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Postwachstumsideologie als Alltagsreligion und Distinktionsbedürfnis

Niko Paech auf einer Veranstaltung zur Postwachstumsökonomie Foto: Marcus Sümnick Lizenz: CC BY 3.0

Von unserem Gastautor Mathias Beschorner

Die Postwachstumsökonomie beansprucht die Lösung für die ökologische Krise und den Klimawandel zu sein, fußt auf dem Bericht des Club of Rome, bedient sich aber auch bei Anarchisten wie Silvio Gesell und Ökonomen wie Thomas Malthus, deren Werke[i] als erste (Post-)Wachstumskritiken zu betrachten sind. Viele ihrer Ansätze werden in der Schülerbewegung um Fridays For Future und im Diskurs um den Klimawandel diskutiert und durchaus als ‚radikal‘ begriffen. Inhaltlich verstehen sich die Aktivisten zumeist als recht heterogen, obwohl es einen gemeinsamen Nenner gibt: die Verurteilung von ökonomischem Wachstum, modernen Produktivkräften, Naturzerstörung und Konsumüberfluss.  Mit zumeist implizitem Bezug zur malthusianischen Bevölkerungsfalle, anhand derer natürliche Wachstums- und Bevölkerungsschranken angenommen werden, wird folgendes Szenario gezeichnet: die natürlichen Ressourcen der Erde sind verbraucht, Umwelt und Natur sind zerstört, der Mensch hat sich in der Moderne vollends von seiner (vermeintlichen) ersten Natur entfremdet und der Planet sei von der Übervölkerung durch Konsum-Zombies bedroht. Zugleich werden Entfremdungserscheinungen, Reizüberflutung, Stress und Überforderung sowie steigende Raten an Depressionen diagnostiziert.

Gegen derlei tatsächliche gesellschaftliche Probleme und Zumutungen der zweiten Natur entwickeln Ökonomen wie Niko Paech Ansätze, in denen das Schrumpfen moderner Produktivkräfte in den Fokus gerückt wird. Damit droht ein Rückfall hinter eine Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung; bedient vor allem aber ein Distinktionsbedürfnis gegenüber den arbeitenden Klassen. Bücher wie die von Paech werden innerhalb der Szene als Taschenbuch-Guide gefeiert, um die antizipierte Apokalypse aufzuhalten und dem Wunsch nach Erlösung in einem Unmittelbarkeitsfetisch zu frönen. Vor allem ein Unmittelbarkeitsfetisch, der für (anarchistische) Linke historisch schon immer attraktiv erschien, zieht die Postwachstumsbewegten an. Die Aktivisten haben keinen adäquaten Begriff von Zivilisation und den damit verbundenen dialektischen Verwertungsprozessen des Kapitals und können nicht (mehr) trennen zwischen einer Kritik des »automatischen Subjekts« (Karl Marx) und der Zivilisation selbst. In den Augen Paechs sollte es z.B. kaum transkontinentale Mobilität und Welthandel geben; die Menschen sollten sich gefälligst auf ihren eigenen Schollen und in Kleingärten bewegen und so versorgen. Paech liefert jedoch nicht nur direkte Handlungsanweisungen im Sinne eines Lebensratgebers, sondern setzt auf nationale Lösungen im Sinne einer »Ökonomie der Sesshaftigkeit«. Deshalb ist es kein Zufall, dass Akteure der Neuen Rechten wie Björn Höcke[ii] oder Publizisten wie Ken Jebsen seine Theorien affirmativ aufnehmen. Hierbei verbinden sich scheinbar politische Gegner zu Querfront-Gruppen, was paradigmatisch am verschwörungstheoretischen Magazin Compact zu erkennen ist. Zugleich legte Niko Paech in Jebsens YouTube-Kanal KenFM seine Theorie ausführlich dar.                      Eine Hauptgemeinsamkeit derartiger Querfrontbildungen besteht in einem regressiven antikapitalistischen Antisemitismus und damit in der Suche nach Subjekten, die für ökonomische und ökologische Probleme verantwortlich gemacht werden können. In der Tradition des Anarchisten Silvio Gesell soll hierbei mithilfe von Lokalwährungen bzw. eines Schwundgeldes die Logik des Zinses abgeschafft werden, da dadurch die Anonymität der Produzenten und Konsumenten ausgehebelt würde. Zudem wird die Herrschaft des Kapitals entgegen Marx nicht als »Herrschaft der Sachzwänge« begriffen, sondern im Sinne von herrschenden Akteuren, die intentional Ideologien verwenden, um Menschen zu unterdrücken. Wenn Paech davon spricht, dass das »gegenwärtige Verschuldungssyndrom […] ein Gradmesser für Gier«[iii] sei, lässt er sich zu einer Personifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse hinreißen und mit dieser Zuschreibung ist es nur noch ein kurzer Gedankengang zur antisemitischen »Ticket-Mentalität« im Sinne Horkheimers und Adornos und der Bezeichnung von Managern als ‚Heuschrecken‘.

