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Zentrum für Politische Schönheit: Wenn die Ruhe der Toten nichts gilt, sind auch die Lebenden egal

Philipp Ruch Foto: Wikipedia / Tobias Klenze Lizenz: CC BY-SA 4.0

Es läuft gut für das Zentrum für Politische Schönheit. Nur einen Tag, nachdem die Künstlergruppe einen vier Tonnen schweren Edelstahlzylinder mit Erde, in der sich die Asche von Nazis ermordeter Juden befinden soll, auf dem Gelände der ehemaligen Krolloper in Berlin aufgestellt hat, waren schon 77.100 Euro an Spenden zusammengekommen. Über die Aktion mit dem Titel „Sucht nach uns“ wird viel berichtet. Begeistert verkünden die Anhänger des Zentrums und seines künstlerischen Leiters Philipp Ruch, wie viel Geld von ihren Konten auf das der Künstlergruppe geflossen ist:

 

Und auch dem Absatz von Fanartikeln, die im Shopsystem der Internetseite der Public-Relations-Künstler erworben werden können, wird die hohe Aufmerksamkeit zuträglich sein: Für 100 Euro gibt es T-Shirts mit Aufschriften wie „Nieder mit der AfD-Schande“ und „Aggressiver Humanismus“. Schon mit 50 Euro ist man dabei, wenn man einen „Schwurwürfel“ erwerben möchte, in dem sich Erde aus den Regionen befindet, in denen das ZPS nach den Resten von Shoah- und anderen Nazi-Opfern grub. Mittlerweile gibt das Zentrum an, in den Schwurwürfeln sei keine Totenasche, was zu Beginn des Verkaufs noch nicht klar war. Aus kaufmännisch nachvollziehbaren Gründen ließ man das erst offen.

Klar, der Thrill, die Reste eines vergasten Juden, erschlagenen Rotarmisten oder erschossenen Polen als Schmuck im Bücherregal stehen zu haben und gleichzeitig etwas gegen die AfD zu tun, gegen die sich die Aktion richtet, war sicher groß. Aber Erde aus Auschwitz im Haus zu haben erzeugt ja auch schon einen wohligen Schauer, der umso angenehmer ist, als man ihn als Teil des Widerstandes gegen rechts erhöhen kann. Ein Autor des Humanistischen Pressedienstes fieberte sich sogar in die Rolle eines Holocaustopfers hinein:

 

„Die Trivialisierung des Unfassbaren und die beiläufige Verfüllung des zivilisatorischen Abgrunds, der der Holocaust war und bleibt, sind eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, wie Björn Höcke sie sich nicht schöner neben der Kornblume ans Revers hätte heften können“ sagte Richard Volkmann über die Aktion auf den Salonkolumnisten. Genau diese Trivialisierung ist für den kommerziellen Erfolg des ZPS genauso unabdingbar wie das gekonnte Spiel mit der Öffentlichkeit, die auf das Begraben toter Flüchtlinge in Berlin 2015 schockiert reagierte. Ruch und seiner Kompanie geht es um den Effekt, nicht um den Inhalt. Als die Truppe sich vor einem Jahr auf die Jagd nach Teilnehmern der Nazi-Demonstrationen von Chemnitz machte, war es ihnen egal, dass sie durch die nicht erlaubte Verwendung von Fotos die Arbeit derjenigen gefährdete, die seit langem im Kampf gegen Rechtsradikale engagiert sind.  Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, dessen Fotos vom Zentrum verwendet wurden, sagte damals: „Durch die unerlaubte Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material entsteht der Eindruck, dass wir der Verwendung unserer Bilder zugestimmt hätten, um die Aktion des Zentrums für politische Schönheit zu unterstützen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit seiner Aktion diskreditiert das ZPS nicht nur unsere journalistische Glaubwürdigkeit, es erschwert und gefährdet auch unsere künftige Arbeit im Feld. Ein Fahndungs- und Denunziationsportal, in dem Teilnehmer der rechtsextremen Demonstrationen als ‚AfD-Ratten‘ bezeichnet werden, unterminiert eine sachliche und fundierte Auseinandersetzung mit den Gefahren, die von rechtsextremen und rassistischen Mobilisierungen ausgehen.“

Dock Kritik perlt am ZPS ab, ist höchstens ein Rauschen, das die geölte PR-Maschine des in der Zonen- Bourgeoisie aufgewachsenen Upperclass-Kids Ruch kaum stört.

Die Schriftstellerin Ramona Ambs kritisierte die Aktion mit der Asche toter Juden:

An das Zentrum für Politische Schönheit,

ich erklär Euch jetzt mal, wie Salmen Gradowski den Satz: „Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann“. gemeint hat. Es ist eigentlich ganz einfach: Er wollte, dass die Welt erfährt was passiert ist. Er wollte, dass man weiß, wer und wieviel verloren ging…

Er hat nicht gesagt: „Nehmt unsere Toten, grabt sie aus, stopft sie in eine Säule und beleuchtet sie, damit die Nachfahren der Täter mal wieder moralische Selbstbesoffenheit feiern können.“

Ihr wollt die Toten „der Lieblosigkeit entrissen“ haben? Fuck you. Das war keine „Lieblosigkeit“, sondern mörderischer Hass Eurer Opas und Omas. Das war ihr Gas, ihr Zyklon B, ihre Brennöfen- jede verfickte Wolke am Himmel erzählt mir mehr davon als Eure „Kunst“. Und wie Ihr an den jüdischen Reaktionen bisher darauf sehen könnt, finden die Angehörigen das überhaupt nicht lustig, was Ihr da mit unseren Omas und Opas treibt. Wenn Ihr Euch nur ein wenig mit jüdischer Ethik befasst hättet, könntet Ihr wissen, dass das, was Ihr da macht, NULL mit Judentum zusammen geht. Aber wozu sich mit Juden auseinandersetzen, wenn man die Opfer doch prima zweitverwerten kann, um eine politische message zu verbreiten und sich gleichzeitig noch als Retter der toten Juden fühlen? Der Lieblosigkeit entrissen… Ihr habt se doch nicht alle!

 

Auf die Einlassungen von Eliyah Havemann reagierte das Zentrum mit atemberaubender Kaltschnäuzigkeit:

 

Später, als die Kritik an diesem Verhalten zu massiv wurde, ruderte man zurück. Der Tweet gäbe nicht die Meinung des Zentrums wieder.  Aber wie glaubhaft ist das? PR-Profis wie das ZPS überlassen ihren Twitter-Account am ersten Tag einer Aktion jemandem, der sich nicht für das ZPS kompetent äußern kann?

Der Skandal ist Bestandteil des Kalküls und zahlt auf die Marke „Zentrum für Politische Schönheit“ ein.

Für das Sammeln von Spenden und für die Reputation gegenüber öffentlichen Auftraggebern ist der Skandal nützlich, gilt als Zeichen von Mut und Wirkmächtigkeit. In Zukunft würde das ZPS, schrieb 2015 das Wirtschaftsmagazin Brandeins, „gern verstärkt mit Kultureinrichtungen kooperieren, vor allem, um deren Ressourcen zu nutzen.“ Das ist längst geschehen, der Zugriff auf öffentliche Gelder erreicht. Stolz verkündet das ZPS auf seiner Seite über Ruch, den Handelsreisenden in Sachen Zynismus:

„Seine Arbeiten kreisen um die Erfahrung von Gewalt und die Macht von Geschichte und Fiktion. Die Verarbeitung der Schockerfahrung der westlichen Handlungsunfähigkeit im Angesicht neuerlicher Bevölkerungsmorde durchzieht sein gesamtes Werk. Zahlreiche Inszenierungen: GORKI Theater, Münchner Kammerspiele, Theater Neumarkt, Wienwoche, Berlin Biennale, Schauspiel Dortmund, Steirischer Herbst, NGBK.“

Spenden sind eine wichtige Einnahmequelle

Mit Kunst Geld zu verdienen, das gelingt nicht vielen. Ruch hat es geschafft, indem er politische Kritik auf den Effekt reduziert. Im Zentrum steht nie eine intensive, inhaltliche Auseinandersetzung, ja nicht einmal die Aufforderung zu einer solchen. Das im Shop zu erwerbende Weihnachtspaket zur Aktion mit der Asche toter Naziopfer besteht dann auch nicht aus weiterführender Literatur zum Thema Shoah oder Vernichtungskrieg im Osten, sondern vor allem aus Büchern von Ruch. Klar, für Philipp Ruch und das Zentrum für Politische Schönheit stehen zwei Dinge im Zentrum: Philipp Ruch und das Zentrum für Politische Schönheit.

Das Unternehmen ZPS kann seinen Geschäften nur nachgehen, weil es wie sein Chef Ruch durch den Künstler-Nimbus geschützt ist. Am Ende gelten vielen die Aktionen nur als Kunst und Ruch als der vorlaute Klassenkasper mit der Schmiere im Gesicht. Dabei fällt unter den Tisch, dass Ruch, wie die AfD und die durch die Straßen ziehenden und prügelnden Neonazis, die Grenzen des Mach- und Sagbaren erweitert. Wenn man Geld mit ermordeten Juden verdienen und das als Kunst bagatellisieren kann, tritt eine Gewöhnung ein, wenn es um den würdelosen Umgang mit Toten geht. Wenn Totenruhe nichts gilt, sind auch die Lebenden egal, sind ihre Reste Material, das zur kommerziellen Verwertung bereit steht, gehören ihre Körper oder das, was von ihnen übrig geblieben ist, nicht ihnen selbst oder ihren Angehörigen, sondern sind nur noch Material, wie Ölfarbe oder Kreide, das man nutzt, wie es einem beliebt. Die Selbstermächtigung des ZPS über die Toten, ihre Instrumentalisierung und Kommerzialisierung durch Elendsgestalten wie Ruch leistet sich nur eine Gesellschaft, die dabei ist, sich von Zivilisation und Menschlichkeit zu verabschieden.

