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Das Drängen auf ein schnelles Ende des Shutdowns ist kindisch

Das Leben steht zurzeit weitgehend stillFoto: Stefan Laurin

Wer auf ein schnelles Ende des Shutdowns drängt, verschließt wie ein Kind die Augen vor der Dramatik der augenblicklichen  Situation.  

In den vergangenen Tagen haben sich die Stimmen gemehrt, die ein schnelles Ende des Shutdowns fordern und auf sein Ende nach dem 19. April drängen. Wolfram Weimer schreibt auf ntv: „Der 19. April ist damit nicht irgendein Termin. Er ist die Wetterscheide von einer möglichen medizinischen Katastrophe, der wir auszuweichen versuchen, zu einer gesellschaftlich-ökonomischen Katastrophe, deren Anfänge wir bereits sehen.“ Wolfgang Reitzle, der Aufsichtsratsvorsitzende von Continental und Linde,  fordert ein „Hochfahren Ende April“ und auch die Petition #WirSindViele!“ will die Rückkehr zur Normalität nach Ostern.

Die Forderungen nach einem Ende des Shutdowns sind gut zu verstehen, aber Unsinn. Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten sicher ein paar Lockerungen erleben. Die erste wurde übrigens gerade beschlossen: 80.000 Erntehelfer dürfen einreisen. Und die werden nicht nur Spargel stechen, sondern dafür sorgen, dass es auch weiter Kartoffeln geben wird. Es geht um nicht weniger Sicherung der Lebensmittelversorgung. Denn auch die ist gefährdet.

Für jede Lockerung werden wir allerdings einen hohen Preis zahlen: Es wird wieder zu mehr Infektionen kommen. Das alles kann man im „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ nachlesen, auf den zu Beginn der Coronakrise häufig hingewiesen wurde. Gelesen wurde er offenbar nicht ganz so oft. Im dem Kapitel, in dem es um die Auswirkungen einer von einem SARS- Virus  ausgelösten Pandemie ging (Der in dem Szenario allerdings tödlicher als Corona war), macht das Robert Koch-Institut (RKI) das sehr deutlich: „Nach einem Höhepunkt sinkt die Neuerkrankungsrate auch, weil die Bevölkerung allgemein mit verstärkten (Eigen-) Schutzmaßnahmen auf das massive Krankheitsgeschehen reagiert. Infolge dieser Maßnahmen nehmen die Neuerkrankungen ab, was zum Nachlassen der individuellen Schutzmaßnahmen führt (aufgrund einer geringeren subjektiven Risikowahrnehmung), wodurch wiederum die Zahl der Neuerkrankungen zunimmt. Diese Wechselwirkungen tragen neben dem Auftreten neuer Virusvarianten zu einem Verlauf mit mehreren Höhepunkten bei. Dabei ist so lange mit Neuerkrankungen zu rechnen, bis ein Impfstoff verfügbar ist.“

Das RKI hat auch ausgerechnet, wie lange die Wellen, wir stehen aktuell am Anfang der ersten Welle, dauern: 1052 Tage. Wer von Ostern redet tut also gut daran, auch das Jahr zu nennen, in dem das Osterfest, auf das er sich bezieht, stattfindet. Wenn wir im kommenden Jahr einen Impfstoff haben, haben wir Glück und es ist schneller vorbei. Wenn nicht, wird es länger dauern. Und die Herdenimmunität? Wird von Welle zu Welle größer – ohne Impfung wird es aber weiterhin viele Kranke und Tote geben. Das ist übrigens der Grund, warum man sich jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen und dann noch hoffen sollte, dass sich keine Mutation des Grippevirus auf den Weg macht, gegen die es keinen wirksamen Impfstoff gibt.

Die Experten wissen also, in welcher Lage wir uns befinden – Seuchen begleiten den Menschen seit der Bronzezeit. Haben wir bald Medikamente, welche die Zahl der Toten senken, sieht die Lage besser aus – Millionen Kranke wird es trotzdem geben.

Die wirtschaftlichen Folgen sind sowohl bei einem Shutdown als auch bei seiner Aufhebung immens, denn sehr viele Arbeitnehmer werden erkranken und sterben. Auch im Ausland. Man muss kein großer Prophet sein, um zu ahnen, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Seuche in den USA, in China oder Europa über die Jahre immens sein werden. Erst wenn die Seuche ganz besiegt ist, kann es auch wirtschaftlich wieder aufwärts gehen.

In den kommenden Monaten geht es um die Sicherung der Versorgung: Die Erntehelfer waren der Anfang, irgendwann werden dann wieder Schulen und Kitas eröffnen und Fabriken ihre Produktion aufnehmen – bis die Zahlen erneut steigen. Denn es geht zurzeit nur darum, dafür zu sorgen, dass es nicht mehr schwere Fälle als Intensivbetten gibt. Normalität? Erst, wenn es einen Impfstoff gibt und die Menschheit geimpft ist, was auch nicht in ein paar Wochen zu erledigen sein wird, werden wir, so wir überlebt haben und traumatisiert durch den Tod vieler Menschen, die wir geliebt haben, langsam in unseren Alltag zurückkehren. Wir werden froh sein, wenn wir wieder einen Job haben, uns über Kiwis im Supermarkt freuen und es genießen, die Nächte in Clubs durchzufeiern. Irgendwann. Und bis dahin müssen wir durchhalten und wer gläubig ist, sollte auch beten. Es ist die Zeit dafür. Wir erleben eine Jahrhundertkatastrophe. Man braucht ein kindliches Gemüt, um das zu verkennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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7 Kommentare zu “Das Drängen auf ein schnelles Ende des Shutdowns ist kindisch

  • #1
  • #2
    Yilmaz

    Bis zum Beginn des Ramadan wird der Shutdown gelockert und das ist auch gut so.

