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Update: Wulff lehnt Veröffentlichung der Mailbox-Aufnahme ab

Christian Wulff Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Bundespräsident Christian Wulff lehnt die Bitte von Bild-Chef Kai Diekmann ab, seine Mailbox-Nachricht zu veröffentlichen.

Christian Wulff will nicht, dass seine Nachricht auf der Mailbox von Bild-Chef Kai Diekmann veröffentlicht wird. Das sorgt natürlich dafür, dass die ohnehin nur noch geringe Glaubwürdigkeit von Wulff weiter sinkt. Aber es wird auch nichts ändern. Wetten, das in den kommenden Stunden oder Tagen  zumindest eine Abschrift der Mailbox-Nachricht auftauchen wird? Update: Zwar nicht in der in der  Bild  – aber sicher in einem anderen Medium des Landes. Niemand  würde diese Geschichte nicht  bringen. Und das aus gutem Grund: Denn da hat nicht der „Christian“ dem „Kai“ auf die Mailbox gesprochen sondern ein Politiker einem Journalisten in einer beruflichen Angelegenheit. Es gibt keinen Grund zur Rücksicht. Da war nichts privates, was geschützt werden muss.

Und dass sich Wulff dann dazu wird äussern müssen und wir vielleicht sogar schon sehr bald seinen Text hören werden? Zu den vielen Gründen warum Wulff für das Amt nicht geeignet ist, ist längst  ein weiterer hinzugekommen: Seine Dummheit.

Hier das Schreiben von Wulff an Kai Diekmann:

„Sehr geehrter Herr Diekmann,

für Ihr heutiges Schreiben danke ich Ihnen. Meine Nachricht vom 12. Dezember 2011 auf Ihrer Telefon-Mailbox war ein schwerer Fehler und mit meinem Amtsverständnis nicht zu vereinbaren. Das habe ich gestern auch öffentlich klargestellt. Die in einer außergewöhnlich emotionalen Situation gesprochenen Worte waren ausschließlich für Sie und für sonst niemanden bestimmt. Ich habe mich Ihnen gegenüber kurz darauf persönlich entschuldigt. Sie haben diese Entschuldigung dankenswerterweise angenommen. Damit war die Sache zwischen uns erledigt. Dabei sollte es aus meiner Sicht bleiben. Es erstaunt mich, dass Teile meiner Nachricht auf Ihrer Mailbox nach unserem klärenden Telefongespräch über andere Presseorgane den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Es stellen sich grundsätzliche Fragen zur Vertraulichkeit von Telefonaten und Gesprächen. Hier haben die Medien ihre eigene Verantwortung wahrzunehmen.

Wie ich gestern auf Nachfrage im Fernsehinterview sagte, ging es mir darum, der Bild-Zeitung meine Sicht darzulegen, bevor sie über eine Veröffentlichung entscheidet. Da ich mich auf Auslandsreise in der Golfregion mit engem Programm befand, konnte ich das aber erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland am Abend des Dienstag, 13. Dezember, tun. Wie sich aus der Ihrem Schreiben beigefügten Mail ergibt, hatte deshalb mein Sprecher den recherchierenden Redakteur der Bild-Zeitung um Verschiebung der Frist zur Beantwortung des differenzierten Fragenkatalogs zu meinem Eigenheimkredit gebeten. Der Redakteur hatte aber nur Verlängerung bis zum Nachmittag des Montag, 12. Dezember, zugesagt. Es gab für mich keinen ersichtlichen Grund, warum die Bild-Zeitung nicht noch einen Tag warten konnte, wo die erfragten Vorgänge schon Jahre, zum Teil Jahrzehnte zurückliegen.

Das habe ich nach meiner Erinnerung auf der Mailbox-Nachricht trotz meiner emotionalen Erregung auch zum Ausdruck gebracht.

Angesichts der Veröffentlichung Ihres Schreibens an mich mache ich auch meine Antwort öffentlich.

Mit freundlichem Gruß“

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39 Kommentare zu “Update: Wulff lehnt Veröffentlichung der Mailbox-Aufnahme ab

  • #1
    J. Fuhrmann

    Es mag ja sein, dass Wulff um sich herum noch freie Felder sieht. Doch ganz gleich auf welches er springt. Diekmann hat seine Figuren so aufgestellt, dass er immer Schach sagen kann.