Distinktion und Klassenkampf von oben 

Vom strukturell vorherrschenden Antisemitismus abgesehen, predigt Paech in seinen Vorträgen ein Ideal vom »menschlichen Maß«, das durch Konsumverzicht und Subsistenzwirtschaft gegen die ökologische Krise gewendet werden solle. Paechs Entwurf ist damit von den Prämissen der Subsistenz und der Suffizienz geprägt.[iv] Subsistenz meint, dass die Menschen zurück zu einer lokalen und kleinteiligen Form von Wirtschaft gehen sollten. Suffizienz meint hingegen einen ethischen und moralischen Verzicht von bestimmten Waren, was als Befreiung von Konsumzwang und Reizüberflutung postmoderner Vergesellschaftung angepriesen wird und an den Impetus der Nachhaltigkeit geknüpft ist. Im Zeitalter überbordender Smartphonenutzung und geplanter Obsoleszenz, trifft das zweifelsfrei etwas Wahres. Was jemand wie Paech hierbei außer Acht lässt, ist jedoch, dass eine derartige Umstellung des Konsums nur Menschen möglich ist, die im Klassenverbund weit oben stehen und sich diese Nachhaltigkeit leisten können.

Ganz gleich, ob der Verzicht auf billiges Fleisch oder eine vegane Ernährung für das eigene Wohl förderlicher wäre – und das ist es zweifelsfrei: Eine derartig moralisch und zugleich autoritär vorgetragene Absage an massenproduzierte Güter bedient in der Klassengesellschaft lediglich soziale Distinktionsprozesse. Solch eine Umstrukturierung des Konsumverhaltens im System des Kapitalismus ist vor allem Wohlstands- und Mittelschichtseliten vorbehalten, die ihre Reproduktion auf einem weitaus höheren Niveau als der gemeine Proletarier gewährleisten können. Die tägliche Erfahrung der arbeitenden Klassen ist damit eine ganz andere als die, die Postwachstumsbewegte vor Augen haben: das Proletariat lebt nicht im Überfluss und ist strukturell bedingt dazu genötigt, Mist zu konsumieren.

Von daher bleibt es Paech auch schuldig zu erklären, warum und inwiefern Prekarisierte am Überfluss ‚leiden‘. Folgerichtig sind ihm die arbeitenden Klassen in seinem Zentralwerk keine Erwähnung wert. Der von den Postwachstumsbewegten angestrebte asketische Dünkel erlaubt einen Distinktionsgewinn gegenüber dem Proletariat, so wie die Kontrolle, Optimierung und Überwachung des eigenen (kleinbürgerlichen) Habitus, was in einer von Kälte durchzogenen Gesellschaft Halt zu geben vermag. Hierbei werden schnell Individuen oder selbst Galionsfiguren der Klimabewegung wie Greta Thunberg auf ihr Konsum- und Flugverhalten hin abgeklopft, so als hätte es tatsächlich eine ökologische Relevanz, wie viel Greta denn nun fliegt, was sie isst oder wie sie sich kleidet. Ein ethisch korrekter Konsum im hier und jetzt und unter kapitalistischer Vergesellschaftung ist ohnehin nicht möglich. Ganz im Sinn des Neoliberalismus erscheint es den Subjekten hierbei zuträglicher, die eigenen Lebensgewohnheiten zu hinterfragen, statt ökologische und gesellschaftliche Probleme als hausgemachte der zweiten Natur zu begreifen.

