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Zollverein und die Münchener Freiheit

Das Stück „So  lange man Träume noch leben kann“ war einer der größten Erfolge der bayerischen Schmalz-Barden-Band Münchener Freiheit. Leider haben sich den Titel des Schlager viele Politiker zum Motto genommen. Treffen sie dann, wie jetzt bei den geplatzten Bau-Plänen auf Zeche Zollverein, auf die Wirklichkeit, wird es unangenehm.

Scheich Hani Yamani wird auf Zollverein keine Designstadt und kein Hotel bauen. Seine Baufirma hat noch nicht einmal einen Briefkasten, der angekündigte Deal ist geplatzt. Das ist eine gute Nachricht für alle Angehörigen und Freunde von Yamani, denn offenbar erfreut er sich  bester geistiger Gesundheit: Wer einen Hotel und eine „Designstadt“ auf der staubigen Brache von Zollverein in Essen-Stoppenberg errichten möchte gehört dringend unter Aufsicht gestellt. In Immobilienkreisen lachte  man sich schon vor Jahren scheckig, als Politiker und Wirtschaftsförderer vom Scheich und seinen Pläne schwärmten. Das Yamani keine Erfahrung als Projektentwickler hatte war bekannt. Kaum jemand in der Branche glaubte an das Projekt und offenbar teilt auch niemand, der privates Geld investieren möchte die Ansicht des plaungspolitischen Sprechers der Essener CDU, bei dem Areal handele es sich um eine „städtebauliche Perle“.

Zollverein ist ein schöne, alte Zeche in einem unattraktiven Stadtteil. Das Gelände ist schlecht angebunden, der Weg mit dem Auto von der nächsten Autobahn ist weit, das Umfeld ist unattraktiv. Es ist einfach eine schlechte Lage und in schlechten Lagen investiert nur der Staat. Dem ist es egal, ob sich eine Investition lohnt, er lebt einfach seine Träume auf Kosten der Steuerzahler.

Ob Zollverein, U-Turm oder Jahrhunderthalle, Ob Essen, Dortmund oder Bochum: Die hochfliegenden Pläne für das industriekulturelle Erbe scheitern in allen Städten teuer. Als man sich in den 80er und 90er Jahren aufmachte, die Industriedenkmäler zu retten, machte sich niemand ernsthaft Gedanken über eine wirtschaftliche Nutzung. Und niemand wollte das Problem sehen, das alle diese Gelände haben: Sie liegen in unattraktiven Randlagen. OK, der U-Turm in Dortmund ist da eine Ausnahme, hier musste man sich mit dem Scheitern schon besonders viel Mühe geben.

Anstatt von „Designstädten“ zu träumen hätte man überlegen sollen, wie man eine Nutzung der  Gebäude findet, die auch zum Stadtteil passt. Die Jahrhunderthalle in Bochum könnte ein wunderbarer türkischer Basar sein. In den Hallen von Zollverein könnten Autoschrauber und kleine Handwerker ihrem Gewerbe nachgehen. Den Planern im Ruhrgebiet sollte jemand die bittere Wahrheit sagen: Die Münchener Freiheit hat gelogen. Man kann Träume nicht leben. Es ist nur ein Lied – und ein ganz fürchterliches dazu.

 

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9 Kommentare zu “Zollverein und die Münchener Freiheit

  • #1
    dr_Opir

    Die Jahrhunderthalle ist zwei (!) Bahnstationen vom Hauptbahnhof und 5 Gehminuten vom Rathaus entfernt. Warum ist das für Sie eine „unattraktive Randlage“? Weil da viele Türken wohnen? Vielleicht ist ja genau das das Problem: Migrantisch geprägte Viertel können noch so zentral und gut erreichbar sein, für den normalen Deutschen sind sie stets Lichtjahre entfernt.

  • #2
    Torti

    Also mir gefällt der U-Turm ich finde er ist nicht gescheitert, „nur“ viel teurer als geplant. Ich gehe da sehr gerne hin und freue mich an der menschenleeren Exklusivität meiner Begeisterung.

  • #3
    Arnold Voß

    Welche Eleganz in der Formulierung, Torti. Haben sie schon mal drüber nachgedacht in den diplomatischen Dienst zu wechseln? 😉

  • #4
    Ben

    „der Weg mit dem Auto von der nächsten Autobahn ist weit“

    Weder die 3,5 Kilometer zur A42 (Gelsenkirchen-Heßler), noch die 3,9 Kilometer zur A40 (Essen-Frillendorf) entsprechen einer klassischen Definition von „weit“.

    Und was die Randlage angeht, bin ich z.B. bei der Jahrhunderthalle ganz bei dr_Opir: Nur weil der ganze Komplex nicht umgeben ist von touristisch vermarktbaren Villen und nicht direkt an der S-Bahn, sondern an zwei Straßenbahn- und einer Buslinie liegt und schlichtweg die Umgebung das Arbeiterviertel geblieben ist, das sie immer schon war, ist diese Lage keineswegs unattraktiv. Im Gegenteil erobern sich gerade immer mehr Studenten diesen Stadtteil.