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @J. Fuhrmann: Vielleicht sollte Wulff lieber Halma als Schach spielen.

  • #3
  • #4
    68er

    Nun erwarte ich heute Abend im „heutejournal“ ein Expertengespräch mit Prof. Lepsius, der ist ja Professor für Staatsrecht und könnte sicherlich etwas zum Thema beitragen.

  • #5
    Jan Sören K

    In Wulffs Antwort heißt es: „Das habe ich nach meiner Erinnerung auf der Mailbox-Nachricht trotz meiner emotionalen Erregung auch zum Ausdruck gebracht.“

    Dass die Erinnerung täuscht, wissen die Jüngeren spätestens seit Westerwelles Statements zum NATO-Einsatz in Libyen, wer nicht erst 25 ist wohl aber schon seit den im Nachttisch „vergessenen“ Geldern und den jüdischen Vermächtnissen Kohls und Schäubles.

  • #6
    Daniel K.

    Wenn man die Pistole auf der Brust hat, sollte man zur eigenen Verteidigung Tacheles reden können. Das gilt auch für einen Bundespräsidenten. Leider hier negativ. Wenn man merkt, dass man langsam von den Medien und der Öffentlichkeit geschlachtet wird, dann wäre das der allerletzte Zeitpunkt, um – aus Rücksicht vor dem Amt- zurückzutreten. Leider auch negativ. Aber wer sich erst bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren ziehen lässt, muss sich nicht wundern, warum er medial geschächtet wird.

  • #7
    Jan

    Wulff hat sich in dem sehr lauen Interview, in dem manche Rückfragegelegenheit aus welchen Gründen auch immer ungenutzt blieb, beim Volk entschuldigt – aber wie soll das Volk vergeben, wenn dem Volk die Verfehlung nicht in Gänze bekannt ist.
    Die Zwickmühle sieht so aus: Wulff hat mehr oder weniger versprochen, alles kommt ins Netz. Das kann man aber nicht zwangsläufig als Blankoscheck für die Bildzeitung interpretieren. Anders sieht es aus, wenn Diekmann ihm Wortprotokoll und Audiodatei zur Verfügung stellt – ab dann besitzt Wulff etwas, was er zurückhält – und dann zwingt ihn sein eigenes Transparenzversprechen!
    Natürlich ist der Wortlaut nur der Anfang – im nächsten Schritt wird verlangt, dass die Menschen hören, wie ihr Präsident keift. Und dieser PRESIDENTIAL MELTDOWN wird dann um die Welt gehen!

    Und wer glaubt schon ernsthaft, jemand erklärt den Krieg, weil man seinem Wunsch auf Veröffentlichungsverschiebung um 24h nicht entspricht.
    Wenn ein durchgedrehter Knöllchenempfänger am Telefon droht, das Straßenverkehrsamt in die Luft zu sprengen, dann tut er das auch nicht, weil er selbstverständlich im Falle einer verlängerten Zahlungsfrist gerne gezahlt hätte.

  • #8
    68er

    Nicht erst seit heute ist Herr Wulff ein Bundespräsident von Springers Gnaden.

    Herr Diekmann hat ihn in der Hand und kann ihn weiter vor sich hertreiben.

    Herr Wulff ist erpressbar und das sollte ein Bundespräsident auf gar keinen Fall sein.

    Die Mailbox von Herrn Diekmann, könnte man sagen, ist die Büchse der Pandorra des Herrn Wulff.

  • #9
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @68: Bild und Spiegel waren an der Immobiliengeschichte dran. Wäre Wulff Bausparer gewesen, nix wäre passiert. Sowas kommt von sowas…

  • #10
  • #11
  • #12
    J.K.

