
Renata Laqueurs (1919 – 2011) Tagebuch aus Bergen Belsen. Von unserem Gastautor Roland Kaufhold.
Jede autobiografische Erinnerung an die Shoah hat ihre eigene Geschichte. Renata Laqueur (1919 – 2011) ist im deutschsprachigen Raum ziemlich unbekannt. Als junge niederländische Frau überlebte sie13 Monate KZ-Haft in Bergen-Belsen. In dieser Zeit schrieb sie ein Tagebuch, auch um sich vom unerträglichen Alltag abzulenken.
Renata Laqueur wurde 1909 in Brieg, damals Schlesien, geboren und wuchs dort sowie in Amsterdam auf. 1938, als die Bedrohung durch die Deutschen für ihre jüdische Familie sehr groß war, machte sie eine Sekretärinnenausbildung; sie beherrschte vier Sprachen. Als sie diese 1940 abschloss überfielen die Deutschen am 10.5.1940 die Niederlande. 1941 heirateten Renata und Paul Goldschmidt. Durch ihre Heirat, so hofften sie, erhöhte sich wohl auch ihre Chance auf ein Überleben.
Im Juli 1942 begannen die Massendeportationen der niederländischen Juden. Die Herausgeberin Saskia Goldschmidt, Tochter von Renatas erstem Ehemann, bietet im Vorwort Splitter der familiären Biografie. Vieles erscheint naturgemäß als vage.
Am 18.2.1943 wurden Renata und ihr Mann in Amsterdam verhaftet, im November 1943 noch einmal, und sie wurde dann in das niederländische Konzentrationslager Westerbork verbracht.
Dort begann die 24-Jährige sogleich, obwohl hierauf die Todesstrafe stand, mit dem Verfassen ihres Tagebuches.
Im Dezember 1944 brach das Tagebuch ab, da hatte sie bereits 150 Seiten notiert (im Buch S. 34 – 191). Im April 1945, nach ihrer Befreiung, kehrte sie in die Niederlande zurück und komplettierte ihre Aufzeichnungen.
Erinnerungen an Bergen-Belsen: Hanna Lévy-Hass, Anne-Lise Stern, Yvonne Koch und Anita Lasker-Wallfisch
Mehr als 120.000 Menschen waren im KZ-Bergen Belsen inhaftiert, mehr als 52.000 von ihne, darunter auch Anne Frank und ihre Schwester Margot, starben als Folge der deutschen Verfolgung.
Über Bergen-Belsen liegen zahlreiche autobiografische Erinnerungen vor. Einige dieser Überlebenden und Chronisten von Bergen-Belsen seien erwähnt. Ich verweise auf diejenigen, über die ich früher einmal u.a. auf haGalil geschrieben habe:
Die aus Jugoslawien gebürtige Israelin und spätere Journalistin Hanna Lévy-Hass, 1913 geboren, war ebenfalls von August 1944 – April 1945 jüdische und politische Gefangene in Bergen-Belsen. Und sie verfasste gleichfalls ein Tagebuch. Es erschien 1979 auf Deutsch, übersetzt von Eike Geisel. 2009, nach ihrem Tode, erschien eine erweiterte Version ihres Tagebuches auf deutsch. Heraus gegeben wurde es von ihrer Tochter, der israelischen Journalistin Amira Hass. https://www.hagalil.com/2024/03/levy-hass/
Die französische Psychoanalytikerin Anne-Lise Stern (1921 – 2013) überlebte ein Jahr Konzentrationslagerhaft in Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt. Bereits 1945 schrieb sie über ihre fürchterlichen Erinnerungen wie auch über ihre seelischen Anpassungsleistungen an den Terror im Konzentrationslager. Eine erweiterte Version unserer Besprechung – mit Galina Hristeva – erschien 2020 auf haGalil. Die 1934 in der Tschechoslowakei geborene Ärztin Yvonne Koch überlebte als Kind mit äußerstem Glück die KZ-Haft in Bergen-Belsen. Bei ihrer Befreiung war sie bereits ohnmächtig. Im Jahr 2020 erlebte ich Yvonne Koch als Zeitzeugin bei einer Ansprache im Düsseldorfer Landtag von NRW, wo sie vor Schülern und Abgeordneten sprach.Eine erweiterte Version des Portraits erschien 2020 auf haGalil: „Wer in der Demokratie schläft wacht in der Diktatur auf!“ war ihre Mahnung zum Kampf für die Demokratie.
