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Bilder aus der Zeit, bevor der Islamismus alles zerstörte

Mersin, Südtürkei. Frühe Vierzigerjahre


Der Schweizer Rechtsanwalt Emrah Erken erinnert mit seiner Facebookgruppe “Before Sharia Spoiled Everything” daran, dass es in heute vom Islamismus geprägten Ländern wie der Türkei oder Ägypten einmal eine Zeit gab, in der viele Menschen freier lebten als heute und man im Straßenbild sehen konnte, wie wichtig ihnen  Individualismus und Emanzipation waren.

Ruhrbarone: Warum hast Du die FB-Gruppe “Before Sharia Spoiled Everything” gegründet?

Emrah Erken: In der Gruppe, die ich mit meinem guten Freund Ahmet R. Dener betreue, werden in erster Linie alte Fotos gepostet, die säkulares Leben in Ländern mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten zeigen und zwar in einem Zeitraum von circa Mitte der Zwanzigerjahre bis Anfang der Achtzigerjahre. Im genannten Zeitraum gab es in Staaten wie der Türkei, dem Iran, Irak, Ägypten, Afghanistan und anderswo einzigartige säkulare Kulturen und Subkulturen, die heute leider entweder vollständig verschwunden sind oder die seit Ende der Siebzigerjahre zumindest stark zurückgedrängt wurden. Da diese Gesellschaften Europäern weitestgehend unbekannt sind, verfolgt die Gruppe damit zunächst einmal einen informativen Zweck. Die Adressaten der Gruppe sind also vor allem Europäer.

Ich habe diese Gruppe ferner ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass es uns gab und immer noch gibt. Dies entspricht einem Urbedürfnis von uns säkularen Menschen aus der islamischen Welt, womit ich anderen, die ähnlich denken wie ich, eine Möglichkeit geben wollte, sich zu artikulieren. Die meisten von uns sind frustriert darüber, dass sich die heutige Politik in Europa vor allem den Scharia-Muslimen zuwendet, obwohl wir die besser integrierten Einwanderer sind. Damit wollte ich uns gegenüber unseren Einwanderungsgesellschaften zu erkennen geben.

Emrah Erkens Großmutter zu Beginn der 40er Jahre

Andererseits soll die Seite islamkritisch sein, was aus dem Gruppennamen deutlich wird. Islamkritik findet in dieser Gruppe allerdings in erster Linie statt, indem das Licht auf den Scharia-Islam und die Scharia-Muslime mehr oder weniger komplett ausgeblendet und stattdessen säkulare Normalität gezeigt wird, die durch den Scharia-Islam gestört oder zerstört wurde. Damit wird illustriert, wie verletzlich unsere Freiheiten und unsere aufgeklärte Gesellschaft, die wir für selbstverständlich halten, gegenüber dieser totalitären Ideologie sind.

Ein weiteres wichtiges Ziel, das ich mit der Gruppe erreichen möchte ist, dass sich Europäer, die sich diese Fotos ansehen, auf den Bildern gewissermaßen wiedererkennen. Immer wieder lese ich Kommentare wie “Diese Menschen sehen ja genauso aus wie wir in der damaligen Zeit.” Genau solche Assoziationen wollte ich mit dieser Facebook-Gruppe auslösen. Europäer sollen sich mit uns identifizieren, uns sympathisch finden und sich mit uns solidarisieren. Bilder von Atatürk, dem Schah und von anderen Staatsoberhäuptern sind in der Gruppe deshalb ausdrücklich nicht erwünscht, weil bei diesen Persönlichkeiten die von mir gesuchte Identifizierungsmöglichkeit fehlt. Mit dieser Gruppe will ich damit auch Rassismus und stereotype Betrachtungsweisen bekämpfen, indem ich eine gewisse Augenhöhe zwischen Europäern und Menschen schaffe, die zuvor pauschal als “Muslime” bezeichnet wurden.

