Kraftwerksstrategie der Bundesregierung: Ein Lichtblick, der die Tür für den Wiedereinstieg in die Kernkraft öffnet?

GuD-Kombikraftwerk Hamm-Uentrop Foto: Possi88 Lizenz: CC BY 3.0


Deutschland hat eine Kraftwerksstrategie. Ich habe mir bewusst einige Tage Zeit genommen und mit Kollegen diskutiert, um zu einer Bewertung zu gelangen. Man kann an der Kraftwerksstrategie einiges kritisieren. Sie greift in etlichen Punkten zu kurz und kommt insbesondere zu spät. Aber davon ab ist es seit geraumer Zeit das erste Papier dieser Bundesregierung, das wirklich Qualität und Substanz bietet. Das erste Mal muss man davon sprechen, dass die Ampel ihrem Anspruch innovativ zu sein wirklich gerecht geworden ist. Die Abwägung zwischen Aspekten der Klimaneutralität, Technologieoffenheit und dem Vertrauen auf marktwirtschaftliche Mechanismen ist bemerkenswert.

Insbesondere im Bereich der Energiepolitik kommt das unerwartet. Zahlreiche Akteure, wie beispielsweise Claudia Kemfert, ätzen gegen die Strategie. So schrieb die häufig durch viel Meinung im Bereich der Energiepolitik auffallende Professorin bei Linkedin: „Kraftwerksstrategie der Bundesregierung: Das schadet den Klimazielen, ist unnötig und teuer“.

Seit Jahren wird der energiepolitische Diskurs eher von Schlagworten und Glaubenssätzen beherrscht, als von physikalischen Fakten. Mit der Kraftwerksstrategie macht die Bundesregierung jetzt die Rolle rückwärts und scheint sich wieder auf Fakten zu fokussieren. Drei Aspekte müssen hier besonders gewürdigt werden. Die Bundesregierung hat unmissverständlich festgehalten: Dunkelflauten, also Episoden ohne Sonne und Wind, sind real. Ein Energienetz benötigt verlässliche Leistung und die fällt eben nicht vom Himmel. Deutschland hat weiterhin internationale Verpflichtungen, die nicht als Kann-Bestimmung zu verstehen sind. Hierfür benötigt Deutschland keine fantasievollen Energiewunschträume, sondern reale Marktmechanismen und Technologien. Mit der jetzt vorgelegten Strategie lässt sich zweifelsfrei feststellen: die energiewendlerischen Wünschelrutengänger sind aufgeflogen.

In einem elektrischen Energienetz muss die abgenommene Leistung zu jedem Zeitpunkt der eingespeisten Leistung entsprechen. Am bisherigen Energiemarkt werden lediglich Mengen gehandelt, sprich Wattstunden. Ein Anbieter hat beispielsweise einen Windpark, der Windpark erzeugt Energie, die Energie wird bezahlt. Aufgrund diverser Förderrichtlinien erfolgte die Vergütung mitunter auch unabhängig davon, ob die Energie wirklich benötigt wird. Dem schiebt die Bundesregierung jetzt zumindest teilweise einen Riegel vor.

Seit Jahren dominiert hier ein Mantra, das auch medial gerne und sehr lautstark verbreitet wird: „Deutschland benötigt einfach nur noch mehr Erneuerbare Erzeugung und ganz viele Speicher, dann passt die Industrie noch ihre Produktion an.“ Zu glauben, man könne einfach erneuerbare Erzeugeranlagen immer weiter ausbauen, die Energie dann speichern, Kraftwerke abschalten und am Ende wird irgendwie alles gut, ist jedoch von reichlicher Naivität und mangelnder Sachkenntnis getragen. Die hierfür notwendigen Speicher existieren nämlich nicht und neben reinen Summenbetrachtungen müssen auch physikalische Aspekte der Netzführung berücksichtigt werden. Unsinnige Energieüberschüsse sind nicht nur wirtschaftlich ein Problem, sondern auch physikalisch. Die Energie muss irgendwo hin, entsprechend müssen Erzeugeranlagen entweder abgeriegelt oder krampfhaft Verbraucher gefunden werden. Bereits vor etwas über einem Jahr habe ich in einem Artikel ausgeführt, weshalb die nahezu dogmatische Fokussierung auf Speicher derzeit ein Irrweg und das Vorhalten von grundlastfähiger Erzeugungsleistung unumgänglich ist. Das ist nicht nur die Position irgendeines Ingenieurs aus Deutschland. Die Bedeutung zuverlässiger und verfügbarer Leistung ist die Grundlage beispielsweise für die Network Codes der ENTSO-E, die die Zusammenarbeit der Netzbetreiber auf internationaler Ebene regeln und somit die Basis des europäischen Verbundnetzes sind.