  • #3
    ke

    Die erste Lockerung mit den Erntehelfern ist eigentlich nicht nachzuvollziehen. Viele Menschen auf Kurzarbeit, einige Jobs mit körperliche Tätigkeit werden über Monate nicht klappen, aber unsere Rücken und Motivation sollen nicht für landwirtschaftliche Arbeit reichen? Reicht es nur zum Ausfüllen der Anträge für staatliche Versorgung? Wenn ein Gewerbe nicht funktioniert, ist Flexibilität gefragt.
    Das Entscheidung ist nicht nachvollziehbar!

    Wir müssen sehen, dass wir die Katastrophe engmaschig monitoren. Die Voraussetzungen hierfür wurde nicht geschaffen und werden aktuell auch nicht erkennbar optimiert. Seuchenbekämpfung wie in den 50er Jahren.

    Der Virus ist da, der Virus wird bleiben. Die Szenarien haben unterschiedliche Ausprägungen, deshalb bringt es nicht die für die eigene Argumentation passende Variante zu wählen. Dafür ist die Unsicherheit bei den Modellparametern zu groß.

    Ein Shutdown ist die falsche Strategie. Wir müssen unser Leben und unsere Wirtschaft an die Bedrohung schnellstmöglich anpassen. Das geht mal besser und mal schlechter. Insbesondere gilt es, die wahren Übertragungswege, die relevant sind, zu isolieren.

    Berichte über schwebende Viren, die nur darauf warten, Sparziergänger zu verseuchen sind Quatsch, wenn sie nicht relevant sind. Sie binden aber Ressourcen in Bereichen, in denen es nicht notwendig ist.

    Die asiatischen Industrienationen zeigen, wie es geht. Aber die sind sowieso flexibler und bei PISA besser. Vielleicht läuft unsere Zeit ab, wenn wir uns auf Staatsknete und Gottes Willen verlassen und Aktivitäten einschränken. Dass Politiker ohne Konezpt, aber mit vielen Verbotsideen populär sind, passt zum Bild.

  • #4
  • #5
    Nina

    @#3 kE: Ganz offensichtlich wollen nicht genügend Deutsche auf die Felder, es hatten sich nicht mehr als 50.000 gemeldet, der Bedarf ist mindestens doppelt so hoch.
    Woran das wohl liegt, dass Leute nicht bei der Ernte mitarbeiten möchten…?
    @#2 Yilmaz: Das ist noch nicht klar, wie es nach dem 19. April weitergeht. Und wenn Leute meinen, es sei gut, ab dem 23. April wenn ein 4wöchiges Fest von Gläubigen beginnt, dann ist das kritisch zu betrachten. Ein mögliches Szenario wäre, dass Menschen sich wieder in großen Gruppen ansammeln und die Infektionszahlen direkt wieder steigen. Na dann, viel Spaß bei den muslimischen Corona-Parties.

  • #6
    Angelika

    Was soll das für eine Normalität nach Ostern sein, die diese Petition, die am Anfang des Artikels erwähnt wird, fordert? Normalität in dem Sinne, dass Tausende dann wieder öffentliche Verkehrsmittel benutzen, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen (z.B. aus einer Ruhrgebietsstadt nach Düsseldorf mit dem Zug, aus umliegenden Städten nach Köln usw.). Dicht an dicht in Zügen (die dann inzwischen desinfiziert wurden?, die dann ganz regelmäßig desinfiziert werden? ach so … macht man ja nur in Asien … Masken waren ja auch erst unnötig …) usw. stehen. Dicht an dicht an Haltestellen, auf Bahnsteigen, Rolltreppen. In Kantinen eng nebeneinander sitzen. Welche Normalität soll das sein in Kaufhäusern, wo z.B. Kleidung verkauft wird. Da wird anprobiert. Da sind Kunden in Umkleidekabinen allein und husten mal kurz auf den Vorhang, der ein Viertelstündchen später vom nächsten Kunden berührt wird. Nach dem Shopping-Erfolgserlebnis (Hurra, die dritte Hose passte!), schnell noch einen Happen essen. Schnellrestaurant, Schlange. Von Abstand keine Rede mehr. Ist ja alles wieder normal – alles so wie vorher?
    Ich vermute doch, nein. Aus Gründen, die offensichtlich sind, die aber die nicht wahrnehmen wollen, die gelernt haben Bilanzen zu lesen, die per Marktanalysen erfahren können, was Verbraucher kaufen wollen usw., aber nie gelernt haben (oder verlernt haben) in größeren Zusammenhängen zu denken. Auf diese größeren Zusammenhänge müssen sie hingewiesen werden. Und der interessante Artikel von S. Laurin ist einer dieser Hinweise.

  • #7
    Robert Müser

    Vielen Dank für diesen Beitrag, mir scheint ein Teil der Akteure die Tragweite der aktuellen Pandemie noch nicht verinnertlicht zu haben.

    Ich habe großes Verständnis dafür, dass das normale Leben wieder hochgefahren werden soll. Solange wie es keinerlei Behandlungsmethode für diese Erkrankung vorhanden ist (außer dem eigenen Überleben dieser Erkrankung), so erscheint die Forderung nach Lockerung doch gewagt.

    Realistisch kennt doch niemand irgendeinen vernünftigen Weg, der zum Exit aus der aktuellen Situation führt. Vielleicht schwer zu ertragen, aber vermutlich die realistische Einschätzung.

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