Eines der wichtigsten Ziele, das ich mit dieser Gruppe erreichen will ist, dass das weit verbreitete Narrativ, wonach der Säkularismus in der muslimischen Welt nur eine privilegierte Elite betroffen habe respektive betreffe, zerstört wird. Deshalb poste ich am liebsten kopftuchfreie Bauernmädchen vom Lande, Fabrikarbeiterinnen und andere ganz gewöhnliche Bürger.

Wir wird die Gruppe angenommen?

Überwiegend positiv. Insbesondere Menschen wie ich fühlen sich endlich repräsentiert. Ich wollte mit dieser Gruppe die Menschen auf einer emotionalen Ebene ansprechen und ich denke, dass uns das gelungen ist. Die Solidarität, die uns Menschen aus Europa entgegenbringen, ist sehr schön und bewegend.

Ich bin ja auch fast seit Anfang an in der Gruppe und frage mich oft: Was ging schief, damit die Entwicklung so brutal rückwärts lief wie in den vergangenen Jahrzehnten. Wer hat da versagt?

Ich denke nicht, dass es möglich ist, diese Entwicklungen mit einer einzigen Ursache zu begründen. Man kann auch nicht eine einzige Person oder die Politik eines einzigen Staates als Ursache nennen. Tatsache ist, dass der Widerstand gegen den Säkularismus in der muslimischen Welt so alt ist wie der Säkularismus selbst, den wir aus diesen Ländern kennen. Unsere Gruppe zeigt ungefähr die Zeit zwischen 1928 und 1980 in diesen Staaten. 1928 war ungefähr das Jahr, als die Reformen von Atatürk zu wirken anfingen. Das Kalifat war gerade abgeschafft worden. Als Reaktion zu diesen Entwicklungen wurde 1928 die Muslimbruderschaft in Ägypten gegründet. Ihre Ideologie ist nebst der klerikalfaschistischen Ideologie der iranischen Mullahs an der gegenwärtigen Entwicklung entscheidend mitbeteiligt. Der Westen ist dabei allerdings nicht ganz unschuldig. Unter einem falsch verstandenen Religionsfreiheitsverständnis wurden solche Gruppierungen auf europäischem Boden geduldet. Darüber hinaus haben insbesondere linksgerichtete Persönlichkeiten aus Europa keinerlei Berührungsängste mit den Islamisten. Ich denke beispielsweise an die EU-Außenpolitikerin Federica Mogherini , die offen mit Islamisten sympathisiert.

Was kann der Weste tun, um die Säkularen in den islamischen Staaten, aber auch in Europa zu unterstützen?

Damit aufhören, den orthodoxen Islam zu hofieren und mit den Vertretern des orthodoxen Islams Verträge abzuschliessen. Damit verschafft man diesen Leuten eine Legitimation, die sie nicht haben. Für mich ist beispielsweise völlig unverständlich, weshalb der deutsche Staat mit einem Aiman Mazyek in einem geradezu demonstrativen Dialog steht, obwohl dieser nur um die 10’000 Muslime in Deutschland repräsentiert, wobei dessen Organisation zu allem noch der Muslimbruderschaft nahe steht. Aus meiner Sicht ist es aber auch wichtig, dass jede Zusammenarbeit mit DITIB aufhört, weil diese Organisation die islamistische Politik Erdogans in Europa umsetzt. Ich persönlich denke, dass Europa gesetzliche Grundlagen schaffen müsste, um die Aktivitäten solcher Organisationen auf europäischem Boden zu verbieten. Doch davon sind wir weit entfernt. Leider. Viele Politiker wollen diese Organisationen nicht verbieten sondern Staatsverträge mit diesen schliessen.

