Affenpocken – ein Faktencheck

Impfgegner gab es schon immer – Gemeinfrei

Das jüngste Auftreten der Affenpocken in mehreren Ländern – darunter auch in Deutschland – beunruhigt Behörden weltweit. Zeit, den vielen Berichten über diese Krankheit ein paar Fakten gegenüberzustellen

Betrachtet man die Kommentare auf sozialen Medien, sobald Artikel über die Affenpocken erscheinen, kommt man nicht umher, sich zu wundern, mit welcher Ignoranz Teile der deutschen Bevölkerung ihr Leben vor dem März 2020 verlebt haben. Dort faselt man davon, die Affenpocken seien das nächste Coronavirus, sieht neue Lockdowns und eine Verlängerung der pandemischen Lage kommen. Gekrönt werden diese Verschwörungstheorien natürlich von der Idee, die Pharmaindustrie wäre verantwortlich für das gehäufte Auftreten, da die Maskenpflicht und die Impfungen unser Immunsystem ruiniert hätten.

Die Liste der weltweiten Epidemien spricht hier allerdings eine andere Sprache. Solche Ausbrüche von Infektionskrankheiten gehören zu unserer Zivilisation und ein einfaches Immunsystem genügt nicht, um sich auf magische Weise gegen jede Krankheit zur Wehr zu setzen. Und das vermehrte Auftreten der Affenpocken ist keinesfalls etwas ungewöhnliches, wie wir noch sehen werden. Aber bevor es um die Affenpocken gehen kann, ist es nötig, sich mit dem engsten Verwandten dieser Krankheit zu beschäftigen – den Pocken:

Geschichte der Pockenimpfung

Die Pocken sind das beste Beispiel für eine Krankheit, die ein Immunsystem allein oftmals nur schwer bekämpfen kann. Generell konnte bei Ungeimpften eine Letalität zwischen 10%-50% beobachtet werden. Der Mittelwert liegt bei einer Letalitätsrate von 30%. Da asymptomatische Verläufe bei Ungeimpften nicht beschrieben sind und der Patient mit den ersten Krankheitszeichen ansteckend wird, ergibt sich eine R0-Rate von 3 – 6,5. Das heißt, ein Patient steckt im Schnitt 3 – 6,5 andere Menschen an. Daher stammt auch seit jeher der Wunsch nach einer Impfung, die den regelmäßigen Pockenausbrüchen in der Geschichte ihren Schrecken nehmen sollte.

Der Begriff „Vaccination“ stammt vom lateinischen Wort „Vacca“, das Kuh bedeutet. Dies rührt daher, dass Dr. Edward Jenner 1796 den Sohn seines Gärtners mit den Pusteln einer Magd infiziert, die an den Kuhpocken erkrankt ist. Den Menschen ist damals bereits bekannt, dass Leute, die mit den Kuhpocken infiziert waren, immun gegen die Pocken sind. Die Kuhpocken können bei engem Kontakt zwischen Mensch und infiziertem Tier per Tröpfcheninfektion überspringen, verlaufen aber weniger gefährlich als die Pocken und hinterlassen die Kreuzimmunität. Jenner begründet hier die Praxis, Impfungen mit dem Sekret aus den Pusteln der Kuhpockeninfizierten vorzunehmen. Das steht im Gegensatz zu einer Praxis, die bereits im 16. Jahrhundert in China und Indien, sowie im 17. Jahrhundert in Konstantinopel durchgeführt wurde. Dort wurde den Menschen das Sekret von Pockeninfizierten in die Nase gegeben, oder in getrockneter Form in kleine Einkerbungen in die Haut gestreut. Da es sich hierbei um das echte Pockenvirus handelte, war die Zahl derer, die an der Infektion starben, recht hoch. Daher lässt sich argumentieren, dass tatsächlich Jenner der Erfinder der Impfungen ist und damit einen der Eckpfeiler der modernen Medizin begründet hat.

Übrigens gab es auch schon damals einen nicht unerheblichen Teil an Impfgegnern, die sich mit abstrusen Behauptungen zu Wort gemeldet haben. So sollen Kinder nach der Impfung angefangen haben zu muhen, und den Geimpften sollen Körperteile von Kühen wachsen, wie im Titelbild des Beitrags so schön illustriert ist.