Materialistische Kritik statt Idealismus und Individualisierung gesellschaftlicher Probleme

Denn Paech wartet zugleich idealistisch mit der These auf, dass ein grundsätzlicher Wertewandel angestrebt werden muss, der nur durch ein anderes Bewusstsein der Individuen zu erreichen sei. Damit zeigt sich, dass diese Theorien lediglich zur kapitalistischen Krisenverwaltung geeignet sind, wusste doch schon Marx, dass »das Bestehende anders zu interpretieren, […] [sei, was heißt,] es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen«[v]. Paechs Idealismus steht damit pars pro toto für das in der Postwachstumsszene »notwendig falsche Bewusstsein« (Karl Marx), womit die Parole »[s]o regional wie möglich, so global wie nötig«[vi], im besten Fall zur Plattitüde verkommt.

Derartige Ansätze liefern zwar wohlfeile, aber höchst ideologische Antworten auf ökologische Probleme, die zugleich im Sinne eines ‚Wir müssen den Gürtel nun enger schnallen‘ Sujets konservativer Kulturkritik und neoliberalen Selbstoptimierungszwang transportieren. Damit werden sich ökologische Probleme nicht lösen lassen, denn das Kapital und die mit ihm verbundene Produktionsweise schert sich nicht um Natur und ihm ist schon gar nicht anhand individualistischer und wohlfeiler Konsumkritik beizukommen. Neben einigen Erscheinungen an der Oberfläche der zweiten Natur (steigende Depressionsraten, Überforderung und Reizüberflutung der Subjekte), bleibt der einzige Verdienst der Postwachstumsdiskussion eine versuchte Erkenntnis von Naturzerstörung. Wer dies nicht dem Kapitalverhältnis und dem ihm inhärenten Fetischismus anlasten möchte, sondern durch eine akute Krisenbewältigungsstrategie oder ein Zurück-zur-Natur bewerkstelligen möchte, sollte sich nicht das abgedroschene Label des Emanzipatorischen aufkleben.

Die apersonale Herrschaft des Kapitals zerstörte den stagnativen Charakter vorindustrieller Produktion und damit die direkte Herrschaft von Menschen über Menschen in Form des feudalistischen Patriarchats. Die moderne Produktionsform des Kapitals entfesselte damit ungeahnte Produktivkräfte, die mit Massenproduktion und medizinischem Fortschritt, aber auch mit der Dialektik von Armut und Reichtum einhergehen. Das Ziel einer materialistischen Kritik sollte jedoch nicht sein, hinter diese Entwicklung zurückzufallen, sondern sich im Sinne Hegels mittels immanenter Kritik der »Lebensform« (Rahel Jaeggi) des Kapitalismus zu entledigen.

Deshalb muss sich eine materialistische Perspektive ökologischer Probleme annehmen und nach Antworten suchen, wie eine postkapitalistische Vergesellschaftung sich der Produktivkräfte (Automation/Massenproduktion) bedienen könnte.[vii] Materialistische Kritik, die sich ökologischer Probleme annähme, wäre nicht durch einen »geschlossenen Theorieentwurf« (Niko Paech) vorzubilden, denn es braucht kritische Gesellschaftsanalyse, die sich der zur Totalität geronnenen zweiten Natur bewusst ist und die kapitalistische Vergesellschaftung in den Fokus rückt, nicht aber in eine Art zweite Vormoderne zurück will. Ökologische Themen stellen zweifelsfrei einen blinden Fleck innerhalb linker Diskurse dar, der von der Postwachstumsideologie aufgezeigt worden ist. Für sie gilt jedoch das Diktum Theodor W. Adornos: » […] das Falsche, einmal bestimmt erkannt und präzisiert, [ist] bereits Index des Richtigen, Besseren«.[viii]

Der Text ist zuerst in der Zeitschrift Versorgerin #125 (März/2020) erschienen.

Mathias Beschorner ist Historiker und freier Autor. Er lebt in Leipzig und referiert zu den Themen Postwachstumsideologie und Polyamorie. Zugleich arbeitet er mit Konstantin Nowotny und Jennifer Stevens an einem Sammelband zur romantischen Liebe, offenen Beziehungen und der Polyamorie.

 

[i] Siehe Gesell, Silvio (1916): Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld (1916) bzw. Malthus, Thomas (1798): The Principle of Population.

[ii] Ich folge dem Soziologen Andreas Kemper in seiner Einschätzung, dass sich hinter dem Pseudonym »Landolf Ladig« Björn Höcke verbirgt. Siehe hierzu https://andreaskemper.org/2016/01/09/landolf-ladig-ns-verherrlicher/

[iii] Siehe Paech, Befreiung vom Überfluss, S. 18.

