2020 – braucht kein Mensch.

Weihnachtsstimmung in Herne 2020. (Foto: privat)

Morgen ist dann also Heiligabend. Weiß-weihnachtlich glänzen die Straßen nicht. Nicht einmal Schneematsch bedeckt die Autos. Dabei wäre der Matsch ein schönes Symbol für dieses Jahr gewesen. Ich sitze am Küchentisch, Weihnachtsmusik dudelt aus dem CD-Player, schafft einen relotiusesken Rahmen für die folgenden Zeilen, die einen persönlichen Spiegel auf dieses Jahr liefern sollen.

Dieses Jahr war Corona. Dieses Jahr war Ausnahmezustand. Dieses Jahr war Sorge. Dieses Jahr war Langeweile. Heute vor einem Jahr war ich froh, dass ein hartes Jahr zuende gegangen war, und blickte voller Zuversicht in ein kommendes Jahr, hoffnungsvoll und – aus heutiger Sicht – hoffnungslos naiv.

Hoffnung. An die wir glauben können. Da klingelt etwas aus der transaltantischen Vergangenheit, und vielleicht auch aus der Zukunft. Aber 2020 gab es dort wenig Erbauliches. Bürgerkriegsähnliche Eskalationen, Straßenschlachten, struktureller Rassismus. Das ist mir für dieses Jahr in den USA im Gedächtnis geblieben. Und ja, Wechsel. Der wird aber auch erst im Januar des nächsten Jahres vollzogen. Paradox dazwischen die Friedensschlüsse für Israel, großartige Friedensschlüsse, die ich mit meinem Bild vom großen Orangenen nicht vereinbart bekomme, den ich doch so sehr ablehne, gerade und auch für all das was er der GOP angetan hat.

Da standen wir in Deutschland besser da. Unsere Krisenmanagerinnen und Krisenmanager haben im Frühjahr einen deutlich besseren Job gemacht. Und wo ich hier gerade so folgsam vor mich her gender, fällt mir auf, dass 2020 das Jahr war, in dem ich entdeckte, dass gendern niemanden schadet, solange man die Lesbarkeit und die Verstehbarkeit eines Textes dadurch nicht vollständig zerstört.

Aber sprechen wir über die Krise. Sprechen wir über Corona. Sprechen wir über eine nie gekannte Großnachrichtenlage, die, so wurde gesagt, die größte seit dem Zweiten Weltkrieg sei. Wobei „seit dem Zweiten Weltkrieg“ ein gern genommener Superlativ ist, wenn man in Deutschland einen politischen Superlativ betonen möchte. Mich irritiert das immer, es hat immer etwas falsch Relativierendes. Vielleicht ist es ja auch die größte Nachrichtenlage seit der RAF. Ich habe beides nicht schreibend erlebt. Aber ja, ich muss anerkennen, an Corona führte, nachrichtlich, kein Weg vorbei.

Das Virus, oder der Virus, wie man noch verschiedentlich Anfang des Jahres sagte und schrieb, hat alles durcheinander gewürfelt, alles verdichtet, alles zäh gemacht, alles erschwert. Privat und dienstlich. Fast jedes Gespräch rekurrierte irgendwann auf die Pandemie, ihren aktuellen Verlauf, den prognostizierten Verlauf, und Maßnahmen, um den Verlauf zu verändern, zu verlangsamen, harmloser zu machen. Wir sind nicht gescheitert. Wir sind aber noch einiges von einem Sieg entfernt. Mich hat all das mürbe, müde, fassungslos, erschöpft fragend gemacht. Nahe Menschen, denen man plötzlich weniger nah war – Nähe, die zum einen sehnsuchtsvoll in die Ferne rückte, zum anderen als eine Facette der Gefahr definiert wurde. Auch ich schwankte und schwanke zwischen diesen beiden Polen. Ich baue nun auf die kommende Impfung, und weigere mich so richtig zu realisieren, dass diese eben erst langfristig zu einer Heilung – des Virus, der Gesellschaft – führen wird. Die Pandemie zog sich wie ein schleichendes Gift in alle Bereiche unseres Lebens.

