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„Alttestamentarisch“? Jürgen Habermas und der antisemitische Diskurs (vol 1)

Philosoph Jürgen Habermas, Mai 2014 by Európa Pont cc 2.0


Es gibt Wörter, die stehen stumm im Text und blinken vor sich hin wie Alarmlämpchen es tun. „Alttestamentarisch“ ist so ein Wort. Macht schwer auf Bedeutung, als wollte jemand beweisen, wie studiert er sei, während das Wort selber  –  der wissenschaftliche Begriff ist „alttestamentlich“  –  etwas anderes erzählt, es ist antisemitisch aufgeladen wie eine Giftampulle. Und hat sich einem Text von ausgerechnet Jürgen Habermas eingeimpft. Darin erklärt der vielgeehrte Philosoph, was Antisemitismus sei, indem er sich  –  und schon blinkt es erneut Alarm  –  auf Carl Schmitt beruft, den stahlhelmharten Judenhasser. Auf diese Weise  –  zwischen antisemitischem Bedeuten und einem bedeutenden Antisemiten  –  pendelt Habermas die Frage aus, ob Auschwitz beispiellos sei oder doch eher eine „Nachfolge“ kolonialer Verbrechen. Seine Antwort: Ja schon doch, aber doch auch wieder nicht. Still leuchtet das Lämpchen.

In der Septemberausgabe des Philosophie-Magazins hat sich Habermas  –  vorgestellt als „der wichtigste lebende Vertreter der kritischen Theorie“, aber das könnte ein Missverständnis sein  –  zum Historikerstreit geäußert, dem aktuellen. Beim ersten, den der Sozialphilosoph vor 35 Jahren angeführt hatte, sei es, so der 92jährige heute, um die Frage gegangen, ob „der Vergleich des Holocausts mit den stalinschen Verbrechen die nachgeborenen Deutschen von ihrer politischen Verantwortung (…) für die NS-Massenverbrechen entlasten könne“.

Werde dagegen heute der Holocaust mit kolonialen Genoziden verglichen, gehe es „nicht um eine Entlastung von dieser Verantwortung, sondern um eine Verschiebung der Gewichte (…) im politischen Selbstverständnis der Bürger der Bundesrepublik“. Dieses Selbstverständnis lasse sich nicht „einfrieren“, erklärt Habermas: „Im Zuge der Immigration“ werde es sich ohnehin „verändern“, es redeten jetzt auch andere „Stimmen“ mit.

Soweit die Rahmenhandlung, der Diskurstheoretiker vertraut auf seine Diskurstheorie und reicht die Frage, ob Auschwitz eine „Nachfolge“ kolonialer Verbrechen sei oder doch eher beispiellos, weiter an den runden Tisch. An den er sich gleich selber setzt und seine Sicht erklärt:

  • Im Vernichtungskrieg, den die Deutschen im Osten Europas geführt haben, scheint er bereit zu sein, die „kriminellen Züge“ der Kolonialverbrechen im südlichen Afrika wiederzuerkennen.
  • Im Holocaust kann er keinen vergleichbaren „kolonialen Charakter“ erkennen: Anders als die Bevölkerung in den besetzten Ländern seien Juden im Holocaust nicht „unterdrückt, ausgebeutet und eben auch getötet worden“, sondern seien ausnahmslos ermordet worden „aus dem einzigen Grund, weil sie Juden waren“. Dies sei der „spezifische Unterschied“ zwischen Holocaust und anderen Genoziden.

Soweit d’accord, Habermas weiter:

  • Der „spezifische Unterschied“ weise ein „spezifisches Merkmal“ auf: „Das Verstörende, weil scheinbar Grundlose und Willkürliche an dieser antisemitischen Radikalität“  –  tatsächlich alle Juden dieser Welt ermorden zu wollen  –  erkläre sich „erst dadurch, dass sich diese Aggression gar nicht nach außen gegen Fremde richtete, sondern gegen innere Feinde“, gegen die „eigenen Bürger“: Juden, so Habermas, habe man erst mühsam markieren und schrittweise ausgrenzen müssen „aus der eigenen Bevölkerung“, bevor sie „abtransportiert wurden“.
  • Dieser „Kampf gegen innere Feinde“ habe bereits den christlichen Judenhass befeuert und anschließend den naturwissenschaftlichen. Erst hätten Christen ihre eigene Herkunft in den Juden erkannt und diese deshalb verteufelt, weil sie den jüdischen Glauben eigentlich als „überwunden“ dachten. Dies habe sich dann „in naturalisierter Gestalt (wiederholt)“, nämlich im Hass der „‘arischen‘ Deutschen“ auf das „fremde Erbgut der jüdischen Mitbürger“.
  • In beiden Fällen, so Habermas, handele es sich um eine „tödliche Ambivalenz“ gegenüber einem „hartnäckig überlebenden inneren Feind“.

