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Wir sind mehr als Religionsanhänger

Christuskirchen Foto: Ayla Wessel/Kulturagentür

Die neueste Ausgabe der Leitkulturdebatte reduziert die Menschen wieder auf ihren religiösen Hintergrund. Kirchen, Islamverbände und Kulturkonservative dürfen sich freuen.

Ach, die letzten Jahrzehnte liefen nicht gut für die Vertreter der unterschiedlichsten Glaubensrichtungen in Europa. Im Zweifelsfall blieben die Meisten lieber am Sonntag länger im Bett liegen, als in die Kirche zu gehen. Und viele wissen von ihren Freunde gar nicht mehr, zu welcher Konfession sie gehören. Oder ob sie überhaupt noch in einer Kirche sind.

Wie gut, dass es seit ein paar Jahren immer mal wieder eine Leitkulturdebatte gibt: Ist Europa christlich-jüdisch geprägt oder auch islamisch? Keine Frage: Als Europa noch ein verschlammter Kontinent war, in denen die Menschen kaum älter als 4o wurden und man gerne auch mal eine Hexe verbrannte, war der Kontinent christlich-jüdisch geprägt. Und Muslime versuchten ihn immer mal wieder zu erobern. Auf dem Balkan klappte das. In Zentraleuropa holten sie sich vor Tours und Poitiers und Wien blutige Nasen.

Europas Aufstieg zu einem Kontinent, auf dem man gut und halbwegs frei leben kann, begann mit der Überwindung der Religionen. Die Aufklärung ist der große Wurf. Und eine gute Tradition der Aufklärung ist es, die Menschen als Individuum wahr zu nehmen. In der Leitkulturdebatte wird genau das unterlassen. Da sind wir alle vor allem religiös geprägt. Sicher, zu einem Teil trifft das zu. Aber ich bin auch stark durch Popmusik und Literatur geprägt. Auch ein paar Freunde hatten mehr Einfluss auf  mich als jeder Wanderprediger oder Papst. Und dann ist da noch die Familie, die persönliche Geschichte: Liebeskummer, Glück, Momente der Einsamkeit, das Gefühl, verlassen zu werden und das Gefühl, geliebt zu werden.  Der Beruf, Geschmack, Stil – Identität setzt sich aus hunderten von Fassetten zusammen, von denen mal die eine, mal die andere bestimmend ist. Wir spielen mit Identitäten, wechseln sie, variieren sie. Zum Teil mehrmals am Tag: Sind Freund, Partner, Fan, Sohn, Vater, ein Vertreter unseres jeweiligen Berufes, ein Häuflein Elend und ein arrogantes Arschloch.

Es ist herrlich.

Nur diese Vielfalt kommt in der Leitkulturdebatte nicht vor. Jeder  Türke in ihr ist nur Moslem. Und wenn er viel mehr Schalke-Fan ist als Gläubiger? Oder Vater? Trinker? Sportler? Geht nicht.

Das spielt den Kulturkonservativen aller Gattungen in die Hände, denen die Unübersichtlichkeit ein Grauen ist. Sie wollen uns wieder in die alten Schemata pressen. Denn nur in dieser alten Welt konnten sie ihre Macht behaupten. Ok, das ist ihr Problem. Meins ist es nicht. Die Leitkultur Europas ist die Aufklärung, ist der Individualismus. Nicht irgendwelche Wüstenkulte. Deshalb sollte man Religionen auch nicht noch aufwerten – und schon gar nicht viel Rücksicht auf sie nehmen.

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27 Kommentare zu “Wir sind mehr als Religionsanhänger

  • #1
    Doris

    Befreiung von Religion und bürgerlichen Normen in der Literatur, „Das kunstseidene Mädchen“:

    „Doris“ – Irmgard Keun – liest ihre Ausweispapiere vor, nachlässiger geht’s nicht, in der falschen Reihenfolge („Hysteron-Proteron“), um damit zu zeigen, dass Religion NICHTS mit Ihrem Leben zu tun hat, für ihre Geschichte völlig unbedeutend ist:

    „Und habe mir ein schwarzes, dickes Heft gekauft und ausgeschnittne weiße Tauben draufgeklebt und möchte einen Anfang schreiben:

    Ich heiße somit Doris und bin getauft und christlich und geboren.

    Wir leben im Jahr 1931.

    Morgen schreibe ich mehr.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hysteron-Proteron_(rhetorische_Figur)

  • #2
    Gerd Herholz

    Es wäre viel erreicht, wenn es (auch im Ruhrgebiet) endlich einen stärkeren öffentlichen Diskurs um gelassene Religionenkritik und Gelassenheit gegenüber der Religionenkritik gäbe. Stattdessen wird’s bald mit dem Fach „Islam“ auch in Schulen immer noch mehr Religion geben.
    Wo bleibt das Fach „Religionenkritik“ als Gegenpol, wenn‘s schon das Fach „Ethik“ nicht geben darf?

    Vielleicht hätte Bundespräsident Wulff in seinen Reden auch bekräftigen sollen, dass neben der Freiheit für die Religionen ein aufgeklärter demokratischer Staat auch die Freiheit von den Religionen zumindest im öffentlichen Bereich zu garantieren hat. Doch das aufklärerische Erbe der Religionenkritik scheint aktuell beim angestrengten Versuch, die Religionen im interreligiösen Gespräch zwangszuversöhnen und viel mehr Kirche und Kirchen im öffentlichen Raum zu platzieren, nur zu stören.
    Vor ein paar Monaten machte immerhin die ZEIT einmal über ein paar Sonderseiten einen zaghaften Versuch, mit den dümmsten Vorurteilen gegenüber nichtgläubigen Humanisten aufzuräumen.

    Argumente für Religionenkritik sind natürlich in vielen Wissenschaften zu finden. Wer vom Glauben zum Wissen konvertieren möchte, kann sich heute auf die neuesten Erkenntnisse der Physik, der Astronomie, der Genetik berufen und auf historisch-kritische Religionengeschichte, Quellenforschungen zu den sogenannten Heiligen Büchern, kann sich berufen auch auf Einsichten humanistischer Philosophie und Psychologie.

