Antisemitismus und Gewalt: Die Rückkehr der autoritären Kadergruppen

Anti-Israel-Demo am 7.10.2024 in Essen Foto (Symbolbild): Roland W. Waniek


In Deutschland sind in den vergangenen Jahren neue kommunistische Jugendgruppen entstanden, die sich betont kämpferisch, diszipliniert und revolutionär inszenieren. Namen wie „Young Struggle“ oder „Rote Jugend Deutschland“ stehen für eine Szene, die ästhetisch und ideologisch an stalinistische und maoistische Traditionen anknüpft – und damit an ein Politikverständnis, das mit demokratischer Aushandlung wenig zu tun hat.

Eine aktuelle Handreichung des Projekts „MAAP – Monitoring und Analyse antisemitischer Protestdynamiken“ beschreibt diese Gruppen als klar hierarchisch organisiert, mit einem ausgeprägten Kaderprinzip und einem autoritären Selbstverständnis. Ziel sei es, gezielt junge Menschen anzusprechen, sich überregional zu vernetzen und gesellschaftliche Krisenlagen für Mobilisierung und Rekrutierung zu nutzen.

Zentral für diese Milieus ist ein radikaler Antizionismus. Israel wird nicht als legitimer Staat anerkannt, sondern als Feindbild konstruiert. In diesem Weltbild finden sich auch Solidaritätsbekundungen mit Organisationen wie Hamas oder der PFLP sowie die Verharmlosung oder Rechtfertigung des 7. Oktober 2023.

Antisemitismus ist dabei kein Randphänomen, sondern Teil der ideologischen Grundlage. Er erscheint nicht immer offen, wird aber über antiimperialistische Narrative transportiert und politisch funktionalisiert.

Auffällig ist die Form der Selbstdarstellung. Kampfsport, uniforme Kleidung, choreografierte Auftritte und ein bewusst martialisches Auftreten prägen das Bild dieser Gruppen. Auf Demonstrationen suchen sie gezielt die Konfrontation, setzen auf Störaktionen und Inszenierungen, die vor allem eines sollen: Aufmerksamkeit erzeugen, Stärke demonstrieren und einschüchtern.

Die politische Botschaft wird dabei nicht nur über Inhalte, sondern über Körpersprache und Ästhetik vermittelt – ein Stil, der eher an Kaderorganisationen als an offene politische Bewegungen erinnert.

Die Gruppen agieren selten isoliert. Stattdessen versuchen sie, sich an bestehende Bündnisse und Proteste anzudocken und diese für eigene Zwecke zu nutzen. Besonders bei antiisraelischen Demonstrationen entstehen dabei auch Allianzen mit islamistischen oder nationalistischen Akteuren.

Die Handreichung kommt zu dem Schluss, dass diese Gruppen demokratische Bewegungen nicht stärken, sondern unterlaufen. Ihr Ziel sei nicht die Erweiterung von Debatten, sondern die Durchsetzung eines geschlossenen, ideologisch fixierten Weltbilds.

Die Autoren plädieren für klare Grenzziehungen. Medien, politische Bildung und zivilgesellschaftliche Akteure sollten autoritäre und antisemitische Gruppierungen weder verharmlosen noch ihnen unkritisch Räume bieten. Gleichzeitig brauche es Angebote für junge Menschen, die Zugehörigkeit, Orientierung und politische Wirksamkeit ermöglichen, ohne autoritäre Muster zu reproduzieren.

Denn der Erfolg dieser Gruppen speist sich nicht zuletzt aus einem Bedürfnis: nach Klarheit, Gemeinschaft und Handlungsfähigkeit. Wenn demokratische Strukturen darauf keine überzeugenden Antworten geben, gewinnen autoritäre Alternativen an Attraktivität.

„MAAP – Monitoring und Analyse antisemitischer Protestdynamiken“ ist ein Projekt von democ. Für die Inhalte sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich. Gefördert wird das Projekt durch den Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus auf Grundlage eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

PDF: Die Erben Stalins – Autoritarismus und Antisemitismus bei neuen kommunistischen Jugendgruppen

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