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Auschwitz und Grundgesetz

Deutsche Soldaten stellen die Zerstörung eines polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach, 1. September 1939 Lizenz: Gemeinfrei

Vor 80 Jahren überfiel mein Land Polen und begann den zweiten Weltkrieg an dessen Ende über 60 Millionen Menschen gewaltsam zu Tode gekommen waren.

Ich (Jahrgang 1961) wuchs in einem Elternhaus auf, das sehr konservativ war. Mein Vater hatte selbst ab seinem 16. Lebensjahr an diesem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte teilnehmen müssen. Auf der Seite der Verbrecher.

Es stand bei allen superkonservativen, teilweise atavistischen Gesellschaftsvorstellungen meines Vaters eines nie in Frage: Auschwitz darf sich nicht wiederholen. Kommunismus ist böse, aber der Faschismus ist das absolute, unaufhellbare Böse.

Irgendwann zwischen meinem 15. und 17. Geburtstag waren die Widersprüche in der Weltvorstellung meines Vaters für mich nicht mehr auflösbar, und ich verabschiedete mich von der wohligen Wärme eines geschlossen konservativen Weltbildes.

Aber dass der Faschismus das absolute, unaufhellbar Böse ist: diese Vorstellung war die Prämisse, unter der ich seither meine politischen Entscheidungen treffe. Dass Auschwitz nicht wieder passieren darf, das muss – und das wusste ich, bevor ich Adornos klassisches Statement kannte – Basis dieses Landes und seiner Verfassung bleiben. Mit Menschen, die diesen Satz für falsch halten, werde ich keine gemeinsame Basis finden. Nie. Und meines Erachtens nach ist schon der Versuch strafbar! Man hat die ethische Pflicht, auch unter dieser Prämisse alles andere zu beurteilen.

Unter dieser Prämisse beurteilte ich die eskapistische Verantwortungslosigkeit der 80er, die Indifferenz Kohls gegenüber der rassistischen Mordserie in den 90ern, den mit offenen Augen der faschistischen Propaganda Futter zuwerfenden Neoliberalismus der Ära Schröder/Merkel, die widerwärtige Rhetorik breiter Kreise des Bürgertums gegenüber Flüchtenden, die Zerstörung der Umwelt, die irgendwann die Begründung für eine diktatorische Lösung der Krise bringen wird, wenn sie erst lange genug ignoriert wurde.

Über all diese Fragen kann man diskutieren, sie anders bewerten, gewichten, einordnen. Was man nicht darf: den Blickwinkel vergessen, dass all diese Phänomene auch Bausteine sind, mit denen die Öfen von Auschwitz wieder errichtet werden können – und dass es Menschen gibt, die genau das vorhaben.

Die Opfer des deutschen Faschismus in Polen und wo auch immer mögen uns nicht verzeihen können. Wer will es ihnen verdenken. Was wir UNS nie verzeihen DÜRFEN: Dass es ein Auschwitz brauchte, um zu unserer Verfassung zu gelangen.

Was niemals passieren darf: Dass wir sie nicht ausreichend verteidigen, obwohl wir wissen, dass Auschwitz war und sein kann.

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