    Abseits religiöser Legenden findet man die tiefsten Einsichten in die Entstehung der Arten auch und vor allem natürlich bei Charles Darwin, in seiner Evolutionstheorie – solange man sie im Original studiert und nicht über die Verfälschungen ihrer Gegner rezipiert.
    Es ist z. B. eben nicht so, wie oft dahingesagt, dass wir etwa vom Affen abstammen, sondern die heute lebenden Affen und wir sind nahe Verwandte, die von gemeinsamen Vorfahren abstammen – wie alles Leben auf der Erde sich retrospektiv zurückführen lässt auf immer ältere gemeinsame Vorfahren.
    Richard Dawkins führt diese Erkenntnis in seinem letzten Buch „Die Schöpfungslüge“ über das „Haarnadel-Gedankenexperiment vor.
    Richard Dawkins‘ großes Plädoyer gilt der genauen Rezeption und Weiterentwicklung des Darwinismus, der Evolutionsbiologie, mit Ausblicken auch auf die neue Disziplin der evolutionären Psychologie.
    Angesichts nicht nur zunehmender evangelikaler Angriffe auf den Darwinismus, auf das Unterrichten von Evolutionsbiologie an den Universitäten oder auf das Fach Ethik an Schulen legt Dawkins dar, warum man die Evolutionstheorie eben nicht mehr als beliebige Arbeitshypothese beschreiben kann und darf, sondern als Theorie im streng wissenschaftlichen Sinne, also als ein Schema oder System von Gedanken oder Aussagen, das als plausible und nachprüfbare Erklärung oder Begründung für eine Gruppe von Tatsachen oder Phänomen dient.

    Der Skandal ist eigentlich, dass man das Selbstverständliche heute immer noch und immer wieder sagen muss.

  • #3
    Rudi Gems

    Natürlich! Die Mächtigen haben Angst vor einer „gottlosen Gesellschaft“. Und dabei spielen Religionen, oder Ersatzreligionen, bei den meisten Menschen, nur eine Rolle, wenn sie ein wenig Dumm sind, bis hin zu Schwachsinnig sind.

    Intelligente Menschen, können auf Religionen verzichten. Sie sind so intelligent, das sie die Machenschaften der Religionen durchschauen und entlarven können. Sie können sich auch ein Leben einrichten, wo sie selber bestimmen können, was sie tun, und was sie lassen können und möchten. Sie haben verstanden und erkannt, das Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit und Nächstenliebe, Werte sind, die in jeder Gesellschaft, das Leben lebenswerter machen können.

    Intelligente brauchen keine Religionen. Sie wollen auch ein angenehmes Leben im Diesseits führen, und kämpfen dafür, das sie es auch bekommen. Sie erkennen sehr schnell, das Religionen und Ersatzreligionen (z.B. Massensportveranstaltungen), durch Intoleranz, Brutalität, bis hin zum Schwachsinn, geprägt sind. Sowas lehnen sie ab, bis hin zur offenen Verachtung.

    Eine Religion, die Rücksicht auf ihre Intelligenten nimmt, gibt es nicht. Das „Basta“, ist in jedem Falle wichtiger, als um die Einsicht eines Intelligenten zu werben. Insofern, ist es auch nicht verwunderlich, das es in allen Religionen, Menschen gibt, die ihrer Religion, die zwar durch die Eltern verwurzelt wurde, kritisch bis ablehnend gegenüberstehen.

    Religion, ist bis dann kein Problem, wenn sie als Folklore gelebt wird. Religion, ist bis dann kein Problem, wenn in ihr Toleranz und Freiheit möglich sind. Problematisch werden immer die 150 %’igen. Religiöse Eiferer, bis hin zu Fanatikern und Terroristen, sind das eigentliche Problem. Und da braucht auch keine Religion, auf eine andere zu zeigen. Leichen haben sie alle im Keller. Wenn es auch noch einige gibt, die die Leichen z.Zt., gerade in den Keller bringen.

    Unter „Leitkultur“, verstehe ich erstmal etwas völlig „Unreligiöses“. Werte wie „gesellschaftliche Konventionen“, Strafgesetze, Verfassungen, (im westlichen Stil) aber auch Demokratie, Brüderlichkeit oder Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Rechtsstaat, aber auch Toleranz, Liebe, Ethik (goldene Regel), Nächstenliebe (Altruismus) und Nachsichtigkeit (Barmherzigkeit, Verzeihen können), sind in erster Linie, völlig unreligiöse Werte, die nur mit Vorliebe, i.d.R. halbherzig, von Religionen vereinnahmt worden sind.

    Natürlich, ist es auch eine Frage, wie man „Leitkultur“ definiert. Wie Intelligente/Intellektuelle, damit umgehen, hatte ich oben geschrieben. Problematisch, wird es wieder auch hier, wenn ich den Begriff, „Leitkultur“, zum Objekt/Spielball, zwischen den Religionen mache. Dabei kann natürlich nur geistiger Dünnschi… herrauskommen. Religionen, können es eben nicht lassen, die Menschen, insbesondere, Unfrei und Intolerant zu machen. So wie sich der Schreiber, im Eingangstext, ein Leben vorstellt, wäre er bei den Intelligenten bestens aufgehoben. Ich wüsste jedenfalls keinen Wert, den Intelligente hochhalten, die den Wünschen des Eingangstextschreibers, entgegenstehen.

    Völlig problemarm, wäre das Leben, wenn alle Menschen ihre Religionen ablegen würden, und sich eine solche „Leitkultur“ zulegen würden, wie sie Intelligenten vorschwebt. Alleine dagegen, spicht offensichtlich, der Intellekt. Insofern, ist es schon berechtigt, das Politiker Angst vor der „gottlosen Gesellschaft“ haben. Die Evolution, hat es leider noch nicht geschafft, die Intellektuellen, zur Mehrheit zu machen. Wir werden uns wohl noch eine Weile, mit den Religionen herumschlagen müssen?

    Grüße, Rudi Gems

  • #4
    Angelika

    „…Und wenn er viel mehr Schalke-Fan ist als Gläubiger?…“ (siehe Artikel oben)

    Dass er Schalke-Fan ist, ist ja klasse (aus meiner Perspektive …), möglicherweise ist er auch ein Gläubiger (im Wirtschaftsleben). Auf den Islam oder eine andere Religion bezogen ist aber ein Glaubender, ein gläubiger Muslim, Christ, Jude usw..

  • #5
    Angelika

    „…Europas Aufstieg zu einem Kontinent auf dem man gut und halbwegs frei leben kan, begann mit der Überwindung der Religionen. Die Aufklärung ist der große Wurf…“ (siehe Artikel)

    Sehe ich auch so!

  • #6
    Höddeldipöpp

    Es ist schon erstaunlich, wie man eine solch bescheuerte Leitkultur-Diskussion immer wieder beleben kann.

