
Als im November 2022 ChatGPT freigeschaltet wurde, setzte ein weltweiter Boom der Künstlichen Intelligenz ein. Auch Nordrhein-Westfalen will davon profitieren – mit neuen Unternehmen, Jobs und dem Anspruch, aus Industrie-Know-how ein Geschäftsmodell für das KI-Zeitalter zu machen.
Es gibt nur wenige Orte im Ruhrgebiet, die so sehr für Aufbruch und Zukunft stehen wie der Technologiepark Dortmund. Seit über 40 Jahren ist er die Heimat von Hightech-Unternehmen. EUnet bot Anfang der 90er-Jahre von hier aus die ersten privaten Internetzugänge an, Elmos Semiconductor wurde im Technologiepark gegründet, und auch das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik sitzt auf dem Areal zwischen der Technischen Universität und der A40.
300 Unternehmen haben sich hier angesiedelt. Eines der jüngsten von ihnen ist die Logistikbude, eines der erfolgreichsten KI-Start-ups Nordrhein-Westfalens. Gegründet Ende 2021, hat die Logistikbude heute über 30 Mitarbeiter. Die Logistikbude sorgt mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz dafür, dass ihre Kunden den Überblick darüber behalten, bei wem ihre Container, Paletten und Kisten sind und wessen Ladungsträger, so der Fachausdruck, sich gerade in den eigenen Hallen befinden. Weltweit gibt es etwa zehn Milliarden dieser Ladungsträger. 150 Milliarden Mal im Jahr wechseln sie von einem Unternehmen zu einem anderen. Allein in Europa existieren rund 650 Millionen Europaletten. „Der Gesamtwert der weltweit zwischen Unternehmen gebuchten Ladungsträger entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt Deutschlands“, sagt Philipp Hüning, der CEO und einer der Gründer der Logistikbude. Große Logistiker würden Ladungsträger bewegen, deren Wert ungefähr so hoch ist wie ihr Jahresumsatz. „Wenn sie davon ein oder zwei Prozent verlieren, ist praktisch die gesamte Marge weg. Das ist ein wirtschaftlich kritisches Thema.“ Und eines, um das sich lange Zeit kaum ein Unternehmen gekümmert hat – bis die Logistikbude auf den Plan trat: „Unser System kann alle Daten verarbeiten. Ob sie aus 40 Jahre alten Datenbanken kommen, von Lieferscheinen oder Fotos, ist egal“, erklärt Hüning. Es sei wie ein großer Trichter. „Alles, was Informationen zu Ladungsträgern enthält, wird hineingekippt.“ Eine selbstprogrammierte Bilderkennungssoftware erkennt auf einem Foto zum Beispiel nicht nur die Zahl der Paletten, sondern auch, um welchen Typ es sich handelt.
Große Logistiker wie Emons, Nagel und Dachser gehören heute zu den Kunden des schnell wachsenden Unternehmens, das längst europaweit aktiv ist und anfangs eng mit dem benachbarten Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik zusammenarbeitete. Großartig gefördert wurde das Unternehmen nie, sagt Hüning: „Ein Unternehmen muss wirtschaftlich erfolgreich werden. Öffentliche Förderung kann zu viel Druck rausnehmen.“ Von Anfang an setzte die Logistikbude auf Finanzinvestoren, die Rendite sehen wollen. Bald steht die nächste Finanzierungsrunde an. Bei der ersten kamen 2,3 Millionen Euro zusammen. Bei der nächsten soll die Summe deutlich größer ausfallen. Aus Dortmund wegziehen will Hüning nicht: „Wir fühlen uns dem Ruhrgebiet sehr verbunden.“
Und das Ruhrgebiet wird, gehen die Pläne der in Essen ansässigen BRYCK Startup Alliance auf, in den kommenden Jahren einen Boom an neuen Unternehmen auch aus dem KI-Bereich erleben: Neun Milliarden Euro will Bryck-Beirat und Investor Gisbert Rühl in den kommenden zehn Jahren dafür mobilisieren. Bei Bryck denken sie groß, und das aus guten Gründen: Neben der Ruhr-Uni Bochum, der TU Dortmund und der Uni Duisburg-Essen gehören auch die RAG-Stiftung und der Initiativkreis Ruhr, in dem sich Konzerne wie Evonik, RWE und LEG Wohnen zusammengeschlossen haben, zu den Gründern von Bryck. Future Industries, Future Cities und Future Life Science sind die drei großen Themen, denen sich Bryck widmet. KI ist für Philippa Köhnk, die Mitglied der Geschäftsleitung ist, ein Querschnittsthema: „Ich halte es für unwahrscheinlich bis unmöglich, ein Unternehmen ohne KI aufzubauen.“ Die Bryck-Allianz will Unternehmen bei der Gründung, dem ersten Wachstum und der Skalierung begleiten. Bei der Entwicklung der Ideen wird eng mit den Universitäten zusammengearbeitet, bei der Vermittlung der ersten Kunden und der Beschaffung von Kapital helfen die Kontakte zu den Unternehmen und Investoren. Köhnk sieht Bryck aber auch als eine Art Dolmetscher. Wenn der Wissenschafts- auf den Unternehmenskosmos trifft, würde eine Zusammenarbeit oft daran scheitern, dass man unterschiedliche Sprachen spricht. Es gäbe auch einen Fonds, der Uni-Gründungen helfen soll, das „Tal des Todes“ zwischen dem Abschluss der Forschung und dem ersten Kunden zu überbrücken. Fremd ist Bryck das berüchtigte Kirchturmdenken des Ruhrgebiets: Wenn ein Unternehmen von einer Stadt zur anderen umzieht, sei das egal. Hauptsache, es hat Erfolg, wächst und schafft Jobs.
