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50 Jahre Punk: „I belong to the Blank Generation“

Richard Hell and the Voidoids Foto: Distributed by Sire Records Lizenz: Gemeinfrei


Heute vor 50 Jahren, am 31. März 1974, betraten Tom Verlaine und Richard Hell zusammen mit ihrer Band Television die Bühne des New Yorker Clubs CBGB. Die wenigen Zuhörer erlebten, ohne es zu ahnen, die Geburtsstunde des Punks. 

Seine Erfolglosigkeit ließ den von Hilly Kristal 1970 als Hilly’s on the Bowery gegründete und 1973 zum CBGB, das Kürzel stand für Country, Bluegrass, Blues, umbenannten Club zum Geburtsort des Punks werden. Die Mitglieder der Band Television waren Anfang 1974 auf der Suche nach einem Club, in dem sie auftreten konnten. Sie hatten das CBGBs entdeckt und Kristal dazu gebracht, der Band die Bühne zu überlassen. Viel zu verlieren hatte er nicht. Im März fand dann vor wenigen Zuschauern der erste Auftritt statt.

Bei Television bestimmten die Gitarren den Sound, der seine Wurzeln in den 60er Jahren und im Jazz hatte. Was heute nicht spektakulär klingt, war in dieser Zeit außergewöhnlich. Die Zeiten von Bands wie den Beatles, den Kinks, The Who oder den Rolling Stones waren vorbei. Rockmusik war eine Materialschlacht geworden. Gruppen wie Yes, Emerson Lake and Palmer und Pink Floyd waren Virtuosen an ihren Instrumenten, setzten auf moderne und teure Technik und hatten Stücke geschrieben, die mehr an italienische Opern als an Rock´n´Roll, Rhythm and Blues oder Mersey Beat erinnerten. Kein Fan wäre auf die Idee gekommen, nach einem Yes-Konzert eine Band zu gründen und seinen Vorbildern nachzueifern, wie es noch in den 60er Jahren üblich war. Die Rockmusik der 70er war imposant, einschüchternd und hatte sich von der Lebenswirklichkeit vieler Jugendlicher entfernt. Auf den Konzertbühnen dieser Zeit war vor allem aufgeblasene Hippiescheiße zu sehen und zu hören. Und es gab immer mehr Kids, die das langweilte.

Tom Verlaine und Richard Hell waren zwei von ihnen. Verlaine hatte eine Liebe zur Folkmusik und zum Jazz. Er schrieb, war in erster Linie aber Musiker. Hell sah sich als Schriftsteller, hatte aber keine Lust mehr, seine Texte in Kleinstauflagen drucken zu lassen, die eh kaum einer las.

 

„I remember, how the darkness doubled“
Marque Moon, Television

Als Television im März 1974 die Bühne des CBGBs betraten, spielten sie wohl auch ein von Richard Hell geschriebenes Stück, das die Gefühle vieler ihrer Altersgenossen wiedergab: Blank Generation. „I was sayin let me out of here, before I was even born“ sang Hell und das war um einiges radikaler als John Lydons „No Future“ über ein Jahr später. Für die Sex Pistols war klar, dass es keine Zukunft gab. Hell wollte nicht einmal auf diesem Planeten sein. Das Stück war das Vorbild für „Pretty Vacant“ von den Pistols. In einer gerechten Welt wäre es der Soundtrack einer ganzen Ära geworden.

Television spielte einmal in der Woche im CBGBs. Bald trat auch Patti Smith dort auf, die damals die Freundin von Tom Verlaine war. Andere Bands folgten. Sie spielten auf einer kleinen Bühne vor einem Publikum, das vor allem aus Bekannten und anderen Musikern bestand und in dem man sich per Handschlag begrüßen konnte. Diese Bands waren unter anderem die Ramones, Blondie, die Talking Heads und die von Kristal gemanagten Dead Boys. Eine kritische Masse war zusammengekommen.

Im Publikum war oft auch ein obskurer, rothaariger Engländer, der die New York Dolls managte: Malcom McLaren, der Erfinder der Sex Pistols. Zu den Stammgästen des CBGBs gehörte auch Lou Reed, einer der Gründer von Velvet Underground. Velvet Underground gehörte für viele, die im CBGBs auftraten zu den großen Vorbildern.