Tödliches Überleben? Klingt wie eine Netflix-Serie, ist aber Habermas‘ zentrale These: Was den Holocaust von kolonialen Genoziden unterscheide  –  und, darf man hinzufügen, Antisemitismus von Rassismus  -, sei diese

„Wendung gegen den ‚inneren Feind‘“

Soweit Habermas‘ Erklärmodell. Offensichtlich, dass hier etwas in Schieflage gerät:

Die Zahl der „eigenen Bürger“, die als Juden von den Reichsdeutschen ermordet worden sind, macht weniger als drei Prozent der sechs Millionen Ermordeten aus. Alle anderen konnten nur deshalb ermordet werden, weil ihre Länder zuvor von den Deutschen besetzt und, zumindest was die Ukraine angeht, kolonialisiert worden waren.

Wo auch immer im Herrschaftsgebiet des Deutschen Reiches aber wurden Juden, weil sie Juden waren, anders behandelt als die restliche Bevölkerung, anders auch als jede „kolonial unterworfene Bevölkerung“. Schreibt Habermas selber  –  und behauptet im selben Moment, dass es sich bei jüdischen Polen oder Niederländern oder Ukrainern um „innere Feinde“ handele, bei nichtjüdischen Polen, Niederländern oder Ukrainern dagegen um „Fremde“.

Absurd. Die Raster, die er hier ineinander schiebt  –  Freund/Feind, Fremde/Bekannte, innen/außen  –  erklären nichts. Und das liegt daran, dass sie vormodern sind, sie sind „verdampft“, wie Marx/Engels dies in ihrem Manifest genannt haben:

„Alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst (…) Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht …“ Und alle vertrauten Raster zerfließen, in denen sich einem eben noch die Welt sortiert hat: fremd/vertraut, innen/außen, Freund/Feind, oben/unten, es sind feudale Muster.

Damit aber verändert sich der Hass auf Juden. Durch die rabiaten gesellschaftlichen Veränderungen geraten sie in eine Position, in der sie als sowohl fremd wie vertraut erscheinen, sowohl am Rande der Gesellschaft wie mittendrin, sowohl oben wie unten auf der Sozialhierarchie verortet.

Das ist die Ambivalenz, die Habermas meint, aber mit seinen Rastern nicht zu fassen kriegt. Mag sein, dass sich die religiöse Wut, die sich einer untergehenden Welt verdankt, nun im Rassedenken naturalisiert, wie Habermas es nennt  –  das entscheidend Neue ist, dass sich der Hass auf Juden kulturalisiert: Im 19. Jahrhundert entwickelt sich

Antisemitismus als „kultureller Code“

So Shulamit Volkov, israelische Historikerin, sie erklärt  –  es ist die Hannah-Arendt-Schule  –  Antisemitismus aus seiner gesellschaftlichen Funktion heraus, legt aber Wert auf die Einsicht, dass der moderne Antisemitismus keine “Reaktion auf reale Umstände” war, sondern weithin unabhängig von wirtschaftlichen Entwicklungen entstand und politisch bis ins 20. Jahrhundert hinein bedeutungslos blieb.

Auf eben diese Weise  –  losgelöst von dem Anspruch, realisieren zu müssen, was man so alles denkt  –  habe sich jene Energie aufgestaut, die sich in die irre Praxiswut der Nazis ergossen hat.

Kulturell codiert: BDS-Demonstranten in London im Januar 2009 cc Claudia Gabriela Marques Vieira 2.0

Solange es aber darum ging, so zu tun, als ob man etwas täte, fasst Volkov den modernen Antisemitismus im Begriff einer Kultur, die das umfasst, was das eigene, das selbstbestimmte Leben ausmacht: Normen und Werte, Ambitionen und Emotionen, Faibles und Abneigungen. Antisemitismus sei, Volkov zufolge, eben nicht nur Hass, sondern immer auch positiv gestimmt: ein „Bündel von Ideen, Gefühlen und öffentlichen Verhaltensmustern“, das sich in weiten Teilen der Gesellschaft zu einem „Denk- und Lebensstil“ verdichtet habe.

