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Kommen Babys mit Betriebssystem auf die Welt?

Charles Darwin auf einem Aquarell von George Richmond (1809–1896) aus dem Jahr 1840 (Ausschnitt) Lizenz: Gemeinfrei

Warum unsere Evolution angeblich am Hals endet. Von unserem Gastautor Matthias Kraus.

„Der Ursprung der Arten durch natürliche Selektion oder die Erhaltung bevorzugter Rassen im Überlebenskampf“, so der gruselige Originaltitel von Darwins Evolutionstheorie, erschien 1859. Das war ein historisch äußerst ungünstiger Moment. Die neue These wurde flugs zur Steilvorlage für die europäischen Kolonialstaaten. Bevorzugte Rassen im Überlebenskampf? Damit konnten nur sie selbst gemeint sein, fanden die Europäer auf Expansionstrip. Die arme Biologie verlieh den angezettelten Gräueln in den Kolonien eine schöne Rechtfertigung — Unterjochung als natürliche Ordnung der Dinge, jetzt auch wissenschaftlich erwiesen. Kurze Zeit später diente die Evolutionstheorie, von Medizinern pervertiert zur „Rassenhygiene“, den Nationalsozialisten als Inspiration für die „sozialdarwinistischen“ Nürnberger Rassegesetze und rassistisch motivierten Völkermord.

Seither steht die Biologie im Verdacht, unter dem Deckmantel der Wissenschaft in Wahrheit den ideologischen Überbau für Patriarchat, Rassismus und Schlimmeres zu liefern. Männer? Sind Alphatiere, die sich nehmen, was sie wollen — wenn es sein muss mit Gewalt, das Testosteron ist schuld! Frauen? Locken mit adretten Outfits und möglichst idealen Körpermaßen die Männer mit hohem Sozialstatus an! Intelligenz? Es gibt halt dumme und schlaue Stämme! Stets meint eine Evolutionspsychologin, ein Verhaltensgenetiker oder eine Neurowissenschaftlerin zu wissen, die Natur habe die reaktionären Umstände so vorgesehen.

Als Reaktion darauf und im Wettstreit mit den Naturwissenschaften griffen die Geisteswissenschaftler gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine alte Gegentheorie wieder auf, die uns Menschen doch wieder die Krone der Schöpfung aufsetzt. Sie setzte sich nach 1945 im Westen flächendeckend durch und ist heute das Standardmodel unserer Vorstellung der menschlichen Natur: Die biologische Evolution des homo sapiens endet — im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen einschließlich der Primatenkollegen — am Hals, so vermutet man. Das ist so, weil wir Menschen als einzige Spezies die Fähigkeit zu Bewusstsein und Erkenntnis erlangt haben. Die Entwicklung dieses Geistes ist deshalb losgelöst vom DNS-Gewusel. Ob es unsere Sprachentwicklung ist, unsere Persönlichkeitsmerkmale oder unsere Subordination in die zugewiesene Gender-Rolle — wir kommen zur Welt mit einem unmöblierten Gehirn. Unsere kognitive und psychische Entwicklung basiere nicht etwa auf bereits von Geburt an vorhandenen Veranlagungen und Bausätzen, sondern vollziehe sich auf gesellschaftlich-kultureller Ebene und sei somit zu großen Teilen von außen modellier- und optimierbar. Mag die Biologie die Körperhülle formen, erst unsere Sozialisierung mache uns zu dem, was wir wirklich sind (und das Ergebnis lasse leider oft genug zu wünschen übrig).

Vor 1.500 Generationen haben wir damit begonnen, die Wände zu bemalen, seit 400 Generationen sind wir gesellschaftlich aktiv. Innerhalb dieses Zeitrahmens spielt sich demnach unsere Spezialform der Evolution ab.

