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Die schützende woke Blase

Seifenblase Foto: Brocken Inaglory Lizenz: CC BY-SA 3.0


Mehrere hundert Journalisten, Wissenschaftler und Künstler haben sich in einem offenen Brief ihre Solidarität mit der umstrittene „Quarks“-Moderatorin Nemi El-Hassan bekundet.

Nachdem die BILD darüber berichtet hatte, dass die Ärztin und Journalistin Nemi El-Hassan  2014 an dem antisemitischen Quds-Marsch in Berlin teilgenommen hatte, setzte eine Diskussion ein, die dazu führte, dass der WDR auf Abstand zu der designierten Moderatorin der Wissenschaftsshow „Quarks“ ging. Am Wochenende veröffentlichte dann die Welt am Sonntag eine lange Recherche zum Werdegang der Moderatorin. El-Hassan distanzierte sich zwischenzeitlich von der Teilnahme am Quds-Marsch und radikalschiitischen Kreisen, in denen sie früher verkehrte.

In zahlreichen Artikeln wurde die Personalpolitik der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kritisiert, die Personen zu bevorzugen scheint, die mit der westlichen Werteordnung auf Kriegsfuß stehen, was aber bei WDR und Co. die Verantwortlichen nicht zu stören scheint, so lange es ihnen gelingt, sich als hip, jung und woke zu verkaufen. Und es keinen Skandal wie im Fall von Nemi El-Hassan gibt.

Als die ganze Diskussion bereits dabei war sich wieder zu beruhigen, wurde gestern eine Unterschriftenliste unter dem Titel „Solidarität mit Nemi El-Hassan“ veröffentlicht. Die Autoren stellen fest „Seitdem bekannt wurde, dass die Medizinerin und preisgekrönte Journalistin Nemi El-Hassan die Moderation der Wissenschaftssendung “Quarks” im WDR übernehmen sollte, stehen ihre Person und ihre Vergangenheit in der Kritik. Wir sind entsetzt über die diffamierende und denunziatorische Art, in der diese Diskussion geführt wird.“ Nemi El-Hassan habe sich in einem Statement und in einem Interview deutlich zu den Fehlern ihrer Vergangenheit bekannt. Sie habe diese problematisiert, sich von ihnen distanziert, um Entschuldigung gebeten und glaubhaft ihren Wandel dargelegt. Sie setze sich als Journalistin seit Jahren dezidiert gegen Antisemitismus und Rassismus ein.

Es folgt das übliche Bashing gegen die Bild-Zeitung, das in diesen Kreisen seit Jahrzehnten zum öden Ton gehört. Unterzeichnet haben den Text viele, die auch sonst immer dabei sind, „Kritikern“ Israels zur Seite zu springen oder Beschlüsse gegen Antisemitismus als rassistisch oder kolonialistisch motiviert zu diskreditieren. Das Ehepaar Assmann, Jürgen Zimmerer oder Dirk Moses zum Beispiel. Es ist die übliche postmoderne, woke Blase von als Intellektuellen gelesenen Menschen, die sich hinter El-Hassan stellt, aber wohl eher von der Sorge um die eigene wirtschaftliche Existenz getrieben ist.

Dem Journalisten Michael Wuliger fiel in einem Kommentar auf, dass 80 Prozent der Unterzeichner verbindet, dass sie „direkt oder mittelbar von öffentlichen Zuwendungen“ abhängig sind. Haben sie das Gefühl, dass jemand den sie für einen Teil ihrer Blase halten, auf einer Art und Weise angegriffen wird, die finanziell nachteilig für den Betreffenden sein könnte, stellen sie sich ihm zur Seite aus der Angst heraus, dasselbe Schicksal könne sie ereilen.

Wuliger beschreibt eine Szene, die fast vollständig von öffentlichen Geldern abhängig ist. Diese faktische Schwäche, die immer auch ein Beleg mangelnder Anschlussfähigkeit an die Mehrheitsgesellschaft ist, die nicht wenige der Protagonisten ebenso verachten wie Marktwirtschaft, Aufklärung und die repräsentative Demokratie, kurzum den „Westen“, macht Aktionen wie die zur Unterstützung Nemi El-Hassans nötig. Auf einem Markt entscheiden die Konsumenten über den Misserfolg von Produkten und Dienstleistungen. Das gilt auch für geistige Produkte: Leser entscheiden, welche Bücher sie kaufen oder welche Medien sie abonnieren. Hörer suchen sich die Stücke aus, die sie bei ihrem Streamingdienst anklicken und die Zuschauer, welche Dokumentationen oder Filme sie sich anschauen. „Das ist soziale Marktwirtschaft, langweilig wird sie nie“ sang Blumfeld in den 90er Jahren. Wer in ihr bestehen will, muss versuchen das Publikum zu überzeugen. Und das schätzt es aus gutem Grund nicht, bevormundet und von oben herab behandelt zu werden.