 

„Taste the whip of shiny, shiny leather“
Venus in Furs, Velvet Underground

Das wichtigste Album von Velvet Underground erschien am 12. März 1967 und hieß „The Velvet Underground & Nico“. Auf dem Cover war eine von Andy Warhol entworfene Banane zu sehen. Er war anfangs der Mentor der Band, aus seiner Factory heraus wurde sie gemanagt.  The Velvet Underground & Nico war ein Tritt in die Kniekehlen der Hippies, die in dieser Zeit langsam begannen, immer stärker Einfluss auf die Popkultur zu nehmen. Auf der Platte war nichts bunt und gut: Venus in Furs war eine Hymne auf den Sadomasochismus, Heroin machte Lust darauf, sich eine Spritze in den Arm zu rammen und Waiting for my Man“ beschrieb die Lästigkeiten, die man beim Drogenkauf über sich ergehen lassen musste. Selbst das zuckersüß daherkommende Sunday Morning war nichts anderes als ein Loblied auf den Nihilismus. Nicos kalte Stimme, John Cales brutale Geigenklänge und Lou Reeds lakonische Gitarre schlugen den Sommer der Liebe zu Brei, bevor er begonnen hatte. Das Album stürmte nicht die Charts, aber die Band gewann Hörer auf der ganzen Welt: Tschechische Dissidenten um den späteren Präsidenten Vaclav Havel gehörten ebenso dazu wie New Yorker Junkies oder Musiker wie Iggy Pop, die Grenzen überschreiten wollten und bereit zu einer neuen musikalischen und textlichen Härte waren.

 

 

Zwei Jahre später produzierte John Cale das erste Album von Iggy and The Stooges und statt „Ich liebe Dich“ sang Iggy „I Wann be your Dog“. Auf Konzerten wälzte er sich in den Scherben von auf die Bühne geworfenen Bierflaschen. Auch Bands wie MC5 waren dabei, den Rock´n´Roll neu zu erfinden. Aber die Zeit war noch nicht reif. Sie alle fanden begeisterte Anhänger, aber ihre Zahl hielt sich in Grenzen.

„I was sayin let me out of here, before I was even born“
Blank Generation, Richard Hell

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs setzte der größte Wirtschaftsaufschwung der Geschichte ein. Vor allem in den westlichen Staaten explodierte der Wohlstand: Kühlschränke, Autos und Fernseher gehörten bald zur Standardausstattung der meisten Haushalte. Immer mehr Familien konnten sich auch ein eigenes Haus in den schnell wachsenden Vorstädten leisten und ließen die Innenstädte hinter sich, die nach und nach verfielen und den Menschen überlassen wurden, die es sich nicht leisten konnten, wegzuziehen: Schwarze, Junkies und Kleinkriminelle. Auch junge Künstler zog es in Städte wie New York, London und auch Berlin, denn der Wohnraum war zwar heruntergekommen, aber günstig. Und man fand schnell Anschluss an Gleichgesinnte.

Die Stimmung in der Gesellschaft war optimistisch. Seit Jahrzehnten war es aufwärts gegangen, trotz der Bedrohung der Atomwaffen und des Vietnamkriegs. Das änderte sich 1973 mit der ersten Ölkrise: Nachdem die arabischen Staaten den von ihnen begonnen Jom-Kippur-Krieg gegen Israel verloren hatten, begannen sie ihre Erdölproduktion zu drosseln. Die Energiepreise explodierten, die Wirtschaft brach ein. Seit den 30er Jahren hatte es eine Krise in dieser Größe nicht mehr gegeben. Die Arbeitslosigkeit stieg und die Zukunft sah nun auch für viele Jugendliche nicht mehr gut aus. Wenn Richard Hell sang, dass er zur „Blank Generation“ gehört und John Lydon „No Future“ von der Bühne schrie, drückten sie damit ein um sich greifendes Lebensgefühl aus.