    Wenn man keine Hilfe dafür bei den Oppositionsparteien bekommt, inzeniert man einfach einen Konflikt in der eigenen Partei:

    Friedrich gegen Wulff,
    Seehofer nimmt Friedrich in Schutz,
    Kauder springt Friedrich bei,
    Friedrich sendet versöhnliche Signale an die Muslime,
    alle möglichen Verbände nehmen Stellung,
    die WELT bedient wieder fröhlich alle möglichen islamophobe Reflexe …

    … und schon hat man – ganz allein und ganz ohne Hilfe der Opposition und ohne dass es einen Anlass gäbe – wieder das übliche wunderbare Aufreger-Thema – nicht neu, aber bewährt – um eine bestimmte ziemlich beschränkte Klientel um sich zu scharen, die gleiche Klientel die gerade ihren Volkshelden Guttenberg verloren hat und Gefahr läuft, der Union den Rücken zu kehren.

    Müssen denn alle über jedes Stöcken springen, das man ihnen hinhält? Einfach mal in’s Leere laufen lassen. Kein Raum mehr für inzenierte Konflikte in der Politik. Man erkennt sie doch schon im Ansatz. Interessieren wirklich kein Schwein mehr.

    Stattdessen wollen wir z.B. wissen, welche geheimen Vereinbarungen Merkel und Co. mit den Banken getroffen haben, um uns zu berauben. Da wollen wir jetzt alles sehen. Achtung Kalauer: „… bis auf die letzte Fußnote!“.

  • #7
  • #8
    Rudi Gems

    @ Höddeldipöpp und Angelika

    Das sehe ich aber anders. Ich möchte schon wissen, an welche Werte ich mich hier im Staate zu orientieren habe. Ich möchte schon wissen, welche Gesetze, für mich, im GG, im StGB oder im BGB, entscheidend sind. Und ich möchte, das sich ALLE an diese Gesetze halten, auch wenn einige Gesetze, der Diskussion bedürfen. Insofern, ist es für mich schon wichtig, das eine solche Diskussion, über „Leitkulturen“, niemals abreißt.

    Und, das ist es auch, was ich von jedem erwarte, das er unsere Kultur akzeptiert, wenigstens soweit, wie es die oben genannten Gesetzesbücher vorschreiben. Alles andere, ist mir sowieso egal. Was das Christentum für Probleme hat, der Islam, Schalke, BVB, oder Stabhochsprung, geht mir letztlich sowas von am Po vorbei, wie es sich kaum einer vorstellen kann.

    Solche „Religionen“, sollen mich in Ruhe lassen. Solche „Religionen“, sollen mir meine Freiheit lassen, und mich nicht mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, belästigen. Ja, ich betrachte es als Belästigung, wenn mir eine Frau entgegenkommt, der man an der Körperhaltung ansehen kann, wie sie unter der „Religiösen Kleidung“ leidet. Dabei ist es mir auch völlig egal ob es ein Kopftuch ist, ein Tschador, eine Burka, eine Nonnenkluft, ein Priestergewand oder eine Mönschskutte. Für mich ist es entscheidend, ob so eine Kleidung freiwillig, stolz und gerne getragen wird. Dann ist es für mich o.k.. Anderenfalls, fordert es meine zähneknirschende Toleranz.

    Wenn aber die Diskussionen über „Leitkulturen“, soweit getrieben werden, das Gesetze in Frage gestellt werden, wie Einführung von Scharia, Steinigungen von „Ehebrechern“, Handabhacken bei Diebstahl, Ehelichung von Zehnjährigen, Vielweiberei, Genitalbeschneidungen, oder Behinderung der Pressefreiheit, dann hat es für mich, dafür, noch nie eine Legitimation gegeben, und kann und darf es auch nicht geben, sei denn, sie geht nicht über den intellektuellen Bereich hinaus. Sowas sollte man niemals beginnen! dann braucht man es auch nicht zu beenden.

    Grüße, Rudi Gems

  • #9
    der, der auszog

    Manchmal wünsche ich mir, dass sich Historiker nicht nur innerhalb von Historikerstreits zu Worte melden würden, sondern auch wenn es um die aktuelle Tagespolitik geht, gerade wenn sich politische Debatten in Form von Traditionsgelaber oder Antitraditionsgelaber auf die Geschichte berufen und diese mal eben so zurecht gedreht wird, wie man sie gerade haben möchte.

    Es ist absoluter Humbuk und falsch, europäische Geschichte so darzustellen, als hätte es auf diesem Kontinent ursprünglich nur Christen und in die Diaspora geschickte Juden gegeben. Für das Gebiet der heutigen Bundesrepublik, also die Mitte Europas, mag das gelten. Im Osten hat das aber schon etwas anders ausgesehen, wie die Andeutung „Auf dem Balkan klappte das“ auch im obigen Artikel erahnen lässt. Westeuropa wird in den gegenwärtigen Betrachtungen allerdings völlig außer acht gelassen, als sei die Iberische Halbinsel genau wie Amerika erst mit der Neuzeit entdeckt worden. Jenseits der Pyrenäen im heutigen Portugal und Spanien, siedelten und herrschten seit 711 Muslime und das fast 800 Jahre lang. Erst 1492, im selben Jahr als Amerika entdeckt wurde, fiel Granada, die letzte Hochburg der Araber in Europa. Rückblickend haben die Araber eigentlich wesentlich länger in Westeuropa geherrscht als irgendwelche Christen. Dank Inquisition und christlich begründeten Dilettantismus vergisst man das 500 Jahre später gerne. Perverser Weise redet selbst die heutige Geschichtsschreibung bezüglich bis heute noch im Zusammenhang der Kriegszüge islamischer Herrscher wie selbstverständlich von Eroberung und im Zusammenhang der Kriegszüge christlicher Herrscher von Rück-Eroberung. Aber mit welchem Recht? Nur weil irgendwann einmal Karl der Große die Pyrenäen überquerte und beschloss, dass dort alle Menschen Christen seien? Nach der sagenumwobenen Rolandsschlacht 778 bei Roncesvalles (das ist gerade einmal ein Tagesfußmarsch von Frankreich entfernt), bei der die Franken richtig heftig eins auf die Mappe bekamen, hat er sich schnell wieder aus dem Staub gemacht. Trotz dieses vielleicht 15 km langen erfolglosen Feldzuges ins Reich der Mauren, redet die christliche Welt seitdem davon, dass Spanien nach und nach zurückerobert wurde (Stichwort: Reconquista). Zurückerobern hört sich edler an als Erobern, denn das Wort enthält den Gedanken, dass man in ein Territorium einmarschiert, was einem vorher gehört haben soll. Das ist im Fall Spanien und Portugal allerdings völliger nonsens, denn da gab es kaum jemanden, zumindest niemand, der hätte befreit werden müssen. Ohne die mächtige Präsenz der Araber und einer vergleichsweise verwschwinden gerningen Menge Christen wäre beispielsweise der ganze Jokobskult und Pilgerhype im Mittelalter nicht nötig gewesen. Denn das, was den christlichen Herrschern in Spanien fehlte waren schlicht und einfach christliche Untertanen. Die Städte von denen die Eroberung der iberischen Halbinsel aus ihren Anfang nahm, mussten erst mühsmam gegründet und das Umland besiedelt werden. Sie liegen nicht umsonst alle im Norden des Landes am camino frances nach Santiago. Die wenigen Christen und Juden, die es vor der sogenannten Reconquista in Spanien gab, lebten eigentlich recht harmonisch und für mittelalterliche Verhältnisse relativ frei und sicher innerhalb des Herrschaftsbereiches maurischer Städte. Davon zeugen heute noch die Existenz zahlloser jüdischer und christlicher Viertel in vielen spanischen Altstädten, die über Jahrhunderte maurisch regiert wurden. Wahrscheinlich hat nirgends auf der damals bekannten Welt ein so friedliches Nebeneinander der Religionen gegeben, wie in Spanien zur Zeit der Mauren.