Diese Idee, eine Art weltlicher Kreationismus, ist nicht neu. Jean-Jacques Rousseau war einer der ersten, der sie einem größeren Publikum schmackhaft machte. Ihm zufolge kommen wir in einem unverdorbenen Zustand zur Welt, sozusagen als unbeschriebene Blätter. Die Gesellschaft füllt uns dann nach und nach mit Inhalten, doch meist geht das nicht gut und die reinen Kinderseelen wachsen zu denaturierten Tunichtguten heran. Kein Wunder, dass Rousseau diesen Verlust des unbefleckten Urzustands bedauerte und forderte, wir müssten „zurück zur Natur“ statt hin zur Aufklärung. Knapp zweihundert Jahre und diverse erschöpfende Revolutionen/Kriege später erkannte man in seiner Idee eine neue Chance: Wir müssen gar nicht zwangsläufig böse werden oder in sprichwörtlichen Ketten liegen; mit der richtigen Pädagogik können wir auch zum Guten geleitet werden und gemeinsam eine bessere Welt bauen. Der Psychologe John B. Watson, ein Behaviourist, ließ keinen Zweifel an der Gestaltungskraft sozialer Konstruktion. Auf die damals nicht nur in faschistischen Kreisen beliebten Pläne zur Menschenzüchtung, also künstlicher Selektion zur Optimierung angeblicher „rassischen“ Vorzüge, schrieb er 1930 als Antwort: „Gebt mir ein Duzend gesunder, wohlgeformter Kinder und mein eigenes, von mir bestimmtes Umfeld, um sie großzuziehen und ich garantiere, dass ich ein Beliebiges nehmen kann und schulen, jegliche Form von Spezialist zu werden, sei es Doktor, Anwalt, Künstler, Kaufmann und, ja, sogar Bettler und Dieb, ungeachtet seiner Talente, Vorlieben, Tendenzen, Fähigkeiten, Berufung und Rasse seiner Vorfahren.“ Klingt das nicht tausendmal besser?

 

Politisch kam das Konzept besonders nach dem zweiten Weltkrieg sehr gut an, denn wenn es zuträfe, wäre nicht nur der Herrenrasse-Horror ein für alle Mal gebannt. Mit den richtigen Mitteln und Methoden der (Um-) Erziehung rückten damit Utopien einer besseren Welt in greifbare Nähe. Fand auch Mao. Er sagte, die besten Gedichte schreibe man auf einem leeren Blatt. 45 Millionen bereits beschriebene Blätter musste er beim „Großen Sprung nach vorn“ leider ausradieren, sein idealistisches Ziel war ihm jedes Opfer wert. In der Sowjetunion wurde Darwins Evolutions-Irrlehre verboten. „Survival of the Fittest“ als Mechanismus der Artenentstehung vertrug sich nicht mit dem dialektischen Materialismus, jener Doktrin, die den neuen Sowjetmenschen erschuf. Von Stalin gutgeheißen wurde stattdessen der Lyssenkoismus. Demzufolge bestimmen nicht etwa Gene, sondern nur die Umweltbedingungen die Eigenschaften und Ausprägung aller Organismen.

Im Westen obsiegte der französische Poststrukturalismus über das individualistische Beatgehopse der Briten. Was uns als Individuen definiert, ist seitdem nurmehr die kulturelle Konstruktion gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Wir selbst sind entweder Unterdrücker oder Unterdrückte. Folglich wird seitens der Unterdrückten unermüdlich de-konstruiert. Ein bisschen schade um die witzige, unverklemmte Hippiezeit ist es aber schon. Dear Prudence, won’t you come out to play? Vorbei!

Die These des Menschen als unbeschriebenes Blatt ist heute im Großen und Ganzen gesellschaftlicher Konsens. Jede Menge Alltagsgewissheiten leiten sich daraus ab:

Wer nicht hinter dem Mond lebt und einigermaßen fortschrittlich mitdenkt, weiß das alles. Was aber wäre, wenn die Vorbedingung dieser Grundsätze, nämlich dass vor allem Erziehung, Gesellschaft und Kultur uns zu dem formen, was wir sind, nicht zuträfe? Wenn die Mechanismen der Evolution uns nicht nur bis zum Hals, sondern doch bis tief in den Hirnkasten hinein geformt haben? Wenn also die Biologie einen Anteil daran hat, wer, wie und was wir sind?