    Bitte mal kurz die Pogromstimmung ruhen lassen und das hier in die Überlegungen (?) einbeziehen: http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Glaeseker-unter-Verdacht-id18158591.html

  • #13
    Walter Stach

    Muß der Präsident jetzt ständig erwarten, daß ihm öffentlich unter Berufung auf BILD von jedermann vorgehalten werden kann, er habe in dem Interview mit ARD/ZDF in einem konkreten Punkt -fahrlässig oder gar vorsätzlich- die Unwahrheit gesagt? Wird das dann zumindest solange gehen können , bis es zur Klärung/Entscheidung in einem Strafverfahren kommt? Wird dann im Strafverfahren der Text der Mailboxaufzeichnung von Herrn Dickmann als Beweismittel herangezogen werden? Gegenüber von Guttenberg darf man bekanntlich öffentlich erklären, er habe bei der Anfertigung seiner Doktorarbeit „vorsätzlich getäuscht“. Dabei kann man sich auf die entsprechende öffentliche Feststellung der Uni Bayreuth berufen. Mir ist nicht bekannt, daß Guttenberg dagegen strafrechtlich aktiv geworden ist, oder habe ich etwas versäumt? Was bedeutet konkret ein solcher Zustand -Causa Wulf,Causa Guttenberg- in seiner Gesamtheit mit Blick auf die sog.politische Kultur bzw.welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen bezüglich der Moral und des Rechtsbewußtseins politischen Führungspersonals in Deutschland? Was bedeutet das Alles insbesondere für diejenigen, z.B. für die sog.Wertkonservativen in Staat und Gesellschaft,die sich tagtäglich um die Achtung moralischer Grundsätze und die Achtung geltenden Rechtes in Staat und Gesellschaft nicht nur verbal, sondern tatsächlich vorbildlich bemühen?

  • #14
    web

    Das Problem ist, dass durch den Wulff-Skandal Deutschland seine Glaubwürdigkeit verliert.

    Wie soll man denn in anderen Ländern noch ernsthaft Pressefreiheit kritisieren, wenn in Deutschland diese nur dann gilt, wenn die Themen genehm sind?

    Da würde sich doch Putin ins Fäustchen lachen und Deutschland nicht mehr ernst nehmen, schlimmer noch ist die schlechte Vorbildfunktion die dadurch international ausgestrahlt wird…

    Daher sollte Wulff Rückgrat zeigen und zurücktreten.

  • Pingback: zoom » Umleitung: Vom Unfug des “Twitter-Bashings” über ganz viel Wulff bis zum Borusseum «

  • #16
    Helmut Junge

    Wullf wird zurücktreten müssen.
    Müssen wird er es.
    Freiwillig wird er es nicht tun.
    Darin ähnelt er genau dem Sauerland, dem er den gemeinsamen Auftritt versagte.
    Er hat tatsächlich nicht bedacht, dass sein Mailboxkommentar noch existiert!
    Meine Güte!

  • #17
    Klaus Lohmann

    Langsam wird’s in DE lächerlich. Über 40 Jahre war für uns Deutsche ein Bundespräsi die Lachnummer mit Postkutschen-Geträller oder Frömmelei, mit TV-Präsenz zu Weihnachten und Stehfeiern auf Bellevue, der Grüßaugust fürs Ausland und der Oberschwafeler zu „wichtigen Themen“. Einzig seine Wahl war immer ein Politikum höchster Kajüte.

    Nun soll seine Rolle in echt die einer moralischen, unfehlbaren Oberinstanz in der Mediendemokratur sein? Ich lach mich weg…

  • #18
    Zofe

    „Darin ähnelt er genau dem Sauerland, dem er den gemeinsamen Auftritt versagte.“

    hmm kannst du mehr dazu sagen? *neugier..

  • #19
    Helmut Junge

    @Zofe,
    selbst in der sauerlandfreundlichen Rheinischen Post wurde das damals so gesehen, dass Wullf den Herrn Sauerland im Regen stehen ließ:

    http://www.rp-online.de/niederrhein-nord/duisburg/nachrichten/sauerland-wird-in-eigener-stadt-zum-aussenseiter-1.1086450

  • #20
    68er

    Langsam wird es unerträglich.

    Wann beendet Herr Wulff endlich diese Schmierenkomödie?