Die 1925 geborene Musikerin Anita Lasker-Wallfisch überlebte Auschwitz und Bergen-Belsen. Ihre 1958 geborene Tochter Maya Lasker-Wallfisch veröffentlichte 2021 ein autobiografisches Buch – „Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“ – über die intergenerationelle Weitergabe von KZ-Traumata. Wie er zu dem nun vorliegendem Buch kam
Saskia Goldschmidt ist die Tochter von Renata Laqueurs erstem Ehemann, Paul Goldschmidt (1914 – 2010), einem ausgebildeten Logopäden. Dieser überlebte die Konzentrationslager Westerbork und Bergen-Belsen. Zu seiner Erinnerung wurde eine Bremer Schule nach ihm benannt.
Saskia Goldschmidt wurde 1954 in Amsterdam geboren, studierte an der Kunsthochschule Utrecht und ist eine Schriftstellerin – auf deutsch erschien u.a. Die Glücksfabrik – und Schauspielerin. Zu der ab 1952 in den USA lebenden Renata Laqueur hatte sie sehr lange nahezu keinen Kontakt. In ihrer Jugend hörte sie nur, dass ihr Vater Paul ohne Renata das Konzentrationslager Bergen-Belsen wohl nicht überlebt hätte. Als Renata Laqueurs Tagebuch 1965 in den Niederlanden dann doch erschien – das Interesse an solchen Büchern war letztlich gering – erlangte dieses für Saskia auch innerfamiliär eine größere Bedeutung. Das Wissen über das Überleben ihres Vaters war bisher in ihr vage, diffus geblieben. Persönliche Erinnerungen an Renata Laqueur, die zwei Jahre vor ihrer eigenen Geburt in die USA gegangen war, hatte sie nicht. Und dennoch sprach ihr Vater „fast täglich“ (S. 14) vage von seinem Überleben, „vom Hunger, der Desillusionierung, davon, dass er dem Sterben nahe gewesen sei.“ (S. 14) Sie spürte die Scham, Fragen zu stellen, wo ihr Vater, der Überlebende, doch spürbar unter seinen furchtbaren Erinnerungen litt. Die Antwort ihres Vaters auf ihre zögerlichen Fragen war fast immer, sie solle das Tagebuch von Renata lesen, da stehe alles drinnen.
Sehr viele Jahre später, als Erwachsene, las sie dieses Tagebuch dann wirklich. Sie versuchte auch, Einiges über die Ermordeten ihrer Familie zu erfahren.
Sehr spät, um das Jahr 2010, da war Renata Laqueur 91 Jahre alt, versuchte Saskia Goldschmidt auf englisch Kontakt mit ihr aufzunehmen. Saskia schickte ihr auch ihren ersten eigenen Roman. Renata reagierte anfangs begeistert, bat dann jedoch darum, sie nicht mehr zu drängen, über ihre Erinnerungen zu sprechen. Ein Jahr später verstarb sie. In drei ergänzenden Kapiteln des Buches schreibt Goldschmidt über weitere Aspekte dieser komplizierten Familienbiografie und Werkrezeption.
Weiteres Biografisches
Am 13.3.1944 wurden Renata und ihr Ehemann nach Bergen-Belsen deportiert, am 19.3.1944 bereits beginnt ihr Tagebuch. Über das Konzentrationslager weiß sie letztlich nichts. Auch über Auschwitz – Auschwitz wird in ihrem Tagebuch oft erwähnt – weiß sie als jüdische Gefangene nichts Gesichertes. Nach ihrer Befreiung ging sie, wie erwähnt, zurück in die Niederlande. Ihre Ehe mit Paul gelang auf Dauer nicht. Sie hatten beide ihre sehr eigenen KZ-Geschichten.
1952, da war sie 33, emigrierte Renata nah Kanada, ein Jahr später nach Amerika. 1954 heiratete sie Deso Weiss. Sie blieb von ihren Verfolgungsgeschichten geprägt, was ihr Ehemann nicht zu verstehen vermochte. Über ihre grausamen Erlebnisse sprach sie nahezu nie. 1962 erschien ein Fragment aus ihrem Tagebuch in einer Vitrine in der Lüneburger Heide, die an Bergen-Belsen erinnern sollte. Niemand informierte sie hierüber, sie erfuhr es auf großen Umwegen durch Zufall in den USA.