 

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25 Kommentare zu “Bilder aus der Zeit, bevor der Islamismus alles zerstörte

  • #1
    Robert

    Ich wäre da vorsichtig. Viele dieser Steinzeit-Islamisten benutzen die Religion für ihre eigenen Zwecke. Dabei ist längst noch nicht ausgemacht, dass der Koran all diese reaktionären Verhaltensweisen wirklich verlangt. Da ist die Religion oft nur ein Vorwand. Und die "gute alte Zeit" vor 1980 war weder in der Türkei noch im Iran oder anderen islamischen Ländern so "gut". Im Iran regierte das Terror-Regime des Schahs – wohl kaum besser als die Mullahs dort heute – und in der Türkei putschte das Militär mehrfach, führte – wie jetzt wieder – Krieg gegen die Kurden und terrorisierte Kritiker unter dem Denkmantel des Anti-Kommunismus. Besser als die Erdogan-Diktatur war das auch nicht.

  • #2
    Wolfram Obermanns

    "Eines der wichtigsten Ziele, das ich mit dieser Gruppe erreichen will ist, dass das weit verbreitete Narrativ, wonach der Säkularismus in der muslimischen Welt nur eine privilegierte Elite betroffen habe respektive betreffe, zerstört wird. Deshalb poste ich am liebsten kopftuchfreie Bauernmädchen vom Lande, Fabrikarbeiterinnen und andere ganz gewöhnliche Bürger."
    Das der Säkularismus für die meisten Bürger muslimischer Länder i.A. in Form von Diktaturen begegnete, ist kein Narrativ sondern historische Tatsache.
    So wenig ich den ahistorischen Islamkitsch wie "1001-Inventions" schätze (http://www.faz.net/aktuell/wissen/archaeologie-altertum/wissenschaft-im-islam-historia-obscura-15277720.html; vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/1001_Inventions), sowenig Grund gibt es die oppressiven nationalistischen, feudalen oder irgendwie realsozialistischen Regime zu lobhudeln. Die aktuelle Situation in der muslimischen Welt, das hat schon Bülent Mumay in der FAZ m.E. ganz richtig erkannt, hat viel mit Revanche zu tun. Der muslimische "Pöbel" will sich rächen.

  • #3
    Emrah Erken

    Wie wollen Sie "Ihres Erachtens" etwas richtig erkennen, wovon Sie schlicht und einfach keine Ahnung haben, Herr Obermanns? Die Türkei der Sechzigerjahre beispielsweise war durch und durch säkular und ganz bestimmt keine Diktatur. Weder Sie noch Herr Mumay haben diese Zeit miterlebt. Entgegen Ihrer von Ahnungslosigkeit geprägter Ansicht erlebte die Republik damals ihre liberalste Zeit mit einer liberalen Verfassung und einem Mehrparteiensystem. Nur regressive Linke wie Sie und die Islamofaschisten verteufeln diese Zeit. Mir soll es recht sein. Ich habe diese Seite gegründet, um solchen Leuten wie Ihnen zu widersprechen, wie ich es im Interview bereits ausgeführt habe.

  • #4
    ke

    Ich finde es super, dass es immer mehr Gruppen/Communities gibt, die auch die privaten Fotos/Videoarchive zur Verfügung stellen und damit Informationen über einen Teil unserer Geschichte sichern.
    Die ersten Videoaufzeichnungen verlieren langsam ihre Funktionsfähigkeit. Wenn wir nicht handeln, sind diese Informationen weg. Nachfolgende Generationen werden sich vermutlich darüber ärgern oder im Schutt der Müllhalden nach der Lebenswirklichkeit im 20. Jahrhundert suchen.

    Fotos spiegeln aber sehr häufig eine gestellte Wirklichkeit wieder. Zum 1×1 von Diktaturen gehört es auch, die Religion entweder zu verdrängen oder komplett einzunehmen. Es wird auch deshalb Schwankungen in der Wahrnehmung geben. Bei der Arbeit im Freien in sonnenreichen Regionen und auch bei uns ist eine Körperbedeckung auch nicht unbedingt ein Zeichen von Verhüllung.