Nicht alle träumten davon, zur Mittelschicht zu gehören, aber auch denen die es taten wurde zunehmend klar, dass niemand dort auf sie gewartet hatte. Das Ergebnis war eine Mischung aus Wut, Zynismus und Trotz. Und ein ästhetischer Gegenschlag: Punk. Wenn man kein Geld für teure Instrumente hatte, nahm man nun billige oder gar keine: Auch eine Metallplatte war ein gutes Schlaginstrument, eine billige Kinderorgel ein Ersatz für unbezahlbare Synthesizer und eine gebrauchte, alte Gitarre reichte aus, die paar Akkorde zu spielen die man für ein Stück brauchte, um seine Wut zu zeigen. Man hatte keine Chance, bei den Großen mitzuspielen? Egal, es gab genug Möglichkeiten der Welt zu zeigen, was man denkt und die wurden nun genutzt: Do it Yourself war der Grundgedanke des Punks und das galt nicht nur für die Musik: T-Shirts ließen sich zerschneiden und mit Slogans beschreiben, Zeitungen am Küchentisch mit Klebstoff und Schere zusammenbasteln. Die Idee des Fanzines war geboren und das erste gab dem, was da langsam zu einer Bewegung wurde, seinen Namen: Das Punk-Magazin schrieb über die ganzen neuen, aufregenden Bands die erst im CBGBs und dann in anderen New Yorker Clubs wie dem Max’s Kansas City auftraten.

Es war diese Haltung, weniger die Musik und der intellektuelle Hintergrund der Künstler, die die Bands miteinander verbanden. Die Dead Boys spielten 1,2,3,4-Punk, die Ramones auch, aber sie brachten ihn mit Ironie und führten das klassische Punk-Riff in die Musik ein. Television und seine Abspaltungen wie die Heartbreakers und Richard Hell and the Voidoids standen immer in der Tradition von Velvet Underground. Blondie hingegen setzte auf variantenreiche Popelemente, war aber natürlich eine Punkband:

 

Die Talking Heads bedienten sich in der Kulturgeschichte und schrieben mit „Zimbra“ ein Stück mit einem bruistischen Text. Suicide mit Alan Vega und streckenweise auch Johnny Thunders traten mit ihrem urbanen Totengräber-Sound, der eine Mischung aus Minimal Elektro und Rockabilly war, dunkle Reisen durch Liebeskummer, Depressionen und die undurchschaubare Wüste verfallener Städte an.

Ob Clubchef Hilly Kristal, Richard Hell, Joey Ramone, Tommy Ramone, Chris Stein (Blondie) oder Lou Reed – in der CBGB-Szene spielten Juden eine große Rolle. Immer wieder gab es, wie später auch in Großbritannien, Auseinandersetzungen. Viele Punks der ersten Stunde waren begeisterte Hakenkreuzträger. Nicht immer wussten sie, was es bedeutet. Bei jemandem wie Sid Vicious, der beim Memory gegen jede Fruchtfliege verloren hätte, kann man kein historisches Wissen voraussetzen. Viele nutzten das Hakenkreuz als das ultimative Zeichen des Bösen zur Provokation: Die Generation, die im zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft hatte, war damals in ihren besten Jahren. Und sie hatte gegen Hakenkreuzträger mit hohen Verlusten gekämpft und KZs befreit. Und es ging auch nicht nur um Tabubruch: Siouxsie, die Sängerin von Siouxsie and the Banshees, sagte einmal in einem britischen Club beim Blick ins Publikum „Too many Jews for my liking“. Von der  Journalistin Julie Burchill wurde sie dafür in einem Artikel im New Musical Express vollkommen zurecht ungespitzt in den Boden gerammt. Das Hakenkreuz war auch damals nie nur eine vermeintlich harmlose und geschmacklose Provokation. Wie Man sollte nicht viel auf das Geschwätz geben, es hätte nichts mit Nazis und Antisemitismus zu tun. Viele Juden aus der Szene setzten sich wie Richard Hell erst Jahre später öffentlich mit ihrem Judentum auseinander.  Und dafür gab es gute Gründe.

