Zurück in’s Glied, Christoph Harting!

Foto: Ailura, CC BY-SA 3.0 at

Herr Harting hat gefeixt. Herr Harting hat herumgehampelt. Herr Harting hat die Höchststrafe erhalten: öffentliche Hinrichtung, an der sich selbst sein eigener Trainer per Bild-Zeitung beteiligte. Weil er nicht die gleiche Zurichtung an den Tag gelegt hat wie seine Teamkollegen. 

Christoph Harting wirft den lieben langen Tag in der Bundespolizeisportschule Kienbaum mit dem Diskus. In Rio de Janeiro schaffte er fast 70 Meter – Goldmedaille. Man mag das für Verschwendung von Steuergeldern halten, aber es geht doch um so viel mehr. Denn Harting soll für Deutschland werfen, für Deutschland siegen – und dann gefälligst bei der Siegerehrung für Deutschland stramm stehen und ein gerührtes Tränchen vergießen. Anschließend soll er einem Mitarbeiter des öffentlichen Rundfunks erklären, wie zufrieden er nun sei und ob er am Abend ein Bierchen trinken werde. Seine Sportkameraden tun das. Harting tat es nicht, und ist seither nicht bloß einem handelsüblichen Shitstorm ausgesetzt, sondern einer persönlichen Hexenjagd, die in Zeiten von Google den Rest seines Lebens überschatten wird. 

Natürlich hätten Journalisten und Zuschauer über das alberne, postpubertäre Gebaren Hartings mit Gleichgültigkeit oder zumindest Milde hinwegsehen können, es als „besonders selbstbewusst“ oder, vermutlich zutreffender, „total überfordert“ abtun können. Aber das kam nicht in Frage. Das IOC und die Sendeanstalten, die Millionen investiert haben, tun alles für einen völlig reibungslosen Ablauf ihres Events. Es gibt Verhaltensregeln für alles – selbst für das Twitterverhalten der Athleten. Natürlich auch für die Siegerehrung: Gewinner haben ihre Teamkleidung zu tragen und zur Fahne zu schauen. Das tat Harting zwar, aber eben auf unorthodoxe Weise. Noch schwerer für das ZDF wog, dass er anschließend nicht für Handschlag und Interview zur Verfügung stand. Der ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz sprach von einem „einmaligen Vorgang“ , der vor allem für die Fans bedauerlich sei – ganz so, als ob die Fragen, die Fußballern oder Leichtathleten in der Mixed Zone üblicherweise gestellt werden, in ihrer boulevardesken Banalität irgendeinen unverzichtbaren Erkenntnisgewinn bereit halten würden.

Sie tun es nicht, gerade weil die Sportler ja wissen, dass die kleinste Abweichung von der Norm ihre öffentliche Bloßstellung und Ächtung zur Folge haben kann, wie es jetzt Harting passiert ist. Die Zurichtung der Sportler zu glatten Phrasendreschern schien schon vor Rio vollendet, nun wird sie noch extremer werden. Tennisspielerin und Silber-Gewinnerin Angelique Kerber hatte schon Stunden nach dem Sündenfall Hartings aus der Sache gelernt und nutzte ihr Statement nach dem Match zu einem nahezu bizarren patriotischen Bekenntnis. Harting selbst trat heute Nachmittag vor die Kameras und entschuldigte sich, tat Buße. Es liegt jetzt in den Händen der Öffentlichkeit, ob sie ihm Gnade zuteil werden lässt.

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Norbert Krambrich
Norbert Krambrich
7 Jahre zuvor

Schade das Harting nicht die Kraft hatte seine Haltung beizubehalten und diesem ganzen unerträglichen patriotisch verblödeten Affenzirkus weiterhin den Mittelfinger zu zeigen.

kE
kE
7 Jahre zuvor

@1: Dem "unerträglichen patriotisch verblödeten Affenzirkus" kann man sehr gut "den Mittelfinger" zeigen, indem man selber seinen Sport finanziert, nebenbei einen Job macht und statt bei Großveranstaltungen in der Heimat auf dem Acker den Diskus schleudert.

Es ist spannend, welche Summen der Staat in Goldmedaillen investiert. Ganz weit vorne liegen dabei wohl die Rodler. Ein Sport ohne Sportler, für den man Technologie braucht.

Das ist deine eine Seite. Wenn man mitmacht, muss man auch die Regeln beachten. Ich habe aber große Zweifel, dass dies noch funktioniert, wenn die Neuronen Samba tanzen, weil man überraschend in einer Einzeldisziplin gewonnen hat.

Was flippen viele Menschen schon aus, wenn nur ihr Team ein unbedeutendes Tor geschossen hat. Was mag dann erst in den Köpfer der Sieger bei den Olympischen Spielen vorgehen. Ein Situation, wir alle vermutlich nie erleben werden.

Klaus Lohmann
Klaus Lohmann
7 Jahre zuvor

@#2: Gegen welche "Regeln" hat Christoph Harting denn verstoßen?

– "Du darfst am Gerät, auf dem Treppchen und der Pressekonferenz keine Faxen machen"? Dann wären Usain Bold und ein paar Amis längst nicht mehr dabei.
– "Du darfst Dich über Falschnennung Deines Namens nicht beschweren"? Dann wären einige Dutzend andere Sportler auch nicht dabei.
– "Du musst den Medien und ganz besonders Norbert König vom ZDF in jeder Sekunde in denselbigen kriechen, damit Dich Rudi Cerne anschließend nicht öffentlich zur Schnecke macht"? Ähem…

Das Perverse an dieser medialen "Hinrichtung" ist, dass heute nachmittag ausgerechnet ein Michael Vesper beim Interview in das WDR2-Mikro erklärt, man müsse Ch. Hartung verstehen, weil das doch sein erstes Treppchen überhaupt und er noch voller Wettkampf-Adrenalin war. Bingo und Schluss.

