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Wie Fortuna Düsseldorf den „Demenzkoffer“ nach Deutschland holte

Fortuna Düsseldorf ist der erste Verein, der mit einem Erinnerungskoffer demenzkranke Fans besucht. Foto: Claudia Viehmann

Fortuna Düsseldorf ist der erste Verein in Deutschland, der mit einem Erinnerungskoffer demenzkranke Fans besucht. Foto: Claudia Viehmann

Sportlich geht es für Fortuna Düsseldorf vermutlich auch im zweiten Jahr nach dem Aufstieg in erster Linie darum, die Klasse zu halten. In einer Hinsicht ist der Klub vom Niederrhein allerdings jetzt schon Spitzenreiter: Die Fortuna ist der erste Verein in Deutschland, der einen sogenannten „Demenzkoffer“ aufgelegt hat.

Beim „Demenzkoffer“ handelt es sich um einen Koffer mit Fanartikeln aus vergangenen Jahrzehnten, der dementen Fußballfans übergeben wird, um auf diesem Weg die kognitiven und motorischen Fähigkeiten der Betroffenen zu fördern. Im Koffer können Schals, Fahnen, Trikots, Wimpel, Eintrittskarten, Fotos oder auch Fußballschuhe enthalten sein.

Die Idee stammt ursprünglich aus Großbritannien. In Schottland treffen sich bereits seit zehn Jahren demenzkranke Fußballfans, um sich gegenseitig Geschichten von früher zu erzählen und so die eigene Erinnerung aufzufrischen – mit beeindruckenden Ergebnissen. Die Frau eines Mannes, der an diesen Treffen teilnimmt, fasste deren Effekt so zusammen: „Er ist ein anderer Mensch, wenn er da raus kommt. Es gibt ihm neue Lebensenergie, und man kann das bei allen Männern dort sehen.“

Es sind Erfolgsgeschichten wie diese, die die Düsseldorfer dazu bewegt haben, ein ähnliches Projekt ins Leben zu rufen. Die Fortuna hat sich dafür professionelle Hilfe geholt: Sowohl die Caritas, als auch das Deutsche Rote Kreuz und das Demenznetz Düsseldorf unterstützen den Verein mit ihrem Fachwissen.

„Wir verstehen uns als soziale Institution der Landeshauptstadt“, sagt Tom Koster von Fortuna Düsseldorf. Das Projekt werde sowohl von Demenzkranken als auch von ehrenamtlichen Helfern gut angenommen und auch ein Jahr nach dem Startschuss noch regelmäßig durchgeführt.

Eine der Einrichtungen, die mit dem Demenzkoffer besucht wurde, ist das Sozialwerk der „franzfreunde“. Die meisten der Bewohner kommen aus Düsseldorf, daher haben viele einen besonderen Bezug zur Stadt und zum Verein. Die Stimmung ist zwar anfangs noch verhalten, doch mit der Zeit kommen selbst Bewohner, die sich sonst eher zurückziehen, immer mehr aus sich raus. Viele erinnern sich noch an das alte Paul-Janes-Stadion, in dem Fortuna früher gespielt hat. Ein Bewohner erzählt, dass er als Kind immer mit seinem Onkel ins Stadion gegangen sei.

Aber auch das Rheinstadion ist manchem Bewohner positiv in Erinnerung geblieben. Früher habe man vom Schwimmbad aus ins Stadion gucken und so die Spiele live verfolgen können, ohne Eintritt zu zahlen, wie einer der Senioren sichtlich begeistert erzählt.

Diese Begeisterung hält oft auch nach der eigentlichen Aktion noch an: Die Bewohner der Seniorenheime, in denen die Aktion durchgeführt wurde, reden auch Tage danach noch davon, wie Stefan Felix (Behindertenbeauftragter von Fortuna Düsseldorf, Anm. d. Red.) zu berichten weiß.

Bei der Fortuna, die eine Vorreiterrolle in Sachen „Demenzkoffer“ einnimmt, seien Anfragen aus Köln, Leverkusen und Mönchengladbach eingegangen, weil auch dort ein vergleichbares Projekt gestartet werden soll. Die Konkurrenz aus dem Rheinland holt sich dafür Beratung von den Düsseldorfern.

In Köln ist es allerdings im Gegensatz zu Düsseldorf nicht der Klub selber, sondern der Verein „FC-Echo hilft“, der einen Erinnerungskoffer für demenzkranke FC-Fans zusammenstellen will und dazu aufruft, Fanartikel aus den 60er, 70er und 80er Jahren einzusenden. Das Projekt ist dort noch im Anfangsstadium. Neben Sachspenden werden vor allem Freiwillige gesucht, die mit dem Koffer Fans in Seniorenheimen besuchen wollen. Sie müssen dafür an einer Schulung teilnehmen, da bei Menschen mit Demenz ein behutsamer Umgang wichtig ist.

„Auch, wenn wir sportliche Rivalen sind, ändert es nichts daran, dass Stefan Felix, den ich sehr schätze, ein ganz tolles Projekt auf die Beine gestellt hat“, lobt Michael Tuchscherer von „FC-Echo hilft“ das Projekt des Lokalrivalen.

Der „Demenzkoffer“ ist nur eines von vielen Beispielen, wie Fußballklubs ihre Strahlkraft nutzen können, um soziale Projekte zu unterstützen. Der Fußball ist besonders gut geeignet, die Erinnerung von Menschen mit Demenz aufzufrischen – zumindest dann, wenn sie früher selbst Fußballfans waren. Das zeigte eine Studie der Glasgow Caledonian University, bei der festgestellt wurde, dass insbesondere Fotos dabei hilfreich sein können. Dass Aktionen wie die von Fortuna den gewünschten Effekt erzielen können, lässt sich also auch wissenschaftlich belegen.

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