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Angst essen Seele auf: Im Warteraum Zukunft

Jasmina Jasmina Musić Foto: Privat Lizenz: Copyright

Von unserer Gastautorin Jasmina Musić

Im Moment fühlt man sich vielerorts als freischaffende Künstlerin wie eine Figur, die sich selbst beim freien Fall beobachtet. Jede Sicherheit fällt weg. Der Fall auf freier Strecke, diesen Ausdruck kannte ich bisher nur für Figuren die ich auf der Bühne verkörpern durfte. Eine Grenzerfahrung, die auch ein spielerischer Inspiration sein kann eine persönliche Tragödie also, die ein Figur zu einem essentiellen Tiefe bringen kann.  Doch wenn die Tragödie dein eigenes Leben bestimmt, verschiebt sich etwas gewaltig. Es wird zu deiner persönlichen Tragödie.

Und derzeit beobachte ich Veränderungen und erlebe den Verlust von allen beruflichen Säulen. Als ich als Kind aus dem ehemaligen Jugoslawien vor den Aggressoren geflohen bin, wusste man zu mindestens wer dein Gegner ist. Die Situation damals, also die Grundstimmung ist vergleichbar mit der jetzigen Situation. Natürlich befinden wir uns nicht im Krieg, und ich bin mir meinen Privilegien als weiße Frau in Westeuropa bewusst. Das Gefühl der diffusen Angst, verändert die Menschen in Deutschland. Die Hypotheken auf Ängste und die realen Existenzängste von KollegInnen haben Daseinsberechtigung. Wir wissen alle nur zu gut, dass „Angst essen Seele auf“ bedeutet.

Der Unterschied zu damals liegt gerade darin, dass nicht erkennbar ist wer der Gegner sein könnte, die Fragestellung nach potentiellen Ansteckungen und die Möglichkeit einer Ansteckung hat sich tief in unsere Köpfe gebohrt. Bei mir fallen Drehtage ganz aus, oder werden auf den Herbst verschoben. Ähnliches passiert mit Vorstellungen, die ausgesetzt werden. Honorare fallen weg, Synchronstudios machen ganz dicht, mein Stipendium beim internationalen Forum in Berlin, das im Mai stattfinden sollte findet zum Glück im nächsten Jahr statt. Natürlich ist man als freiberufliche Schauspielerin und Autorin immer auf eine Mischkalkulation angewiesen, aber gerade fallen alle Säulen weg. Selbst als meine Nebentätigkeit als Yogalehrerin wird für nicht absehbare Zeit ausfallen. Ich hatte das Glück im letzten Jahr viel spannende Projekte zu verwirklichen, sodass ich noch finanzielle Rücklagen für ein paar Monate habe. Aber was passiert dann? Wir arbeiten unter prekären Bedingungen und viele selbständige und freischaffende Künsterinnen haben nicht die Möglichkeiten zu sparen. Kredite aufzunehmen, die man dann nicht abbezahlen kann, sind für mich und viele meiner Kollegen keine Option. Daher brauchen wir jetzt politische schnelle Entscheidungen. Vergesst uns nicht, dass ist meine Bitte an die Politik und Lokalpolitik. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die in dieser Gesellschaft „Hochleistungsport “ leisten, aber nicht ausreichend dafür bezahlt werden, wir können es uns nicht leisten vor leeren Reihen zu spielen, anders als die Kollegen von Fußballclubs. Daher besteht jetzt die Möglichkeit über neue Strategien zu verhandeln wie zum Beispieldas bedingungslose Grundeinkommen und gemeinsam zu diskutieren über soziale Ungleichheit. Gerade erlebe ich auch viele positive Veränderungen und Solidarität. Entscheidungen können auch sehr schnell geschlossen werden, doch dies kann nur konstruktiv sein, wenn man Künstlerinnen direkt nach ihren Lebensrealitäten befragt werden. Leider können wir nicht im Homeoffice arbeiten, da der Livemoment entscheidend ist. Nichtsdestotrotz konzipiere ich gerade ein Homevideo für meine Schauspielschüler, denn dynamische und kreative Denkweisen sind nun mal die Währung für alle Kreativen.  Deshalb möchte ich an alle appellieren zu künstlerischen und politischen Allianzen, die freischaffende Künstler aus Köln gemeinsam an einen Tisch (mit genügend Sicherheitsabstand )  bringen und Strategien aus unserer Sprachlosigkeit zu formulieren und zu finden, damit ein finanzielles Hilfspaket zustande kommen kann.

 

Jasmina Music, 1988 in Banja Luka geboren, kam im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern nach Dortmund. Sie studierte Schauspiel in Hamburg und Tuzla, sowie Psychologie in Köln. Jasmina Music arbeitet als Schauspielerin, Performerin und Autorin in Bosnien, Herzegowina und Deutschland.

http://www.schauspielervideos.de/fullprofile/schauspielerin-jasmina-music.html

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2 Kommentare zu “Angst essen Seele auf: Im Warteraum Zukunft

  • #1
    Nina

    Ich kann es nicht mehr hören… das ewige Klagen der ach so wichtigen Künstler. Als ob sich alles um sie drehen würde…
    Ich warte derweil auf die persönlichen Berichte von Dienstleistern, Angestellten, Produzenten, Landwirte, Friseure, Prostituierte, Bildungseinrichtungen, Pädagogen, Lotto-Annahmestellen, Restaurants, Franchise-Filialen, kleine Bäckereien mit Ladencafé, ….
    Liebe Künstler, ihr seid nicht der Nabel der Welt.

  • #2
    mumba

    @1: Hier ein persönlicher Bericht eines Kleinunternehmers mit fünf (Teilzeit)Angestellten.
    Trotz Aufteilung der Geschäftstätigkeit in drei inhaltlich und finanziell unabhängige Bereiche seit dem 13. 03 Umsatz : € 0.-
    Geldeingang von Kreditoren: Ebenso
    Finanzamt (sofortige Herabsetzung der Vorauszahlungen sowie Stundung binnen drei Tagen) und Krankenkassen sehr hilfsbereit, Agentur für Arbeit wg. Kurzarbeit auch.
    Steuerbureau arbeit in zwei Schichten, um allen Kunden zu helfen.
    Glücklicherweise Gattin im ÖD.
    Zudem Rücklagen für Zeiten wie diese gebildet und nichts geliehen, geleast oder Kredite aufgenommen.
    Mitarbeiterinnen werden ab dem kommenden Monat aus den Rücklagen bzw. privatem Einkommen bezahlt.
    Ich beschäftige mich mit Reparaturen, Verarbeitung von noch vorhandenen Rohstoffen zu haltbaren Waren. Falls es richtig lange dauern sollte, werden in unserer Gegend von den Supermärkten, Bauer und Speditionen Arbeitskräfte gesucht, irgendetwas wird sich finden.
    I.Ü. können auch zarte Künstlerhände Spargel pflücken, kassieren oder Regale befüllen

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