Thorsten Stumm
7 Jahre zuvor

Herr Harting ist Beamter. Er schmeist die Scheibe im Staatsdienst als freigestellter Polizist. Wie er es mit der Fahne und der Hymne hält ist seine Privatsache.
Dumm finde ich nur, dass er Faxen macht während noch zwei andere geehrt werden. Das ist unsportlich….denn diese Moment gilt auch den beiden anderen auf dem Treppchen. Wenn jemand tatsächlich bei der Teilnahme an Olympia eine private Person sein will, und das als staatlich bezahlter Olympiasportler, der ist schon reichlich schizo….

kassandro
kassandro
7 Jahre zuvor

Die Affäre wird Christoph Harting nicht schaden. Im Gegenteil, er hat dadurch jetzt sogar mehr Aufmerksamkeit erfahren und lässt sich dadurch besser vermarkten. Auch Tim Smith und John Carlos, die bei der Siegerehrung zum 200m Lauf bei der Olympiade in Mexiko 1968 mit der Black Panther Faust für einen Slandal sorgten, profitierten von diesen, obwoihl die Amerikaner wesnetlich empfindlicher gegenüber der Verletzung ihres Nationalstolzesb
https://www.youtube.com/watch?v=9W0bFltbZWs
Von seltenen Ausnahmen abgesehen ist Wohlverhalten gegenüber den Medien natürlich ein absolutes muss und die Athleten werden dazu von ihren PR-Beratern auch angehalten. Christoph Harting scheint bislang noch keinen gehabt zu haben, weil er für eine Vermarktung noch nicht von Interesse war.

Helmut Junge
7 Jahre zuvor

@Thorsten, ich fühle mich durch C. Harting zur Zeit besser unterhalten, als wenn er sich normal verhalten hätte. Ob er das geplant, oder aus Unfähigkeit gemacht hat, weiß ich natürlich nicht. Aber er konnte doch nicht seinen Bruder nachahmen. Das wäre als Marketingstrategie völlig daneben gewesen. Und wenn es so gedacht war, hat er es gut gespielt. Wenn er es ungewollt gemacht hat, habe ich schon mal gar kein Problem damit. Dann würde er mir ein wenig Leid tun. Hoffentlich werde ich nicht mal so.

Thorsten Stumm
7 Jahre zuvor

@Helmut

Herr Harting ist mir egal….und was ist schon normal…ich glaube nur, dass dies eine Eigeninszenierung als Enfant Terrible ist. Wer polarisiert gewinnt mediale Aufmerksamkeit….denn wie gesagt…Herr Harting ist Sportler im Staatsdienst….so naiv ist ein bezahlter Profi nicht…insofern hat er seinen medialen Marktwert gut gesteigert…alles richtig gemacht….und die nächst Stufe dieser Inszenierung mit der Abbitte hat er ja nun auch absolviert…wieder alles richtig gemacht….

Klaus Lohmann
Klaus Lohmann
7 Jahre zuvor

Ich hab so den Eindruck, als würden Manche sich Christoph Harting jetzt als Bauernopfer zurechtlegen, um bloß nicht darüber diskutieren und danach handeln zu müssen, welche Probleme das "System Olympia" global und in Deutschland wirklich hat.

Wenn es selbst für die Brasilianer als begeisterungsfähiges Volk nur noch interessant ist, Wettbewerbe zu besuchen, bei denen die eigenen Landsleute Erfolgschancen haben, und ansonsten die Spielstätten fülltechnisch eher denen mit Drittligaspielen um die "goldene Ananas" ähneln, weil die Sponsoren zigtausende ungenutzte Karten in den Ars.. geschoben bekamen und das OK sich den mangelnden Zuspruch trotzdem "nicht erklären" kann, dann kann ich es verstehen, wenn einige Athleten, die ihr Hirn nicht mit dem Speer oder dem beschwerten Teller wegschmeißen, das Ganze mittlerweile als reine Gaga-Veranstaltung sehen oder nur noch kritisieren können (http://www.spiegel.de/sport/sonst/fans-bei-olympia-2016-warum-so-viele-plaetze-leer-bleiben-a-1107585.html, http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympia-2016-julius-brink-kritisiert-ioc-a-1107484.html).

Andreas
7 Jahre zuvor

1968 Summer Olympics, Black Power Salute:

https://www.youtube.com/watch?v=qck5arjMGBg

( die Jungs wollten was sagen … )

Helmut Junge
7 Jahre zuvor

@Thorsten, ich kann mit all den Kaspern, die mit ihrer Kasperei Aufmerksamkeit auf sich lenken, nicht viel anfangen, bin ich doch selbst einigemale ausgestochen worden. Aber das Rezept funktioniert numn mal, weil es viele Menschen gibt, die auf solche Kaspereien positiv reagieren.
Und wer kennt schon den Namen vom Kumpel des Kasperle aus unseren Kindertagen?
Im Vergleich zum Beispiel von @Andreas zu 1968, hat Harting ja kein wirkliches Anliegen außer seiner eigenen Präsentation. und Kasper kommen heute besonders gut an. Liegt am Wesen unserer Zeit.

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