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Alfred Ries: Eine nicht abgeschlossene Geschichte über deutschen Neid und Antisemitismus.

Thomas Hakfe vor dem Stadion von Werder Bremen Foto: Privat

Der ehemalige Werder-Präsident, Geschäftsführer der Böttcherstraße, Diplomat für die Bundesrepublik, Rotarier und DFB- sowie DSB-Vorstandsmitglied Alfred Ries war Jude. Das wurde ihm zum Verhängnis – in mehrfacher Hinsicht. Von unserem Gastautor Thomas Hafke.

Alfred Ries, geboren 1897 in ordentlichen Verhältnissen in Bremen, wurde mit 12 Jahren Werder-Mitglied. Im bürgerlichen Verein aus der Bremer Neustadt engagierte er sich für die verschiedensten Sportarten des SV von 1899, der anfangs als Fußballclub gegründet worden war.

Schon bald erkannten die Vereinsführung, die Mitglieder von Werder und Bremer Bürger, dass der junge Mann Potential hatte. Nicht so sehr als Sportler, sondern als Organisator, Conférencier und Mensch mit Führungsqualitäten. Er hatte klare Vorstellungen von der Zukunft, war liberal und tolerant und hatte das, was man früher Pli bzw. Weltgewandtheit nannte.

Deshalb machte ihn der Bremer Kaufmann, Unternehmer und Erfinder Ludwig Roselius schon früh zum Leiter der Werbeabteilung seiner Firma Kaffee HAG und bald darauf zum Geschäftsführer der Böttcherstraße – ein Kunstprojekt von Roselius, der die ehemalige Fassmacherstraße in der Bremer Innenstadt zu einer architektonischen Kunstattraktion umbaute, die heute Weltruhm geniest. Bei Werder wurde er mit großer Mehrheit zum Vorsitzenden gewählt und bestimmte die Geschicke des sich modernisierenden Vereins von 1923 an.

Doch schon bald wurden die Nazis auf ihn aufmerksam, nicht nur weil er Jude war, sondern auch eine schillernde Person der Bremer Gesellschaft. Das wollte man „dem Juden“ schon gar nicht gönnen. Also fing die Hetze gegen Ries nach seinen Aussagen bereits Anfang der dreißiger Jahre an. Die so heftig wurde, dass er noch vor der Machtübernahme 1933 die Stadt verließ. Er ging für Kaffee HAG nach München, Marienbad und zuletzt nach Jugoslawien, nachdem klar wurde, dass er als Jude in Deutschland nicht mehr erwünscht ist.

Roselius und seine Geschäftsfreunde halfen ihm dabei so gut es ging, im Königreich eine zweite Existenz aufzubauen. Was Alfred Ries nur zum Teil gelang, denn natürlich gab es auch dort Judenfeinde, wie die berühmt-berüchtigte Ustascha, die kroatischen Faschisten und Antisemiten. Und so war er auch in Jugoslawien auf der Flucht vor seinen Häschern und unter anderem gezwungen sich unter Leichen zu verstecken, was ihm aber auch nicht half, nicht in Lager gesteckt zu werden. Zuletzt in eines von Tito, der ihn nicht als verfolgten Juden sah, sondern als Deutschen. In der Zwischenzeit wurden Werder ein Naziverein und seine Eltern von Bremen nach Theresienstadt verschleppt, wo man sie ermordete.

Nach dem Sieg über die Faschisten in Europa und die Nationalsozialisten in Deutschland, kehrte Ries wieder nach Bremen zurück. Werder und auch die Stadt wollte ihn, denn er war nun „unbelastet“, als Jude und Verfolgter. Und so wurde er erneut Präsident des SV Werder Bremen und half dabei, das Bremer Außenhandelskontor wieder aufzubauen. Der bekannte Bremer Bürgermeister und Sozialdemokrat Wilhelm Kaisen hatte ihn darum gebeten. Erst später wurde Ries in den diplomatischen Dienst für die Bundesrepublik gerufen, was ihn bis nach Liberia führte. Von dort kehrte er aber bald wieder zurück nach Bremen, wurde erneut Werder-Präsident und 1965 mit dem Verein zum ersten Mal Deutscher Meister. Werder war nun nicht mehr irgendein Sportverein und Ries sein erfolgreichster Präsident. Alfred Ries sagte damals: „Wer Versöhnung will, muss sie praktizieren“.