 

 

 

 

 

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8 Kommentare zu “Zentrum für Politische Schönheit: Wenn die Ruhe der Toten nichts gilt, sind auch die Lebenden egal

  • #1
    Aufrecht

    Das ist so widerlich, ich finde kaum Worte. Mit desem Missbrauch baut das ZPS auf die Historie auf und will von den Opfern profitieren. Ich kenne niemand in Deutschland, der sich in jüngster Zeit so eindeutig und unverholen in eine direkte Verbindung mit den Tätern gebracht hat wie das ZPS.

  • #2
    Frank Heinze

    Erst wurden die Juden bürokratisch vernichtet, jetzt werden sie gefühlig veredelt. Die Aufeinanderfolge gehorcht den deutschen Grundsatz: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Die niederen Instinkte, von denen die pflichteifrigen Normalvergaser bei ihrer Dienstausübung ja gar nicht getrieben wurden, kommen erst fünfzig Jahre später und als erhebende Gefühle zutage. Insofern sind die Deutschen erst nach Auschwitz zu Rassisten geworden, die ihren psychischen Haushalt mit der vergleichsweise ungefährlichen postmodernen Sonderbehandlung der Opfer regulieren. (…)
    Stärker noch als das Bedürfnis der Sieger, sich als Opfer kultureller Selbstverstümmelung zu fühlen, ist indes ihr unersättliches Verlangen, die einst Ausgestoßenen sich auf jede nur denkbare Weise einzuverleiben.

    Eike Geisel, „Biotop mit toten Juden“. 1992

  • #3
    Klaus Lohmann

    Ich hoffe, die paar hier anwesenden Ruch-Fanboys lesen sich diesen Beitrag sehr sorgfältig durch, bevor sie erneut die Opfer des Nationalsozialismus mit den "Hinterbliebenen" verwechseln – was die öffentlichkeitsgeile Beliebigkeit dieser ZPS-Aktion und die verächtliche Vereinnahmung der Opfer erst so richtig entlarvt.

  • #4
  • #5
    Thomas Wessel

    Erde, Asche, Blut und Boden: Allein die Wahl des ästhetischen Materials erweist diese "politische Schönheit" als reaktionär.

    Dementsprechend ihre ästhetische Form: Säulen werden bekanntlich nicht errichtet, sie erigieren.

  • #6
    Thorsten

    Wenn man sich das näher anschaut, fällt da alles aus einander.

    Dass laut Begleittext beispielsweise beim Bau des Damms , der angeblich geöffnet wurde, Menschenasche verwendet wurde, dafür gibt es laut *eigenem Historiker* keine Belege.

    Unten in Anführungszeichen erst Zieba, dann was der eigene Historiker dazu schreibt. Es ist wirklich erstaunlich.

    „Im Jahre 1942 holten Häftlinge Menschenasche nach Harmense, die sie anfangs auf die Halde
    schütteten und im Frühjahr 1943 an verschiedene Stellen fuhren, um damit Sümpfe
    zuzuschütten, worauf dann teilweise die Hühnerställe für die Küken und die Unterkünfte für
    die Enten gebaut wurden. An der Grenze des Dorfs Harmense zu Plawy schütteten Häftlinge
    aus Asche einen Damm auf.“ (Zieba, Harmense)

    Nach einer detaillierten Auswertung der Quellen, auf die sich Zieba bezieht, gibt es weder
    Indizien für das Zuschütten von Sümpfen noch für den Bau eines Damms aus Menschenasche. (Wege der Asche, PDF S. 40)

  • #7
    Thorsten

    >Aber wie glaubhaft ist das? PR-Profis wie das ZPS >überlassen ihren I am ersten Tag einer Aktion >jemandem, der sich nicht für das ZPS kompetent >äußern kann?

    Wenig glaubhaft. Gleiches anmaßendes wording jedenfalls im fb Video, wenn auch ohne explizite Aufforderung zur Wertschätzung. Ein ‚Kern-Frame‘ gewissermaßen.

    "die Asche von Millionen Toten, der Lieblosigkeit entrissen nach 75 Jahren"

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