    Mich haben bspw. die immer wieder gezeigten älteren Bilder aus AFG beeindruckt. Ebenso die Reportagen der ersten Reisenden.

    Insgesamt sind alle Bilder sicherlich im Einzelfall zu bewerten.
    Atatürks Tochter war bspw. die erste Kampfpilotin.

  • #5
    Wolfram Obermanns

    #3 Emrah Erkennen
    Sie sollten sich fragen, wieso ein Arschlochislam moderner Prägung auch von vielen Türken als positive Alternative zu ihrem status quo wahrgenommen wird.
    Allein schon der stramme Nationalismus erst der Jungtürken und dann der Kemalisten im Vielvölkerstaat Türkei, bot und bietet genug Zündstoff. Ist Ihnen bekannt, daß als Integrationshemmnisse türkischstämmiger Immigranten vordringlich deren Nationalismus und nicht ihr religiöser Glaube diskutiert wird? Macht bei "Erdogan ist mein Präsident"-Statements auch irgendwie mehr Sinn gell?

    Histörchen, die die eigene Geschichte aufmöbeln, sind übrigens keine Spezialität der muslimischen Welt, man denke nur an die sogenannten "Goldenen Zwanziger" und gleiche das mit der von Faktenlage ab. Da reicht zufälliger Weise ein Blick in diesen Blog "Mehr Wohlstand…". Da steht warum unsere Nazis u.a. so erfolgreich waren.
    Bildchen vom liberalen Geist dieser Zeit gibt es auch mehr als genug.

  • #6
    thomas weigle

    @ Emrah Erken
    Wenn man die mehrmalige Verhängung des Kriegsrechtes u.a. von 71-73 in mehreren Provinzen, Tote auf den Straßen, Hinrichtungen von Politikern, Militärputsche 1960 und 1971, blutiger Kampf gegen die Kurden u.a. unschöne mehr als liberal bezeichnet, dann waren die 60er und 70er "liberal" in der Türkei.

  • #7
    Emrah Erken

    @Thomas Weigle:

    Ich sprach ausdrücklich von den Sechzigerjahren. Natürlich waren die Sechzigerjahre liberal in der Türkei. Sie haben einfach keine Ahnung. Der Hass von euch regressiven Linken gegen den säkularen Türkischen Staat hat nun Erdogan hervorgebracht. Ich wünsche Ihnen viel Spass mit ihm!

  • #8
  • #9
    Klaus W.

    @Herr Obermann
    Sie schreiben, dass die "integrationshemmnisse türkischstämmiger Immigranten vordringlich deren Nationalismus und nicht ihrem religiöser Glaube" zuzuscheschreiben seien
    .Das ist so zu kurz gegriffen.

    Die Integrstionshenmnisse liegen vor allem daran, dass die erste Generation türkischstämmiger Einwsmanderer sowie ihre hier geborenen Kinder wie der letzte Dreck in Deutschland behandelt wurde und nun Herr Erdogan dies für sich zu instrumentalisieren versteht

  • #10
    ke

    @9 Klaus W:
    In meiner Jugend der 70er kann ich das nicht bestätigen.
    Natürlich haben wir alle gemeinsam gespielt etc. und waren in den jeweiligen Wohnungen der Nachbarn.

    Wer sich über die schweren Arbeitsbedingungen beschwert, sollte in die Ruhrgebietsmuseen gehen und sich anschauen, was die Arbeiter und ihre Familien damals leisten mussten. Dass man als Einwanderer ohne Spezialausbildung auch nicht gleich die besten Jobs bekommt, ist für mich normal.

    In den 80er Jahren hatte ich die Erfahrung gemacht, dass eine Abgrenzung erfolgte. Dann gab es türkische Vereine. Auch wurde über die Deutschen gemeckert. Das hat damals viele dt. Nachbarn empört, die sich damals für eine gute Nachbarschaft eingesetzt hatten.

