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Otto Sander „Angst vor dem Tod habe ich nicht, aber…“

Ich treffe Otto Sander in der Bar des Bochumer Schauspielhauses. Vor wenigen Minuten noch stand er auf der Bühne der Kammerspiele und spielte den trunksüchtigen Vater in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Es dauert etwa zehn Minuten, bis die Schauspieler die Bühne verlassen dürfen, da das Publikum der ausverkauften Kammerspielen den Schauspielern ausgiebig Applaus spendet. Während des etwa einstündigen Gesprächs wirkt Otto Sander entspannt, aber dennoch sehr konzentriert. Ich will mit ihm über Bernhard, Beckett und den Tod reden.

Herr Sander, in Thomas Bernhards Werk kommen hauptsächlich Wahnsinnige, Mörder, Selbstmörder und Sterbende vor? Wie stehen Sie dazu?

Was Thomas Bernhard auszeichnet, ist, dass er spielt mit Themen wie Tod, Leben und Endzeit. Er geht spielerisch mit diesen Dingen um. Genau das ist das schöne am Theater, dass man Probleme spielerisch löst. Und das gefällt mir. Natürlich kommen dabei auch Verbrecher und Schwerstalkoholiker vor. Das ist ja klar. Aber es wird spielerisch damit umgegangen. Das ist keine Setzung. Nicht: Das muss so sein wie es ist. Sondern: Es könnte so sein, es könnte aber auch ganz anders sein.

Was fühlen Sie, wenn sie den trunksüchtigen Vater in der „Ignorant und der Wahnsinnige“ spielen?

Ein Gefühl habe ich nicht. Das lasse ich in der Garderobe und mache dann den Text von Herrn Thomas Bernhard. Für diese Rolle habe ich wochenlang das Blindsein studiert. Wie man sich bewegt und wie man damit umgeht, Alkoholiker zu sein. Wie man dann trinkt und die Flasche hält, wie man zittert - all das habe ich vorher probiert. (schmunzelt und überlegt) Aber Gefühle habe ich dabei nicht.

In Memoriam: Otto Sander ist tot. 2009 gab er den Ruhrbaronen ein Interview:

Ich treffe Otto Sander in der Bar des Bochumer Schauspielhauses. Vor wenigen Minuten noch stand er auf der Bühne der Kammerspiele und spielte den trunksüchtigen Vater in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Es dauert etwa zehn Minuten, bis die Schauspieler die Bühne verlassen dürfen, da das Publikum den Schauspielern ausgiebig Applaus spendet. Während des etwa einstündigen Gesprächs wirkt Otto Sander entspannt, aber dennoch sehr konzentriert. Ich will mit ihm über Bernhard, Beckett und den Tod reden.

Herr Sander, in Thomas Bernhards Werk kommen hauptsächlich Wahnsinnige, Mörder, Selbstmörder und Sterbende vor? Wie stehen Sie dazu?

Was Thomas Bernhard auszeichnet, ist, dass er spielt mit Themen wie Tod, Leben und Endzeit. Er geht spielerisch mit diesen Dingen um. Genau das ist das schöne am Theater, dass man Probleme spielerisch löst. Und das gefällt mir. Natürlich kommen dabei auch Verbrecher und Schwerstalkoholiker vor. Das ist ja klar. Aber es wird spielerisch damit umgegangen. Das ist keine Setzung. Nicht: Das muss so sein wie es ist. Sondern: Es könnte so sein, es könnte aber auch ganz anders sein.

Was fühlen Sie, wenn sie den trunksüchtigen Vater in der „Ignorant und der Wahnsinnige“ spielen?

Ein Gefühl habe ich nicht. Das lasse ich in der Garderobe und mache dann den Text von Herrn Thomas Bernhard. Für diese Rolle habe ich wochenlang das Blindsein studiert. Wie man sich bewegt und wie man damit umgeht, Alkoholiker zu sein. Wie man dann trinkt und die Flasche hält, wie man zittert – all das habe ich vorher probiert. (schmunzelt und überlegt) Aber Gefühle habe ich dabei nicht.

Wann haben Sie Bernhard zuerst getroffen?

Erstmals gesehen habe ich ihn 1972 in Salzburg, anlässlich der Premiere von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Damals gab es den Skandal, dass es bei der Uraufführung dunkel werden sollte. Die totale Finsternis wurde aber nicht genehmigt. Die Notbeleuchtung blieb also an und schien auf die Bühne, so dass man alles erkannte. Der Bühnenbildner damals stand dann am Schaltkasten und hat die Hauptsicherung rausgeknallt. Da kam sofort ein Feuerwehrmann und hat ihn am Pferdeschwanz weggezerrt und die Sicherung wieder reingeknallt. Dann haben wir gestreikt und haben gesagt: „Wir spielen nicht mehr, es sei denn, es ist eine Minute absolut dunkel.“ Das wurde aber nicht genehmigt und wir haben nicht mehr gespielt. Thomas Bernhard kam danach zur zweiten Aufführung, in der wir nicht gespielt haben, zu uns in die Garderobe und sagte: „Sander, jetzt müssen Sie spielen. Gerade jetzt in diesem Chaos.“

>> Weiter zu Teil II des Interviews

Otto Sander wurde am 30. Juni 1941 in Hannover geboren. Als Filmschauspieler wurde er durch Rollen in „Die Blechtrommel“, „Das Boot“ und „Himmel über Berlin“ bekannt. Neben Bruno Ganz und Gert Voss zählt er zu den bedeutendsten Theaterschauspielern Deutschlands. Zudem zählt er zu den beliebtesten Hörbuchsprechern. Vermutlich gibt es nur wenige Menschen, die seine eindringliche Stimme nicht kennen. Die Zeitschrift vanity fair nannte ihn unlängst „the voice“. 2008 wurde er auf der Berlinale für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

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7 Kommentare zu “Otto Sander „Angst vor dem Tod habe ich nicht, aber…“

  • #1
    Paul Havers

    Ich finde dies ein tolles Interview mit einem Mann, den ich als Schauspieler gerne auf der Bühne sehe. Danke!

  • #2
    Randolf

    „… Für diese Rolle habe ich wochenlang das Blindsein studiert. Wie man sich bewegt und wie man damit umgeht, Alkoholiker zu sein. Wie man dann trinkt und die Flasche hält, wie man zittert – all das habe ich vorher probiert. (schmunzelt und überlegt)…“
    Das klingt so unbekümmert. Ist aber im besten Fall gut geschauspielert… Wer als regelmäßiger Bermuda3ecks-Besucher regelmäßig Otto Sander antrifft, bekommt einen anderen Eindruck – da(s) wird nicht gespielt.

  • #3
  • #4
    flo

    Ein gelungenes Interview mit einem der größten deutschen Schauspieler! Ein interessanter Einblick in Otto Sanders Arbeitsweise und Philosophie als Schauspieler. Sowie eine tolle Anekdoten zur Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“.

  • Pingback: 3 FÃœR 7 - Literatur-Special » ruhrbarone

  • Pingback: Angst vor dem Tod habe ich nicht, aber…. Teil II | Ruhrbarone

  • #7
    dervogt

    EINER DER BESTEN ist von uns gegangen, viel zu früh! Mein Mitgefühl und meine Gedanken sind bei seiner Familie, mein Blick schweift gen Himmel und ich denke ich höre Otto Sanders Stimme.. .. .. *ich spiele, Gefühle hab ich dabei nicht.. .. .. *.. .. . R.I.P. – Mit entfesselter Hochachtung, dervogt

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