Langweilig ist es allerdings auch außerhalb der Markwirtschaft nicht, denn es ist nun einmal nie einfach, an das Geld fremder Menschen zu kommen. Da gilt es, Politiker, Intendanten, Anstaltsredakteure oder Geschäftsführer von NGOs davon zu überzeugen, Mittel für Stellen oder Projekte locker zu machen. Dafür muss man sie davon überzeugen, dass man all das ist, was sie nicht sind, aber gerne sein wollen: Modern, intellektuell auf der Höhe der Zeit und irgendwie kritisch. Viele Geldgeber schätzen es zudem, ein wenig arrogant behandelt zu werden. Wir kennen das von Szeneclub Gästen, die eine arrogante Bedienung als Ausweis derer Hippness sehen, die auf sie abfärbt.

Wer ein solch fragiles Geschäftsmodell hat, bei dem die Abhängigkeit von sehr wenigen Geldgebern groß ist, muss jede Kritik als existenzielle Gefahr und nicht als Chance zur Debatte wahrnehmen. Und entsprechend mit großem Widerstand reagieren. Der reale oder imaginäre Gegner ist in dieser Welt immer nur eine Etatberatung von seinem Triumph entfernt. Und dieses Problem ist real.

Die woke Blase ist das Produkt eines langanhaltenden Aufschwungs mit Rekordeinnahmen für Stiftungen und staatliche Einrichtungen. Vieles spricht dafür, dass diese goldene Zeit langsam, aber sicher zu Ende geht. Damit werden auch Geschäftsmodelle, in deren Zentrum der Zugriff auf öffentliche Gelder stehen, unter Druck geraten. Es kann gut sein, dass der Wettbewerb innerhalb der Szene in den kommenden Jahren umso größer wird, je geringer die Zuschüsse werden, um die man rangelt. Und es könnte auch sein, dass die Geldgeber selbst andere Sorgen haben werden, als die Anerkennung einer Szene, die kaum mehr als ein Sitzriese ist, der umso kleiner wird, je mehr man ihm sich annähert.

Diese Entwicklung zu beobachten könnte einen gewissen Unterhaltungswert haben.

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3 Kommentare zu “Die schützende woke Blase

  • #1
    Manfred Michel

    Ich habe die woken, identitätspolitischen, Pomos mit ihrem narzisstischen Habitus schon in den 90′ gern kennen gelernt. Jetzt ist rausgekommen, das es 2019, in Kanada, in einer Schule, eine reinigende, woke Bücherverbrennung gegeben haben soll. Da wurden so gefährliche Werke wie, Tim und Struppie öffentlich verbrannt. Die Vernichtung von Kulturdenkmälern haben sie übrigens mit den Taliban gemeinsam. Deswegen werden sie auch, nicht ganz zu unrecht als Woko Haram bezeichnet. Fr. Wagenknecht hat mal zurecht das schlimme Posting mit der Pizzaschachtel kritisiert. Sie hat dabei aber offenbar nicht berücksichtigt, dass auch Mitglieder ihrer Jugendorganisation sich am Quds- Marsch beteildigt und nicht weniger schlimme Parolen skandiert haben. Das ausgerechet die Bild- Zeitung mal zum neuen Sturmgeschütz der Demokratie wird hätte ich mir früher nicht im geringsten vorstellen können.

  • #2
    Wilhelm Lohmar

    Elitäre Arroganz bei gleichzeitigen prekären finanziellen Verhältnissen ist kein ganz neues Phänomen. Von dem jungen James Joyce wird kolportiert, daß er davon lebte, daß er seinen Freunden gestattete ihm Geld zu leihen.

  • #3
    Hollis Brown

    @Stefan Laurin: Herzlichen Dank für den Link. Selten so gelacht: "Wir sagen deutlich: Rechte Diffamierungskampagnen dieser Art gefährden nicht nur Individuen, sondern die gesamte Debattenkultur in einer Demokratie. Es muss Platz für das Eingeständnis von Fehlern, aus denen man gelernt hat, und für Abbitte geben – ohne Gefahr zu laufen innerhalb weniger Stunden vor den Trümmern der eigenen Existenz zu stehen." Ja, was ist das denn? Plötzlich keinen Spaß mehr an der "Cancel Culture", bloß weil es mal eine entfernte Bekannte erwischt hat? So ein Pech aber auch! Ich freue mich jetzt schon sehr auf die nächsten Solidaritätsaufrufe für Lisa Eckhart, Dieter Nuhr und andere.

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