 

„Don’t know what I want, but I know how to get it“
Anarchy in the UK, Sex Pistols

Malcom McLaren hatte als Manager der New York Dolls die Szene um das CBGBs kennen gelernt. Zurück in London machte er sich daran, sie zu kopieren und auf die englischen Verhältnisse anzupassen. Aus Kids, die sich um Umfeld der Fetisch- und Lederboutique „Sex“ bewegten, die er gemeinsam mit seiner Partnerin Vivienne Westwood betrieb, schuf er die wohl einflussreichste Retortenband aller Zeiten: Die Sex Pistols. Ein Album, „Never mind the Bollocks, here´s the Sex Pistols“ mit zwölf Stücken, zehn davon hatte Glen Matlock, der Bassist der Band, geschrieben und der markante Gesang von John „Johnny Rotten“ Lydon reichten zusammen mit geschickten Marketingaktionen wie provozierten Festnahmen durch die Polizei und damals Grenzen überschreitenden Talk Show Auftritten aus, die Band und Punk weltweit bekannt zu machen. Und dafür zu sorgen, dass bis heute viele der Ansicht sind, er käme aus England und die erste Punk Band seien die Sex Pistols gewesen. Beides war Unsinn. Was die Pistols allerdings schafften war, viele Kids dazu zu bewegen, eigene Bands zu gründen. Nach Auftritten des Pistols entstanden unter anderem Joy Division, die Buzzcocks und Mark E. Smiths The Fall. Sie lösten eine Explosion aus, die den Weg für Bands wie The Clash, The Stranglers, Wire und Hunderte andere ebnete.

 

 

In New York schauten sie damals mit Verwunderung nach Großbritannien:

„Ich dachte nur: „Hey, Moment mal! Das hier hat aber nichts mit Punk zu tun – eine Stachelfrisur und Sicherheitsnadeln?“, wird Legs Mcneil in „Please kill me“ zitiert „Was soll diese Scheiße?“ Ich meine, immerhin waren wir das PunkMagazin. . (…) Aber dann kam die Antwort zurück: „Oh, ich glaube, du hast da irgendwas nicht kapiert. Punk begann in England. Weißt du, dort lebt jeder von der Stütze, und dort haben wirklich alle allen Grund zu klagen. Dort richtet sich der Punk gegen die Klassengesellschaft und gegen das wirtschaftliche System, bla, bla, bla.“ Also fragte ich sie: „Ja und was zum Teufel hat Malcolm McLaren gemacht, indem er rumhing und die New York Dolls gemanagt und sich Richard Hell im CBGB’s angeschaut hat?“ Aber gegen die beiden Metaphern Sicherheitsnadeln und Stachelfrisuren konnte man natürlich schlecht ankämpfen.“

Doch wie auch in den USA war Punk in Großbritannien musikalisch ungeheuer vielfältig. Man konnte ihn nicht auf Sicherheitsnadeln und Stachelfrisuren reduzieren. Beides stand für Bands wie die Pistols, The Damned oder Sham69. Aber zeitgleich gab es auch Wire, Madness, die Neomods von The Jam mit Paul Weller, die Buzzcocks mit ihren wunderbar zynischen Texten, denen man immer ihre Liebe zu den Beatles anhörte und The Fall, die im Kern nur aus Mark E. Smith bestanden (Smith: „If it´s me and your Granny at the Bongos, it´s still The Fall“) und zwischen 1976 und 2018, dem Jahr als Smith starb, 88 Alben veröffentlichten, die im Kern ein Thema in unendlich vielen Versionen variierten. Sie waren die Lieblingsband von John Peel, der mit seiner auch über den britischen Soldatensender BFBS ausgestrahlten John Peel Show prägend für den Musikgeschmack in Nordrhein-Westfalen war. Mit „Always different, always the same“ brachte er den Charakter des Werks von Mark E. Smith auf den Punkt. Joy Division schafften es mit den beiden Alben Unknown Pleasures (1979) und Closer (1980) Einsamkeit und Verzweiflung auf eine nie zuvor gekannte Weise zu vertonen. Bands wie die ironischen und humorvollen The Cure erreichen bis heute ein Millionenpublikum und wenn man etwas Gutes über The Smith sagen möchte, dann dass sie es immerhin schafften, dass einige pubertierende Gymnasiastinnen ihre lächerlichen bunten Benetton-Pullover gegen schwarze T-Shirts austauschten, so dass ihnen eine Jugend im Clownskostüm erspart blieb.

