicht mal grotesk, sondern einfach nur noch ermüdend. Geht einfach mal eine Runde spazieren, z.B. auf der Superbrache des ehemaligen (und natürlich abgerissenen) Elektrostahlwerks in Oberhausen!

    Es geht, Helmut (#12), auch gar nicht um Leben und Arbeiten im Museum. Die Altstädte von Bamberg, Regensburg, Lübeck und wie sie alle heißen sind keine „toten“ Museen; sie verändern sich, aber in einem aktiven, reflektierenden Prozess der Auseinandersetzung mit eigener Geschichte. Sie haben auch dort ihre Schwierigkeiten mit dem Erhalt dieses oder jenes Bauwerks, Kirchen etwa, aber sie reißen nicht ab, um dort das zwanzigste Ärztehaus von der Stange zu errichten, sondern überlegen, wie man „Kirche“ und „Ärztehaus“ zusammenbringen kann. Solcher Ehrgeiz ist leider in hiesigen Wirtschaftseliten ein noch viel zu seltenes Gut.

  14. #14 | Helmut Junge sagt am 18. Juli 2012 um 13:37 Uhr

    @Dirk,
    Kirche (klingt nach älterem Bauwerk) und Ärztehaus zusammenbringen.
    Du machst dir vermutlich von Beruf wegen über solche möglichen Projekte Gedanken. Oft ist das auch ein Gewinn.
    Aber Stahlwerke sind groß und da kann man wohl kaum sagen, das die zu einem Ärztehaus oder zu einer Kirche passen.
    Das geht gar nicht. Stillgelegte Stahlwerke gibt es viele in der Gegend. Sie rosten so vor sich hin und kosten Jahr für Jahr Geld, weil sie sicher sein sollen. Eines schönen Tages müssen sie dann doch abgerissen werden.
    Oder wie in dem Beispiel der Guten Hoffnungshütte gesprengt.

    Auf dem Gelände ( ich glaube dass es dies Gelände ist) werden jeden Herbst von VHSkursteilnehmern Pilze gesucht. (Ob es sich empfiehlt die zu essen? Ich sammle meine Pilze meist relativ nahe von einem Friedhof. )

    Trostlos sind solche Gelände nur, solange dort nicht investiert wird.
    Und das ist schon ein Teilaspekt unserer Diskussion.

    Ob es Geld einbringt oder kostet Weltkulturerbe zu sein spielt für mich nicht die große Rolle. Mich interessiert die Psychologie, die hinter dem nostalgischen Jammern über die kurz zurückliegende Zeitgeschichte steckt.
    Nebenbei erstreckt sich diese Liebe zur Vergangenheit nur über die zwei letzten Jahrhunderte. Mittelalterfunde werden meist weggebaggert, Urnenfelderfriedhöfe zugebaut.
    Die kommunalen Bezirksvertretungen haben für die Pflege des Ortsbildes einen Etat, der in der Größenordnung weniger Monatsgehälter von kommunalen Mitarbeitern liegt.
    Wenn also wirklich Wert auf unwiederbringliche Relikte aus der Vergangenheit gelegt wird, sollte der Blick nicht allein auf Überbleibsel aus dem Zeitraum der Industrialisierung bis Heute liegen. Es reicht doch ein Stahlwerk zum Museum zu erklären, eine Zeche. Wir sind doch mobil.
    was die Unternehmer betrifft, so spielen die doch die Städte untereinander aus.
    Wenn ich die oder die Vergünstigungen bei euch bekomme, kriegt ihr den Zuschlag, dann setze ich meine Firma in eure Stadt.
    Gäbe es eine einzige Ruhrstadt, ginge diese Tour schon einmal nicht mehr.

  15. #15 | DH sagt am 18. Juli 2012 um 15:15 Uhr

    @#14, Helmut, nicht die Größe des Gebäudes (Kirche, Stahlwerk) ist hier das Interessante, sondern die Haltung zu Geschichte. Der kontrollierte Verfall der Kokerei Hansa z.B. ist ein schönes Beispiel: die Kokerei verschwindet zwar, aber in einem Prozess, der der Sache auch gerecht wird. Die andere Geschichte des Ruhrgebiets, diejenige vor der Industrialisierung, wird seit einiger Zeit schon thematisiert, vielleicht nicht in dem Umfang, wie er Dir sachgerecht erscheint, aber ein blinder Fleck ist sie nicht.