Nach einer weltweiten Impfkampagne konnten die Pocken am 8. Mai 1980 offiziell für ausgerottet erklärt werden. Geholfen haben Zahlreiche Gesetze, die eine Pockenimpfung zur Pflicht erklärten. Bayern tat dies bereits 1807 und Otto von Bismarck zog 1874 mit dem Reichsimpfgesetz nach. Auch im deutschen Reich und dem geteilten West- und Ostdeutschland sind die Pockenimpfungen Pflicht. Westdeutschland behält diese Impfpflicht bis 1976 bei. Ein Nebeneffekt der Pockenimpfung besteht in der Kreuzimmunität mit dem Erreger der Affenpocken.

Woher kommen die Affenpocken?

Die Affenpocken selbst zählen – wie das Pockenvirus – zur Familie der Orthopoxviren, verursachen aber im Gegensatz zum Pockenvirus eine harmlosere Erkrankung, die sich in den Anfangssymptomen aber nicht vom Pockenvirus unterscheidet. Während es bei den Pocken keine Reservoire gibt, das Virus also ausschließlich im Menschen überlebt und von Mensch zu Mensch übertragen wird, können die Affenpocken neben ihrer namensgebenden Tierart, den Affen, auch im Menschen, sowie in anderen Tierarten überleben. Erwähnenswert sind hier Präriehunde, die im mittleren Westen der USA 2003 für einen Ausbruch der Pocken sorgten. Die Präriehunde wurden von einem Tierhändler gemeinsam mit der Gambia-Riesenhamsterratte gehalten, von denen einige das Virus in sich trugen und an die Präriehunde weitergaben. Diese wurden von Privathaushalten gekauft und verbreiteten so das Virus, das zu insgesamt 71 Fällen in 6 Staaten führte. Es kam zu keinen Todesfällen.

Wie bereits angemerkt ist das Auftreten der Affenpocken weltweit keine Besonderheit. Insbesondere im Kongo und in Westafrika ist die Krankheit endemisch und taucht regelmäßig in kleineren und größeren Ausbrüchen auf. Bei diversen lokalen Ausbrüchen in Westafrika in den 90ern konnte die Letalität des Affenpockenvirus von etwa 1% bestimmt werden. Aber auch abseits des tropischen Regenwalds konnte sich das Virus ausbreiten. So kam es zwischen 2017 und 2019 zu einer Epidemie in Nigeria und 2018 schleppte ein nigerianischer Passagier das Virus bei einer Reise nach Großbritannien ein. Ebenfalls wurde 2021 das Virus aus Nigeria nach Großbritannien eingeschleppt, wobei die Infektionen auf einen Haushalt beschränkt blieben.

Verbreitung der Affenpocken

In den letzten Jahren bemerkte man eine Verschiebung der Infektionszahlen von der jüngeren Generation (<15) hin zu Menschen älter als 30. Als Grund für diese Verschiebung wird das Aussetzen der Pockenimpfung angenommen, die durch ihre Teilimmunität einen Schutz vor den Affenpocken geboten hat. Dieser nachlassende Impfschutz dürfte auch erklären, warum sich das Virus immer wieder in Regionen außerhalb Zentral- und Westafrikas ausbreiten konnte.

Betrachtet man die bisher bestätigen Fälle des aktuellen Ausbruchs, so zeichnet sich ein Muster ab. Es sind ausschließlich Männer betroffen und einige der Superspreader-Events fanden innerhalb der Schwulen-Community statt. Durch die Übertragungswege des Virus, das sich entweder per Tröpfcheninfektion oder per direktem Schleimhautkontakt übertragt, ist es nicht falsch zu sagen, dass die Schwule-Community hier einem höheren Infektionsrisiko unterliegt und betroffene Regionen Aufklärungsmaßnahmen innerhalb dieser Community verstärken müssen. Aber auch der Infektionsweg mittels Tröpfcheninfektion ist wichtig zu beachten, was Infektionsschutzmaßnahmen bei engem Kontakt nötig macht.

Wie gefährlich sind die Affenpocken?

Um die Gefahr der Affenpocken zu bestimmen, ist es wichtig, einige Faktoren in Betracht zu ziehen. Dazu zählen die Letalitätsrate, das Infektionsrisiko, sowie Übertragungswege, als auch Präventionsmaßnahmen.

Die guten Nachrichten gleich zu Beginn:
Wir verfügen bereits über eine wirksame Impfung gegen die Pocken, die die auch bei den Affenpocken Anwendung finden kann. 2003 konnte in einer Untersuchung festgestellt werden, dass der Pockenimpfstoff der in der Vergangenheit zur Immunisierung gegen die Pocken verwendet wurde, keine vollständige Immunität gegen Affenpocken hinterlässt. Trotzdem erkranken Geimpfte seltener (85% Reduktion) und die Erkrankung verläuft milder.