  • #5
    teekay

    Ich erfreue mich im allgemeinen an ‚Industriekultur‘ und finde auch eine primaer museale, touristische Nutzung nicht schlecht (wahrscheinlich gibt es dolle Auflagen und einer wirtschaftlichen Nutzung stehen dann Brandschutztueren, Sozialraeume oder irgendwelchen anderen Auflagen im Weg). Wenn im Duisburger Industriepark hollaendische Reisebusse parken oder man in der Zeche Zollverein englischsprachige Besucher sieht und hoert gewinnt erstmal das ganze Ruhrgebiet. Nur hat diese Art von Tourismus eben auch ihre Grenzen und ich gebe Stefan recht, dass viele Planer da zu viel wollen und wollten. Dadurch wird die Wirtschaft nicht neu erfunden und es stroemen auch nicht junge Familien ins Ruhrgebiet, weil es ein paar Kletterwaende und kalte Hochoefen gibt. Die bunte IKEA-Welt, in der Wohnen, Kultur, Freizeit und Arbeit in aneinander fliessen wird ein Traum bleiben-genauso wie das Projekt, die Welt in Inseln in Dubai nachzubauen ;)!

  • #6
    jan2801

    Zur Klarstellung: Ich finde Zollverein hat es verdient, heute Museum und Weltkulturerbe zu sein.

    Traurig stimmt es mich aber, wenn ich so wie gestern Abend gegen 19.30 Uhr um den Doppelbock schleiche und eine halbe Stunde keinem Menschen begegne. Als wir dann eine Kleinigkeit essen wollten, wurden wir freundlich aber bestimmt abgewiesen: „Da können Sie nicht rein, wir haben ein Konzert“. Vor dem Restaurant parkte etwa ein Dutzend Fahrzeuge. War wohl ausverkauft… 🙁

    Kopfschüttelnd frage ich mich dann, welche weltfremden Planer dort am Werke sind, die nicht in der Lage sind, das Erbe mit Leben zu erfüllen.

  • #7
    Puck

    Ich kann mich nicht so ganz der Meinung von Stefan Laurin anschließen.
    Zollverein abgelegen? Wie hätten’s denn gerne? Autobahnzubringer bis direkt für die Pforte? Selbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man Zollverein ohne Probleme (Viertelstunde mit Linie 107 vom Hbf GE, Haltestelle direkt vor dem Eingang). Offenbar sehen das jede Menge anderer Leute ähnlich, immer wenn ich dort war, war der Laden gut besucht, und man hörte ringsum keineswegs nur Ruhri-Sprech…
    Und das Umfeld? Nun ja, das ist halt Arbeiterambiente in Backstein und Hollunderbusch. Die Villen mit den manikürten Vorgärten stehen woanders.
    Ich persönlich fand allerdings Bredeney schon immer ein bißchen langweilig, aber das ist wohl Geschmacksache.

    Als Ausstellungsgelände finde Zollverein sehr gelungen, (Kunst)Handwerk ist bereits angesiedelt (wenn auch keine Autoschrauber, denen bleiben ja noch die Hinterhöfe) und die Gastronomie scheint auch nicht gerade an Besuchermangel zu leiden.

    Eine wie auch immer geartete „Designstadt“ und Hotel kann ich mir allerdings auf Zollverein auch nicht vorstellen. Das erinnert mich irgendwie fatal an gewisse Prestigeprojekte, die uns in den 70er und 80er Jahren so wahnsinnig glücklich machen sollten – und jetzt leider als Bausünden die Städte verschandeln.
    Es ist gut, daß das Projekt gestorben ist. Nicht, weil es erfolglos gewesen wäre, das wäre es vermutlich auch, sondern weil man damit das Bestehende verdorben hätte.

  • #8
    Arnold Voß

    @ Puck

    Die Designstadt Zollverein ist schon länger tot.

    http://www.ruhrbarone.de/auch-zollverein-blase-geplatzt/

    Damit der Cube danach aber nicht zum schönsten und zugleich teuersten Leerstand der Region wird bzw. werden würde, musste dann Volkwang als Nutzer ran, obwohl die da nie hin wollten. Die brauchten aber, wenn das ganze überhaupt einen funktionalen Sinn machen sollte, noch ein Gebäude dazu, für das es jedoch kein Geld gab. Genau das sollte Yamani richten und er war der einzige der überhaupt dazu bereit war, weil er eine größere Projekt-Idee hatte.

  • #9
    Basty80

    „Hätte hätte liegt im Bette!!!“ Es ist natürlich so wunderbar einfach und leicht sich im Nachhinein über Nutzungsmöglichkeiten oder Standortfragen zu beschweren, anstatt sich im Vorfeld einzubringen und Initiative zu zeigen! Man könnte die gegebenen VA-Orte einfach mehr nutzen und damit auch zur Verbesserung der Infrastruktur beitragen?!? Es gibt sowohl auf Zollverein, wie auch in der Jahrhunderthalle wirklich sehenswerte Events! Natürlich müsste man das Harz4-TV einmal ausschalten und einen Fuss in diese böse Realität wagen…aber das gelingt halt nicht jedem!!! Wer es trotzdem schafft wird bestimmt nicht entäuscht, denn der (kulturelle) Strukturwandel ist die große Chance unserer Region. Wer das anders sieht und alles nur schlecht redet, sollte am besten gleich nach Bayern auswandern!!! Tschüß + Ruhrpott rules…

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