    Aktuell habe ich bspw. mit Nachfahren türkischer Einwanderer sehr wenig zu tun. Dafür aber mit vielen anderen Nationen.

  • #11
    Klaus W.

    @ke ich empfehle Ihnen.sich mit der Geschichte der Einwanderung seit den sechziger Jahren zu befassen. Die ist etwas vielschichtiger als ihre Kindheitserfahrubgen es gksibrn lassrn.

  • #12
    Wolfram Obermanns

    @ Klaus W.
    Vordringlich diskutiert bedeutet nicht ist der einzige Grund.
    Natürlich kamen für die als Malocher angereisten Immis noch andere Erschwernisse hinzu. Gleichzeitig, dran sei hier nochmal erinnert, sind Türken als Immigrantengruppe nachweislich auch heute nicht die prozentual am schlechtesten integrierten Migranten (fest gemacht an relativer sozialer Aufstieg, Ehen außerhalb der Community etc.).

  • #13
    ke

    @Klaus W:
    Der folgende Satz sollte zumindest belegt werden. Ich kann ihn weder aus der persönlichen Lebenserfahrung noch aus meinen Geschichtskenntnissen nachvollziehen.

    "Die Integrstionshenmnisse liegen vor allem daran, dass die erste Generation türkischstämmiger Einwsmanderer sowie ihre hier geborenen Kinder wie der letzte Dreck in Deutschland behandelt wurde"

  • #14
    nussknacker56

    @Emrah Erken
    Schade, dass Sie hier so rumholzen, Herr Erken. Sie gefährden im Grunde bloß Ihr positives Anliegen, wenn Sie jegliche Kritik oder Skepsis mit dem Vorwurf „Regressive Linke“ kontern. Und das ausgerechnet gegenüber Foristen, bei denen dieser Vorwurf ziemlich absurd ist.

    Ich finde es gut, dass Sie Zeugnisse öffentlich machen, die belegen, dass es in der Türkei schon in den 40iger bis 80er Jahren säkulare Subkulturen bzw. Bewegungen gab, die erst in den letzten Jahren wieder in Deckung gehen. Dass dieser Säkularismus sich damals ernsthaft über privilegierte Kreise hinaus in nennenswertem Ausmaß auch auf „Bauernmädchen vom Lande [und] Fabrikarbeiterinnen“ erstreckt hat, ist mir ebenfalls neu. Ich bin da, wie W. Obermanns, etwas skeptisch, lasse mich aber gerne belehren.
    —————————–
    @ke #10
    Ihre Erfahrung kann ich bestätigen. Dass türkische Einwanderer „wie der letzte Dreck“ in Deutschland behandelt wurden, habe ich in meinem Umfeld ebenfalls nicht beobachten können. Zumal die ersten Migranten zu der Zeit noch wahre Exoten waren, die man eher neugierig-positiv beäugt hatte.

  • #15
    Axel-Rainer Schmitt

    Die Lebensverhältnisse von Istanbul über Teheran bis Kabul waren in den 60er und 70er Jahren ungleich liberaler. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß in der Politik so manches im argen lag, und weder Nasser noch der Schah liberale Regenten waren. Anders als die Mullahs erhob der Schah keinen Anspruch, das Leben der Iraner zu formieren. Die "postmoderne Linke", die die gesellschaftliche Entwicklung im Westen seit den 70er Jahren zunehmend bestimmt, sympathisierte von Anfang an mit dem Scharia-Islam, weil dessen Illiberalismus mit dem eigenen korrespondiert. Es kann also nicht verwundern, wenn westliche Politiker heute Muslimbrüder umarmen: verwandte Seelen.

  • #16
    thomas weigle

    Dass nicht kleine Teile der Linken mit dem Mullah-Islam bis heute sympathisieren, ist mir als antikommunistischem Linken völlig unverständlich, schließlich haben doch die Teheraner Islamfaschisten zeitgleich mit den Schahanhängern auch die politische Linke an Galgen und in Gefängnissen "entsorgt."
    Oder sind die USA der Kitt, der zusammenhält, was eigentlich nicht zusammengehört? Naja dann…..