Ob es um Musik ging oder um Handel, um Mode oder Politik, auf die Juden zu zeigen habe in weiten Kreisen eine „Präferenz für spezifische soziale, politische und moralische Normen“ ausgedrückt: Volkov spricht vom „Bekenntnis zum Antisemitismus”, es sei zum “Signum kultureller Identität“ geworden.

Blieb aber „im wesentlichen verbal“: Der moderne Antisemitismus, im 19. Jahrhundert geformt, funktionierte diskursiv, das war sein praktischer Nutzen, seine gesellschaftliche Funktion. Wer teilnahm an diesem Diskurs und den Jargon beherrschte, die Keywords kannte, der gewann Zutritt zu bestimmten Milieus, die aufstiegswillig waren, ohne dass man in die Verlegenheit geriet, Konsequenzen ziehen oder mit ihnen rechnen zu müssen.

Habermas bezieht sich in seinem Text fürs Philosophie-Magazin direkt auf das 19. Jahrhundert, er behauptet, das Bindeglied gefunden zu haben, das alle diese antijüdischen Diskurse miteinander verbunden habe, dieses Bindeglied sei die „Wendung gegen den inneren Feind“  –  und eben hier kommt das erste Alarmlämpchen ins Spiel, das Wort „alttestamentarisch“ blinkt auf.

Mit diesem Keyword  –  der wissenschaftliche Begriff lautet „alttestamentlich“  –   möchte er erklären, was oder wie der jüdische Glaube sei, den das christliche Gemüt verteufele: Habermas charakterisiert ihn als „alttestamentarischen Glauben“. Und dieser „alttestamentarische Glaube“ sei der „innere Feind“ der Christen.[1]

Was „alttestamentarisch“ bedeutet

Der Publizist Andreas Mertins  –  sein Blog: theomag.de ist ein einsames Beispiel dafür, auf welchem Niveau Religionskritik heute betrieben werden kann  –  hat den Werdegang des Wortes „alttestamentarisch“ nachgezeichnet:

  • Es kam Ende des 18. Jahrhunderts auf, als die rechtliche Gleichstellung der Juden ins Blickfeld rückte. Seine Bedeutung zunächst: durchaus freundlich, der Anklang an die Rechtssprache scheint das damals abwertende „Jude“ ersetzen zu wollen.
  • Daher der positiv gemeinte Bezug auf die jüdische Bibel, das sog. Alte Testament der Christen. Wer Juden denunzieren wollte, sprach seinerzeit von „Talmudjuden“, bezog sich also auf ein anderes Schriftwerk des Judentums, auf Sekundärliteratur, wenn man so will.
  • Mit der Religionskritik der Aufklärung aber rückten die zentralen Schriften  –  Thora und die Propheten –  ins Zentrum, nicht zuletzt Voltaire hat dem modernen Judenhass engagiert zugearbeitet: Mehr und mehr legiert  das Wort „alttestamentarisch“ mit böswilligen Vorstellungen darüber, wie der jüdische Gott sei und wie erst alle Juden: starrsinnig und finster, rachsüchtig und habgierig, grausam und erbarmungslos, immer gehe es ‚Auge um Auge‘ usw. Damit sich dieses Arsenal antijüdischer Vorstellungen anfülle, arbeiteten Fromme und Aufklärer Hand in Hand.
  • Mitte des 19. Jahrhunderts hat es „alttestamentarisch“ bereits in erste Wörterbücher gebracht, gegen Ende des Jahrhunderts  –  das zeigt der korpuslinguistische Befund  –  steigt die Verlaufskurve des Wortes scharf an, „unzählige Schriften pflegen den damit einhergehenden antijudaistischen und antisemitischen Diskurs“, so Mertins.
  • Bis zur NS-Zeit hat sich dieser Assoziationsgehalt zum Stereotyp verfestigt, die Verlaufskurve seiner öffentlichen Verwendung flacht im NS sogar ein wenig ab  –  um in der Bundesrepublik erneut scharf nach oben zu zeigen, das Wort mutiert zur „Tarnvokabel“: Weil man „jüdisch“ nach 1945 nicht mehr als Denunziationswort verwenden konnte, so Mertins „griff man auf ein anderes Wort des 19. Jahrhunderts zurück: ‚alttestamentarisch‘.“
  • In der Tat, auch heute wird das Wortfeld, das sich überall dort auftut, wo „alttestamentarisch“ verwandt wird, fast durchgehend aus Wörtern wie Racheengel, Rachsucht, Grausamkeit, Strenge, Wucht, Zorn, Flüche, Vergeltung, Härte, Hass gebildet  –  also aus denselben Wörtern und deren Konnotationen, „die schon die frühen und späten Antisemiten gebrauchten“.
  • Wer heute immer noch ‚alttestamentarisch‘ sagt, das ist Mertins Fazit, „spricht in der Regel nicht neutral, sondern setzt antisemitische Stereotypen mit.”

