
Ein Studie belegt, wie verbreitet Missbrauch im Franziskanerorden war und wie sehr die katholische Organisation über Jahrzehnte an der Aufarbeitung scheiterte.
Noch heißt der kleine Platz nördlich der die Essener Innenstadt teilenden Eisenbahnschienen in der Nähe des Hauptbahnhofes nach Christoph Höttges benannt, aber das wird sich wohl bald ändern: „Für mich erscheint eine Umbenennung des Pater-Christoph-Höttges-Platzes unausweichlich“, sagt Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU). „Öffentliche Ehrungen setzen Vorbilder voraus. Wenn sich herausstellt, dass eine geehrte Person in schwerwiegende Missbrauchstaten verstrickt war oder diese gedeckt hat, ist eine solche Würdigung nicht mehr vertretbar.“ Es ist eine Studie der Franziskaner, die belegt, dass Höttges über Jahre Jungs missbraucht hat. „Das Jesuswort von ,Lasset die Kindlein zu mir kommen‘ hat der Verstorbene immer besonders ernst genommen“, schrieb das Bistum Essen in Höttges’ Nachruf 2010. In der Studie kann man nachlesen, dass es vielen Franziskanern wie ihrem Essener Bruder ging. Der im Januar veröffentlichte „Abschlussbericht der wissenschaftlichen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz“ belegt, wie verbreitet Missbrauch im 12. Jahrhundert von Franz von Assisi gegründeten Orden war. Die Franziskaner hatten die Studie selbst in Auftrag gegeben, nachdem über Jahre immer neue Fälle bekannt geworden waren. Ab 2010 hatten die Opfer die Möglichkeit, sich an eine eigens eingerichtete Meldestelle der Franziskaner zu wenden. Über hundert von ihnen taten dies, ein großer Teil sofort 2010. 70 Prozent von ihnen waren männlich. Die Geschlechterverteilung, erklärt der Bericht, dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass über lange Zeit ausschließlich Jungen und junge Männer Zugang zu Bildungseinrichtungen in Trägerschaft der Ordensprovinzen sowie zum Ministrantendienst in Kirchen- und Klostergemeinden hatten. Insgesamt entspricht dieses Muster einer für den katholischen Kontext typischen Verteilung. Auch die sogenannte MHG-Studie über den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker der Deutschen Bischofskonferenz kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Dort wurden 80,2 Prozent männliche und 19,8 Prozent weibliche Betroffene ermittelt.
In der Regel, heißt es in dem Bericht, sei es Betroffenen erst im Erwachsenenalter möglich gewesen, ihre Erfahrungen zumindest anzudeuten. Ein ehemaliger Mitschüler berichtet über ein Gespräch, das sie etwa dreißig Jahre nach ihrer gemeinsamen Schulzeit mit einem der Opfer führten: „Und er hat mir irgendwann gestanden, das war so ungefähr 1995 rum, dass er im Kloster auch mal missbraucht wurde. Da wollte ich Näheres wissen, und da konnte er aber nicht mehr drüber reden. Und kurz darauf wurde er ein absoluter Alkoholiker und war dann auch in einer Entziehungseinrichtung.“
Einige Betroffene berichten in den Interviews, dass sie ihr ganzes Leben lang weder ihren Eltern noch ihren Partnern von den erlebten Übergriffen erzählt haben. Eine Zeitzeugin, die selbst nicht betroffen war, schildert ihre Zweifel, ob sie überhaupt als Interviewpartnerin zur Verfügung stehen dürfe. Gerade diese Unsicherheit, so ihre Überlegung, werfe ein Licht darauf, „wie groß die Sprachlosigkeit einfach immer gewesen ist und jahrzehntelang gewesen ist“. Darin zeige sich nach Ansicht der Autoren des Abschlussberichts eine paradoxe Verschiebung des Diskurses: „Einerseits jahrzehntelange Sprachlosigkeit in Bezug auf sexualisierte Gewalt, andererseits ein Gefühl der Delegitimierung des eigenen Sprechens aufgrund des Umstandes, nicht von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein.“