Nordrhein-Westfalen ist nicht das Silicon Valley, aber hat trotzdem im Bereich KI etliche Unternehmen vorzuweisen: DeepL aus Köln, das die präziseste Übersetzungssoftware der Welt geschaffen hat, ist eines der wenigen „Einhörner“ Deutschlands, das mit über eine Milliarde Dollar bewertet wurde. Ein anderes Einhorn aus NRW, Cognigy aus Düsseldorf, wurde verkauft. Der US-Konzern Nice hat den Spezialisten für KI-Agenten im Spätsommer vergangenen Jahres übernommen. Aber die beiden gehören zu einer breiten Phalanx von Start-ups, die mit KI-Anwendungen erfolgreich auf die Märkte drängen: Amber Tech aus Aachen bereitet Unternehmensdaten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz auf und macht sie durchsuchbar und automatisiert nutzbar. Auch aus Aachen kommt FloodWaive, das Extremwetter- und Flutprognosen in Sekunden liefert. Your Easy AI – KI-Software für den Mittelstand, das Bochumer Start-up Gemesys arbeitet an neuromorphen KI-Chips – einer Hardware-Architektur, die sich am Aufbau des menschlichen Gehirns orientiert und Rechnen und Speichern enger verzahnt, um Energieverbrauch und Datenengpässe klassischer KI-Prozessoren zu umgehen, und Your Easy AI aus Essen bietet KI-Lösungen für den Mittelstand. 109 KI-Unternehmen aus NRW finden sich auf der Seite des deutschen KI-Verbands. Das ist im Vergleich zu Bayern mit 116 Unternehmen eine gute Zahl. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl liegt Berlin mit 97 Unternehmen vorn.
Ist Berlin die Hauptstadt der Pizza-Apps, sieht Christian Temath, der Geschäftsführer der landeseigenen Kompetenzplattform KI.NRW, die Stärken Nordrhein-Westfalens auch bei der KI im Segment der Geschäftsanwendungen. Viele Start-ups würden sich an der breiten Industriestruktur des Landes orientieren, seien bei Batterietechnologien aktiv, in der Logistik oder der Simulation von Produktionsprozessen. „Nordrhein-Westfalen gehört zu den Top 25 der Wirtschaftsregionen weltweit. Wenn wir ein eigenes Land wären, lägen wir wirtschaftlich vor vielen anderen Staaten auf der ganzen Welt.“ Mehr als 70 Universitäten und Forschungseinrichtungen seien eine gute Basis für Start-ups in einem Hightech-Bereich wie Künstlicher Intelligenz. Dass ein Gründer wie Philipp Hüning Förderung skeptisch sieht, kann Temath verstehen: „Je nach Förderprogramm sind die Antragsformalia mehr oder weniger bürokratisch, und das macht ein agiles Unternehmen natürlich nicht schneller.“ Aber viele Gründungen aus den Universitäten heraus würden zunächst Kapital brauchen. Es gäbe Formate wie „Start-up Transfer.NRW“, bei dem man bis zu 270.000 Euro bekommen könne, und die NRW.Bank biete Venture Capital für Unternehmen, die ein starkes Wachstum über Beteiligungen finanzieren wollen. Rasmus Rothe, der Vorsitzende des KI-Bundesverbands, habe einmal gesagt: „Start-ups brauchen keine Förderung. Start-ups brauchen Umsatz.“ „Das trifft einen wichtigen Punkt. Für jede Finanzierungsrunde schauen Investoren auf die Umsätze.“ Dabei helfe Förderung nicht direkt. Sie sei zwar gut für die Liquidität und zum Begleichen von Rechnungen, aber Umsätze würden in den Gesprächen mit Investoren deutlich mehr helfen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) will, dass KI statt Kohle die wirtschaftliche Zukunft des Landes bestimmt. Die Grundlagen für diesen Weg sind gelegt, ob es gelingt, ihn mit Erfolg zu gehen, wird sich zeigen. Am Ende des Tages wird sich die KI-Strategie des Landes in der Wirklichkeit bewähren müssen.
Der Text erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag
