
Wie an jedem 11. März, so war es auch diesmal wieder so weit: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtet über Japan, das am Jahrestag der „Atomkatastrophe von Fukushima“ 20.000 Atomtote betrauert – angeblich.
Tatsächlich betrauert Japan am 11. März die ca. 20.000 Opfer des Tōhoku-Erdbebens, das am 11.3.2011 eine Tsunami auslöste. Der überflutete mit einer lokal bis zu 40 Meter hohen Flutwelle eine Fläche von über 500 km² der japanischen Pazifikküste und drang an einigen Stellen 10 km weit ins Landesinnere vor.
Diese Fakten hinderten den Bayerischen Rundfunk nicht, zu berichten: „Japan gedenkt der Opfer der Atomkatastrophe von Fukushima: Landesweit legten die Menschen Blumen und Kränze für die rund 20 000 Toten nieder. Heute vor 15 Jahren hatte ein Erdbeben der Stärke 9,0 den Nordosten Japans erschüttert. Das löste einen Tsunami aus, die Flutwelle traf unter anderem das AKW in Fukushima. Dort kam es zu einer Kernschmelze.“
Tatsächlich gab es bei der „Atomkatastrophe“ keine akuten Strahlentoten. Ein Arbeiter starb 2018 an Lungenkrebs, ein Tod, der von der japanischen Regierung als strahlenbedingt anerkannt wurde.
Am Tag nach der Falschmeldung schrieb der BR, er habe „die Abfolge der Ereignisse missverständlich dargestellt. Dadurch konnte der Eindruck entstehen, die 20.000 Todesopfer seien infolge der Reaktorkatastrophe ums Leben gekommen. Das ist falsch. Vielen Dank für Ihre Hinweise. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.“ Die neue Meldung (mit den falschen alten Angaben zu Datum und Uhrzeit) mit der Überschrift: „Japan gedenkt der Opfer von Fukushima“ ist nicht viel besser zusammengestoppelt: „Heute vor 15 Jahren hatte ein Erdbeben der Stärke 9,0 den Nordosten Japans erschüttert. Das löste einen Tsunami aus, die Flutwelle traf unter anderem das AKW in Fukushima. Dort kam es zu einer Kernschmelze. Landesweit legten die Menschen heute Blumen und Kränze für die Toten nieder. 20.000 Menschen waren infolge des Erdbebens gestorben.“
Offensichtlich ist es nicht möglich, klar auszusprechen, dass ein Tsunami 20.000 Tote verursachte, aber bei der Kernschmelze kein Mensch ums Leben kam. Und wieder der Unfug, dass die Japaner der „Opfer von Fukushima“ gedenken. Sie trauern um die Opfer des Tōhoku-Erdbebens, bei dem im übrigen nicht nur das AKW in Fukushima zerstört wurde, sondern 18.500 Fischerboote, mehr als 280.000 Gebäude und einige hundert Fabriken, darunter sechs Ölraffinerien sowie weitere Industrieanlagen aus dem Automobil-, Optik- und Halbleitersektor.
Auch der Deutschlandfunk kam nicht ohne Strahlentote aus. Zwar sprach er nicht von 20.000 Toten durch die „Atomkatastrophe von Fukushima“, aber stellte es dennoch so dar, als habe es neben Toten durch Stress und unterbrochene Versorgung bei der Evakuierung auch Strahlenopfer gegeben: „Die Zahl der Toten im havarierten Kraftwerk sowie durch die Evakuierung oder ihre Folgen wird auf etwa 600 beziffert.“ Eine klare Falschdarstellung, denn es gab keine Toten im havarierten Kraftwerk. Und er fantasierte 10.000 zukünftige Tote herbei: „Insgesamt wird langfristig mit bis zu 10.000 Toten durch die Atomkatastrophe und ihre Folgeerkrankungen gerechnet.“ Wer diese Berechnungen angestellt hat, erfahren die Hörer nicht.
Auch die Tagesschau-Redaktion rührte Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe zusammen: „15 Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima – Angehörige suchen noch immer nach Vermissten.“ Es folgte ein Beitrag zum Stand der Atomenergie-Diskussion, der neue Nahrung erhielt, weil am selben Tag EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Abkehr von der Atomkraft in Europa als einen „strategischen Fehler“ bezeichnet hatte. Die Redaktion macht sich keinerlei Mühe, Interviewpartner zu finden, die diese Ansicht stützen (ein Blick in die CO2-Werte der Stromerzeugung im AKW-Land Frankreich und im „Energiewende“-Land Deutschland würde reichen), sondern lud zwei Atomkraftgegner ein: der Solarenergie-Lobbyist Leonhardt Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und den Atomkraftgegner Volker Quaschning. Gandhi zeichnet für die Energy-Charts des Fraunhofer-Instituts verantwortlich, die schon länger in der Kritik stehen, weil sie regelmäßig die Energiewende beschönigen. Die Charts, die die Diskussion um die Energiewende „faktenbasiert versachlichen“ wollen, legen den Fokus indessen auf installierte Leistung statt gesicherter Leistung, blenden die Systemkosten der Energiewende aus, indem sie nur die reinen Erzeugungskosten darstellen und verschleiern die Abhängigkeit von Stromimporten. Quaschning, Initiator der Scientists-for-Future-Bewegung, der sich im April 2023 in einem großen Anti-AKW-Foto als Drachentöter der Atomkraft in Deutschland präsentierte, ist vor allem Anti-Atom-Aktivist, dessen Darstellungen zu Atomkraft und Energiewende regelmäßig keinem Faktencheck standhalten. Neben Anti-Atom-Umweltminister Carsten Schneider waren diese beiden Verfechter der grünen Energiewende die einzigen „Experten“, die die Redaktion zu diesem Thema zu Wort kommen ließ.
Machen wir uns nichts vor: Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk dominieren Redaktionen, die an bestimmte Themen nicht mehr vorurteilslos herangehen können und geradezu zwanghaft die immer gleichen Erzählungen wiederholen – selbst wenn sie danach immer wieder zu dem Eingeständnis gezwungen sind, Falschmeldungen verbreitet zu haben (die sie allerdings als „missverständlich formuliert“ beschönigen). Eine Fehlerkultur, die solche Wiederholungen ausschließt, existiert ganz offensichtlich nicht. Und so wird es auch am 11. März 2027 wieder heißen: „Japan trauert um die 20.000 Opfer der Atomkatastrophe von Fukushima.“