    Ja, „trostlos“ sind nicht die verfallenen Industrieanlagen auf verwilderten Arealen, sondern ist die Hoffnung, deren vollständige Verwandlung in kurz geschorene und beleuchtete Wiesen würde irgendein auch nur annähernd relevantes Problem lösen. Es ist zwar richtig, dass der Wirtschaftszweig Ruinenpornografie eher wenige Arbeitsplätze schafft (meist in Kunst, Kultur und Tourismus), aber eine Wirtschaftsförderung, die so etwas wie Bestandspflege auch ernst nimmt, sollte zumindest dafür Sorge tragen, dass sich deren Standortbedingungen nicht verschlechtern – sprich: den Ruinen und ihrem Gewerbe auch ihren Raum geben. Wir haben im Ruhrgebiet ohnehin Platz genug für die noddy boxes des ansonsten üblichen Strukturwandels.

    Was die Städtekonkurrenz angeht: Eine „Ruhrstadt“ wird da wenig helfen; die Zeiten, in denen wirklich relevante Standortentscheidungen zwischen Herne oder Gelsenkirchen fallen, sind seit Jahrzehnten vorbei. Der Maßstab ist längst ein anderer. Im Übrigen machen Ruhrgebietsstädte schon ihre gemeinsamen Gewerbegebiete.

    Nein, mich ärgert die intellektuelle Faulheit derjenigen, die sich als Wirtschaftseliten einer „Metropolregion“ aufspielen. Ich schrieb hier schon bei anderer Gelegenheit: Die Argumente im und zum Ruhrgebiet müssen endlich besser werden.

  16. #16 | Helmut Junge sagt am 18. Juli 2012 um 23:12 Uhr

    Dirk, Du bist mir in vielen Fragen, die hier angeschnitten wurden, einige an Informationen voraus, aber diesen Satz von Dir lasse ich mir lasse ich mir nicht unwidersprochen sagen:
    „Die andere Geschichte des Ruhrgebiets, diejenige vor der Industrialisierung, wird seit einiger Zeit schon thematisiert, vielleicht nicht in dem Umfang, wie er Dir sachgerecht erscheint, aber ein blinder Fleck ist sie nicht.“

    Da du dich für Duisburg interessierst, solltest Du ein paar Artikel vom früheren Duisburger Stadtarchäologen Dr. Günter Krause lesen.
    Ich habe, wenn auch vor sehr langer Zeit, etliche Gespräche mit ihm geführt.
    Das, was er mir im Zusammenhang mit der Behandlung archäologischer Funde im Raum Duisburg erzählt hat, klingt ziemlich hoffnungslos.
    Die werden allerdings ganz anders behandelt als die abrißreifen Industriedenkmäler mit Steigerliedsängerlobby.
    Ich gebe Dir erst mal nur ein paar Links, damit Du einen Anfang hast, um bei Interesse zu dem Thema weiter zu recherchieren, und ich glaube, weil du ein nach Wahrheit strebender Mensch bist, wirst du sie auch anklicken.
    ansonsten ist es nämlich nicht so weit her mit dem Interesse der Öffentlichkeit.
    also Krause:

    https://www.dgamn.de/uploads/mbl16/mib16_krause.pdf
    https://stadtgeschichte.isl.rwth-aachen.de/wiki/Bodendenkmal-Diskussion
    https://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/110/pdf/band1.pdf

    Dirk, der Bagger ist heute der Feind der Archäologie, aber was sage ich gegen die Bagger, wenn das bereits gefundene, ausgegrabene und archivierte Material so behandelt wird, dass es obwohl es bereits jahrtausende unter der Erde überdauert hat, in feuchten Kellern, ohne jemals der Öffentlichkeit gezeigt zu werden, verschimmelt?

    https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46421556.html

    Damit du nicht denkst, dass sich das Problem auf Duisburg beschränkt, hier noch ein paar weitere Links.

    https://www.derwesten.de/wr/staedte/dortmund/nord-west/archaeologie-mit-bagger-statt-pinsel-id489610.html
    https://www.duisburg.de/micro2/pbv/denkmalpflege/stadtarchaeologie/aktuelles/102010100000305702.php
    https://www.archaeologie.de/baubegleitung.php

  17. #17 | DH sagt am 19. Juli 2012 um 16:39 Uhr

    @16, Helmut, die Defizite der Stadtarchäologie führen zwar ein wenig vom Thema weg, aber sie sind natürlich interessant genug, um die verlinkten Sachen auch anzuschauen. Merci.

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