Stereotypen, die ein astrein dualistisches Denken ausformen:

das eine Testament „alt“, das andere „neu“, das eine stehe für „Rachsucht“, das andere für „Liebe“, das eine für „Vergeltung“, das andere für „Versöhnung“, das eine für „Fluch“, das andere für „Segen“, dort „Hass“, hier „Feindesliebe“, dort „Verwerfung“, hier „Erwählung“, dort „Feinde Gottes“, hier seine „Freunde“ (…)

Sicher, Habermas hat das giftige Wort ohne Arg genutzt, allerdings hat er sich über die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihre Krise im 19. Jahrhundert  –  also über eben jene Zeit, die sich im Werdegang des Wortes „alttestamentarisch“ spiegelt  –  habilitiert. Hier, im 19. Jahrhundert, hat er die

Grundlagen seiner Diskurstheorie

gewonnen, und seiner Diskurstheorie wiederum hat er eine entschieden dualistische Denke untergelegt. Welt und Weltdeutung laufen darin nebeneinander her wie „alt“ und „neu“: auf der einen Seite das „System“, auf der anderen die „Lebenswelt“, dazwischen eine „Frontlinie“. Habermas‘ Diskursethik geht so:

Auf die Seite des Systems fallen ihm „Arbeit“ und die „Subsysteme zweckrationalen Handelns“, also Technik, Wirtschaft, Verwaltung, die Produktion. Hier regiere die zweckrationale Vernunft.

Auf Seiten der Lebenswelt versammelt er „Sprache“ und „kommunikative Alltagspraxis“, damit meint er das gesamte Arsenal einer „symbolisch vermittelten Interaktion“: soziales Leben, Kultur, demokratische Prozesse usw., hier regiere  –  auch die Einheit der Vernunft fällt ihm auseinander  –  eine andere, die kommunikative Vernunft.

Diese Lebenswelt, so Habermas, setze sich selber aus verschiedenen „Lebenswelten“ zusammen, in einer ausdifferenzierten Gesellschaft errichte sich jede soziale Gruppe ihre eigene.

Nun sei es aber so, dass diese filter-bubble-artige Lebenswelt von der Systemwelt bedroht werde, Habermas spricht von einer „Kolonialisierung“. An dieser Frontlinie postiert er seine Gegenmacht, die „herrschaftsfreie Kommunikation“, sie möge die Lebenswelt verteidigen, möge Handlungsoptionen eröffnen und, wer weiß, nach und nach in die Systemwelt eindringen: der Sprechakt als Befreiungsakt, regelkonformes Reden als revolutionäres Tun.

Philosoph Jürgen Habermas 2014 by Európa Pont cc 2.0

Frei von Herrschaft sei Kommunikation allerdings nur, so Habermas weiter, wenn sich, was gesagt wird, nicht allein an objektiver Wahrheit messe  –  also an möglichst dichter Nähe zur Wirklichkeit, wie sie in der Systemwelt regiert  – , sondern ebenso an der „Wahrhaftigkeit des Sprechers“: Wer behaupte, ein Baum sei ein Baum, müsse überzeugt sein davon, dass es so sei, anders der Baum auch kein Baum sein könnte.

Eine irritierende Setzung: Authentizität als Garant für Wahrheit? Glaubwürdigkeit als Bürge dafür, dass stimmig sei, an was man gerade glaubt? Auch wenn es die große Impfverschwörung ist?

