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„Wo sollen wir denn hin? Schon wieder wissen wir nicht wohin?“

Gabriel Goldberg auf der Kundgebung in Köln Foto: Privat

Am vergangenen Sonntag hielt Gabriel Goldberg auf einer Demonstration gegen Antisemitismus in Köln eine sehr persönliche Rede, die wir hier wiedergeben.

Verehrte Anwesende,

vielen Dank, dass Sie so zahlreich zu dieser Veranstaltung erschienen sind.

Und vielen Dank an das Bündnis gegen Antisemitismus Köln, eine Organisation die erst kürzlich gegründet wurde, eine Organisation, bestehend aus jungen, idealistischen Menschen, die beschlossen haben, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen.

Ich wurde gebeten, einen Redebeitrag über die Befindlichkeit eines Juden in Deutschland, im Sommer 2014 zu halten. Ich möchte anmerken, dass ich nicht für alle deutschen Juden sprechen kann, ich spreche für mich.

Der Sommer 2014 hat eine längere Vorgeschichte:

Jede jüdische Gemeinde in Deutschland kann ganze Bände mit gesammelten Briefen an ihre Adresse herausgeben, Briefe mit im besten Fall antisemitischen Beleidigungen. Briefe, die seit vielen Jahrzehnten geschrieben und abgesendet werden, Briefe, die beleidigen, Briefe, die einschüchtern, Briefe, die uns zeigen, dass wir unerwünscht sind. Wurden diese Briefe früher noch anonym abgesendet, so sind diese Briefe nunmehr oft mit einem vollen Absender versehen. Manchmal trägt der Absender einen Doktortitel.

Alles nur „wenige Einzel-Fälle“?

2010 wurde eine jüdische Tanzgruppe während ihrer Aufführung bei einem Stadtteilfest in Hannover mit Steinen beschmissen. Niemand schritt ein, erst als eine Tänzerin verletzt wurde und die Gruppe die Aufführung abbrach, kehrte Ruhe ein, das Fest wurde fortgeführt.

Während meiner Arbeit als Jugendreferent des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein habe ich mit Kindern gesprochen, die partout ihre jüdische Identität geheim gehalten haben. Sie haben diese nicht verschwiegen, nein, sie haben sie geheim gehalten. Im Sinne von: „Bist Du Jude“? – „Nein ich bin russisch-orthodox“.

In Frankfurt wurde 2014, vor der Gaza-Operation, eine Wochenend-Jugendfreizeit abgehalten. Die Kinder, die gerade Zugang zu ihrer jüdischen Identität entwickelten, gemeinsam in einer Gruppe von Juden Spaß hatten, diese Kinder wurden von dem Sicherheitspersonal der Gemeinde angehalten, nicht als Jude erkennbar auf die Straßen Frankfurts zu gehen.

Wie viel Geld der Landesverband für Sicherheit ausgeben musste, wenn ich eine Jugendveranstaltung abgehalten habe, wie viel Geld die jüdischen Gemeinden für ihre Sicherheit ausgeben müssen.

Das wir uns aufgrund all jener Sicherheitsbedenken – und ich sage es klar und deutlich: aus all jener berechtigten Sicherheitsbedenken – auch noch rechtfertigen müssen, dass wir uns nicht einfach so – als Spaß quasi – durch all die Polizei, durch all die Sicherheitsmitarbeiter, durch die Sicherheitsschleusen vor den jüdischen Gemeinden von der Gesellschaft abgrenzen wollen, dass gibt dem Ganzen einen sehr bitteren Beigeschmack.

Dass meine süße Nichte, deren Namen ich aus Sicherheitsbedenken nicht sage, in ihren Grundschultag in der jüdischen Grundschule hier in Köln durch eine Sicherheitsschleuse gegangen ist und ihre Pause auf einem Schulhof mit Sichtschutz verbracht hat, es gibt hier leider keine Steigerung für das Wort bitter. Sie ist mittlerweile in der Mittelstufe eines Gymnasiums.

Wie erklärt man seinen Kindern, dass sie zwar gehasst werden, weil sie Juden sind, sie aber großartige Personen sind? In Deutschland? 2014?

Die vielzitierten „gepackten Koffer“, auf denen die deutschen Juden die längste Zeit saßen, die jedoch wieder ausgepackt waren, nun, ich persönlich habe nie das Gefühl gehabt, auf gepackten Koffern zu sitzen.

Bis 2012. Bis zu der gesellschaftlichen Reaktion auf die sogenannte Beschneidungsdebatte. Über Beschneidung möchte ich hier nicht reden, jeder kann seine Meinung hierüber haben. Doch was in den Internetforen, in Zeitungsartikeln, in deutschen Fernsehtalkshows ablief, der erhobene moralische Zeigefinger, die herablassende Art, der Duktus, wir Juden würden unsere Kinder misshandeln – dies war das erste Mal, dass ich überhaupt den Gedanken hatte: Dass ich zwar gerne in Deutschland lebe – ich bin hier geboren, sozialisiert und aufgewachsen – dass ich aber wohl nicht hier sterben werde. Ich werde mir nicht verbieten lassen, ein Jahrtausende altes Gebot – keine Tradition! –  zu erfüllen. Dann gehe ich lieber.

Ich habe also meinen Koffer aus der Abstellkammer herausgeholt

Als Teilnehmer am „Bertelsmann Leadershipprogramm für junge Führungskräfte aus Migrantenselbstorganisationen“  2012 – zwei Juden, der allergrößte Teil aus arabischen Staaten und der Türkei stämmig – merkte ich an, dass wir nicht nur über Diskriminierung von Seiten der Mehrheitsgesellschaft reden müssten, migrantische Subkulturen würden sich ja auch gegenseitig diskriminieren. Als ich als Beispiel die jüdische und muslimische Community ansprach, wurde ich mitten im Wort von zwei türkischstämmigen Politikerinnen unterbrochen mit den Worten: „So ein Blödsinn!“ „Das stimmt nicht!“. Als ich in einem 4-Augen-Gespräch eine von Beiden darauf ansprach, „Glaubst Du im Ernst, dies gibt es nicht?“ antwortete sie mir stiller und ausweichend „Auf institutioneller Ebene ist doch alles gut“. Sie ist mittlerweile Bundestagsabgeordnete.

Schuhe in den Koffer

Was heute hier passiert, in Deutschland, in meinem Geburtsland, 2014… Mir fehlen die Worte, dass zu beschreiben.

Meine geliebte Mutter hat mich nach dem mörderischen Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel angeschaut, wehleidig angeschaut. Sie sagte: „Wo sollen wir denn hin? Schon wieder wissen wir nicht wohin?“

Diese Worte gingen mir durch Mark und Bein. Ich werde sie nie vergessen. Nie habe ich meine tapfere, lebensbejahende Mutter so gesehen, nie habe ich diese Stimme aus ihrem Munde gehört. Ich sagte ihr: „Mama – es gibt einen Ort an den wir gehen können. Es gibt einen Ort.“

Unterwäsche in den Koffer

Dann kam die Operation „Protektive Edge“ 2014.

„Jude, Jude – feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“, Hitlergrüße, „Stoppt den Judenterror“.

Ich war Teilnehmer an einer israelsolidarischen Kundgebung in Essen – organisiert von dem Bündnis gegen Antisemitismus Duisburg. Der aggressive, gewaltbereite Mob kam auf ca. 20 Meter an uns heran. Wir wurden über die Köpfe der Polizeibeamten hinweg mit Glasflaschen, Böllern, Messern und Feuerzeugen beworfen. Und harrten stundenlang in der Wagenburg aus Polizeiautos aus.

Wir wurden allesamt als Juden beschimpft – von den ca. 150 Teilnehmern waren neben mir nur ungefähr eine handvoll Juden anwesend.

Im Juli habe ich drei Solidaritätskundgebungen in Düsseldorf organisiert – ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, die jüdischen potentiellen Teilnehmer zu beruhigen. „Ja, Polizei wird ausreichend vorhanden sein, ja, auch die Gemeinde wird sich an der Sicherheit beteiligen, ja, ich habe die örtliche Polizei von den zurückliegenden gewaltsamen Übergriffen in Kenntnis gesetzt.“

Viele sind nicht gekommen – aus Angst. Kinder waren nicht anwesend – aus Angst um sie.

Wollen wir in einem Land leben, in dem wir unsere Identität verbergen, unsere politischen Ansichten verheimlichen, uns selbst negieren müssen?

Aus Angst um unsere Sicherheit, um unser Leben? In einem demokratischen, in einem Rechtsstaat?

Geht Antisemitismus nur die Juden an, ist es nur unser Problem? Unsere Angst? Unsere Sorge?

Hosen und Hemden in den Koffer

In einem solchen Land will ich nicht leben, in solch einem Land will ich nicht sterben.

Dass so viele Menschen jedoch hier vereint sind, um für mich – für sich! –, für den Kampf gegen den Antisemitismus auf die Straße zu gehen, das gibt mir viel. Sehr viel.

Vielleicht packe ich noch die Unterwäsche aus  

 Die Rede erschien in einer gekürzten Version bereits in der Jüdischen Allgemeinen

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