[iv] Vgl. ebd., S.114.

[v] Siehe MEW 3, S.20.

[vi] Siehe Paech, Befreiung vom Überfluss, S.118.

[vii] Vgl., Beschorner, Mathias: Roboterkommunismus – nur eine Utopie? In: Versorgerin 123.

[viii] Siehe Adorno, Theodor W.: GS, Bd. 10-2, S. 793.

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7 Kommentare zu “Postwachstumsideologie als Alltagsreligion und Distinktionsbedürfnis

  • #1
    Peter Müller

    Man sollte auch nicht von Dieben sprechen und den Diebstahl somit personifizieren. Das würde den Eindruck erwecken, als wären konkrete Täter für Diebstahl verantwortlich und nicht Sachzwänge.

  • #2
    Berthold Grabe

    Die Kritik ist ähnlich wie bei Marx berechtigt, die empfohlene Therapie jedoch nicht praktikabel.
    ähnlich wie bei Marx bleiben wichtige Eigenschaften des Subjektes Mensch außen vor, weshalb aus heutiger Sicht klar ist das Marx scheitern musste.
    Dieser Fehler wiederholt sich gerade aus der Diagnose einer Fehlentwicklung panisch undim Schnellschuss eine Therapie zu entwerfen, die nicht funktionieren kann, weil sie den Fehler Karl Marx wiederholt.
    Eine wichtige Maxime wird übersehen, nämlich das Radikalität immer Irrtum ist! Und Endzeitpanik der denkbar schlechteste Ratgeber.
    Tatsächlich wird es nie die eine radikale und optimale Lösung geben, die mündest automatisch in der Diktatur, unausweichlich.
    Allerdings muss die Frage nach dem Sinn einer immer konzentrierteren Massenproduktion gestellt werden, wenn statt mehreren dutzend Produzenten nur noch eine Handvoll weltweilt übrig bleibt.
    Das ist ökonomisch langfristig nie sinnvoll es minimiert Innovationsfähigkeit und konzentriert Macht, als Wettbewerbsverhinderer.
    Globalisierung ist in diesem Kontext die denkbar schlechteste Entwicklung weil sie jedes marktwirtschaftliche Korrektiv vernichtet, da sie in diesem Kontext Wettbewerb zum Machtkampf macht und nicht zur Konkurrenz der Produkte.
    Rein mathematisch mag also das Optimum so erreichbar sein, aber der Zweck der Ökonomie ist eben keine mathematische Gewinnmaximierung.
    Mehr Regionalisierung ist daher notwendig. Und ebenso die Suche nach Stabilität mit reinem qualitativen Wachstum, statt Mengenwachstum.
    Aber es ist geradezu zynisch ausgerechnet vom Konsumenten und nicht vom Regulator, dem Staat , zu verlangen Zielkonflikte zwischen begrenzten Ressourcen und Notwendigkeit zu steuern.
    Der Markt ist darwinistisch er reguliert alles nach dem Überlebensprinzip, und das sind nicht immer die erwünschten oder sinnvollen Ergebnisse.
    Das die unerwünschten Ergebnisse ausbleiben ist daher eine Frage des gesetzlichen Rahmens.
    Und der kann nur Wirkung entfalten, wenn er auch die Gestaltungshoheit besitzt, die globalisierte Konkurrenz heute immer wieder aushebelt.
    Ob rechts mit Höcke oder links mit Fridays for Future, beide sind nur stark, weil sie das aufgreifen, aber nicht weil ihre Lösungsvorschläge zielführend wären.
    Sie profitieren von der Führungsschwäche der Mitte, die nicht mal bereit ist die Diagnose zu akzeptieren und an den Rezepten der Vergangenheit festhält.
    Die Stärke der Ränder basiert auf ihren Mut Neues zu wagen, nicht auf der Richtigkeit oder moralischen Anspruch ihrer Konzepte.
    Letzteres ist vor allem eine totalitäres Argument, das jede Kritik zur Unmoral werden lässt.