Wäre dann nicht unsere Persönlichkeit schicksalhaft vorbestimmt? Würden begriffsstutzige, aggressive, schüchterne Kinder nicht zwangsläufig zu dummen, asozialen, gehemmten Erwachsenen heranwachsen? Spielten unsere Dreikäsehochs nur deshalb Vater-Mutter-Kind, um frühzeitig ihre naturgegebenen Rollen einzuüben? Sollten Männer mit ihrem Testosteron und ihrem Orientierungssinn im Großstadtdschungel jagen gehen und gehörten Frauen mit ihrer Empathie und ihrem Nestbauinstinkt an den Herd? Wäre es letztlich sinnlos, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, weil die Diskriminierung sowieso vorprogrammiert ist?

Mit solcherlei Ansinnen macht man sich zur Unperson. Und natürlich wäre es dümmlich, aus einem biologischen Ist wie zum Beispiel dem, dass Frauen und Männer allerlei körperliche und neurologische Unterschiede aufweisen, ein gesellschaftliches Soll abzuleiten. Dennoch ist genau das ist der übliche Verdacht, gespeist aus der Erfahrung mit dem ideologischen Missbrauch von Darwins Theorie, und so passt dieser „Biologismus“ irgendwie nicht mehr in unsere Welt. Wir haben stattdessen jene andere These verinnerlicht, die der sozialen Konstruktion und das darin enthalten gut gemeinte. Sie wird heute von keiner ernst zu nehmenden Instanz in Frage gestellt. Politik, Sozialwissenschaften, Universitäten, Medien, alle meine Facebook-Freunde und natürlich auch Google sind sich einig.

Dabei könnten zumindest die Elterntiere unter uns durch anekdotische Erfahrung auf abwegige Gedanken kommen. Vieles von dem, dessen wir uns täglich gegenseitig bestätigen, passt einfach nicht zu den Alltagsbeobachtungen: Das erste Kindelein hat von Anfang an seine Eigenheiten und Unzulänglichkeiten; es behält sie trotz allen erwachsenen Gegensteuerns hartnäckig bei. Rotznase Nr. 2 ist oft genug von Anfang an ganz anders aufgestellt als das Geschwisterchen und bleibt dies auch ein Leben lang — obwohl doch beide dem selben Umfeld mit den selben Erziehungsmethoden ausgesetzt sind. Wie kann das sein, wo uns doch angeblich vor allem die Erziehung und das Umfeld formen? Viele Freunde des unbeschriebenen Blattes relativieren insgeheim Stück für Stück ihre Sicht, wenn sie als Eltern nur lange genug engen Kontakt zu den faszinierenden Ursprüngen der menschlichen Natur hatten.

Manche resignieren, weil die Wirklichkeit auf zwei Beinchen kompromisslosen Widerstand leistet gegen alle wohlwollend-erzieherischen Anti-Aggressions- und Sexismusmaßnahmen. Wer sowohl Mädchen als auch Jungen großzieht, erlebt sehenden Auges, wie die Kleinen unaufhaltsam erfasst werden vom Sog hinein in das jeweilige Stereotyp — und das bereits in einem so zarten Alter, dass Kultur und Erziehung noch keinen Einfluss auf die Zwerge haben können. Wer das nicht selbst erlebt hat, hat keinen blassen Schimmer. Patchworker, eine neuere Subspezies (der auch der Schreiber dieser Zeilen zuzurechnen ist), wissen darüber hinaus, wie grundsätzlich unterschiedliche Persönlichkeiten solche Kinder bleiben, die nicht die gleichen Eltern haben. Das quasi-geschwisterlich geteilte Erziehungsumfeld während der jungen, formbaren Jahre erzeugt keinen mentalen Gleichklang, der von Dauer wäre. Die vom Stamm gefallenen Äpfelchen mögen weit fortgetragen worden sein, ihre jeweilige Sorte aber scheint unverändert.

Angeboren oder anerzogen? Beschriebenes oder leeres Blatt? Die Frage, was in uns drinsteckt und was von außen dazukommt, ist immer noch brandheiß. Kommen wir mit evolutionärem Gepäck auch im Oberstübchen ausgestattet auf Erden an oder kann aus jedem neuen Planetenbewohner alles werden, weil mental noch nichts da ist? Thomas Sowell erklärte 1987 in A Conflict of Visions, wie die „eingeschränkte“ und die „uneingeschränkte“ Weltsicht die beiden großen politischen Lager hervorbringt. Steven Pinker nennt diese beiden Positionen die „tragische“ und die „utopische“ Vision.