    Nach dem Diekmann-Desaster gestern, berichtet heute die Welt, dass er beim Kredit mit der BW-Bank im Interview scheinbar wieder vorsätzlich an de Wahrheit vorbei gesegelt ist:

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article13801015/BW-Bank-widerspricht-Wulffs-Erklaerung-zum-Kredit.html

    Das Video vom Kopp-Verlag vom 19.12.2011 mit den „Fantasien“ über Frau Wulff ist immer noch auf Youtube online und die „Satire“ der TITANIC mittlerweile auf „www.titanic-magazin.de“ bei den „Postkarten“ zu finden. Hier schadet Herr Wulff durch sein Nicht-Handeln nicht nur sich selbst.

    Seit Herr Wulff in seinem Interview selbst auf die „Fantasien“ kurz eingegangen ist, gehe ich davon aus, dass das Thema zu einem legitimen Gegenstand der Medienberichterstattung geworden ist. Warum die Journalisten die von Herrn Wulff eröffnete Debatte nicht aufnehmen, erschließt sich mir nicht.

    Wieso der Beitrag von Herrn Fallois bei Phoenix gelöscht wurde, in dem dieser über die Hintergründe des Anrufs von Wulff bei Herrn Diekmann nachdachte, wäre auch eine im Rahmen der Presse- und Meinungsfreiheit zu diskutierende Frage, die einen engagierten Journalisten zumindest neugierig machen müsste.

    http://www.google.de/search?q=fallois+heztkampagne&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a#sclient=psy-ab&hl=de&client=firefox-a&hs=0fQ&rls=org.mozilla:de%3Aofficial&source=hp&q=fallois+wulff&pbx=1&oq=fallois+wulff&aq=f&aqi=&aql=&gs_sm=e&gs_upl=8904l10587l0l10773l5l5l0l0l0l0l271l696l2.2.1l5l0&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.,cf.osb&fp=22168e4971f48e1e&biw=1920&bih=1043

  • #21
    Walter Stach

    Klaus Lohmann -17-: Das mag aus Ihrer Sicht so sein. Nur gilt Ihre Sicht nicht zugleich „für uns Deutsche“, sondern vermutlich zugleich nur für „einige Deutsche“. Beispielsweise Heuss, Heinemann,Weizäcker, Herzog, waren würdige Präsidenten und für mich, sicherlich nicht für alle Deutschen, bewunderswerte Persönlichkeiten. Die anderen Präsidenten erscheinen für mich rückblickend und vergleichend -mit Köhler,mit Wulf- allesamt zumindest mehr oder weniger akzeptabel, obwohl ich deren präsidiale Äußerungen häufig mißbilligt habe. Wulf-ein würdiger Präsident, eine bewundernswerte Persönlichkeit? Er wird heute -zurecht- als Präsident mehrheitlich nicht einmal mehr akzeptiert.

  • #22
    Klaus Lohmann

    @Walter Stach: Für Diejenigen unter uns, die den Untergang der Monarchie *immer noch nicht* verkraftet haben, wird die Rolle des Bundespräsidenten als „Ersatz-Monarch“ sicher weiter den Boulevard bebildern.

    Für die Anderen gehört jetzt eine emotionslose Diskussion über das Amt als solches auf den Tisch.

  • #23
    Mao aus Duisburg

    Ohne Worte.. 🙂

    „Bild“ schickt Wulff AB-Wortlaut als Erinnerungsstütze:
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article13801944/Bild-schickt-Wulff-AB-Wortlaut-als-Erinnerungsstuetze.html