Der Lockdown verlangte, und verlangt uns allen, somit auch mir, einiges ab. Homeschooling. Geschlossene Kitas. Handwerker, die unser gekauftes Haus nicht renovieren konnten. Freunde, die ich nicht mehr sah, nicht mehr drücken konnte. Gespräche per Video, die am Ende oft genug ein schales Gefühl hinterließen, weil eben doch etwas für echte menschliche Nähe fehlte. Umstellungen im Arbeitsalltag. Homeoffice. Hygienekonzepte. Masken. Händewaschen – in Ausführlichkeit und Art einer mittelguten Arztserie gleichend. Abstand halten – wir wurden zu einer Gesellschaft der Unberührbaren. Geschlossene Spielplätze. Dutzende, immer gleich ablaufende, Spaziergänge im Wald mit den Kindern. Immer wieder ein „Bleiben Sie gesund“ – gleich einer magischen Formel, zu Beginn, gleich einer Floskel, im Verlauf des Jahres. Ja, wir haben den Wert von Freunden und Familien nochmal ganz anders schätzen gelernt. Ein Monat hätte mir zum Lernen gereicht. Es werden noch viele weitere Monate werden, in denen ich nur hoffe, dass aus dem Lernen kein Abstumpfen wird.

Und mitten drin: die Corona-Skeptiker, die Corona-Leugner, die Covidioten, die in einem immer heftigeren Veitstanz alles ad absurdum führten und führen, was der Menschenverstand, die Wissenschaft uns, leider, zu Recht, nahe legt. Aus Unverständnis gegenüber diesen Menschen wurde Wut, teils Hass, teils Mitleid, teils Auslachen und teils eine düstere Melange aus all dem – und teils ein zunehmender Unwille mich damit zu beschäftigen, sowie der Wunsch nach einem harten Durchgreifen der Exekutive, nach Schlagstöcken und Wasserwerfern – spätestens als die Treppen des Parlaments gestürmt werden. Was bei mir hängen blieb, ist die Hybris der Politik vom Normalbürger Einschränkungen abzuverlangen, und gleichzeitig den Covid-Orks massive Verstöße gegen diese Einschränkungen durchgehen zu lassen. Mittlerweile findet ein Umdenken statt. Ob es spät, aber nicht zu spät ist, das weiss ich nicht.

Die Monaten verschliefen, verschmolzen, der Frühling kam und ging, der Sommer ebenso, der Herbst, und nun der Winter. Ja, wir haben uns im Sommer zu sehr in Sicherheit gewogen, aber es war gleichsam gut, einige Tage des Durchatmens zu haben. Man hätte parallel an Konzepten für den Herbst arbeiten können. Müssen. Sollen. Was auch immer. Man hat es nicht getan.

Was mir persönlich sehr fehlte, war die Möglichkeit zu reisen, um Vorträge zu halten, in Diskussionen zu gehen, fremde Menschen zu treffen, von ihnen konfrontiert zu werden, aber auch von ihnen Zuspruch zu erhalten, auf einer Bühne zu stehen. Dabei weiß ich, dass das für mich nur ein Nebengeschäft, letztlich ein Hobby ist – und ich habe unfassbares Mitleid mit denen, die in diesem Jahr ihrem Beruf, ihrer Berufung nicht nachgehen konnten, am Rande der Existenz stehen, und die verzweifeln. Ich stehe da besser da, und trotzdem fiel es mir sehr schwer, dass aus „heute hier – morgen dort“ ein „heute hier – morgen hier“ wurde.

Auch privat und dienstlich hat sich dieses Jahr vieles bei mir verändert, wurde einiges durcheinander gewirbelt, hat vieles viel Kraft gefordert, doch der Leser – und auch die Leserin – mag mir verzeihen, dass ich dies hier nicht auszubreiten gewillt bin. Aber ich weiß, dass ich damit nicht alleine da stand. Corona, die Krise, die Pandemie wirkte wie ein Brennglas auf persönliche Schicksale.

Artikel, die Jahresrückblicke sind, sollten wohl versöhnlich enden. Mit all den kleinen menschlichen persönlichen Eindrücken, die das Elend dieses Jahr erträglicher machen, und ein warmes Gefühl hinterlassen. Ich weiss nicht, ob ich dieses Ende gewillt bin zu liefern. Ja, natürlich, auch ich hatte tolle private Begegnungen und berufliche Erfolge in 2020, aber, ganz ehrlich, in den Jahren davor waren sie leichter, freudvoller, und häufiger. Gut, ich habe 2020 wieder stärker Lyrik entdeckt, habe viel Rilke und Yeats und andere Dichter gelesen. Aber irgendwie waren auch das Substitute.

Gut, dass dieses Jahr endet.

Ich habe keine Ahnung, was 2021 bringt, und ich hüte mich sehr davor zu prognostizieren, dass es besser als 2020 wird, oder genauso, oder schwieriger. 2021 wird, nun ja, ein Jahr.
Und wir müssen da durch.

 

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Christian Otto
Christian Otto
3 Jahre zuvor

Ich glaube wir blicken alle etwas ratlos auf dieses Jahr zurück.

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