 

Die „Tragiker“ meinen, wir kommen sozusagen mit vorinstalliertem Betriebssystem zur Welt. Die Menschen muss man deshalb so nehmen wie sie sind, nämlich limitiert in ihren Fähigkeiten, ihrer Weisheit und ihrer Tugend. Um wünschenswerte, aber beileibe nicht selbstverständliche gesellschaftliche Zustände wie zum Beispiel Frieden aufrecht zu erhalten, müssen unsere negativen Impulse mit Hilfe von möglichst effizienten Gesetzen, wie etwa dem Polizeigesetz in Bayern, gebändigt werden. Tragiker denken in Systemen wie zum Beispiel die Verfassung, Gewaltenteilung oder Prinzipien wie „Im Zweifel für den Beschuldigten“. Was sich über längere Zeiträume bewährt hat, möge bitte nicht voreilig verändert werden, sondern behutsam. Weil jeder fehlbar ist, auch die ganz oben, solle sich der Staat aus Privatangelegenheiten tunlichst raushalten. Da wir Erdenbürger sowieso nicht perfekt sein können, ist für viele Tragiker das versprochene Paradies der Sehnsuchtsort, nicht die Utopie einer gerechten Welt. Sie stehen für den menschlichen Makel — in medialen Rollen wie „der korrupte Finsterling“, „die kaltherzige Strippenzieherin“ oder „der kapitalistische Blutsauger“.

Aus Sicht der „Utopier“ werden wir, um im Bild zu bleiben, unformatiert geboren. Weil uns deshalb prinzipiell alle Systeme und Wege offen stehen, sind Einschränkungen, Ungerechtigkeiten, Kriminalität etc. nicht schicksalhaft vorgegeben, sie werden vielmehr im suboptimalen Umfeld erlernt und erlitten. Diese Hindernisse beseitigen wir unter der Fittiche charismatischer Leitfiguren und mit Hilfe einer Gesetzgebung, welche die idealistischen Absichten widerspiegelt. So ebnen wir den Weg in eine optimale Zukunft ohne Krieg, Hunger oder Unrecht. Ein Beispiel ist das Inklusionsgesetz. Chancengleichheit ist ein schönes Ziel und Utopier denken in Zielen (weniger in Systemen wie die Tragiker). Eine gerechte Welt ist das nobelste aller Ziele und so kennen wir sie aus Film, Funk, Fernsehen und Wahlkampagnen: Den klaren Blick charakterfest auf die bessere Zukunft gerichtet oder in heiligem Zorn auf die herrschenden Umstände, die grundsätzlich zu wünschen übrig lassen.

Utopier sind mitfühlend (wenn auch vor allem verbal, nicht so sehr in der Tat) und theorieversessen, Tragiker sind grundskeptisch und ergebnisorientiert — und beide Sichtweisen halten sich jeweils für die humanere. Den Utopier treibt sein Enthusiasmus für soziale Ideen an, die er fleißig retweetet. Der Tragiker tut einfach, was getan werden muss und hängt das nicht an die große Glocke. Ohnehin hat ihm keiner was reinzureden. Der eine ist Ben Affleck, der andere Chuck Norris. Apropos Alphamänner: Für Utopierinnen wie Lena Dunham sind sie potenzielle Beschämer/Missbraucher, Tragikerinnen wie Taylor Swift verstehen sie eher als Bewunderer/Beschützer.