  • #24
    Walter Stach

    -22-Klaus Lohmann: Eine „emotionslose“ Diskussion über Bestandserhaltung/Abschaffung des Verfassungsorganes „Bundespräsident“? Das wird Ihnen nicht gelingen, wenn Sie diejenigen, die Ihre pauschale Kritik an den bisherigen Amtsinhabern und damit einhergehend am Verfassungsorgan selbst nicht teilen-sh.17-, begegenen mit „Untergang der Monarchie immer noch nicht verkraftet“ und „Ersatz-Monarch, der den Boulevard bebildert“. Ich bin jederzeit bereit, mich einer Diskussion über das Verfassungssorgan Bundespräsident zu stellen, auch unter Berücksichtigung seiner für die Verfassungsauslegung mitbestimmende Entstehungsgeschichte, die u.a.deutlich macht, wie kontrovers über das Ob und das Wie dieses Verfassungsorganes auf dem Verfassungskonvent von Herrenchiemsee und später im Parlamentarischen Rat diskutiert wurde -dabei ging es allerdings nicht darum, ob und wie mit „einem Ersatzmonarchen“ der Boulevard zu befriedigen sei.Zu diskutieren wäre vor allem unter der Maßgabe,daß Gründe, die gegen das Verfassungsorgan Bundespräsident sprechen könnten, argumentativ so überragend sein müßten, daß sie dessen -ersatzlose?-Abschaffung durch eine Verfassungsänderung nicht nur rechtfertigen, sondern als im Interesse des Staatswesen notwendig begründen.Denn ein Eingriff in das seit mehr als 6o Jahren im großen und ganzen bewährte System der Verfassungsorgane und damit in die gewachsene und bewährte Ordnung unseres Staates bedarf einer solchen „überragenden“ Begründung;ganz sicher reicht dafür weder verfassungsrechtlich noch verfassungspolitisch das einmalige Amtsversagen eines Präsidenten, auch nicht in der Wulfschen-Dimension, aus. Allerdings sollte, damit wir unsere Ressourcen an Wissen und Verstand nicht unnötig vergeuden, vorab durch Sie und die anderen Befürwortet einer Abschaffung des Verfassungsorganes Bundespräsident bedacht werden, daß die dazu notwendige Verfassungsänderung der Mehrheit von zwei Drittel der Mitglieder des Bundestages und zwei Drittel der Stimmen des Bundesrates bedarf. Ist es für Sie realistisch, daß es „irgend wie/irgend wann“ zu solchen qualifizierten Mehrheiten kommen könnte?Es mag ja sein, daß z.B. nach 1o- facher Wiederholung von personellen Fehlbesetzungen in Wulfscher-Qualität solche Mehrheiten erreichbar sein könnte -formal qualifizierte Mehrheiten im Bundestag/Bundesrat und ,nicht vergessen, informell Mehrheiten in der Bevölkerung ( Boulevard beachten!), denn dagegen lassen sich bekanntlich, selbst wenn es „überragende/überzeugende“ Sachargumente für die Abschaffung des Verfassungsorgnes Bundespräsident geben würde, keine Mehrheiten, schon gar nicht zwei Drittel Mehrheiten, organisieren.

  • #25
    Jan

    Also die Abschaffung des Amtes des Bundespräsidenten käme einer massiven Reform des Grundgesetzes gleich, da all seine Befugnisse in irgendeiner Form auf andere Verfassungsorgane verteilt werden müssten. Das ist eine absolut theoretische Diskussion.

    Aber jetzt passiert das, was ich vorher schon so habe kommen sehen. „Die Zwickmühle sieht so aus: Wulff hat mehr oder weniger versprochen, alles kommt ins Netz. […] wenn Diekmann ihm Wortprotokoll und Audiodatei zur Verfügung stellt – ab dann besitzt Wulff etwas, was er zurückhält – und dann zwingt ihn sein eigenes Transparenzversprechen!“
    Da muss man ihn fragen, ob das, was er gesagt hat, so schlimm ist, dass er, würde es bekannt, nicht mehr Bundespräsident sein könnte. Wenn ja, muss er zurücktreten, wenn nein, muss er es rausgeben.

    Besorgniserregend finde ich folgendes
    http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/435054_morgenmagazin/9190980_leyendecker-wulff-hat-ein-taktisches-verhaeltnis
    Leyendecker sagt mehr oder weniger, dass Wulff in der Mitte des Telefonats etwa in einer kurzen versöhnlich-kooperativen Stimmung über eine Verschiebung der Veröffentlichung gesprochen hat. Das sei aber von so drastischen Wutausbrüchungen und Drohungen umrahmt gewesen, dass es nicht die maßgebliche Aussage der Nachricht gewesen sein kann.
    Das klingt widerum nach massiven präsidialen Stimmungsschwankungen und das wirkt anders besorgniserregend – und ein Bundespräsident kann nicht dauerhaft solchen Vermutungen ausgesetzt sein, denn offenbar wird diese Aufnahme zu Diekmanns privatem WikiLeaks. Zwar sind es nur 6 Minuten, aber er kann immer wieder Details durchsickern und von anderen veröffentlichen lassen – die Bildzeitung gibt sich ja nach außen handzahm: andere tröpfeln, bis Diekmann den Eimer ganz offiziell ausschütten darf!