 

„We can fuck forever, but you will never get my soul“
Sex Beat, Gun Club

Mit Punk ging es so schnell zu Ende wie es begonnen hatte. 1974 begann es im CBGBs, irgendwann 1977 oder 1978 war es schon wieder vorbei. Was kein Problem war, denn wie ein giftiger Pilz hatte er seine Sporen um die ganze Welt verteilt. Unmengen an Musikstilen haben ihre Wurzeln auch im Punk. Wäre Techno denkbar ohne DAF? Hätte es ohne ihn jemals eine Band wie Gun Club gegeben?

Oasis? Birthday Party? Violent Femmes? Monochrome Set? Die Cramps? Die Wurzeln von Nick Cave liegen ebenso im Punk wie die von F.S.K. und Jesus and the Mary Chain. Ein Blick auf das aktuelle Line Up von Rock am Ring zeigt den Einfluss, den Punk bis heute auf die Popkultur hat: Die Ärzte, Descendents, Green Day, Sondaschule, Kraftklub und viele andere die dort im Sommer spielen werden, haben ihre Wurzeln im Punk.

Und auch alles, was man unter dem Begriff „Indie“ zusammenfassen kann, blickt auf eine Geschichte zurück, die 1974 im CBGBs begann. Und es ist ja nicht nur die Musik, die sich in den vergangenen fünfzig Jahren radikal verändert hat: Fanzines nahmen Einfluss auf die Medienszene und fanden 25 Jahre nach der Gründung des Punk-Magazins in Blogs neue, digitalen Nachfahren. Punk, das hieß immer vor allem, etwas mit einfachen Mitteln selbst machen, sich auch im Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit in die Öffentlichkeit zu begeben und den Mund aufzumachen. Und wenn man am Anfang nur ein paar Dutzend Leser hat, ist das vollkommen ok. Television hatte 1974 im CBGBs auch nicht mehr Zuschauer.

Punk veränderte aber auch die Musikindustrie: Nicht alle Bands bekamen Verträge bei großen Plattenfirmen und einige hatten daran auch kein Interesse. Labels wie Mute, Epitaph, Rough Trade, SST oder Ata Tak, L’age d’or oder Zickzack boten vielen eine Chance Platten zu machen und sind zum Teil bis heute international erfolgreich.

Punk prägt seit 50 Jahren die Popkultur und damit die Kultur in und mit der wir leben. Er sorgt bis heute dafür, dass Kids sich aus einem reichhaltigen Schatz an Musik, Symbolen und Erfahrungen bedienen können und das nicht nur, wenn sie ihre Wut und ihre Enttäuschung herausschreien wollen, sondern wenn sie ihren Ärger in Energie verwandeln wollen.

Was wir heute sehen, hat mit dem ursprünglichen Punk nichts zu tun, denn seine kurze Ära reichte nicht einmal bis in die 80er Jahren. Seine Bösartigkeit, die Brutalität, der Zynismus und die Härte sind heute vielen fremd. Das ist ohne Zweifel schade, denn all das machte seinen Charme aus und unterschied Punks von Hippies. Denn was John Lydon einst sagte, hat nichts an seiner Wahrheit verloren: Der Feind ist immer ein Hippie.