  • #17
    Davbub

    @ ke: "Dass türkische Einwanderer „wie der letzte Dreck“ in Deutschland behandelt wurden, habe ich in meinem Umfeld ebenfalls nicht beobachten können."
    Das gab es: In einem nicht im Krieg zerbombten Gebäude eine ansonsten in Schutt u. Asche liegenden Industrieanlage in meiner Geburtstraße, dem früheren "Ledigenheim", wurden in den 60er Jahren türkische Gastarbeiter einquartiert. In dem Zimmern, die früher ein deutscher Arbeiter bewohnte, wurden zu Mieten, die von Deutschen für ein Bergarbeiterwohnung (ca. 65m² in diesem Viertel Standard) verlangt wurden, vier -im allgemein üblichen Sprachgebrauch "Scheiß- oder Kümmeltürken" genannte Männer- untergebracht. Die Miete wurde natürlich p.P. erhoben. Die Zimmer waren dreckig, verschimmelt und nur mit einem Emaillewaschbecken ausgerüstet, Dazu eine Gemeinschaftsküch und sanitäre Anlagen, die man heute nur noch aus Kriegsgebieten kennt. Als die ersten Frauen nachzogen und die Kinder eingeschult wurden, weigerten sich manche Eltern, ihre Kinder neben diesen sitzen zu lassen. In den klein- und mittelständischen Betrieben waren die dreckigsten, schädlichsten Arbeiten für "den Türken" reserviert. Auch wurde "der Türke" grundsätzlich geduzt, als jeder deutsche Arbeiter noch stolz darauf war, daß seine Vorgesetzten ihn siezten.
    Jahre später wurde dieses Gebäude in ein Asylbewerberheim umgewandelt, woraufhin sich die Grünen im Stadtrat über den Zustand der Räumlichkeiten erregten. (Naja, "die Türken" waren ja auch zum Arbeiten hierher legal eingereist, erreichten also nicht deren Aufmerksamkeitshorizont.)

  • #18
  • #19
    thomas weigle

    @Davbub Die Grünen als politische Partei wurden im Jänner 80 in Karlsruhe gegründet und ehe sie in NRW bedeutsame politische Kraft wurden, dauerte es weitere Jahre, erst 1990 zogen sie knapp in den Landtag ein .Die Türken, deren Wohnverhältnisse und Behandlung durch die deutsche Bevölkerung Sie für die 60er und 70er m.E. durchaus richtig beschreiben, konnten also erstmal nicht die Aufmerksamkeit der Grünen erregen. Spätestens mit dem erstmaligen Einzug in den Bundestag waren die Grünen, zuvor schon v.a. in Berlin, Hamburg oder FFM in Sachen Asyl und Menschenrechte für die von der Militärdiktatur am Bosporus seit 1980 verfolgten türkischen und kurdischen Demokraten auf Ballhöhe.

  • #20
    Arnold Voss

    Nur zur Info: Die Türkei war von 1920 bis heute die allerwenigste Zeit eine Diktatur. Genaueres hier:

    http://www.bpb.de/izpb/77067/zeittafel-republik-tuerkei-1918-2011

    Historisch betrachtet ist Erdogan der erste Politiker, der mit Aussicht auf Erfolg eine dauerhafte Diktatur anzustreben scheint. Dazu hat er zuerst die kemalistische Militärführung ausgeschaltet. Jetzt strebt er offensichtlich dasselbe mit der zivilen Opposition an.

    Ansonsten empfehle ich einen Besuch von Izmir. Da ist die Türkei immer noch weitgehend liberal.