  • #26
    68er

    @ Jan

    Vielen Dank für den Hinweis auf Leyendecker, der auch von einer „Inszenierung“ der Bildzeitung spricht.

    Mit der Rück-Übersendung der Mailboxtirade an Wulff hat Herr Diekmann sich geschickt aus der Affäre gezogen, denn gestern schien er noch in der Defensive zu sein.

    Interessant wäre zu erfahren, ob Wulff seine Berater bisher über den ganzen Inhalt des Anrufs informiert hat oder ob er auch ihnen gegenüber „ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit“ gepflegt hat. Das würde einiges am bisherigen Verlauf der Affäre erklären.

  • #27
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @68er: Leyendecker hat aber mit einem bewundernden Unterton von der Inszenierung gesprochen. Machen wir uns nichts vor: Bild hat eine Riesengeschichte und holt alles raus was man rausholen kann. Chapeau – Diekmann macht einen Super-Job und die meisten Kollegen die ich kenne sehen es genau so. Jeder träumt davon so eine Geschichte zu haben – die ja gut recherchiert ist – und dann auf einen so trotteligen Gegenspieler wie Wulff zu treffen. Zu sehen wie Wulff Fehler für Fehler macht und sich immer mehr als Hupe demaskiert ist grandios. Und Bild spielt Karte für Karte lässig aus. Ihm heute den Inhalt der Mailbox als Erinnerungsstütze zu schicken ist ganz großes Kino. Und jemand wie Wulff hat es auch nicht besser verdient. Wer von sich in der dritten Person als „das Staatsoberhaupt“ spricht, verdient es kräftig ausgelacht zu werden. Zurücklehnen und genießen!

  • #28
    68er

    @ S. Laurin

    Chapeau! So nähern sich die Standpunkte.

    1. Die Mailboxnachricht zunächst zurückzuhalten mag listig gewesen sein, sicherlich aber nicht fein und auf gar keinen Fall geeignet, sich nachher als Hüter der Pressefreiheit aufzuspielen.

    2. Das Leaken an FAS und SZ ist presseratwürdig!

    3. Das Angebot an Wulff den Wortlaut freizugeben, auch wenn es mir nicht ganz leicht fällt, das zuzugeben, war grandios

    4. Nach der Absage von Wulff sah es nach einem Patt aus, aus dem sich Diekmann aber mit der heutigen Aktion, Wulff seine eigenen Worte noch einmal zur Besinnung zu übersenden elegant aus der Affäre gezogen hat.

    Also ein klarer Vorteil für Diekmann nach Punkten.

    Mittlerweile ist es allerdings so, dass immer mehr normale Bürger, die nicht im Medienbereich arbeiten, das Thema satt haben. Man hört langsam nicht mehr hin und darauf scheinen auch Wulff und Merkel zu bauen.

  • #29
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @68er: Es sah nie nach einem Patt für Wulff aus 🙂
    Und zur Frage der Pressefreiheit: Politiker werden es sich künftig sehr genau überlegen ob sie Journalisten bedrohen oder bei Verlegern anrufen um Druck auszuüben. In Wulffs Haut will keiner stecken.

  • #30
    68er

    @ S. Laurin

    Sie haben recht, es war kein wirkliches Patt, aber die Erklärung von Herrn Diekmann von gestern, es handele sich nicht um einen Machtkampf zwischen Bild und Wulff, hatte sicherlich nicht die Klasse wie der heutige Schachzug.

    http://www.bild.de/news/standards/bild-kommentar/kein-machtkampf-21926974.bild.html

    Musste er wirklich auf die Vorwürfe von Tagesthemen und heutejournal eingehen?