Wir sehen heute nur noch die Folgen der Punk-Explosion. Haltungen und Ideen, die sich wie Chamäleons ihrer Umgebung anpassen. Eine Iranerin, die einem Mullah die Windel vom Kopf reißt, steht ebenso, wie ein junger Russe, der ein Rekrutierungsbüro in Flammen aufgehen lässt, ein Junge der mit wütenden und verzweifelten Gitarrenriffs dem Mädchen aus der Parallelklasse hinterherschreit, dass ihn verlassen hat und ein Chinese, der im Netz anonym schmutzige Witze über Xi Jinping teilt in seiner Tradition. Sie werden oft nicht wissen, dass es einmal einen Club in Brooklyn gab, der CBGBs hieß, haben wahrscheinlich noch nie von Tom Verlaine oder Richard Hell gehört, erschrecken sich vielleicht, wenn sie die harten Riffs von 1,2XU hören. Aber sie alle haben ihre Lethargie, Wut und Verzweiflung überwunden und sind nicht mehr Opfer, sondern haben sich entschieden, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie warten nicht darauf, befreit zu werden, sie nehmen sich die Freiheit, auch wenn das ihr Ende bedeuten könnte.

 

„And no place to hide“
30 Seconds over Tokyo

Ob in Glastonbury, dem Isle Of Wight Festival oder bei Coachella Valley Music and Arts: Im vergangenen Jahr konnte man auf vielen Bühnen die Zusammenarbeit zweier historischer Persönlichkeiten des Punks erleben: Blondie hatte Glen Matlock gebeten, sie als Bassist den Festivalsommer über zu begleiten: Die Band aus der Ursuppe des CBGBs mit Sängerin Debbie Harry zusammen auf der Bühne mit dem ehemaligen Bassisten der Sex Pistols, der alle Hits der Band wie „God Save the Queen“, „Anarchy in the UK“ oder „Pretty Vacant“ geschrieben hatte, lieferten souveräne Shows ab.

 

Debbie Harry zeigt auch jenseits ihrer Arbeit als Kopf von Blondie, dass sie bis heute eng mit der Szene verbunden ist: Gemeinsam mit Nick Cave und Dave Gahan (Depeche Mode) nahm sie im Rahmen des The Jeffrey Lee Pierce Sessions Projects Duette von Stücken von Jeffrey Lee Pierce auf, der, bevor er Gun Club gründete, Vorsitzender eines Blondie-Fanclubs war.

Peter Hein und Kurt Dahlke, der Pyrolator, touren immer noch mit den Fehlfarben durch die Clubs der Republik. Darüber hinaus hat Dahlke mit der Produktion von 250 Alben die deutsche Musikszene der letzten Jahrzehnte so stark geprägt wie kaum ein anderer.

John Lydon war mit PIL erst 2023 auf Tour. Auch ein neues Album hat die Band im vergangenen Jahr veröffentlicht. Richard Hell arbeitet seit vielen Jahren als Schriftsteller.

John Cale, der Mitgründer von Velvet Underground, hat ebenfalls 2023 ein neues Album herausgebracht. Als Produzent arbeitete er auch mit der  deutschen Band Element of Crime zusammen. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 führte er in Essen seine Komposition „Dyddiau Du – Dunkle Tage“ auf. Und die Feelies, die noch in den 70ern zur zweiten Welle der Bands gehörten, die das CBGB zu einem Zentrum der Popkultur machten, haben im vergangenen Jahr das Album „The Velvet Underground and Nico“ gecovert.

 

„I still hear your voice at night“
Close Watch, John Cale

Die jüngsten Punks der ersten Stunde sind heute um die 70. Viele von ihnen erreichten allerdings dieses Alter nicht. Leben, die zumindest über Jahre hinweg von Exzessen geprägt waren, forderten ihren Tribut. Und natürlich hatten einige auch einfach Pech: Stiv Bators, der Frontmann der Dead Boys, hatte, nachdem er von einem Auto angefahren worden war, keine Lust, lange in der Notaufnahme auf den Arzt zu warten. Er starb 1990 in Paris in der Nacht nach dem Unfall an einer Hirnblutung.

Johnny Thunders (New York Dolls), Sid Vicous (Sex Pistols) und Dee Dee Ramone starben an Überdosen. Von den anderen Ramones lebt heute keiner mehr: Joey, Tommy und Johnny Ramone verloren den Kampf gegen den Krebs.  Tom Verlaine (Television) verließ uns 2023. Anton Fier, der Schlagzeuger der Feelies, 2022. Von Velvet Underground, der Band, die Punk entscheidend prägte, sind Lou Reed, Nico und Sterling Morrison tot.  New York Dolls- und Sex Pistols-Manager Malcom Mclaren starb 2010. Mark E. Smith (The Fall) ging im Jahr 2018. Alan Vega (Suicide) 2016, Joe Strummer (Clash) 2002 und Jet Black (Stranglers) 2022.