    Und wahrscheinlich hat dieses Miteinander auch auf die Aufklärung ausgestrahlt, allerdings nicht um die Religionen zu überwinden sondern vielmehr um sich gegenseitig zu tollerieren. Momentan bedient man sich gerne Johann Wofgang Goethes Östwestlichen Divans, wenn man zum Thema Islam meint etwas sagen zu müssen und bei einem Deutschen Topdichter die Rückendeckung sucht. Viel bedeutender in diesem Zusammenhang finde ich allerdings Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise und die Ringparabel. Ein Meisterwerk Deutscher Dichtung zur Zeit der Aufklärung in Europa, indem der Kontinent als Schmelztigel des jüdischen, christlichen und islamischen Glaubens erkannt wurde und dessen Massage in erster Linie darin besteht, nichts geringeres als Tolleranz zu fordern. Vielleicht sollte man einfach wieder mehr deutsche traditionelle Klassiker lesen. Nicht nur in der Schule oder Uni, sondern auch in der Politik…

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  • #11
    Jens König

    Der Islam gehört nicht zu Deutschland.
    Und der Buddhismus auch nicht, das ist eine Akademikerkrankheit.
    Und wo wir gerade dabei sind: Der Protestantismus gehört schon mal gar nicht zu Deutschland. Der hat sich hierzulande überall eingenistet. Bis Luther sich von Hus und Konsorten beeinflussen hat lassen, hat der überhaupt nicht zu unserer christlichen Kultur gehört. Ich sage nur „Überfremdung durch Hugenotten“, die Schweiz hat es da besonders getroffen. Und de Maiziere ist auch so einer.
    Ach, wenn die Katholische Kirche doch damals so klare Worte gefunden hätte, wie jetzt Innenminister Friedrich. Dann hätte sie Sätze gesagt wie „Leitkultur in Deutschland ist nicht die evangelische und wird es auch nicht in Zukunft sein“.
    Oh, verdammt, und der ganze katholische Glaube, der hat hier auch nicht hergehört, diese Religion wurde uns von „Missionaren“ aufgezwungen. Damals war Christentum jedenfalls nicht Leitkultur in deutschen Landen.
    Ich plädiere für eine Rückkehr zum Heidentum, aber zackzack.
    Und dann trinken wir wieder Met und nicht dieses neumodische „Bier“, das gehört auch nicht zu unserer Kultur. Pilsener, muss ich noch mehr sagen?

    Wenn man schon Kultur als etwas Statisches begreift, dann aber bitte auch konsequent.

    So, nachdem ich mich jetzt gegen jegliche Veränderungen unserer Kultur ausgesprochen habe, noch ein Wort zu unserem Innenminister.
    Der hat nämlich folgendes gesagt: „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“
    Was ist das überhaupt für ein Satz? Sagt, mal, fällt eigentlich keinem etwas auf?
    Erst sagt der Mann, dass die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland eine Tatsache sei. So. Das ist eine Feststellung.
    Dann sagt er in einem angehängten Nebensatz, dass sie sich aus der Historie nicht belegen liesse. Da er erst sagt, dass es eine Tatsache ist, muss er andere Belege haben. Das Wörtchen „auch“ sagt in diesem Zusammenhang, dass es andere Felder gibt, die seine Tatsachenbehauptung auch nicht belegen.
    Letztendlich muss es mindestens einen Beleg geben. Den er offensichtlich kennt, aber nicht nennt.
    Meint der das so?
    Oder hat er keine Ahnung von Logik oder der deutschen Sprache? Oder beidem?
    Ich meine, der Mann ist verwirrt.

  • #12
    Arnold Voss

    Den (individuellen) Glauben kann man und soll man nicht abschaffen. Die Religionen wiederum sind im Wesentlichen damit beschäftigt, sich selbst abzuschaffen, und das ist gut so. Leitkulturen die auf der Religionszugehörigkeit basieren haben deswegen keine Zukunft bzw. können sie nur rückwärtsgewandt sein.

  • #13
    Arnold Voß

    Noch ein kleines Brevier für Leute die Leitkulturen auf Religionen aufbauen und das möglichst verständlich, möglichst kurz und natürlich international.

    Taoism: Shit happens.

    Hare Krishna: Shit happens rama dama ding dong.

    Hinduism: This shit happended before.

    Islam: If shit happens, it is will of allah.

    Zen: What is the sound of shit happening?

    Buddhism: When shit happens, is it really shit?

    Confucianism: Confucius say, „Shit happens“

    Potestantism: Shit won´t happen if I work harder.

    Catholicism: If shit happens, I deserve it.

    Jehovah´s Wittnes: Knock, Knock, „Shit happens“

    Judaism: Oyway! Why does this shit always happen to me?

    Pentacostalism: Praise the shit!

    Rastafarianism: Let´s smoke the shit.

    Atheism: There is no shit!

    Gelesen auf einem Magnet Sticker in einer New Yorker Buchhandlung.

  • #14
    Rudi Gems

    Die Frage ist doch, was man eigentlich unter „Kultur“ versteht? Soweit ich informiert bin, kommt der Begriff aus der Sesshaftigkeit, wo man anfing, Äcker zu erzeugen.