    Das passte irgendwie nicht zu den „Dicke-Hose-Fotos“ die er den Tag über auf „welt.de“ verbreiten ließ:

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article13799572/Bild-will-Wulffs-Mailbox-Nachricht-veroeffentlichen.html

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article13800133/Eine-Mailbox-Veroeffentlichung-ist-nicht-strafbar.html

  • #31
    Jan

    @68er
    1. Wann von genau wem geleakt wurde und ob die Verzögerung bei FAS oder bei SZ oder doch bei der Bild entstanden ist, ist nicht ganz klar.
    Bei der Bild hat wohl die Chefredaktion zeitnah über den Anruf diskutiert und sich damals gegen eine Veröffentlichung entschieden. Offenbar wusste Eckart Lohse von der FAS zuerst von dem Anruf, aber sein Artikel erwähnt die Sache eher beiläufig als Anekdote in einem Artikel am 31.12. http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/affaere-wulff-im-schatten-der-wahrheit-11586639.html … die eigentliche Brisanz wurde wohl dann Ralf Wiegand (SZ) erkannt, der daraus einen Aufmacher strickte http://www.sueddeutsche.de/politik/bundespraesident-in-not-wulff-drohte-mit-strafanzeige-gegen-bild-journalisten-1.1248384 – die anfängliche Unterschätzung der Angelegenheit könnte die Verzögerung erklären.

    2. Wo sehen Sie denn den Pressekodex verletzt?
    http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/pressekodex.html
    Eine Abhörmaßnahme würde gegen Ziffer 4 verstoßen – aber ich traue Christian Wulff gerade noch zu, dass ihm bewusst ist, dass eine Mailbox auch aufzeichnet.

    3./4. Natürlich ist die Übergabe des Wortlauts an Wulff ein genialer Schachzug, weil sie sein Transparenzversprechen auf die Probe stellt. Wo ist denn hier ein Patt? Ich habe bisher noch niemanden den Rücktritt / die Entlassung von Kai Diekmann fordern hören!
    Der Mann dürfte absolut fest im Sattel sitzen.

    Apropos Wort gegen Wort:
    Hat Herr Wulff nicht zwischendurch noch Döpfner und Springer angerufen? Im Zweifelsfall muss der Bundespräsident da auch noch Widerspruch fürchten!

    Ansonsten wäre ein Kurvenverlauf (Dezibel/Minute) der einen möglichen Wechsel der Sprechlautstärke von Stimmung zu Stimmung dokumentiert – das könnte so bekannt werden wie der GuttenPlag-Barcode.

  • #32
    Mao aus Duisburg

    ##26: Genau das ist ja das eigentliche Problem: Wulff hat gar keine Berater mehr, die diesen Namen verdienen. Der letzte Berater war der langjährige Pressesprecher, der ihm kaum geraten haben dürfte, bei der BILD anzurufen.

    Der einzige Berater, der jetzt noch im Umfeld von Wulff ist, heißt auch Wulff – Bettina Wulff. Und das war auch der Grund, warum der geschasste Pressesprecher sich bei Journalisten beschwerte, dass er keinen Zugang mehr zum Bundespräsidenten habe. Wahnsinn! Das wird die nächsten Jahre ein Ritt auf dem Vulkan.

  • #33
    Mao aus Duisburg

    #28: Es gab kein „Leaken“. Genau das war ja die gekonnte Inszenierung. In dem der Anruf in der großen Redaktionskonferenz mit der gesamten Berliner Redaktion und den 25 Außenbüros diskutiert wurde, war klar, dass die drei zentralen Schlagworte Wulffs nach außen dringen. Die Frage ist nur: Warum hat das so lange gedauert?! 🙂

  • #34
    Jan Sören K

    Mag sein, dass das leaken der Bild nicht unbedingt den guten Ton trifft (da stimm ich durchaus zu) – aber genial war der Schachzug auf jeden Fall . Das schlimme ist eigentlich die Tatsache, das Wulff zum Verhindern oder Aufschieben des Artikels (ist eigentlich egal, was es war) diverse Stellen beim Verleger kontaktiert hat. Damit hat Wulff die Fäden aus der Hand gegeben – und bei der Bild ist man geschickt genug, die Fäden nicht wieder abzugeben.