Die Utopier und die Tragiker: Wie die beiden Königskinder im traurigen Lied kommen sie niemals zusammen. Das liegt nicht etwa daran, dass die einen prinzipiell im Recht wären und die anderen nicht, vielmehr betrachten sie die Welt durch unterschiedliche Filter. Je stärker die individuelle Variante des Filters durchgefärbt ist, desto mehr erscheint das eigene Denken und Tun als folgerichtige Reaktion auf die gefiltert wahrgenommenen Umstände, während die Ideen der jeweils anderen konsequent hirnrissig wirken. Etwa bei der Armutsbekämpfung: Für die einen ist eine höhere Besteuerung der Wohlhabenden das naheliegende, weil mehr Gerechtigkeit und Gleichheit schaffende Mittel gegen wachsende Armut (das ist zielorientiert gedacht), während die anderen meinen, ein weiterer Ausbau des Wohlfahrtsstaats löse prekäre Zustände nicht auf, sondern zementiere sie. Die Menschen am Staatstropf verstünden das Geld anderer zunehmend als ihr natürliches Recht und verlernten so, der Matrix aus eigenem Antrieb zu entkommen. Statt auf Umverteilung setzt diese Seite auf das Schaffen von Jobgelegenheiten (das ist systemisch gedacht) und, vor allem in den USA, auf private Wohltätigkeit. Das Erstaunliche dabei: Im Ziel, den Armen zu helfen, stimmen beide Seiten hundertprozentig überein — und doch verachten sie einander. Leider wird die Wirksamkeit von Reformen und anderen Maßnahmen nur selten an ihren langfristigen Auswirkungen in der echten Welt bewertet, so dass sich die Rechthaberei in alle Ewigkeit fortsetzt.

Das Empörungs- und Misstrauenspotenzial der utopischen Einfärbung ist bauartbedingt größer als das der tragischen (und führt dadurch zu einer niedrigeren Schwelle tolerierbarer Differenzen), weil dieser Filter besonders gut auf Ungerechtigkeit anspricht. Besonders eifrige Utopier filzen deshalb gewohnheitsmäßig Gedanken, Gedichte, Bücher und zwischenmenschliche Kommunikation auf mögliche Diskriminierungen. Die Tragiker wiederum nehmen die gott- beziehungsweise naturgegebenen Ungereimtheiten der Welt und deren Bändigung vergleichsweise achselzuckend hin. Kommen Ihnen allerdings die Utopier mit Verhaltensvorschriften allzu sehr ins private Gehege, verwandeln sie sich bisweilen in Wutbürger.

Gerd Gigerenzer, Verhaltensforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, schreibt: „Das Rechts-Links-Schema ist ein einfacher kultureller Hinweisreiz, der vielen von uns als emotionale Richtschnur in der Frage dient, was in der Politik richtig und was falsch ist. Sein emotionaler Einfluss ist so stark, dass es auch festlegen kann, was für uns im Alltag akzeptabel ist. Menschen, die sich der politischen Linken zurechnen, sind unter Umständen nicht bereit, mit Leuten aus dem rechten Spektrum auch nur zu reden. Ganz ähnlich ist für manche Konservative ein Sozialist oder Kommunist gleichsam ein Außerirdischer.“

Welche dieser beiden komplementären (und möglicherweise — ja, docheingebauten) Weltsichten jeweils vorherrscht, bestimmt die Politik ebenso wie unseren privaten Alltag. Seit mindestens 50 Jahren liegt die Deutungshoheit bei den Utopiern: Babys kommen nicht mit Betriebssystem, sondern als unformatierte Hardware, die Stück für Stück von der Gesellschaft formatiert und beschrieben wird — im Guten wie im Schlechten. Als leere Blätter.

 

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13 Kommentare zu “Kommen Babys mit Betriebssystem auf die Welt?

  • #1
    Florian Fischer

    Naja, weder die eine noch die andere Sicht scheint geeignet zu sein. Ich gehe generell nicht von einem höheren Zweck der Existenz aus. Der Sinn des Lebens? Fortpflanzung und den unausweichlich Tod so lange aufhalten wie möglich. Reicht doch, aber wohl nur wenigen. Allerdings stelle ich fest, dass der Mensch zu mehr fähig ist als nur seiner "Natur" zu folgen. Er kann weniger töten, rauben und vergewaltigen, wenn er sich dazu entschließt. Er kann auch aus schlechten Grundbedingungen wie Krankheit oder niedriger Intelligenz mehr machen, wenn er die Möglichkeit bekommt. Neben der Ungerechtigkeit andere herabzustufen und einzuschränken, ist es auch eine Verschwendung von Potential und damit widerspricht es doch eigentlich dem survival of the fittest in Bezug auf die Menschheit.