Da sie nur einen niederländischen Abschluss hatte machte Renata Laqueur in den USA an einem College noch einmal ein Studium und promovierte von 1969 – 1971. Das Thema entsprach ihrem Tagebuch: Sie verglich 13 weitere KZ-Tagebücher und legte eine vergleichende Studie zum literarischen Wert dieser Tagebücher vor. 21 Jahre später erschien ihre wissenschaftliche Studie auch auf Deutsch (Laqueur 1992). Ich vermute, dass dies für die amerikanische Emigrantin Renata Laqueur doch ein kleiner seelischer Triumpf war.
Obwohl sie beschlossen hatte, nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen, besuchte sie für ihre Forschungsarbeit Paris, Amsterdam und München.
Auszüge aus dem Tagebuch
Am 19.3.1944 notiert Renata Laqueur: „Ich gehe an Holzbaracken hinter Stacheldraht vorbei, rieche eklig-süße Desinfektionsluft und Kohle und denke immer: Das habe ich schon so oft erlebt. Es ist nichts Neues, aber schrecklich!“ (S. 42)
Am 20.3. notiert sie: „Das Aufstehen ist ein Elend. Wenn einem gerade richtig warm ist, muss man raus. (…) Heute Morgen darf ich zum Appell im Bett bleiben, denn ich habe Fieber.“ (S. 51)
Am 28.3.1944 beschreibt sie eine kurze Gedenkzeremonie an einen Verstorbenen: „Die Männer aus seiner Baracke gaben ihnen mit entblößtem Häuptern das letzte Geleit bis zum Zaun. Niemand aus seiner Familie oder von seinen Freunden in Holland weiß, dass er starb. Auch vom Tod meines Schwiegervaters weiß man dort nichts.“ (S. 62)
Am 31.3.1944 erinnert sie sich, dass sie ein Jahr zuvor in Westerbork angekommen ist: Und was wissen wir jetzt? Werden wir jemals nach Holland zurückkehren? Wo werde ich am 31. März 1945 schreiben? Paul ist sehr krank. Er hatte heute Morgen schon 39,6 Grad.“ (S. 64)
Am 14.4.1945 schreibt sie in ihrem Tagebuch: „Gestern und heute Nacht wieder Luftalarm. (…) Heute mussten wir unsere Baracken saubermachen. Sogar die Strohmatratzen sollten nach draußen gebracht werden. Es war ein Chaos. Nebenan wurde wieder einmal umgezogen. Das ist eine Lagerkrankheit ebenso wie der Appell.“ (S. 76)
Am 16.4.1943 schreibt sie: „Heute Nachmittag ein jüdischer „künstlerischer Nachmittag“, mit jüdischen Liedern (nach Chaja Goldstein kann ich niemand anderen mehr schätzen). Um sechs Uhr nahmen wir draußen unsere drei Schnittchen trocken Brot mit Wasserkaffee ein und gingen zu Bett. Ich will nach dem Krieg nie wieder zu wenig Brot haben! Ich will schneiden, schneiden und essen. Nicht mehr zählen.
Ich habe Heimweh. (…) Paul wird mager. Gott, wie lange dauert das? Wann können wir endlich mit unserem Leben beginnen? Ich bin müde. Vielleicht müssen wir morgen doch noch umziehen.“ (S. 78)
Am 9.5.1944, wir sind im Buch 35 Seiten weiter, schreibt sie:
„Heute ist es vier Jahre her, dass der Krieg für uns begann. Damals war auch strahlendes Wetter. (…) Und wer weiß, wie es endet? Wie geht das Abenteuer aus? (…) Ich sehne mich so sehr nach Ruhe und Alleinsein, nach Stille, nach einem warmen Bad.“ (S. 112f)
Sieben Monate später, am 23.12.1944, notiert sie:
„Und … wir ziehen um. Es kommen Transporte aus Auschwitz, aus Ungarn, von überall her. (…) In einem Bettgestell schlafen also mindestens sechs Personen, wenn es eine Mutter mit Kind ist noch mehr. (…) Es gibt einen einzigen Waschraum, der vom ganzen Lager (Männer und Frauen) benutzt werden kann, und vier WCs. (…) Wir lachen nie mehr. Ich kann mich nicht erinnern dass ich mich mal auf irgendetwas gefreut habe, fröhlich war und das Gefühl hatte: Ich bin jung, ich kann es ertragen….