    Ist aber auch völlig egal. Heute versteht man unter Kultur, wenn man sich weiter bildet, wenn man versucht zu den Intellektuellen zu gehören, und wenn man versucht, ein möglichst reibungsarmes Miteinander zu gestalten. Dann hat ein Mensch Kultur.

    Religionen, waren in dieser Beziehung, schon immer sehr erfinderich. So verstanden sie es schon immer, Strömungen in der Bevölkerung zu besetzen, die die schon lange hatten, bevor es diese Religion gab. Insofern, ist es auch nicht verwunderlich, das sie versuchen, den Begriff „Kultur“ zu vereinnahmen.

    Schon damals, hatten sich die Religionen die gesellschaftlichen Konventitionen, „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“ unter den Nagel gerissen. Mit den Sexualvorschriften war es genauso. Später kamen dann noch die Sonnenwendfeiern, die Fruchtbarkeitsfeiern und die Fastentraditionen hinzu. Immer verstanden es die Religionen, via Trittbrettfahrt, sich auf Traditionen von Gesellschaften aufzuschwingen, die diese schon lange hatten.

    Genauso, ist die „Kultur“, mitnichten eine Religiöse Tradition. Im Gegenteil, Religionen tendieren dazu, sich konterkulturell zu verhalten. Kulturen brauchen Pflege. Kulturen brauchen eine Evolution (Entwicklung) und Kulturen müssen geändert werden, wenn sich Zeiten und Umstände ändern. Dazu sind Religionen nicht fähig.

    Wenn jetzt also eine Forderung aufgestellt wird, das sich bestimmte Menschen, an eine religiöse „Leitkultur“ anpassen sollen, dann ist das gleich in doppeltem Sinne, Schwachsinn. Einmal, sind die religiösen Kulturen hoffnungslos, den gesellschaftlichen Kulturen, von der Quallität her, hinterher, und zum anderen, macht es mitnichten Sinn, eine völlig überholte und veraltete Kultur, durch eine Andere, mit den selben Mängeln, auszutauschen.

    Grüße, Rudi Gems

  • #15
    Helmut Junge

    @Arnold,
    sehr schön, aber, was mich nachdenklich macht:
    Sollten Milliarden Fliegen irren?

  • #16
    Werner Jurga

    @ Rudi Gems (# 14):
    „Immer verstanden es die Religionen, via Trittbrettfahrt, sich auf Traditionen von Gesellschaften aufzuschwingen.“
    Die alternative Strategie ist den christlichen Missionaren im heidnischen Norden auch nicht so gut bekommen. Trittbrettfahren war im wahrsten Sinne des Wortes die einzige Überlebensstrategie. Und weil dies, wie Sie zurecht schreiben, „immer“ gilt, wird der Einfluss der Religion(en) auf den / die Zivilisationsprozess(e) i.d.R. maßlos überschätzt.
    Ihre Definition von „Kultur“ mag ich nicht so recht nachvollziehen. Religionen „konterkulturell“? Aber menschengemacht sind sie doch schon. Und sie sind auch durchaus „fähig“, sich geänderten Zeiten und Umständen anzupassen. „Religiöse Kulturen“ versus „gesellschaftliche Kulturen“ – sorry, das führt analytisch auf den Holzweg.

    @ Arnold Voss (# 13): Klasse! Äußerst amüsant.

    @ Stefan Laurin:
    Der Beitrag, mit dem ich übrigens – wie man so sagt – vollinhaltlich übereinstimme, ist wirklich wunderschön geschrieben.

  • #17
    Rudi Gems

    Teilzitat von Werner Jurga:
    „Religionen “konterkulturell”? Aber menschengemacht sind sie doch schon. Und sie sind auch durchaus “fähig”, sich geänderten Zeiten und Umständen anzupassen. “Religiöse Kulturen” versus “gesellschaftliche Kulturen” – sorry, das führt analytisch auf den Holzweg.“

    Nun Ja, bei den Christen, gebe ich Dir Recht. In den letzten 10 Jahren, sind sie zu Zugeständnissen bereit gewesen, die einigen schon als Metamorphosen vorkommen. Trotzdem, könnte ich mir kaum vorstellen, das diese Zugeständnisse, z.B. in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts möglich gewesen wären.

    Beim Islam, habe ich da ein Problem. Auf der einen Seite, verfolge ich im Iran, in Indonesien, in Arabien und sonstigen extremen Islamstaaten, Entwicklungen oder Zustände, die einem durchaus das Fürchten lehren können, und eher an die Bronzezeit erinnern, als ans 21. Jahrhundert. Auf der anderen Seite, sehe ich durchaus demokratische Bewegungen, in Nordafrika, vermutlich durch das Internet animiert, die mich durchaus soledarisch und zuversichtlich stimmulieren.

    Betrachtet man aber die Zustände des Islam, hier in der BRD, so kann man durchaus, zweigeteilte Meinungen haben. So gibt es tatsächlich die „islamischen Familien“, wo man den Eindruck hat, das sie in Deutschland angekommen sind, und ihre Religion, fast ausschließlich als Folklore leben, genauso, wie die Familien, die noch Erkenntnis- und Integrationsbedürfnisse haben.

    Ich will aus meiner Ansicht, gar keinen Hehl machen. „Jedes „Islammitglied“ was sich an unsere Gesetze hält, ist mir herzlich willkommen! Andere, denen eine Scharia vorschwebt, mit bronzezeitlichen Ansichten, können bestenfalls, auf meine Toleranz hoffen.“

    „Gesellschaftliche Kultur“ versus „religiöser Kultur“? Wo liegt da das Problem? Welches unserer Gesetze, aus den div. Gesetzesbüchern, sollte im konkreten Gegensatz, zu sinnvollen religiösen Kulturvorschriften stehen? Und wenn es wirklich keine gibt? wofür brauchen wir dann „Religiöse Kulturen“?

    Nun gut, meiner Definition, von Kultur stehst Du kritisch gegenüber? (Wie definierst Du dann „Kultur“?) Was hällst Du denn von?: „Jeder, der sich an die Gesetze unseres Rechtsstaates hält, ist als vollwertiger „Kultureller Mensch“ zu werten.“?

    Grüße, Rudi Gems

  • #18
    Arnold Voß

    @ Helmut # 15

    Je mehr gemeinsam irren desto weniger fällt es ihnen auf. Deswegen macht kollektives Irresein auch viel mehr Spaß als individuelles.

  • #19
    Werner Jurga

    @ Rudi Gems (# 17):
    Die Fragen führen m.E. ein wenig von der Diskussion in diesem Blog weg; deshalb möchte ich es mit drei kurzen Hinweisen bewenden lassen:
    1. Das Zweite Vatikanische Konzil fand genau in der Mitte der 1960er Jahre statt.
    2. „Kultur“ ist ein Kampfbegriff. Im Deutschen werden damit i.d.R. ähnliche Dinge verbunden, die im Englischen oder Französischen als „civilisation“ bezeichnet werden.
    3. Den Kulturbegriff an die deutsche Rechtsordnung zu binden, könnte auf abschüssiges Gelände führen.

  • #20
    Sascha

    @Rudi:

    Du immer mit deiner Bronzezeit. Ich glaube, in der Bronzezeit waren die Ansichten und Gebräuche der Menschen viel liberaler als heute. Schließlich gab es Christentum und Islam noch nicht.

    Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß man sich „westlicherseits“ jetzt, da der kalte Krieg weit zurück liegt und jetzt, da man als Folge des 3.Reiches und seiner Verbrechen nicht mehr auf den Juden herumkloppen kann, sich als religiös-politisches Feindbild den pösen, pösen Islam herausgesucht hat.
    Damit sich die Engstirnigkeit weiter Bevölkerungskreise wieder auf einen neuen Gegner ausrichten kann, der das alte „wir gegen die“-Muster aufrecht erhält.

    Hätte man im 15. Jahrhundert den Begriff „christlich-jüdische Prägung“ ins Feld geführt, wäre man vermutlich kirchlicherseits arg abgestraft worden.

  • #21
    Rudi Gems

    @ Sascha

    Nun ja, der islam und das Judentum sind fast identisch. Auch der Allah, ist nachweislich dieselbe Erscheinung, wie der JHVH bei den Israelis/Juden. Die Juden, haben sich nur im Laufe der Jahrhunderte, gemäßigt. Der Islam, hat die andere Richtung genommen. Trotzdem, können die Grausamkeiten des Islams, eindeutig aus den Mosesbüchern belegt werden.

    Es braucht gar keine Auseinandersetzung mehr mit den Religionen. Sie haben einen neuen Feind bekommen, und das ist das Internet. Die Menschen informieren sich über das Internet, und bekommen so, im Klartext, alles mit, was wichtig ist. Die Entwicklungen in Tunesien und Ägypten, stimmen mich durchaus zuversichtlich.

    Es dürfte durchaus nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich alle Religionen, erledigt haben. Gott sei Dank, sind die Zeiten vorbei, wo es Mächtige geschafft haben, die Völker zu verdummen und gegeneinander aufzuhetzen. Trotzdem, wird es noch lange dauern, bis das das auch bei dem Letzten angekommen ist. Dafür, sind dann solche Blogs da, wie die Ruhrbarone, die helfen, das die Probleme, auch wirklich bei allen ankommen.

    Grüße, Rudi Gems

    P.S.

    Nicht die Religionen, sind heute die Schwarzen Schafe der Gesellschaft! Diese Rolle, haben heute, die Nazis, die Kommunisten und die Pädofilen übernommen.

  • #22
    Sascha

    Ich frage mich dann allerdings, warum seit einigen Jahren immer wieder diese „Deutsche Leitkultur“-Geschichte hochgespült wird. Mittlerweile heisst sie halt „christlich-jüdisch geprägtes Abendland“, beinhaltet aber im Wesentlichen den selben alten „wir gegen die“-Krempel, der den Islam zum übelsten Feind der westlichen Zivilisation erklärt.

    Und jetzt mal alle extremen Einzelerscheinungen außer acht lassend, die es auch gibt und Hand aufs Herz: wer auch immer heutzutage behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der komme ins Ruhrgebiet! Der wandere durch die Straßen von Duisburg, Dortmund, Castrop-Rauxel! Der stöbere mal durch Altenessen und schaue sich die Moscheen in Herten, Marl und Bochum an!

    Ich frage mich, in welchem Land unser neuer Innenminister und alle, die ins selbe Horn krähen, eigentlich leben. Kann nicht mein Land sein. Da schauts anders aus.

    Na? Überfremdungsängste? Komisch nur, daß das heute alles ein Problem sein soll. Als ich ein Kind war (ist ja gerade mal so dreißig Jahre her) war es komischerweise kein Problem. Ich bin in einen Kindergarten mit über 60% Ausländeranteil gegangen und niemand hat sich dran gestört, aus uns allen sind merkwürdigerweise im Leben verankerte, beruflich mehr oder minder erfolgreiche Menschen mit eigener Familie geworden – keine verstörten Sozialfälle oder finsteren Bombenleger. Alles war ziemlich easy, auch wenn damals schon die meisten „Türken“ in ihren „Ghettos“ lebten (in die die deutsche Mehrheitsgesellschaft sie ja auch gesteckt hatte, weil sie die „Schwarzköppe“ nicht unter sich haben wollte… nur mal so nebenbei bemerkt. Integration kam erst später.).

    Ich werde das Gefühl nicht los, daß man uns einfach nach dem Ende des kalten Krieges und dem Gefühl der Befreiung der frühen 90er Jahre ein neues Feindbild verpassen mußte, damit wir endlich wieder eine ständige Bedrohung haben, die unsere Gesellschaft zusammenhalten soll.

    Als an jenem 11.September die Flugzeuge ins WTC krachten, da rief mich eine türkischstämmige Freundin an und meinte mit düsterem Ton und Tränen in den Augen, daß von nun an die Hatz auf alle Muslime eröffnet sei. Das von nun an das Klima für alle Muslime eisig werden würde, denn von nun an würde man keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Religion machen, sondern jede Frau mit Kopftuch unter Generalverdacht stellen.
    Scheint, als hätte sie leider Recht behalten…

  • #23
    Arnold Voß

    @ Sascha

    „Als an jenem 11.September die Flugzeuge ins WTC krachten, da rief mich eine türkischstämmige Freundin an und meinte mit düsterem Ton und Tränen in den Augen, daß von nun an die Hatz auf alle Muslime eröffnet sei.Das von nun an das Klima für alle Muslime eisig werden würde, denn von nun an würde man keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Religion machen, sondern jede Frau mit Kopftuch unter Generalverdacht stellen.“

    Das ist soweit richtig, aber der Adressat dieser Klage sollten die sein, die 9.11. mitorganisiert, unterstützt und religiös gebilligt haben. Das ist das was ich an der islamischen Welt und auch an den Moslems hier in Deutschland bislang vermisst habe. Der öffentliche Aufstand gegen den weltweiten Terrorismus aus den eigenen religiösen Reihen. Die öffentliche Nennung und die massive Kritik all derer die den Hass predigen der letztlich zu eben diesem Terrorismus führt. So lange dieser Selbstreinigungsprozess nicht ehrlich und selbstkritisch angegangen wird, wird dieser leidige Generalverdacht nicht aus der Welt zu schaffen sein.