  • #2
    Helmut Junge

    Das Wort "fitttest" kommt von " to fit" . Im Englischen hat es etwas mit "anpaasen" zu tun. Darvin hat es auch so gemeint. Sein "survival of the fittest" bedeutet also nicht etwa daß die stärksten überleben, sondern die, die am besten an ihre Umgebung angepaßt sind.
    So wird es auch bei Wikipedia definiert.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Survival_of_the_Fittest
    Im Deutschen bedeutet fit sein aber etwas ganz anderes, nämlich durchtrainiert, sportlich, stark.
    Dieses deutsche "fit" sein ,it der Darvinschen Theorie in Verbindung zu bringen, ist purer Schwachsinn, hat aber Methode und wird erfolgreich kolportiert.
    Wären es die stärksten Individuen, wären alle Lebewesen riesig. Schon das allein zeigt, wie bekloppt diese Interpretation des Darwinismus , bzw. der Evolutionstheorie ist.Wer so etwas sagt, will die Evolution überhaupt diskriminieren, der will etwas anders bezwecken. Das tun Sozialdarwinisten und religiöse Kräfte aller Art. Soviel erst mal, mehr später.

  • #3
    Nina

    Die alte Frage Anlage oder Umwelt, neu aufgelegt in Tragik oder Utopie? 😉
    Aktueller Stand ist doch unbestritten-beides spielt eine Rolle. Weder kommen wir als leeres Blatt zur Welt noch ist alles möglich je nach Umwelt und Kultur, in der wir aufwachsen.
    Interessant ist für mich, was man daraus macht. Beispiel Pädophilie- die Forschung ist sich noch nicht sicher, wie sie ensteht. Ursprünglich ging man davon aus, sie sei durch das Umfeld erworben und würde sich manifestieren, so dass sie später nicht mehr grundlegend korrigierbar aber kontrollierbar sei. Andere Theorien sehen eine genetische Disposition, die bereits in der Schwangerschaft entsteht.
    Ich persönlich (Achtung, ist meine persönliche Annahme) vermute, dass Pädophilie angeboren ist bzw. dass es eine Veranlagung gibt. Ein Pädophiler kann gar nicht anders, als so zu empfinden. Er kann aber lernen, seine Neigung zu kontrollieren. Es gibt jedoch auch Menschen, die dies nie lernen und die müssen, wenn sie straffällig werden, weggesperrt werden. Es ist eine gefährliche Neigung.
    Andere Neigungen hingegen sind positiver Ausdruck von Vielfalt-Stichwort Homosexualität (ist angeboren), sexuelle Fetische und Präferenzen zwischen Erwachsenen.
    Ein anderer Punkt, den ich auch sehr wichtig finde, ist, wie gehen wir mit Unterschieden um. In dem Moment, wo ich sage, na ja, eine allzu biologistische Theorie mache Frauen zu Opfern, bewerte ich. Nicht der Unterschied macht sie zu Opfern, sondern die Bewertung. So wurden in der Vergangenheit bestimmte Arbeiten wie Erziehung, Haushalt etc. heruntergestuft, warum eigentlich?

  • #4
    Helmut Junge

    Die Wahrheit liegt nicht immer, aber sehr häufig in der Mitte. Natürlich hat die Umwelt einen prägenden Einfluß auf die Entwicklung eines Menschen. Aber es gibt auch vererbbare Veranlagungen, die ganz maßgebend sind. Das weiß man doch alles. Das ist auch schon lange bekannt.
    Der Grund, warum es deshalb Streitereien gibt, ist einfach ein politischer Wille, der manchmal zum Dogma wird. Und zwar kann das Dogma beide Richtungen vereinnahmen. Einmal gibt es das Dogma, daß alle Menschen von Natur aus gleich sind und daß allein die Umwelt und die Erziehung den Menschen formen, und auf der anderen Seite kann das genaue Gegenteil zum Dogma erhoben werden. Danach ist von Geburt an alles festgelegt.
    Solche Dogmen können sich nur behaupten, wenn die jeweilige Gegenmeinung nicht zugelassen wird. Das kann durch deren Ächtung, oder sogar mit Gewalt geschehen. Beides wird auch praktiziert. Es ist für Andersdenkende eben schwer, sich in ihren jeweiligen Umfeld zu einer antidogmatischen Äßerung zu bekennen. Freiheit sieht eben anders aus.