Vor 40 Jahren, als Habermas‘ „Theorie des kommunikativen Handelns“ erschien, gab es immerhin noch so viel Skrupel davor, Wahrheit mit Wahrhaftigkeit aufzuwiegen, dass er zwei weitere „Geltungsansprüche“ hinzunahm. Auch sie seien jedem Sprechakt vorangesetzt, nämlich „Verständlichkeit“  –  drücke dich klar aus  –  sowie „Richtigkeit“.

Mit „Richtigkeit“ meint Habermas, dass jede Aussage innerhalb eines lebensweltlichen Diskurses immer den Anspruch erhebe, mit allgemein akzeptierten Normen und Werten übereinzustimmen. Normen, die wiederum selber nur im Diskurs entstehen können …

Am Ende bewege sich jede kommunikative Aussage, sagt Habermas, in diesem magischen Quadrat der Geltungsansprüche, man mag es sich vorstellen wie Schnick Schnack Schnuck mit Brunnen: Norm schlägt Wahrheit, Wahrheit schlägt Verständlichkeit, Verständlichkeit schlägt Wahrhaftigkeit, Wahrhaftigkeit schlägt Norm …

Da nun aber alle Diskurse, gerade auch alle regelkonformen, innerhalb geschlossener Lebenswelten geführt werden, bleibt es nicht aus, dass in der einen als normativ gilt, was in der Lebenswelt nebenan weit weniger hoch gewertet wird und eine Lebenswelt weiter als völlig nichtig. Stimmen künftig Lebenswelten ab? Greift dann wie im Fußball die Regel 50+1? Das ist keine Scherz-, es ist

Die Shulamit-Volkov-Frage:

Ab wann gilt Antisemitismus als lässlich und ab wann als chic, ab wann als kulturelles Soll und ab wann als unerlässlich?

Im Philosophie-Magazin löst Habermas die Frage brachial, er schreibt: Die „Ächtung des Antisemitismus“ sei ein „unverzichtbarer Kern“ der politischen Kultur dieses Landes. Er statuiert das mal eben so dahin, auch wenn es Millionen anderer Stimmen gibt, die das ganz offensichtlich anders sehen und es nach allen Regeln des Diskurses öffentlich verhandeln wollen.

Ein Widerspruch? Offensichtlich. Im AfD-Milieu wird pausenlos aufgespießt, dass es Dinge gäbe, über die man öffentlich nicht debattieren dürfe. In seinem September-Text treibt Habermas diesen Widerspruch innerhalb seiner Diskurstheorie auf die Spitze: Im selben Atemzug, in dem er die „Ächtung des Antisemitismus“ erlässt, erklärt er, jeder Bürger  –  und so nun auch „der Immigrant“  –  könne “unsere politische Kultur verändern und erweitern“.[2]

Nämlich wie? Indem wir uns alle an Habermas’ Regelwerk halten und, ein jeder in seiner Lebenswelt, „Sprechakte austauschen“ darüber, was einem fremd sei und was vertraut, wer draußen bleibe und wer drinnen, wer bester Freund sei und wer „innerer Feind“

Da leuchtet das zweite Alarmlämpchen ins Dunkel.

Es blinkt just da, wo Habermas seinen Begriff des „inneren Feindes“ einführt. Sein Kronzeuge: der Kronjurist des Dritten Reiches, Carl Schmitt. Staatsrechtler, Politphilosoph, Nazi-Karrierist, ein blindwütiger Antisemit und übler Denunziant.

 

Hier Teil (II) : „‘Judenkritisch‘? Ein antisemitischer Diskurs und ein unglücklicher Habermas“

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[1] Der Satz in Gänze: „Die wüsten Pogrome in Mittelalter und Neuzeit zehren von einem christlichen Hass, der im anderen des eigentlich überwundenen, aber noch nicht ganz ‘ausgemerzten’  alttestamentarischen Glaubens die Wurzeln des eigenen Glaubens erkennt.“

[2] Auch diese Passage in Gänze: “Mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft akzeptieren die neuen Bürger die politische Kultur und das geschichtliche Erbe unseres Landes; davon ist die Ächtung des Antisemitismus ein unverzichtbarer Kern. Aber der Immigrant erwirbt gleichzeitig die Stimme eines Mitbürgers, die von nun an in der Öffentlichkeit zählt und unsere politische Kultur verändern und erweitern kann.”

 

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