Diese Impfung dürfte allerdings keine Verwendung finden. Betrachtet man diese Simulation aus dem Jahr 2020, die sich mit der Mensch-zu-Mensch-Übertragung der Affenpocken beschäftigt, so beträgt der R0-Wert der Affenpocken etwa 0,85. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt weniger als einen Menschen ansteckt. Nimmt man also die Superspreader-Events als Ausreißer und begeht eine konsequente Kontaktnachverfolgung inklusive Isolation der Beteiligten, ist von einem großflächigen Auftreten der Affenpocken im Sinne einer neuen Pandemie nicht auszugehen.

Allgemein verlaufen die Affenpocken in Geimpften und Ungeimpften um einiges milder als die Pocken. Bei Ausbrüchen im Kongo und Westafrika wurden Letalitätsraten von 1% – 10% festgestellt, wobei hier eine enorme Schwankungsbreite aufgetreten ist. Dies liegt an den unterschiedlichen Stämmen der Affenpocken. Der Kongostamm besitzt eine Letalität von etwa 10%. Die höchsten Todeszahlen wurden bei Kindern unter 5 Jahren festgestellt. Der Westafrikanische Stamm hingegen besitzt eine Letalität von etwa 1%. Der derzeit in Europa kursierende Stamm ist der Westafrikanische.

Warum es keine neue Pandemie geben wird

Das Affenpockenvirus wurde nun punktuell außerhalb Afrikas nachgewiesen, mit den ersten Fällen in Deutschland. Bedingt durch die verpflichtende Pockenimpfung in Deutschland und weiten Teilen der Welt ist das Infektionsrisiko relativ gering, da bei der Generation 50+ eine teilweise Immunität vorherrscht und eine Infektion nur bei längerem Kontakt mit einem Infizierten, nach Einsetzen der Symptome möglich ist. Da die Beschreibung von asymptomatischen Affenpockenfällen bisher bisher auf wackligen Beinen steht, kann man davon ausgehen, dass immunologisch naive Personen einem symptomatischen Verlauf in unterschiedlicher Schwere unterliegen und die Dunkelziffer somit gering ist. Das Virus verbreitet sich um einiges langsamer als Corona und wir verfügen über wirksame Pockenimpfstoffe, von denen ein 2019 neu zugelassener Impfstoff, JYNNEOS, auch für einen Einsatz gegen Affenpocken zugelassen ist. Außerdem verfügen wir seit 2018 über Tecovirimat, ein Medikament, das ebenfalls für den Einsatz bei Pocken und Affenpocken zugelassen ist.

Da die Affenpocken zumeist mild verlaufen und nach Kontakt mit einem Infizierten auch eine Impfung noch prophylaktisch gegeben werden kann, besteht kein Grund zur Sorge. Es liegt nun an den Behörden, die Fälle nachzuverfolgen und einzudämmen. In betroffenen und gefährdeten Communitys kann der Einsatz der Impfstoffe angeraten sein, die allgemeine Bevölkerung wird diesen aber nicht benötigen.

Und nein, Corona verursacht nicht die Affenpocken. Coronaviren sind RNA-Viren, Affenpocken sind DNA-Viren. Man kann auch kein Schwein mit einem Huhn kreuzen, um ein Tier zu erhalten, aus dem sich Eier mit Speck zubereiten lassen.

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2 Kommentare

  1. #1 | Emscher-Lippizianer sagt am 24. Mai 2022 um 10:23 Uhr

    @Sebastian Schmalz
    Vielen Dank für die Faktenzusammenstellung.
    Schaun ‚mer mal, wann aus der Politik der Pocken wegen die Forderung nach weniger Fleisch und Tempolimit kommen…..

  2. #2 | Berthold Grabe sagt am 25. Mai 2022 um 10:08 Uhr

    Verantwortlich für die Reaktionen der Öffentlichkeit sind vor allem die Medien und und ihre Berichterstattung, die wegen des Zieles Aufmerksamkeit zu erreichen eine Bedeutung suggerieren, die gar nicht vorhanden ist.
    Man könnte sagen, es gibt zu viele Berichtende für das relativ Wenige was berichtenswert ist und gleichzeitig ist zu eeenig Geld vorhanden um fundiert zu berichten.

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