  • #5
    Nina

    @Helmut Junge: Absolut einverstanden. Was mich die letzten Jahre stark irritiert, ist die Tatsache, dass autoritäres Denken sich als "links", "alternativ", "feministisch" oder "freiheitlich" tarnt.
    Es entstanden da völlig autoritäre, teils akademisch abgehobene Diskurse. Plötzlich stoße ich als Frau in manchen Zusammenhängen auf Anmaßung. Die Haare rasieren (Beine oder Achseln)? Abnehmen wollen? Alles nur von "der Gesellschaft" eingeredet! Absätze tragen? Ungesund! Sich zurecht machen, einem Mann gefallen wollen? Alles anerzogene Unterdrückung!
    Gerade darin zeigt sich der Versuch, andere in ihrem Sein zu kontrollieren und andere Lebensweisen abzulehnen.
    Frauen und Männer sind nicht gleich, es gilt, die Unterschiede zu respektieren.

  • #6
    Ke

    Betriebssystem, unformatiert …
    Warum so kompliziert und aus meiner Sicht nicht passend?
    Gene + Umwelt, die Details fehlen
    Welche Eigenschaft hilfreich ist, zeigt sich auch erst im Leben.

    Ich bin jetzt davon ausgegangen, dass dies der aktuelle Stand ist.

  • #7
    Helmut Junge

    @Nina, jedes Lebewesen, das sich über Sex vermehrt, versucht auf seine Weise dem gewünschten Sexualpartner zu imponieren, Menschen auch. Männer wie Frauen. Der heutige Feminismus scheint mir aber von Frauen repräsentiert zu sein, deren gewünschter Sexualpartner nicht männlich ist. Früher war das anders. Vermutlich handelt es sich heute um einen Rest dieser großen Bewegung, der alle anderen Richtungen vergrault hat. Ich lasse mir so oder so nichts vorschreiben. Ich halte die heutigen Forderungen der Feministinnen meist auch nicht für "links". Was "links", darüber habe ich meine eigenen Ansichten. Und wenn es dich dieses "links getarnte" stört, bekämpfe es.
    Damit ich aber kein mansplaining betreibe und du wehrlose Frau zwangsläufig darauf eingehen mußt, wie in solchen Fantasiehorrorfilmen, entwickle bitte deine eigene Strategie. Ich höre jetzt auf, sonst schreibe ich mich bei diesem "linken" Volk um Kopf und Kragen.

  • #8
    Aufrecht

    Sehr interessant! Ich bin etwas überrascht, dass solche Ausführungen (hier) publiziert werden. Leider findet man Diskussionen zu diesen Themen viel zu selten. Ich empfehle dazu folgende Literatur:
    Steven Pinker: the blank slate (gibts auch übersetzt)
    David Buss: evolutionary psychology
    Robert Plomin: blueprint
    Michael Lenz: Anlage-Umwelt Diskurs