    Umgekehrt gilt aber auch, dass auch die Kritiker des Islams anerkennen müssen, dass der allergrößte Teil der Muslime an einem friedlichen und toleranten Miteinander interessiert ist. Ich erlebe das jeden Tag sowohl in Berlin als auch im Ruhrgebiet und deswegen lebe ich an beiden Orten auch mit Muslimen Tür an Tür.

  • #24
    Rudi Gems

    Ich fürchte, ich lebe in einem anderen Europa, als ihr? Bürger, die eine Religion, wie den Islam haben, haben sich schon seit 40 Jahren, in der BRD, anders und aggressiver benommen, als jede andere Religion, in den letzten 40 Jahren. Das ist nunmal eine Tatsache. Natürlich, kann man über Prozentsätze streiten. Aufallend, ist aber, das von Christen, und schon gar nicht von Juden, hier in Deutschland, aggressive Straßenschlachten ausgeangen sind, noch irgendwelche Sprengstoffanschläge mit religiösem Hintergrund stadtgefunden haben, noch irgendwelche aggressiven Kleidervorschriften durchgesetzt worden sind. Die waren immer in Verbindung mit dem Islam.

    Natürlich scheinen die Glanzzeiten, des Islam, auch hier in Europa vorbei zu sein. Viele Staaten, machen dicht. Nach Deutschland zu kommen, wenn man dem Islam angehört, ist wesentlich schwerer geworden, als noch vor 20 Jahren. In den Niederlanden, ist die Grenze, praktisch zu.

    Natürlich, sind unsere islamischen Freunde nicht dumm. Sie scheinen sogar ein besonders feines Gespür, für Taktik und Strategie zu haben. Sobald sie merken, das sie mit ihren aggressiven Machenschaften, hier in Europa nicht durch kommen, versuchen sie es erstmal mit der Defensive. Glaubt aber ja nicht, das sie schon aufgegeben haben.

    Die allermeisten Muslime, sind besonders ängstlich. Sonst wären sie wahrscheinlich gar keine Muslime. Rädelsführer, insbesondere wenn sie die Muttersprache sprechen, und noch Kontakte in der Heimat haben, haben es bei Muslimen immer besonders leicht, sie unter Druck zu setzen. Ich habe es selber erlebt, am Arbeitsplatz, wie sowas funktioniert. Ich habe selber gesehen, wie Türken, die hier in der BRD, geboren waren, weitestgehend „integriert“ waren, aber noch Türkisch konnten, und sich von aggressiven „Alphamännchen“ herumkommandieren und fertig machen ließen. Die Menschen, können sich vor Angst nicht wehren.

    Und deshalb, ist es auch erstmal gar nicht so wichtig, welche „Kultur“ sie erhalten sollten, sondern, man muss ihnen beibringen, mit welchen Methoden, sie erpresst werden, und mit melchen Methoden sie erpresst werden könnten. Und, ganz wichtig, wie man in einem Rechtsstaat, sich erfolgreich dagegen wehren kann.

    Grüße, Rudi Gems

  • #25
    Arnold Voss

    @ Rudi Gems

    Muslimisch geprägte Gesellschaften sind noch weitgehend patriarchalisch orientiert. Da wird die Angst vor den Älteren, Mächtigeren, Ehrwürdigeren usw. sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Das war bei uns früher auch so. Ist noch garnicht so lange her.

    Auch ist die muslimische Familie als Verband,auch als unterdrückerischer, über die Community und das heißt auch am Arbeitsplatz ständig präsent. Zuhause sowieso. Dem ist nicht so leicht zu entkommen. Aber auch das war bei uns auch mal so.

    Aber es ändert sich. Vor allem die muslimischen Mädchen/Frauen lassen sich nicht mehr alles gefallen. Egal ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht.

  • #26
    Sascha

    Na Rudi, das war aber jetzt ein dicker Hund. Ich halte es für sehr, sehr bedenklich, in einer Netzdiskussion „das ist nunmal eine Tatsache“ oder „das ist Fakt“ zu sagen, wenn man selbiges nicht mit einer satten Runde von Belegen unterfüttern kann. Ansonsten ist „das ist Fakt“ nichts anderes, als der retorische Versuch, die eigene Meinung als gegebene, ultimative Wahrheit zu zementieren, ohne das auch wirklich beweisen zu können.
    Gleichzeitig ist es die Manifestation der Tatsache, daß man von dieser eigenen, festgestampfte Ansicht auch nicht ein Iota abweichen wird und alle anderen Ansichten zwangsläufig gelogen und völlig hahnebüchen sind.

    Wo sind sie denn, die lauten, aggressiven Aktionen der Muslime im Deutschland der 70er Jahre? Wo sind die islamischen Agitatoren, die das Land in den 80ern unterwandert haben? Waren die Zeitungen in den 90ern nicht voll mit islamistisch motivierten Straftaten und Krawallen, mitten hier unter uns?

    Nein. Sie waren es nicht. Leider ist der Blick zurück bei den meisten Menschen aber immer von der Gegenwart eingefärbt und die sieht nunmal anders aus, weil uns unsere Politik seit einem Jahrzehnt munter Angst macht und den Haß gegen den Islam unterjubeln will.

    Anscheinend lebst du tatsächlich in einem anderen Europa als 99% deiner Mitmenschen. Der Satz „Aufallend, ist aber, das von Christen, und schon gar nicht von Juden, hier in Deutschland, aggressive Straßenschlachten ausgeangen sind, noch irgendwelche Sprengstoffanschläge mit religiösem Hintergrund stadtgefunden haben, noch irgendwelche aggressiven Kleidervorschriften durchgesetzt worden sind. Die waren immer in Verbindung mit dem Islam“ ist nämlich – mit Verlaub – nicht nur islamophob, sondern schlichtweg lächerlich.

