Jäger zwischen den Welten – der Löwe Gottes

Es beginnt mit einem roten Lippenstift. Ein Farbtupfer für ihr trauriges Gesicht soll er sein, wird aber dann doch nicht gekauft. Statt dessen begegnet sie Ariel in der Parfumabteilung eines Kaufhauses. Dieses Aufeinandertreffen wird zum Beginn einer Reise in die Vergangenheit. Von Christiane Jochum.

Maren Friedlaender lässt den Leser tief in eine Zeit eintauchen, deren dunkle Seiten immer wieder durch leuchtende Lebensereignisse erhellt werden. Er, Ariel, hat sie, deren Namen wir nicht erfahren, ausgewählt, um ihr seine Geschichte zu erzählen, die zugleich Zeugnis einer großbürgerlichen und ungewöhnlichen Welt ist.

Ariel, Sohn eines deutschen Juden und einer Äthiopierin aus dem Hochadel, die aus Liebe zum Judentum konvertiert, wächst in behüteten Verhältnissen auf. Sein Großvater baute ein weltweit operierendes Handelsunternehmen auf und sorgte für eine exzellente Ausbildung seines einzigen Sohnes. Als Weltbürger, lange bevor das Wort „Globalisierung“ geprägt wurde, zieht die Familie durch Europa und die USA, bevor London, auch für die Großeltern, zum Lebensmittelpunkt wird. Auch Ariels Familie bleibt von Verfolgung, Repressionen und Gewalt nicht verschont.

Und hier wendet sich das Blatt, die Rollen wechseln, die Gejagten werden zu Jägern. Ariels Vater arbeitet während des Zweiten Weltkrieges für den britischen Geheimdienst und Ariel folgt ihm in dieser Tradition, indem er Kriegsverbrecher aufspürt. Der Leser begleitet Ariel sozusagen quer durch Europa, erlebt mit, wie Täter enttarnt werden, erfährt von Geschichten hinter der Geschichte. Fünfundsiebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges rückt die Vergangenheit ganz nahe, ahnt der Leser den nie wirklich verschwundenen Antisemitismus.

Maren Friedlaender, bisher als Autorin politischer Krimis mit lokalem Bezug bekannt, hat mit „Der Löwe Gottes“ einen Roman mit durchaus autobiographischen Anklängen geschrieben. Der nicht gekaufte Lippenstift als Ausgangspunkt, die Entwicklung einer Erzählsituation zwischen Ariel und seiner Zuhörerin, baut einen spannenden Bogen von der Gegenwart zur Vergangenheit und wieder zurück auf. Zeitlich ist der Roman zu Beginn der 2000er Jahre einzuordnen; auch dieser Punkt bleibt vage, da wir nur aus Ariels Geburtsdatum schließen können. Maren Friedlaender gelingt es, nicht zuletzt durch knappe, feine Beobachtungen und Beschreibungen, die verschiedenen Orte der Handlung lebendig werden zu lassen. Ob Venedig, London, Jerusalem oder Hamburg – die Atmosphäre der Städte, die in Ariels Geschichte entscheidende Rollen spielen, zieht sich spürbar durch den gesamten Roman. Der Leser wird selbst zum Zuhörer einer Familiengeschichte, die von Glück und Tragik erzählt, Linien aus der Vergangenheit in die Gegenwart nachzeichnet und immer wieder auf die Liebe, die alles überdauert, hoffen lässt.

Sehr lesenswert!

 

Maren Friedlaender
„Der Löwe Gottes“
Gmeiner-Verlag, Meßkirch
März 2020, 222 S.
20,— Euro als gebundene Ausgabe
14,99 Euro als e-Book

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Werbung