  • #9
    Nina

    @7 Helmut: Ich persönlich habe mansplaining noch nie erlebt. Ich glaube, ich würde mich schlapp lachen dabei, vielleicht auch nur innerlich, denn manche Männer habe ich reden lassen und reden lassen und reden lassen…wohlweisslich nur dann, wenn ich darin einen Vorteil für mich sah. Und es gab diese Vorteile. xD
    😉
    Im Ernst-Deine Ausführungen haben nichts mit mansplaining zu tun, also nur zu und gerne her damit.
    "Den" Feminismus gibt es wohl nicht sondern einige unterschiedliche Strömungen. Ich komme generell mit autoritärem Gebaren nicht zurecht. Ich mag den Begriff Emanzipation lieber, denn er schließt Männer und Frauen ein. Wahre Befreiung funktioniert eben nur zusammen und Männer leiden genau so unter etlichen Konventionen.
    Aber zurück zum eigentlichen Thema-es wird im Text beschrieben, die Ungerechtigkeiten der Welt seien Folge jener westlichen Denkart, der das Gemeinwohl weniger bedeute als das Streben nach individuellem Glück. Das sitzt. Das ist par excellence rechte Denkart und Utilitarismus sowie eine Prise fehl verstandener Naturmystik. Wir können froh sein, dass das Individuum zählt und nicht das Kollektiv, sonst hätten wir einen Staat wie die ehemalige DDR oder Korea. Der Block auf das Individuum ist der einzige Schutz gegen Faschismus im Kopf.
    Wenn wir es aus der Perspektive der Philosophie, der Anthropologie und der Ethnologie betrachten, können wir Ungerechtigkeiten als Folge von angeborenen Verhaltensweisen, als durch Kultur erworbene Verhaltensweisen oder als Bewertung durch denkende Organismen betrachten.

  • #10
    Matthias

    @9 hallo Nina, sicherheitshalber möchte ich klarstellen, dass ich die Schlussfolgerung „die Ungerechtigkeiten der Welt [seien] eine Folge jener westlichen Denkart […], der das Gemeinwohl weniger bedeute als das Streben nach individuellem Glück“ nicht teile . Mir liegt das individualistische „pursuit of happiness“ sehr viel näher, weil ich es für humaner halte.

  • #11
    Helmut Junge

    @Matthias, @Nina, ich glaube, daß ihr beide keine allgemeingültige Erklärung für die "Ungerechtigkeiten dieser Welt" habt. @Nina sowieso nicht, weil das "westliche Denken", so wie sie es vermutlich sieht, noch gar nicht so alt ist. Ungerechtigkeiten gab aber schon vorher. Und das Streben nach Glück, Was soll das sein? Glück kann mit wohlstand, aber auch mit menschlicher Nähe zu tun haben. Hat es auch fast immer. @Matthias, wenn du Streben nach Reichtum meintest, wäre das nicht unbedingt westlich.
    Alles ist komplizierter. Ich hatte vor Jahren eine bislang 3-teilige Geschichte des europäischen Kolonialismus erarbeitet.
    https://www.ruhrbarone.de/der-beginn-des-europaeischen-kolonialismus-teil-3/130614
    mit hinten angehängten Teilen zu den ersten Teilen.
    Es mußten etliche technische Erfindungen hartnäckig über jahrzehnte gemacht, weiter verfolgt und finanziert werden, bis Europäer das damalige Übergewicht der Osmanen umgehen konnten und durch diese Erfolge "westliches Denken" entwickeln durften. Vorher gab es das nicht.

  • #12
    Matthias

    @Helmut, das stimmt, ich habe keine allgemeingültige Erklärung für die „Ungerechtigkeiten dieser Welt“ und würde mich auch nicht dazu versteigen, eine solche zu haben. Im Artikel schreibe ich, dass diese Denkweise, den Kapitalismus für alles Unglück dieser Welt verantwortlich zu machen (in meinen Augen fälschlicherweise), eine Folge der Rosseauschen Blank-Slate-Lehre ist.

    Desweiteren: Du fragst, was „pursuit of happiness“ sein soll. Das Schöne daran ist, dass dies eben nicht vordefiniert ist (denn mit den von der jeweiligen Obrigkeit vorgegebenen Formen von Glück hatten die Pilgrims schlechte Erfahrungen gemacht, weshalb sie Europa verließen). Dein „Glück“ im Sinne der amerikanischen Verfassung, die dieses Streben als Menschenrecht beschreibt, definierst (bzw. suchst) Du ganz allein und niemand hat Dir da irgendetwas vorzugeben, solange Du damit niemand anderem auf die Füße trittst.

    Deine Kolonialismus-Artikel schaue ich mir gerne an.

  • #13
    Nina

    @Matthias: Keine Sorge, ich habe Deinen Text verstanden und ging nicht davon aus, dass die Inhalte in allen Punkten Deiner persönlichen Ansicht entspreche. 😉

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