  • #3
    Bernhard

    Guten Tag,

    offensichtlich scheint sich Herr Beschorner nicht ausreichend mit der Postwachstumsökonomik des Niko Paech beschäftigt zu haben… oder erhat die Inhalt nicht ausreichend verinnerlicht.
    PWÖ beansprucht nicht, die Lösung zu sein, sondern EINE Lösung. Herr Paech garantiert nicht, dass es Funktioniert und er sagt auch, dass es nicht leicht wird.
    In einem seinen Vorträge wurde Herr Paech auch gefragt, wie man die PWÖ den armen Leuten in Deutschland oder den Menschen in Entwicklungsländern vermitteln könne. Laut Herrn Paech richtet sich Wachstumskritik ausschlielich an Menschen in den Industrieländern. Auch arme Deutsche seien damit nicht angesprochen. Herr Paech sieht nämlich einen Zusammenhang zwischen Einkommen und Ressourcenverbrauch (dieser steigt mit dem Einkommen).
    Es finden sich weitere Ungenauigkeiten, aber ich komm mir ein bisschen blöd vor, dass ich als Fahrradmechaniker einen Historiker in dieser Weise berichtigen muss.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Bernhard

  • #4
    Stefan Laurin

    Das stimmt nicht. Paech hätte auch gerne die Menschen in der 3. Welt weiter arm: " „Kulturen, die an traditionellen, zumal religiösen Maßstäben ausgerichtet sind, verlieren jeden Schutz davor, ihren Modernisierungsrückstand vorgeführt zu bekommen. Der Kulturvergleich, dem in Afrika, Asien und Lateinamerika infolge billiger Smartphones und Flugreisen niemand mehr zu entgehen vermag, pulverisiert stabile Orientierungen. Was vormals sinnstiftend und materiell hinreichend war, wird entwertet und fühlt sich jetzt nur noch vormodern, ärmlich oder gar unmenschlich an.“ https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-01/europa-fortschritt-wachstum-industrie-digitalisierung-oekologie-klimawandel

  • #5
    Bernhard Kreuzer

    Sehr geehrter Herr Laurin,
    Aus dem von Ihnen zitierten Artikel lese ich nicht heraus, dass der globale Süden arm bleiben soll. Herr Paech spricht von einer "Abrüstung des Nordens" und davon, dass der Süden nicht auf unser Niveau entwickelt werden sollte.
    Er geht davon aus, dass wir nicht im Wohlstand, sondern im Überfluss leben. Er schlägt also vor, dass sich Norden und Süden in der Mitte treffen. Der Süden entwickelt sich so weit, dass materielle Bedürfnisse gedeckt sind und ein genussvolles Leben in Würde möglich ist, ohne die ökologischen Grenzen zu reißen. Genau auf dieses Niveau begeben wir uns auch "zurück" oder "herunter". Lesen Sie "Befreiung vom Überfluss", schauen Sie einige Paech-Vorträge auf Youtube – dann wird all das klar.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Bernhard Kreuzer

  • #6
    Stefan Laurin

    @ernhard Kreuzer: Millionen Leute verlieren gerade ihre Jobs – und sie reden von Überfluss? Wenn sie das so schlimm finden: Geben sie doch die Hälfte ihres Gehalts ab.

  • #7
    Bernhard Kreuzer

    Das ist wohl ein bisschen polemisch. Niemand möchte, dass irgendwer die hälfte seines/ihres Gehaltes abgeben muss. Es bringt schließlich auch nicht, wenn sich am "System" nichts ändert.
    Wenn Wachstumskritiker davon reden, dass "wir im Überfluss leben" ist "wir" in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen. Dass es innerhalb unserer Gesellschaft auch Menschen gibt, die nicht im Überfluss – ja nicht mal im Wohlstand leben, ist davon unberührt. Umso schlimmer – es ist ja unsere eigene Schande, wenn wir im Überfluss leben, und nicht mal in der Lage sind, diesen Überfluss gleichmäßig zu verteilen.
    In der Postwachstumökonomie nach Niko Paech geht es genau darum, Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Und zwar indem die Arbeit gleichmäßiger auf alle verteilt wird. Das heißt: Teilzeit ist das neue Vollzeit. Sie fragen sich, wer das bezahlen soll? Niemand. Denn mit der Arbeitszeit wird auch das Einkommen reduziert. Im Ausgleich dafür bekommt man das Wertvollste, was man sich vorstellen kann: Zeit.
    Auch wenn ich meine Umstände hier nicht ausbreiten möchte: Ich habe mich darauf vorbereitet, mit weniger Geld auszukommen. Sollte mir mein Arbeitgeber Teilzeit anbieten, werde ich die Chance ergreifen, auch wenn dadurch mein Einkommen sinkt.

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