Der bisherige Ansatz machte die Energiewende so zum Vehikel und zur Waffe der Post-Wachstums-Ideologen, denen Industrie und Wohlstand ohnehin ein Dorn im Auge zu sein scheinen. Dass das Einsparen von CO2 hierbei eher vorgeschoben war, ist spätestens seit dem Ausstieg aus der Kernkraft offensichtlich. Der Zusammenhang ist simpel: Unternehmen planen langfristig und kennen ihren Bedarf, diesen müssen sie absichern. Sie können nicht darauf hoffen oder per Stoßgebet erbitten, dass Energie zufälligerweise dann günstig verfügbar ist, wenn diese benötigt wird. In Folge der Verknappung fester Erzeugerleistungen, beispielsweise durch die Abschaltung der Kernkraftwerke oder hoher Preise für Gasimporte, stieg der Preis am Terminmarkt. Weiterhin führt dies zu Komplexitätssteigerungen in der Netzführung, die sich die Netzbetreiber selbstverständlich bezahlen lassen. Die Konsequenzen sind seit Monaten tagtäglich in der Presse zu verfolgen: Ein Unternehmen nach dem anderen geht aufgrund hoher Energiepreise in die Insolvenz oder verlagert die Produktion ins Ausland. Zeitgleich sinkt der Preis am Spotmarkt für kurzfristig und zufällig verfügbare Energie, beispielsweise durch plötzliche Starkwindphasen, mitunter ins Negative. Grundkenntnisse im Bereich der Produktionsplanung und ein rudimentäres Verständnis für die Wirtschaft sind ausreichend um nachzuvollziehen, dass energieintensive Industrie nicht beliebig flexibel die Produktion anpassen oder die Hoffnung auf günstiges Wetter zur Geschäftsgrundlage machen kann.

Die Bundesregierung möchte nun Kapazitätsmechanismen einrichten. Das ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Entsprechende Mechanismen werden seit Jahren von fachkundigen Experten gefordert und gelten als das aussichtsreichste Mittel, um die Kostenexplosion am Energiemarkt zu stoppen. Künftig können Anbieter dafür entlohnt werden, Leistungskapazitäten vorzuhalten, losgelöst davon, ob die Leistung auch benötigt wird. Für die Netzführung und schlussendlich die Netzstabilität ist Leistung der relevante Aspekt. Mit dem neuen Marktmodell wird so der Betrieb, beispielsweise von Kraftwerken, wieder lohnenswert. Derzeit sind entsprechende Kraftwerke am Markt kaum wirtschaftlich zu betreiben, da die Gestehungskosten von erneuerbar erzeugter Energie unschlagbar niedrig sind. Hierbei wird jedoch, wie oben bereits erwähnt, vollkommen vernachlässigt, dass aus der bloßen Erzeugung von Energiemengen eben kein stabiles Netz abgeleitet werden kann. Niemand käme auf die Idee, ein Restaurant dafür zu bezahlen, Unmengen an Essen zu kochen, obwohl gerade keiner Hunger hat. Auch wird in blumig ausgeschmückten Darstellungen der traumhaft günstigen EE-erzeugten Energie, wie der bei Social Media sehr aktive Professor Volker Quaschning dies beispielsweise regelmäßig tut, gerne vollkommen vernachlässigt, dass zur Distribution besagter Energie ganz erhebliche Investitionen in die Netzinfrastruktur notwendig sind, die dann über die Netzentgelte selbstverständlich umgelegt werden. Zusammengefasst: Die Energie selbst ist sehr günstig. Die Kosten, um diese auch bedarfs- und ortsgerecht nutzen zu können sind es nicht. Um das einzuordnen, die Bundesnetzagentur schätzte die Kosten für den Netzausbau im November 2023 auf wenigstens eine Billionen Euro. Der Haushalt der gesamten Bundesrepublik Deutschland hat in diesem Jahr eine Gesamtsumme von etwa 470 Milliarden Euro. Es wäre nicht weniger, als das teuerste Projekt in der Geschichte der Menschheit.

Zeitgleich bekennt sich die Bundesregierung nicht nur zur Technologieneutralität bei der Bereitstellung von Leistung, sie geht noch einen Schritt weiter und möchte aktiv in die Entwicklung neuer Erzeugungstechnologien, wie beispielsweise die Kernfusion, investieren und eine Erprobung aktiv fördern, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilt: „Zur Unterstützung der Entwicklung neuer Technologien (z.B. Kernfusion) und der Erprobung des Betriebs von Kraftwerken, werden diese mit geeigneten Instrumenten gefördert. Kraftwerke, die ausschließlich mit Wasserstoff laufen, werden bis zu 500 MW im Rahmen der Energieforschung gefördert. Die CO₂-Abscheidung und -speicherung für Verstromungsanlagen mit gasförmigen Energieträgern wird im Rahmen der Carbon-Management-Strategie aufgegriffen.“ Dazu passt, dass gestern erneut ein Durchbruch im Bereich der Kernfusionsforschung gemeldet wurde. Dem europäischen Joint European Torus (JET)  gelang es,  0,2 Milligramm Brennstoff  69 Megajoule Fusionsenergie freizusetzen.

Ohne Kraftwerke wird es in Zukunft nicht gehen, die Rückkehr zur Marktwirtschaft und Investitionssicherheit, verbunden mit dem Bekenntnis zu innovativer Forschung, bietet für Technologietreiber erhebliche Potentiale und Anreize. Perspektivisch könnte das Papier die Tür für den Wiedereinstieg in die Kernkraft öffnen. Auffällig ist weiterhin, dass die Begriffe „Energiespeicher“ und „Batterie“ in der Stellungnahme nicht einmal vorkommen. Stattdessen erwähnt das Wirtschaftsministerium ausdrücklich, den Ausbau und Betrieb von Elektrolyseuren erheblich beschleunigen zu wollen. Auch hier folgt die Bundesregierung nun endlich der seit Jahren bekannten Studienlage: Deutschland verfügt über die viertgrößten Gasspeicher der gesamten Welt. Es sind die einzigen Energiespeicher, die in Deutschland den Bedarf decken können und so nachhaltig und zuverlässig zu einer CO2-neutralen Energieversorgung beitragen können. Ich habe am Lehrstuhl für Energiespeicher meine Abschlussarbeit geschrieben, ich bin ein erklärter Fan von Batteriespeichern. Im Bereich der Primärregelung und kurzfristigen Leistungsreserve sind Batteriespeicher wertvoll, das bis dato ungelöste Hauptproblem aber ist die langfristige Speicherung großer Energiemengen über Wochen oder Monate. Hier auf Batterien zu setzen wäre, angesichts begrenzter Erzeugungskapazitäten und eines weltweiten Wirtschaftskrieges um selbige, völlige Fantasterei. Und genau hier ist die Elektrolyse, also die Umwandlung elektrischer Energie in Wasserstoff und nachfolgende Rückverstromung auf absehbare Zeit die einzige gangbare Technologie. Zumindest mir ist derzeit weltweit keine plausible Potentialstudie bekannt, die zu einem anderen Ergebnis käme.

Ganz ohne Kritik darf der Aspekt jedoch nicht bleiben: Um Kraftwerke wirklich mit Wasserstoff befeuern zu können, sind enorme Mengen vorzuhalten. Sofern diese auch noch vorher durch die Umwandlung erneuerbarer Energie erzeugt werden sollen, sind nicht nur gigantische Elektrolyseurkapazitäten, sondern auch Energieüberschüsse notwendig. Wie genau das realisiert werden soll, ohne am Ende wieder vor einer unfinanzierbaren Menschheitsaufgabe zu stehen, bleibt bisher völlig offen. Auf absehbare Zeit werden die Kraftwerke mit Gas befeuert werden müssen, schlicht und ergreifend deshalb, weil es keinen anderen Brennstoff gibt. Indirekt folgt hieraus auch, dass ein Kohleausstieg 2030 vom Tisch ist. Die von der Bundesregierung avisierten 4 x 2,5 MW an H2-Kraftwerksleistung, die bis 2030 erreichtet werden sollen, können den Bedarf an Kohlestrom zwar reduzieren, jedoch keinesfalls ersetzen. Vielmehr scheint die Bundesregierung auf ein Anreizsystem zu setzen, damit Marktakteure selbstständig Erzeugungskapazitäten anbieten. Und dass Deutschland Leistung vorhalten muss, ist eben eine Verpflichtung auf europäischer Ebene.

Dennoch: Die Ausrichtung der Kraftwerksstrategie selbst ist stringent. Sie trägt technischen Problemstellungen Rechnung und rückt reale Lösungen in den Mittelpunkt. Marktwirtschaftliche Ungleichgewichte werden erkannt und hierfür Lösungen vorgeschlagen. In einem Bereich, der von naturwissenschaftlicher Schaumschlägerei, moralisch unfehlbaren Interviews und bunten Social Media Videos ins mitunter Groteske verzerrt wird, ist dies überraschend und mehr, als nur ein Lichtblick.

Mehr zu dem Thema:

Eine Einführung in das Energienetz – Wieso uns Wind und Sonne aktuell nicht retten und es auch (noch) keine Speicher gibt

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