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Jan Böhmermann, die Nicht-Juden und ich

Jan Böhmermann am red carpet der Romyverleihung 2018 in der Hofburg in Wien, Österreich Foto: Manfred Werner (Tsui) Lizenz: CC BY-SA 4.0

Von unserer Schweizer Gastautorin Anastasia Iosseliani

Liebe Nicht-Juden

Ihr mögt es ja nicht Goyim genannt zu werden, oder?

Wisst ihr, was mir auf den Geist geht? Wenn Nicht-Juden mich nach Feierabend vor der Buchhandlung, in dem ich arbeite abpassen und mit mir eine Diskussion darüber haben wollen, ob Jan Böhmermann ein Antisemit ist, oder nicht. Wobei: Eine richtige Diskussion war das nicht, eher versuchte mich der Herr davon zu überzeugen, dass Jan Böhmermann, den wir übrigens beide, der Herr und ich, nicht persönlich kennen, kein Antisemit sein könnte. In einer Laustarke, die auch andere Passanten mitbekamen, redete der Herr auf mich ein, dass man andere Menschen nicht einfach so des Antisemitismus bezichtigen könnte, dass der Vorwurf des Antisemitismus ein schwerer sei und dass Böhmermann ein so netter Mensch sei, der könne doch kein Antisemit sein.

Ganz ehrlich: Weder habe ich Jan Böhmermann des Antisemitismus bezichtigt, noch kenne ich Jan Böhmermann oder Oliver Polak persönlich. Des Weiteren ist es mir persönlich egal, ob Jan Böhmermann Antisemit ist, oder nicht. Denn seien wir ehrlich: Die Geschichte hat gezeigt, dass sich Leute, wie zum Beispiel Louis Farrakhan, Jenny Tonge und weitere, oft antisemitisch betätigen konnten, oder sich sogar zum Antisemitismus bekennen konnten, ohne dass es ihren Karrieren geschadet hat. Deshalb bin ich wohl etwas resigniert und mir geht darum die Debatte um Jan Böhmermann an meinem jüdisch-georgischen Hinterteil vorbei.

Was mir hingegen absolut NICHT EGAL ist, wenn ein Kunde aus derBuchhandlung, in der ich arbeite, mich nach der Arbeit abpasst und mich ein gutes Stück weit «verfolgt», um mit mir eine absolut einseitige Diskussion zu führen, welche von anderen Passanten mitbekommen wird. Man sieht mir meine Jüdischkeit nicht an und ich hausiere mit meiner Jüdischkeit auch nicht in der Öffentlichkeit, deshalb will ich nicht, das andere, mir komplett unbekannte Menschen auf der Strasse erfahren das ich jüdisch bin. Ich wurde mehrmals, weil ich Jüdin bin, Opfer von physischer Gewalt und will nicht von irgendeinem Antisemiten wieder krankenhausreif geschlagen werden, nur weil dieser Antisemit mitbekommen hat, wie ein Kunde mich deshalb zutextet, weil ich Jüdin bin. Es ist gefährlich jüdisch zu sein in diesen Tagen, antisemitische Angriffe auf alles vermeintlich Jüdische steigen und das oben Beschriebene dreht mir echt den Magen um, ob der ganzen Unverschämtheit und Selbstgerechtigkeit des Kunden. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Der einzige Grund, warum ich diesen Kunden nicht angeschrien habe, ist der, dass diese Person ein Stammkunde ist und ich meinen Job, den ich brauche, nicht verlieren will. Trotzdem bin ich jetzt noch geladen.

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7 Kommentare zu “Jan Böhmermann, die Nicht-Juden und ich

  • #1
    Thomas Weigle

    Bei so einem Erlebnis ruhig bleiben zu müssen aus dem genannten Grund, , oha…., meine uneingeschränkte Hochachtung!!!

  • #2
    Ines C.

    Krass. Danke für’s Teilen. Ich will nicht in einem Land leben, in dem es "gefährlich ist jüdisch zu sein. Wie können wir das ändern?

  • #3
    Thomas Weber

    Der sogenannte "Fall Böhmermann" hat sich beim 25jährigen Bühnenjubiläum von Serdar Soumuncu im Jahr 2010 im Dortmunder FZW ereignet. Wie dumm und öffentlichheitsgeil Oliver Polak diesen antisemitisch gelagerten "Sketch" für sein Buch ausgeschlachtet hat, darüber berichtet Serdar Somuncu in seinem blog: http://somuncu.de/aktuell/oliver-polak-eine-analyse

  • #4
    Nina

    Wieso richtet sich der Text explizit an "Nicht-Juden"?
    Entschuldigung, wenn ich jetzt hier von #metoo spreche, aber daran erinnert mich dieser anklagende Text.
    Aus einer alltäglichen Situation wird ein Vorfall gestrickt und ein Opfer stilisiert.
    Dass der Kunde aus dem Buchladen kritisiert wird, ist das Eine. Das Andere ist, dass man als Leser das Gefühl bekommt, es sei schlecht ein "Nicht-Jude" zu sein, so fängt der Text auch an mit dem Satz "Wisst ihr, was mir auf den Geist geht? Wenn Nicht-Juden mich nach Feierabend vor der Buchhandlung, in dem ich arbeite abpassen…". Faktisch ging es doch um einen einzigen Kunden und einem Vorfall oder kommt das regelmäßig vor? Ich habe ebenfalls Kundenkontakt und es kommt vor, dass mich Kunden in meiner Freizeit grüßen oder ansprechen. Das lässt sich nie verhindern. Wenn ich das nicht möchte, muss ich mir einen Job ohne Kundenkontakt suchen oder in einer anderen Stadt/einem anderen Viertel arbeiten. Oder ich sage dem Kunden höflich aber bestimmt, dass ich in meiner Freizeit keine Gespräche führen möchte und es bei einem kurzen Gruß bleibt.

  • #5
    Arnold Voss

    Mir ist es völlige egal ob Jemand Jude oder Nicht-Jude oder Sonstwas oder Nicht-Sonstwas ist. Hauptsache er oder sie nerven nicht. Ich teile die Welt deswegen nach Nerver und Nicht-Nerver ein. 🙂

  • #6
  • #7
    Wolfram Obermanns

    Dem Erlebnis liegt, denke ich, ein Phänomen des Anti-Antisemitismus zu Grunde: der Bedarf am Vorzeigejuden, den man hemmungslos zur Schau stellt, um Absolution zu erhalten.
    Ein Ereignis wie dieses halte ich für einen Kollateralschaden einer verbesserungsfähigen Erinnerungskultur.
    Falls mein Projekt eines interreligiösen Chores gelingt, werde ich jedenfalls nicht die Stimmen nach Glauben aufteilen und präsentieren.

    Was den angeblichen Antisemitismus Böhmermanns betrifft: falls er eines Tages Antisemit geworden sein sollte, wird er selbst einer der letzten sein, die das bemerken. Für mich ist er eine der Ikonen, die Fernsehen auch intellektuell als Unterschichtenmedium verorten.

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