Die wundersame Verwandlung der Ricarda Lang

Ricarda Lang auf der Frankfurter Buchmesse 2025 Foto: Harald Krichel Lizenz: CC BY-SA 4.0


Ricarda Lang schafft es seit Jahren zu polarisieren, losgelöst davon, was Ricarda Lang eigentlich tut. Bis Ende 2024 war sie als Bundesvorsitzende der Grünen für das politische Handeln ihrer Partei mitverantwortlich und war auch für mich das Sinnbild deutscher, linker Politik: Lang hatte keinen Abschluss, äußerte sich quasi zu jedem beliebigen Thema und war dabei, zumindest in der Energiepolitik, häufig zwischen dünn informiert und ahnungslos und bot jede Menge Angriffsfläche.

Dass Lang dann, obwohl die Aussagen zu ungesunder Ernährung in der Werbung sachlich richtig waren, auch noch Ernährungstipps gab, machte die Gesamtsituation nicht wirklich besser.

Warum dieser Beitrag? Weil Lang seit jenem Parteitag, der zumindest vorübergehend ihr Ende als politische Führungsfigur markierte, eine, und das meine ich vollkommen ernst, beachtliche und beispielhafte Verwandlung hingelegt hat.

Es ist ja eigentlich der Klassiker: Politiker ziehen sich zurück, es wird still um sie, irgendwann verschwinden die medialen Schlaglichter. Aus meiner Wahrnehmung war Lang irgendwann verschwunden, bis ich im Laufe des Jahres 2025 zufällig ein kurzes Video sah, in dem sich Lang sehr reflektiert und erwachsen zu ihrer Außenwirkung als Parteivorsitzende äußerte. Selbstkritisch, man habe weniger in der Sache argumentativ gearbeitet, sondern nur darum gekämpft, irgendwie in Debatten auch noch aufzufallen. Das hatte für mich echten Seltenheitswert, eigentlich kommt es nicht vor, dass politische Führungsfiguren offen kommunizieren: Das war ziemlicher Müll, das hätte man besser machen müssen, und sachlich gut war es auch nicht. Fehlerkultur macht gute Gesellschaften aus und auch gute Führungsfiguren. Wer nicht gerade mit päpstlichem Unfehlbarkeitsanspruch lebt, kann unmöglich meinen, stets und immer die richtige Entscheidung zu treffen. Ich empfand es als regelrechten Stilbruch mit jener an Absolutismus erinnernden, grünen Dogmatik, die auch in diesem Blog regelmäßig kritisiert wird.

Die Monate vergingen, und irgendwann sah ich durch Zufall eine Frau in einer Talkshow, die zwar an Ricarda Lang erinnerte, aber körperlich, nicht nur im übertragenen Sinne, wenig mit der Ricarda Lang zu tun hatte, die man jahrelang medial wahrgenommen hat. In eineinhalb Jahren hat Lang über 40 kg abgenommen. Das erfordert ein Maß an Willenskraft und Disziplin, die ich ehrlicherweise bei ihr nicht erwartet hätte, und das ist absolut vorbildlich. Und: Ich fand diese Entwicklung plötzlich richtig spannend.

Aus eigener Erfahrung: Wer behauptet, mit massivem Übergewicht könne man gesund leben, lügt. Ich hatte mit 26 Jahren Gelenkprobleme, sehr mittelmäßige Blutwerte, zu hohes Cholesterin, Blutzucker ab oberem Normbereich. Ich bin ein großer Fan von der Grundidee der Body Positivity. Man muss keinen obskuren Schönheitsidealen hinterherrennen, die ohnehin häufig das Ergebnis von Schminke, Filtern und Bildbearbeitung sind. Aber man muss auch nicht so tun, als sei Adipositas gesund oder normal. Starkes Übergewicht, das zeigen zahllose Studien in allen Sprachen dieser Welt, ist eine der Hauptursachen für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Gelenke, zahlreicher Krebserkrankungen, Diabetes, Organschäden, plötzlicher Herztod, die Liste ist nahezu endlos. Ich selbst wog Ende 2013 129 kg. Ende 2014 waren es noch 85 kg.

Gestern nun tat Ricarda Lang etwas, was ich selbst auch schon mehrfach getan habe, sie ist einen Halbmarathon gelaufen. 2:30 standen am Ende auf der Uhr, und, wie es die Tradition erfordert, ist völlig egal, was Ricarda Lang tut: Sie wird dafür angegriffen, insbesondere in den sozialen Medien. Zu langsam, unterdurchschnittlich, unerheblich, ein Beispiel für politische Low Performance. Zugegeben, 2:30 sind nicht besonders schnell auf 21,1 km, aber es ist auch nicht langsam und immer noch bedeutend schneller als schätzungsweise 90 % der Bevölkerung, die nicht einmal im Ansatz in der Lage wäre, sich über 20 km am Stück zu bewegen, geschweige denn auch noch schnell. Man kann schlüssig folgern: Der Großteil der Kommentatorinnen und Kommentatoren würde unterm Sauerstoffzelt auf dem Asphalt liegen, während Lang sich im Ziel ein Bier hinter die Binde kippt. Dass sie nach dem Zieleinlauf ihr „ikonisches“ Bier-mit-Handy-in-der-Hand-Foto reinszenierte, zeigt eine gesunde Selbstironie, die man vor einigen Jahren ganz sicher nicht öffentlich bei ihr gefunden hätte.

Inhaltlich könnte ich mit Lang mutmaßlich immer noch gar nichts anfangen. Als neutraler Beobachter ihres öffentlichen Auftretens: Ricarda Lang hat sich in nicht einmal 24 Monaten von einem mit Sicherheit deutlich dreistelligen Gewicht zum Halbmarathon gearbeitet, tritt wesentlich selbstkritischer und reflektierter auf und hat auch noch seit Ende 2025 einen Abschluss.

Und das ist dann schon eine sehr beeindruckende Performance, die Anerkennung verdient und andere kopieren sollten.

Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen