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Zentrum für Politische Schönheit: Zynische Shoa-Show wird zum Desaster für Ruchs PR-Künstlertruppe

Philipp Ruch Foto: Wikipedia / Tobias Klenze Lizenz: CC BY-SA 4.0


Mit einer „Gedenksäule mit der Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands“ in Berlin wollte das selbsternannte Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) gegen eine mögliche Zusammenarbeit von CDU und AfD protestieren. Die Aktion der PR-Profis um Philipp Ruch gerät zum Desaster. Ein Überblick.

In der taz schreibt Dinah Riese über die Aktion: „Selbst wenn gar keine Asche darin wäre: Achtung vor den Toten betrifft nicht nur ihre Körper. Zynisch kann man sagen, dass diese Aktion deutsche Erinnerungskultur auf die Spitze treibt. Mit toten Jüdinnen und Juden kann man machen, was man für richtig hält – als Erinnerungsweltmeister macht man es ohnehin richtig. Wozu die Lebenden fragen? Meine Familie wurde in Auschwitz ermordet. Auch für sie haben wir kein Grab. Aber das Zentrum für Politische Schönheit instrumentalisiert ihr Andenken, eignet es sich an – für ein paar Zeitungsartikel.“

Die Jüdische Allgemeine ist die Gedenksäule eine „Skandalöse Störung der Totenruhe“: „Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer nannte die Aktion am Dienstagnachmittag »außerordentlich pietätlos und geschichtsvergessen«. In einem Tweet des Zentralrats von Dienstagmorgen heißt es: »Die jüngste Aktion von @politicalbeauty ist aus jüdischer Sicht problematisch, weil sie gegen das jüdische Religionsgesetz der Totenruhe verstößt. Sollte es sich tatsächlich um Asche von Schoa-Opfern handeln, dann wurde die Totenruhe gestört.«
Auch andere jüdische Organisationen und Einzelpersonen lehnen die Aktion ab. Sie sei »nicht nur eine skandalöse Störung der Totenruhe. Die Asche der Ermordeten eignet sich ebenso nicht für schiefe historische und politische Vergleiche. Die Opfer werden so nochmal entwürdigt und entmenschlicht«, twitterte das American Jewish Committee.

Im Spiegel wirft Veronique Brüggemann dem Zentrum für Politische Schönheit vor,  die Opfer der Shoah zum Objekt degradiert zu haben: „Es ist unklar, ob die Asche in der Säule und die Bodenproben wirklich menschliche Überreste von Shoah-Opfern enthalten, wie das ZPS zunächst sagte. Das spielt im Grunde aber auch gar keine Rolle, denn jede Diskussion über die genauen Bohrorte und Zusammensetzung der Proben geht am Kern des Problems vorbei. Ob tatsächlich oder symbolisch – die Aktivisten haben sich die Toten angeeignet, ohne Rücksicht auf die Gefühle der Juden in Deutschland, der Überlebenden und ihrer Angehörigen. Also ohne Rücksicht auf die Menschen, um deren Großmütter und Großväter es hier geht.“

Kia Vahland nennt die „Kunstaktion“ in der Süddeutschen ein „Pietätloses Spektakel“: „Das ZPS behauptete, Asche und Knochenreste von Holocaust-Opfern aus dem Umfeld der Konzentrationslager nach Berlin verschleppt zu haben, für ein „Denkmal gegen den Verrat an der Demokratie“ vor dem Reichstag. Auch wenn das Ganze womöglich ein Fake ist: Es bleibt ein pietätloser Übergriff. Niemand sollte sich der Asche und Knochenstücke von jüdischen Opfern bemächtigen oder auch nur so tun, als ob.“

Für die FAZ-Korrespondentin Hannah Bethke ist das ZPD ideologisch verblendet: „Die ideologische Verblendung dieser selbsterklärten Widerstandskämpfer ist schwindelerregend. Wer solche sachlich falschen Verbindungen zur politischen Gegenwart konstruiert, verharmlost die NS-Zeit, verhöhnt den Konservatismus und wird am Ende die AfD stärken, anstatt sie zu besiegen.“

In der NZZ spricht Claudia Schwartz dem ZPS ab, einen guten Zweck zu verfolgen: „Wer nun glaubt, dass das nur eine ethisch missglückte Installation zu einem moralisch guten Zweck – nämlich des Gedenkens an die Holocaust-Opfer – sei, der täuscht sich. Dem Künstlerkollektiv geht es gar nicht in erster Linie um die Erinnerung. Das dunkle Kapitel deutscher Geschichte dient nur dem Schockeffekt.“

Die Welt zitiert Felix Klein, den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung: „„Es ist erschütternd, dass heutzutage Künstler meinen, zu solch drastischen Mitteln greifen zu müssen, um auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. Durch das bewusste oder unbewusste Verletzen religiöser Gesetze von Minderheiten tragen sie zur Verrohung der Gesellschaft bei, vor der sie ja eigentlich warnen wollen.“

Christian Burmeister vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sieht in der Aktion eher einen PR-Stunt auf aufklärerische Kunst: „Kunst und Aktions-Kunst à la ZPS darf – von strafrechtlichen Grenzen abgesehen-, ähnlich wie Satire, grundsätzlich alles. Und sie muss auch nicht jedem gefallen. Aber wirklich spannend ist sie nur, wenn sie subtil und intelligent daherkommt. Die jüngsten Aktionen des ZPS erscheinen aber eher wie pietätlose, platte und am Ende kontraproduktive PR-Stunts. So sind jüdische Organisationen im Vorfeld offenbar nicht gefragt worden, ob sie es okay finden, dass die Überreste der Ermordeten quer durch Europa transportiert werden. Ähnlich wie in allen Religionen spielt die Totenruhe auch im jüdischen Glauben eine große Rolle.“

In der Basler Zeitung nennt Sebastian Briellman die Gedenksäulen-Aktion einen üblen Fehltritt: „Dass sich das «Zentrum für politische Schönheit», übrigens eine furchtbar irreführende Bezeichnung, sich darüber selbstherrlich mit Exhumierungen hinwegsetzt, ist makaber. Es genügt auch nicht als Erklärung, wenn die Verantwortlichen sagen, in vielen Gesprächen mit Juden habe man Zustimmung für sein Tun erfahren. Das mag sein, aber selbst wenn: Wie kann man sich erdreisten, für eine Gesamtheit zu sprechen?“

Stolz verkündet des Zentrum für Politische Schönheit auf seiner Webseite, schon fast 100.000 Euro an Spenden gesammelt zu haben. Noch läuft das Geschäft für die PR-Künstlertruppe um Ruch gut. Ob es das nach der zynischen Shoah-Show weiterhin tun wird, bleibt abzuwarten. Ruch könnte sich, was die Zukunft seinen Zentrums betrifft, verkalkuliert haben.  Zu gönnen wäre es ihm.

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