Auch in Deutschland war der Schnitter unterwegs: Tommy Stumpff (KFC), Xaõ Seffcheque (Family 5), Gabi Delgado-López (DAF), Frank Z. (Abwärts) und Christian Haas (Der Plan) sind  nicht mehr unter uns. Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen. Nur in ihrer Musik, in Filmen und Videos und in den Büchern von Jürgen Teipel, Gillian McCain, John Robb, Legs McNeil und Jon Savage und vielen anderen sind sie noch lebendig.

 

„Bücher waren mir wahnsinnig wichtig“
John Lydon, Anger is an Energy

Ob Richard Hell, Patti Smith oder John Lydon: Für viele Punks gehörten und gehören Bücher zum Alltag. Tom Verlaine, sein Künstlername ist eine Verbeugung vor dem französischen Dichter Paul Verlaine,  besaß eine Bibliothek mit 50.000 Bänden. Und zahlreiche Bücher zeichnen längst ihre Lebenswege und die Geschichte des Punks nach. Aus dem breiten Angebot ragen einige Werke heraus:

Gillian McCain und Legs McNeil: Please kill me
Zahlreiche Protagonisten der frühen Punk-Szene in Interviews darüber, wie alles in den 60ern mit Velvet Underground begann und schließlich Ende der 70er endete. (Bestellen bei Amazon)

Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend
Die frühen Punks aus Düsseldorf, Berlin und Hamburg beschreiben die Anfänge der Szene in Deutschland. (Bestellen bei Amazon)

Jon Savage: Englands Dreamin´
Punkhistorisches Standardwerk über die Punk-Szene ist England. (Bestellen bei Amazon)

Steven Lee Beeber: The Heebie-Jeebie’s at CBGB’s
Die jüdischen Wurzeln des Punk. (Bestellen bei Amazon)

Julie Burchill: Verdammt, ich hatte recht!
Als für Punk zuständige Reporterin des New Musical Express, die mit der Musik nichts anfangen konnte, berichtet Burchill in ihrer Biografie auch über die Punk-Explosion in Großbritannien. (Bestellen bei Amazon)

Debbie Harry: Face it
Die Blondie-Sängerin war von Anfang an dabei – und ist bis heute eine Punkerin geblieben. (Bestellen bei Amazon)

Richard Hell: Blank Generation
Biografie des Mannes, der den Punk erfand und heute als Schriftsteller arbeitet. (Bestellen bei Amazon)

John Lydon: Anger is an Energy
Die Biografie des Sex Pistols Sänger gibt auch einen Einblick in die Entstehung der Band. Zudem gibt es ausführliche Empfehlungen zur Zahnpflege.  (Bestellen bei Amazon)

John Robb: Punk Rock
Als „Oral History“ hat Robb erstmals die komplette Geschichte des britischen Punk vorgelegt – erzählt von den wichtigsten Zeitzeugen. (Bestellen bei Amazon)

 

Und natürlich hat Richard Hell das letzte Wort:

„Mir wurde nachgesagt, Nihilist und Solipsist zu sein, Begriffe, die ich nachschlagen musste. Es bedeutet, dass jemand absolut eigennützig ist, hahaha. Das finde ich nur recht und billig.“

Der Artikel erschien bereits im Februar 2024

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Oberbarmen
Oberbarmen
2 Monate zuvor

Punk? Links zu Amazon? Echt jetzt? Babylon by SUV ? Oder um es mit den Residents zu sagen – ignorance of your own values is not considered cool…
Sorry für die Korinthen, ansonsten eine würdige Gedenkminute, Herr Laurin!

 

vormals SvG
vormals SvG
2 Monate zuvor

Ach, lieber Oberbarmen, kennen Sie wirklich etwas spießigeres als recht geschlossene, sich selbts als alternativ, progressiv oder sontwie -iv nennende soziale Gruppierungen?

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