  • #21
    Davbub

    @ 19: Die würden ja nicht aus dem Nichts gegründet: Bevor die Grünen grün wurden, wären sie in BI’s, Kirchengemeinden, ai, in der Friedensbewegung, etc. aktiv; das ging schon in den frühen siebziger Jahren los. Zumindest in meiner Geburtsstadt haben sie die gleichen Beobachtungen machen können wie ich. Erst als das Asylbewerberheim eingerichtet wurde, zog es die Aufmerksamkeit der Friedensbewegten auf sich.

  • #22
    thomas weigle

    #21 Natürlich kamen die Grünen nicht aus dem Nichts. Es war zunächst eine Anti-AKW und Umweltbewegung mit allerlei fragwürdigen Gestalten und Inhalten. Die mussten sich erstmal inhaltlich und personell sortieren. Das geschah auf und nach dem Karlsruher Gründungsparteitag. Ich finde es mehr als dümmlich, von einer jungen Bewegung zu verlangen, dass sie gleich republikweit alle genannten Politikfelder belegt. Die Friedensbewegung kam ja auch erst mit dem Nato-Doppelbeschluss ab 79/80 so richtig in Fahrt.
    Wenn ich es recht erinnere, war Bielefeld eine der ersten Großstädte in NRW mit einer grünalternativen Ratsfraktion-1979, die sich schon um Wohnverhältnisse der Einkommensschwachen und Migranten kümmerte, da es dank der Uni und des Baus einer Stadtautobahn sich eine rege linksalternative Hausbesetzerszene seit Anfang der 70er entwickelte.

  • #23
    DEWFan

    #1 fängt gut an, verfängt sich aber im Whataboutism. Natürlich war vorher auch nicht alles gut in der Türkei und den anderen islamischen Ländern. Aber ein autoritärer Staat ist immer noch besser als ein totalitärer.

    "Er ist ein Schweinehund – aber er ist unser Schweinehund…" hieß es mal aus westlicher Stimme über einen arabischen Despoten. Wenn in den arabischen Gesellschaften immer nur ein Despot durch einen anderen ersetzt wird, kann ich die Haltung des "bösen" Westens verstehen, indem die uns gemäßen Regime unterstützt werden.

    Vielfach wird noch über den Sturz des ägyptischen Präsidenten Mursi geweint – er sei doch demokratisch gewählt worden. Ja, demokratisch gewählt wurde Hitler auch.

  • #24
    Davbub

    @21: Der Sinn meiner Aussage sollte sein, daß sich niemand für dieses Gebäude interessierte, während es von Türken bewohnt wurde. Auch nicht die Personen, die später bei den Grünen genau dies taten. Diese wohnten auch damals schon in fußläufiger Nähe, waren in den genannten Bewegungen aktiv. Keine Kirchengemeinde, keine "Sektion" von ai, keine Organisation regte sich. Hilfe, Kommunikation, Kontakte gab es nur über Einzelpersonen aus der Nachbarschaft, welche sich deswegen auch Anfeindungen (Kanakenfreunde, Türkenliebchen) ausgesetzt sah. Sie können dies ja für dümmlich halten, aber bevor ich die Welt retten möchte, sollte ich erst vor der eigenen Haustür kehren.
    Bevor Sie persönlicher werden, verabschiede ich mich. Schönes schmoren noch, DAVBUB

  • #25
    thomas weigle

    @Davbub Das Kümmern um die Probleme vor der Haustür schützt leider nicht vor einem Krieg,einem Gau oder Luftverschmutzung, insofern war es schon klüger, sich erstmal diesem Problemen zu widmen, die allerdings wiederum vielen muslimischen Migranten damals völlig gleichgültig waren. Als ich von 83 an bei den Grünen, erst auf dem flachen Land in Niedersachsen, ab 87 im Kreis Gütersloh bei den Grünen tätig war, waren die Probleme der Migranten bereits Thema, leider war umgekehrt noch eher wenig Interesse an den Grünen.
    Hinzu kamen Verständigungsprobleme, die einen sprachen oftmals nicht die Sprache der anderen.

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