Das Tabu, sich über sexualisierte Gewalt zu äußern, bestand über Jahrzehnte. Während es in den 70er Jahren möglich gewesen sei, über Gewalt zu reden, habe dies erst ab den späten 80er Jahren auch für sexualisierte Gewalt gegolten. Ein Vertreter der Franziskaner erklärt es: „Früher war es eben die …, man hat darüber nicht gesprochen. Das war kein Thema und hat sich dann als Thema wie so ein Fluss so eigene Wege gesucht. Und Kirche hat ja ihrerseits dazu beigetragen, dass so was nie an die Glocke gehängt wurde. Da waren ja die Vertuschungsmomente viel stärker als Klarheit.“
In dem Bericht finden sich ebenso viele Beispiele für „spirituellen Missbrauch“, der immer dann vorlag, wenn Franziskaner ihre Position als religiöse Ansprechpartner für Menschen in Not ausnutzten, wie ein Opfer berichtet: „Ich hab’ ihm auch vertraut. Ja, ich hab’ ihm vertraut als Geistlichem, als geistlichen Begleiter, als Exerzitienleiter, ähm, als Jugendliche, und dann natürlich als jung gewordene Erwachsene, und das hat er sträflich missbraucht. Ja, der hätte mich gar nicht erst (…) einladen dürfen. Jedenfalls nicht an den Ort, wo er wohnt (…) Und das alles gerade in der Zeit meiner Suche nach einer geistigen Beheimatung.“
Über Jahre war es auch nach dem Bekanntwerden von immer mehr Fällen nicht zu einer Aufarbeitung gekommen. Einen Grund sieht der Bericht in den Strukturen der Franziskaner, die es lange versäumt hatten, Ansprechpartner zu benennen. Man setzte auf die regionalen Strukturen, deren Vorgehen von einer Mischung aus Desinteresse, dem Willen zur Vertuschung und Dilettantismus geprägt war. Ein Franziskaner erinnert sich: „So, und die berieten dann ‚Ja, Opfer hören‘, klar, und, äh, wenn nicht anders, dann eben die Täter konfrontieren damit. Äh, keine Zahlungen leisten. Äh, die Opfer an die Ansprechpartner verweisen. So, solche Sachen, das gab’s schon. Aber das war ja nicht ausreichend in der Situation. Und dass sich eine Provinz oder dass wir jetzt gesagt hätten ‚Also das sollte jetzt mal anders sein‘, das mal ganz, äh, genauer hinzugucken oder so erst recht nicht. Also da hatte auch jeder, also, glaube ich, auch Schiss vor – und wir auch.“
Peter Krosch hat als Kind in Vossenack in Nordrhein-Westfalen, wo die Franziskaner ein Gymnasium und ein Internat betreiben, selbst sexualisierte Gewalt erlebt. Seiner Ansicht nach hat der Aufarbeitungsprozess viel zu spät begonnen. „Ein großes Versäumnis ist die geübte Praxis der Verzögerung und Verschleppung. Zwischen den dokumentierten Taten und der Studie liegen zum Teil 50 Jahre. Versäumnisse sind jedoch auch die bis heute reichende mangelnde Schuldeingeständnisse von Verantwortlichen. Von der Ordensgemeinschaft“, sagt Krosch der Jungle World, „erwarte ich nun, dass sie maßgeblich dafür sorgt, dass nun die institutionsbezogenen dringend notwendigen Aufarbeitungsprozesse begonnen werden, denn mit der Studie zum Gesamtorden konnten die spezifischen Taten und Versäumnisse an den einzelnen Orten nur ansatzweise beschrieben werden.“ Jeder konkrete Ort müsse sich seiner eigenen Geschichte stellen und aufarbeiten, Schuld anerkennen und Möglichkeiten schaffen, möglichst mehr der Opfer zu erreichen. Maßnahmen der Überarbeitung von Schutzkonzepten und Präventionskonzepten seien wichtig und doch nur ein Baustein. „Leider werden diese Äußerungen gerne von Verantwortlichen benutzt, um lediglich nach außen eine scheinbare Aktivität zu signalisieren. Mit einem ernsthaften Aufarbeitungswunsch hätten sie jedoch nichts zu tun, denn dazu gehöre ein wesentlich anders gestalteter transparenter Prozess, der zunächst mal offen und ehrlich anerkennt, dass massives Unrecht geschehen ist und dass man sich diesem mit allen Konsequenzen als Institution stellen will.“
Der Text erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jungle World
