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Zwischen Dorf und Metropole

Unistraße in Bochum: Zwischen dörflicher Idylle und Großstadtflair

Glauben wir zahlreichen Vertretern aus Verwaltung und Politik des Ruhrgebiets, leben wir in einer der pulsierendsten Metropolen Europas. Man muss nicht erst nach Wanne-Eickel oder Recklinghausen-Süd fahren, um dieses Marketinggeschwätz als Lüge zu enttarnen. Die Innenstädte von Essen und Dortmund vermitteln zwar ein gewisses Großstadtflair, doch schon im Vergleich zum irgendwie auch recht provinziellen Köln stinken Essen und Dortmund gewaltig ab. Die Metropole Ruhr oder die „Ruhrstadt“ mögen vielleicht mal schöne Ideen gewesen sein. Heute sind sie vor allem eins: arroganter Schwachsinn.

Das Ruhrgebiet ist einfach nicht wie Berlin, Hamburg oder München. Es hat nicht die Infrastruktur, nicht die Geschichte, keinerlei größere politische Bedeutung, keine ansprechende oder mindestens solide Architektur, kein Konzept und ganz platt gesagt nicht den Zeitgeist auf seiner Seite. Das kann man bedauern. Wie uns die letzten Jahre rund um die Kulturhauptstadt gezeigt haben, kann man das auch prima verleugnen. Nur wenige kommen dagegen auf Idee, dass gerade das die Stärke des Potts ist. Der Wohnraum ist bezahlbar, die Grünflachen und Wälder so abwechslungsreich und groß wie sonst nur auf dem Land. Gleichzeitig ist es überwiegend ruhig und beschaulich. Großstadthektik gibt es vielleicht auf der A40 oder in der U35, alles in allem ist es aber echt gemütlich hier. Trotzdem hat man die Vorteile, die ein riesiger Ballungsraum so mit sich bringt. Zu jedem Lebensbereich gibt es irgendwas in der Nähe. Spaßbäder, Freizeitparks und was man sonst so braucht, wenn man nichts zu tun hat. Und Dienste wie Ebay Kleinanzeigen machen hier auch deutlich mehr Spaß als anderswo. Schließlich liegt selbst Berlin einwohnertechnisch Welten hinter dem Ruhrgebiet. Entsprechend größer ist auch das Angebot an gebrauchten Bücherregalen. Oder anderem Firlefanz.

Der gebrauchte Firlefanz macht das Ruhrgebiet in Kombination mit dem günstigen Wohnraum und den im Grunde ja gar nicht so schlechten Hochschulen auch zu einer prima Region für Studierende. Das ansonsten so arg gebeutelte Bochum hat es nicht zuletzt der Ruhr-Uni zu verdanken, dass es seit langer Zeit mal wieder einen leichten Anstieg der Einwohnerzahlen erleben durfte. Die Versuche, den Hochschulstandort auch international ohne albernes Getue zu bewerben, sind zwar bisher eher unglücklich. Aber hier besitzt das Ruhrgebiet tatsächlich Potential und könnte damit sogar den demographischen Wandel leicht abfedern.

Das Ruhrgebiet wird kein junger Hipster mehr. Aber eine fluchende alte Oma, die nach Zigaretten und Bier stinkt und dabei Adorno zitiert, ist im Grunde doch eh viel cooler.

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