    Aber man überlege mal , was passiert wäre, wenn ebendas bei der FAZ, der SZ oder der Mopo oder ähnlichen passiert wäre. Gut vorstellbar, dass man nicht den Täter, sondern den Boten (also die entsprechende Zeitung) gehängt hätte. Klar, das Verhältnis zur Bild ist ein ganz anderes als zu den genannten – aber die Bild hätte Wulff schützen können – und auch so wäre Wulff Präsident von Bilds Gnaden gewesen. Das hätte die Bild auch so haben können, wie es jetzt ist.
    Man hätte Wulff nur klarmachen müssen, dass das zu einem Riesenskandal wird, wenn man das rausbringt. Wollte man offensichtlich aber nicht.

    Fragt sich: Was will die Bild bzw. was will Diekmann mit seinem Vorgehen bezwecken?
    Ist das ein Bruch Diekmanns mit Merkel? Ist es ein Bruch des Springer-Verlags mit Merkel? Ist es ein Bruch der Redaktion bzw. Diekmanns mit dem Verlagshaus?

    Wer will in dieser Affäre was bezwecken?

  • #35
    68er

    Das Saarland macht mich stutzig.

    Vielleicht verhandeln Merkel und Gabriel schon über eine große Koalition.

    Derzeit ist alles möglich.

  • #36
    Klaus Lohmann

    @#29 | Stefan Laurin: Die drittklassigen Politschranzen, die heute unter dem Label „Politiker“ vermarktet werden, werden sich tatsächlich weiter genauso stumpf-zurückgeblieben verhalten wie Wulff, weil sie es nicht gelernt haben, mit Intelligenz solchen ebenso plumpen „Recherchen“ eines Diekmann & Co. zu begegnen.

    Selbst der Wuppertaler Oberfrömmler Rau hätte es hinbekommen, diese Petitesse als ein „christliches Geben und Nehmen, sozial ganz dem Paulus verpflichtet“ zu verkaufen und damit sogar noch Punkte zu machen.

    Wie wurde es schon kolportiert? Beckenbauer for President.. Die einzig konsequente, medien- und volksgemütgerechte Lösung ohne Abschaffung des Amtes.

  • #37
    Jan Sören K

    @68er (#35):

    Kann schon sein. Mit der FDP wird 2013 wohl kaum eine Wahl zu gewinnen sein – jedenfalls nicht, wenn das Personal sich weiterhin so darstellt wie aktuell.

    Nachdem schwarz-grün in Hamburg letztlich an den dort nicht zusammenpassenden Grünen-Zielen Volksentscheid und Schulreform zerbrochen ist (v. Beusts Rücktritt war ja nur eine Folge dieses Widerspruchs, auch wenn’s offiziell nie so gesagt wurde) und im Saarland Jamaika an der FDP gescheitert ist, scheiden wohl für die nächste Zukunft die eventuell rechnerischen Koalitionsmöglichkeiten schwarz-grün und Jamaika aus.
    Da man in der CDU nicht ernsthaft über eine Koalition mit der LINKEN oder den PIRATEN nachdenken will (ok, das will man bei LINKE und PIRATEN aber auch nicht ernsthaft…), bleibt ja nur eine Koalition mit Wählergruppen – wenn sie denn mal einziehen in über-kommunale Parlamente – oder eben mit der SPD.

    Im Saarland scheint Kramp-Karrenbauer nun den Übergang erproben zu wollen – dort bietet sich der Zustand der FDP an, weil er dem Zustand im Bund ähnelt – und wenn die Zustimmung dafür groß ist, wird wohl auch Merkel Überlegungen zum Koalitionswechsel anstellen müssen und das nicht mehr verleugnen können.

  • #38
    Walter Stach

    All diese Diskussionen, Spekulationen, Vorwürfe,Anschuldigungen, Kritiken an der Verfassung -sh.Verfassungsorgan BPräs.-, Kritiken an den Politikern generell, Mutmaßungen über Intriegen,würde es nicht geben,zumindest nicht in diesem Ausmaß und aus vergleichbarem Anlaß, wenn statt Wulf z.B. Gauck oder Frau von der Leyen gewählt worden wären, völlig unabhängig von ihren individuellen Stärken/Schwächen und ihrer subjektiven Wertschätzung durch uns.Das Problem heißt Wulf und nicht „die Medien“, nicht BILD, nicht die Verfassung, nicht Politik/Politiker schlechthin. Es heißt allerdings auch Merkel, die uns dieses Problem beschert hat.

  • #39

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