Es ist zu schwer. Nicht einmal Heimweh empfinde ich mehr. Ein Weihnachtsbaum und ein Truthahn, alle innere und äußere Festlichkeit sagen mir nichts mehr. Es gibt nur das Verlangen, das hier zu überleben, und als Ruhepunkt ein eigenes Haus, ein eigenes Bett und allein sein.“ (S. 189-191)
Die Publikationsgeschichte ihres Tagebuches
1965 war ihr Tagebuch endlich beim niederländischen Verlag Querido in Amsterdam erschienen, 1979 erschien eine Neuauflage bei Querido. An ihrer amerikanischen Universität erwähnte sie nun erstmals ihr, nun veröffentlichtes, Tagebuch über Bergen-Belsen. Sie übersetzte es schrittweise ins Englische. Es blieb in den USA dennoch unveröffentlicht.
1983/84 entdeckte ein Deutscher ihr niederländisches Tagebuch. Es entstand zwischen ihnen ein Austausch mit ihm und somit auch nach Deutschland. 1983 erschien dann eine deutschsprachige Version ihres Tagebuches. Seitdem kam sie regelmäßig nach Deutschland.
1991: Ein Taz-Interview
1991 erschien ein taz-Interview mit der damals 72-Jährigen Renata Laqueur. Hierin erinnert sie sich an die Umstände, unter denen ihr Tagebuch entstand. Bergen-Belsen war kein KZ wie Dachau oder Ravensbrück. Sie hatte ein Schulheft bei sich. Später stahl sie – „ich habe immer gestohlen! Was man auch nötig gehabt hat, das hat man gestohlen. Stehlen war so, wie wir Zeitung lesen, it was part of life“ – aus dem Büro weitere Materialien, um ihr Tagebuch, gedacht als Zeitzeugenbericht für die Nachwelt, fortzuführen.
Das Aufbewahren und Verstecken ihrer Aufzeichnungen erwies sich als problematisch: Sie bewahrte es in ihrem Overall auf, da ihre Strohmatratze oft nass wurde.
Später habe sie nie wieder in ihrem Tagebuch gelesen. Dies war zu belastend. Sie hatte beim Abfassen nicht an eine Publikation gedacht, dazu waren die täglichen Bedrohungen viel zu mächtig. Das Schreiben war auch eine Ablenkung vom zerstörerischen Alltag im Lager.
Im taz-Interview beschreibt sie ihren ersten Besuch in Deutschland, ihre ersten Lesungen dort. Dabei stellte sie nur eine Bedingung: Sie werde keinem Deutschen über 65 die Hand geben, weil sie nicht wisse, was dieser in der Nazizeit gemacht habe. Im Alter sei es für sie in Ordnung, sich gelegentlich an die KZ-Zeit zu erinnern.
Sie erinnert sich an ihre Gefühle bei ihrem ersten Besuch in Bergen-Belsen, im Jahr 1985, da war sie 66:
„Ich werde nie den ersten Eindruck vergessen, Mai 1985, es war herrliches Wetter, und die Birken blühten weiß, und die Bäume grün, und die Wiesen, und da ist die Mauer und eine Tür, die offen steht, wenn man ‘reinkommt. Da hab‘ ich nur den Leuten in Bergen-Belsen gesagt: Was ist denn das? Ihr habt eine offene Tür für eine Gedenkstätte? Man sollte wenigstens das Gefühl haben, man kommt in den Stacheldraht, die Mauer geht wieder zu. Aber dort ist es, als käme man in ein Museum herein. Und dann diese wunderbare Landschaft.“
Renata Laqueur (2025): Tagebuch als Bergen Belsen. März 1944 – April 1945. Herausgegeben von Saskia Goldschmidt. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Wallstein Verlag, Göttingen, 348 S., 24 Euro
Literatur
Kessler, J. & R. Kaufhold (Hg.) (2015): Edith Jacobson: Gefängnisaufzeichnungen. Gießen: Psychosozial-Verlag. https://psychosozial-verlag.de/programm/2000/2100/2513-detail
Kaufhold, R. (2001): Bettelheim, Ekstein Federn. Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung. Mit einem Vorwort von Ernst Federn. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Kaufhold, R. (2021): Rezension von: Maya Lasker-Wallfisch mit Taylor Downing (2020). Briefe nach Breslau. Überleben, Sprachlosigkeit und transgenerationales Erbe, psychosozial, 44. Jg., Nr. 166, Heft IV/2021, S. 110ff.
Kaufhold, R. (2022): „Ich schäme mich schrecklich, alles das zu erleben“. Das Bergen-Belsen Tagebuch von Hanna Lévy-Hass, haGalil, 9.8.2022: https://www.hagalil.com/2022/08/hanna-levy-hass/
Laqueur, R. (1992): Schreiben im KZ. Tagebücher 1940-1945. Вearbeitet von Martina Dreisbach. Bremen: Donat.