    Zähl mir bitte ein Dutzend aggressive Straßenschlachten auf, die von muslimischen Gruppen ausgegangen sind. Die Krawalle hierzulande kamen immer von politisch motivierten Kreisen aus der radikalisierten linken oder rechten Szene, von Studenten und anarchistischen Chaoten. Dazu noch Hooligans und andere Sondergruppen.
    Was Bombenanschläge angeht, möchte ich gerne an Franz Fuchs erinnern. Die Bombe, die Adenauer töten sollte, kam aus Israel.
    Und auch für das Anzünden von Asylantenheimen hat es hierzulande bislang lediglich den hochgelobten, christlich-jüdischen Kulturhintergrund gebraucht.

    Und aggressive Kleidervorschriften? Ja wo denn bitteschön?
    Die Versuche von irgendwelchen verdrehten Individuen, das eigene Recht auf Tragen einer Burka oder eines Kopftuches durchzudrücken, sind nurmehr Ausdruck eines Versuches, die eigene Ansicht der Auslegung deutscher Gesetze durchzubekommen. Das ist legitim.
    Der Zeuge Jehovas an der Ecke mit seinem Wachturm in der Hand ist geduldet. Der Sikh mit seinem Turban ist ein bestaunter Exot. Die Tamilin, die im Sari einkaufen geht, wird freundlich bedient.
    Aber sobald eine Muslima mit Kopftuch auftaucht, ist Landunter und Aggression und Hass und bestimmt hat die eine Bombe in der Handtasche…
    …dabei hat die Generation unserer Grossmütter teilweise selbst noch Kopftücher und ähnliche Kopfbedeckungen getragen.

    Was ist also eine aggressiv durchgesetzte Kleidervorschrift? Gehört das auch dazu, wenn das katholische Klinikum XYZ seinen Mitarbeiterinnen das Tragen von bunten Farben und kurzen Röcken untersagt, weil es nicht dem Ausdruck christlich-caritativen Schaffens entspricht?

    Tu mir bitte einen Gefallen und sag mir, daß du mit deinem Beitrag nicht implizieren wolltest, daß im heiligen christlich-jüdisch geprägten Europalande die finstere, fünfte Kolonne des weltweiten Islamismus am ständig aushöhlenden Werk ist. Das alle Muslime Teil eines globalen Schläfer-Netzwerkes sind, das nur daraus wartet, die Weltherrschaft an sich zu reißen.
    Dann muß ich nämlich ernsthaft an deiner Ernsthaftigkeit zweifeln.

  • #27
    Rudi Gems

    Damals ist mir in Aachen, anfang der achtziger Jahre, ein Demonstrant, bei Auseinandersetzungen zwischen Khomenigegnern-befürwortern, über eine Hecke auf der Straßenmitte, vor mein Auto geflogen. Und in der selben Zeit, bin ich in Bonn, an der verbrannten Botschaft des Irans vorbeigefahren.

    In den Niederlanden, ist Herr van Gogh von einem Islamisten ermordet worden, wegen seinem Film, den er mit Hirsi Ali gedreht hat. Hirsi Ali, konnte in den Niederlanden, nicht mehr vor dem islamischen Mob geschützt werden, und musste erst nach Deutschland gebracht werden, dann in die USA, und lebt heute unter dem Schutz der EU, an einem geheimen Ort in Europa.

    In Duisburg, hat man vor wenigen Jahren, mit 6.000 Menschen, die Polizei, so sehr genötigt, das sie sich gezwungen sah, in eine private Wohnung einzusteigen, und eine israelische Fahne abzunehmen.

    Ganz soviel Sonnenschein, wie Du uns hier erzählen willst, Sascha! gibt es hier in Europa nicht. Die Vergleiche, die Du mit anderen Religionen ziehst, sind gerechtfertigt, das mache ich auch. Aber den Bonus, den Du daraus erwartest, den bin ich nicht bereit zu geben. Ich möchte mich hier nicht auf Kindergartenniveau begeben, wo eine Untat, durch eine andere gerechtfertigt wird. Jede Tat, wird nicht dadurch besser oder schlechter, weil man meint, es gäbe andere, die noch schlimmer wären, als man selber. Schade, Sascha, das ich Dich darauf hinweisen muss?

    Halt mich bitte nicht für borniert? Auch bei uns hier, gibt es Kopftücher, Menschen mit islamischen Glauben und Moscheen. Solange es Menschen Spaß macht, ihre Religion zu leben, und die Freiheit der Anderen achtet, wäre ich der Letzte, der daran etwas finden könnte. Aber leider, entspricht es eben nicht meinen Erfahrungen im unmittelbaren Umfeld, das es so ist.

    Ich habe hier keine Lust, über Kopftücher zu diskutieren, die heute getragen werden, und die unsere Omas getragen haben. Wer hier den Unterschied nicht sieht, der will ihn nicht sehen. Mein Opa, hat meiner Oma jedenfalls nicht vorgeschrieben, das sie ein Kopftuch tragen sollte. Da war es eher umgekehrt, das sich meine Oma gerechtfertigt hat, wenn sie eins angezogen hat.

    Genauso habe ich es oft genug, im Alltag, und am Arbeitsplatz erlebt, wie sich durchaus eine nicht verschwindende Minderheit, von Muslimen, insbesondere Männer, benommen haben, als wenn bei ihnen die Zeit irgendwo in der Aufklärung stehen geblieben wäre. Ich ahne zwar schon, das man Dich, Sascha, kaum überzeugen kann, aber ein Versuch, ist es mir wert.

    Natürlich, bin ich kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Auch liegt mir nichts ferner, als Menschen auszugrenzen. Im Gegenteil, ich gebe mir bei Menschen, wo ich den Eindruck habe, das sie ausgegrenzt werden, immer besonders viel Mühe, nett zu sein. Mir ist aber leider, auch schon sehr oft, in die helfende Hand gebissen worden. Nur, da gebe ich Recht, das waren eher in der Minderzahl, Muslime.

    Ich habe mir noch kein abschließendes Urteil über die Ereignisse gemacht, die uns hier in Europa, durch den Islam erwarten. Das geht auch nicht. Gefahren für Europa, stehen heute von anderer Seite an, als dem Islam. Ich kann es nicht genau sagen. Wenn ich mir aber die Geschehnisse um Hirsi Ali und Herrn van Gogh ansehe, werde ich doch sehr unsicher. Wenn ich mir die erfolgten Sprengstoffanschläge, und die Vereitelten ansehe, werde ich genauso unsicher. Und wenn ich mir die Vorgänge, um ein paar völlig harmlose Karrikaturen ansehe, werde ich extrem unsicher. Das wäre für mich ein Europa, was ich nur mit äußerstem Widerwillen, meinen Kindern und Enkeln übergeben wollte.

    Grüße, Rudi Gems

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