Doch im Rahmen seines Wiedergutmachungsverfahrens führten widersprüchliche Aussagen von Ries und die Andeutungen zweier „Zeugen“ dazu, dass Ries eine Spionagetätigkeit für die Nationalsozialisten unterstellt wurde. Diese Aussagen stammten von zwei Bremer „Judenjägern“, Bruno Nette und Friedrich Linnemann. Nette war sogar für den Transport der Eltern von Alfred Ries nach Theresienstadt verantwortlich. Beide wurden nie umfassend für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen. Einen Beleg für ihre Aussagen blieben die beiden Zeugen allerdings schuldig. Trotzdem reichte dies aus, ein Gerücht in die Welt zu setzen, das in der Stadt auf fruchtbaren Boden fiel und bis heute perpetuiert wird. Unter anderem in einer Schrift des Politikwissenschaftlers Arthur Heinrich von 2018, in dem er von einem Mann der „Bremer Haute Volée“, die schützend ihre Hände über ihn ausgebreitet hätte, schrieb. Ries war damit nicht alleine, vielen Überlebenden des Holocaust wurde unterstellt, dass sie mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht hätten – schließlich hatten sie überlebt.

Und so wurde einer der erfolgreichsten Bremer Bürger, der Großes für die Stadt, für den Sport und die Bundesrepublik geleistet – er hatte nicht nur Werder in die Meisterschaft geführt, sondern auch die Olympische Spiele 1972 nach Deutschland geholt – und niemandem einen Strick aus seiner Vergangenheit gedreht hat, am Ende zu einer persona non grata. Denn nach seinem Tod 1967 waren die Gerüchte nicht versiegt, sondern sie nahmen noch an Fahrt auf, sodass seine Witwe Hilde Ries enttäuscht Bremen verließ und nach Wiesbaden zog. Bei Werder wurde Alfred Ries vergessen und auch die Bremer Bürger und Politiker deckten den Mantel des Schweigens über ihn. Erst eine Initiative von Werder-Fans 2017 machte den Unbekannten wieder gegenwärtig, so dass sich am Ende Werder und die Stadt wieder zu ihm bekannten und er mittlerweile einen eigenen Platz vor dem Weserstadion erhielt. Und trotzdem erschien noch im August diesen Jahres eine Sendung über Ries bei Radio Bremen unter dem Titel „Die mysteriöse Vergangenheit von Werders Ex-Präsident Ries“, die das alte Gerücht wieder aufkochte und auch hier spielt der Topos der „feinen Bremer Gesellschaft“ bei der Beurteilung von Ries eine wichtige Rolle.

Wie es mit Alfred Ries, dessen Leben meines Erachtens eine Verfilmung verdient hätte, denn seine Geschichte könnte nochmal um vieles spannender sein, als die Verfilmung des jüdischen Präsidenten Kurt Landauer des FC Bayerns, wird abzuwarten sein. Zwar hat es in Bremen keinen Aufschrei gegeben, aber immerhin haben sich viele Bremer Bürger hinter Ries gestellt. Demnächst wird ein Buch über ihn und weitere jüdische Werderaner erscheinen, das ihn als den Menschen würdigen wird, der er wirklich war. Wer sich für ihn näher interessiert, der kann gerne in die Broschüre „Unvergessen Vergessen“ schauen:

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3 Kommentare zu “Alfred Ries: Eine nicht abgeschlossene Geschichte über deutschen Neid und Antisemitismus.

  • #1
    reinhard finck

    Die Sendung namens "buten un binnen", die die Verdächtigungen gegen ihn transportiert, Titel "Die mysteriöse Vergangenheit von Werders Ex-Präsident Ries", ist auch bei Wikipedia in seinem Namensartikel prominent verlinkt (Stand heute, 15 Uhr) und wird damit bundesweit transportiert. Seine Feinde sind offensichtlich gut verwurzelt in der Hansestadt. Das Motiv "wir hier unten, die (Juden) dort oben" zieht immer bei schlichten Gemütern, und bei Antisemiten sowieso.

  • #2
    Langsamdenker

    Sehr spannende Geschichte. Danke dafür. Mich würde interessieren, wie die unterschiedlichen Sichtweisen zustande kommen. Stützt sich Radio Bremen auf andere/unbekannte Quellen?

  • #3
    Fabian

    Die Quellen sind weitgehend identisch mit denen der Arbeitsgruppe, die an dem Buch arbeitet. Die Bewertung der Quellenfunde ist eine andere. Sobald das Buch publiziert wird, sollte der Unterschied deutlich werden.

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